Zweiter Abschnitt
*
Tief von fern
Aus des Abends weißen Wogen
taucht ein Stern;
tief von fern
kommt der junge Mond gezogen.
Tief von fern,
aus des Morgens grauen Wogen,
langt der große blasse Bogen
nach dem Stern.
Der Herr der Liebe
Nach Dante
An Jeden, der mit edlem Geist dem Bunde
der Himmelsmächte dient in Erdentalen
und willig dartut, was sie anbefahlen,
ergeht vom Geist der Liebe meine Kunde.
Es war zur Nacht und schon die vierte Stunde,
da sah ich plötzlich Alles um mich strahlen,
und vor mir stand der Herr der Liebesqualen,
sein Blick entsetzte mich bis tief zum Grunde.
Erst schien er fröhlich. In der Hand, der einen,
hielt er mein Herz; auf seinem Arm indessen
schlief meine Herrin, blaß, in rotem Leinen.
Er weckte sie, und ließ sie von dem kleinen
und völlig glühenden Herzen schüchtern essen.
Darauf entwich er mir mit lautem Weinen.
Läuterung
Wie mit zauberischen Händen
greifen Träume in mein Leben,
will ein altes sich vollenden,
will ein neues sich begeben.
Eine Flamme sah ich lodern
hoch und rein aus goldner Schale,
und die Flamme schien zu fodern:
wirf dein Leid in diese Schale!
Und anbetend hingezwungen,
fühlt ich Gluten mich umfangen;
rauschend küßten ihre Zungen
mir die Augen, Stirn und Wangen.
Und ich fühlte hell vergehen
all mein Leid mit einem Male,
rauschend mich als Flamme wehen
selber in der goldnen Schale.
Wie mit zauberischen Händen
greifen Träume in mein Leben.
Will ein altes sich vollenden?
will ein neues sich begeben?
Pfingstlied
Die Akazien blühen jetzt
wie gebenedeiete Jungfraun.
Wieder hebt sich mein Gesicht
ihrem reinen Geruche zu,
ins Morgenlicht.
Und auch Dich dort oben,
weiße Taube du,
die wie gestern
zwischen ihren grauen Schwestern
glänzt und kreist:
Alles erfüllt
mein heiliger Geist.
Jetzt und immer
Seit wann du mein — ich weiß es nicht;
was weiß das Herz von Zeit und Raum!
Mir ist, als wärs seit gestern erst,
daß du erfülltest meinen Traum,
mir ist, als wärs seit immer schon,
so eigen bist du mir vertraut:
so ewig lange schon mein Weib,
so immer wieder meine Braut.
Allgegenwart
Du gehst nie von mir,
ich bleibe bei dir;
denn du bist in mir
fern wie nah.
In jedem Herzschlag,
der mich belebt,
bist du’s, die mit mir
durchs Leben strebt.
Mit jedem Atemzug,
der mir die Seele klärt,
fühl ich, wie deine
Seele mich nährt,
die mir allinnerlich
Seele der Welt ist,
in Allem such ich dich,
du Welt mit mir!
In Allem find ich dich:
dich in dem bangen
Hinausverlangen
des Winds im Wald,
dich in dem Widerstreit
der Blätter über mir,
dich in der Innigkeit
der Gräser hier,
dich in der Wolke dort,
aus der die Sonne quillt,
wie du so lauter,
so warm und mild,
dich in der Träne,
die jetzt von Herzen still
aus meinen Augen
zu dir will.
Waldseligkeit
Der Wald beginnt zu rauschen,
den Bäumen naht die Nacht;
als ob sie selig lauschen,
berühren sie sich sacht.
Und unter ihren Zweigen,
da bin ich ganz allein,
da bin ich ganz mein eigen,
ganz nur dein.
Die Getrennten
Nie mehr bin ich allein,
gleich bebt in mir deine Stimme:
Du, wie ist dir ums Herz?
Du, wie ist dir ums Herz?
Wie dem Schwanenpaar damals,
das wir beim Nestbau belauschten,
Beide wie Ein Herz bewegt,
Beide wie Ein Herz bewegt.
Oh, jetzt bin ich allein,
jetzt bebt in mir deine Stimme:
Oh, wo bist du, mein Herz?
Du, wo bist du, mein Herz!
In Sehnsucht
Jüngling:
Möcht es hassen,
dies Sehnen ohne Maßen.
Weiß nicht, was ich tun will;
weiß nicht, ob ich ruhn will.
Jetzt alles tragen
und stolz verzagen,
jetzt alles wagen
und zu ihr jagen.
Ein träges Hasten
selbst mein Gang,
ein blödes Tasten
von Drang zu Drang,
ein Sehnen ohne Maßen.
Möcht es hassen;
ach, aber bin
so glücklich drin.
Mädchen:
Möcht ein Lied dem Liebsten singen,
daß er tief ins Herz mir sieht.
Doch es will mir nicht gelingen,
alles in mir stockt und flieht.
Ob ich nur das Wort verfehle?
ob zu Ihm gleich alles flieht?
Aber meine ganze Seele
ist ein einzig Sehnsuchtslied.
Deine Nähe
Zitternd bin ich aufgesprungen,
glühend, mit dem Tageslichte,
dir zu singen die Gedichte,
die ich dir im Traum gesungen.
Nie ertönte Innenklänge,
zauberzarte, weiche, milde;
nie vernommne, heiße, wilde,
heilig brausende Gesänge.
Und sie alle, alle rauschten
Deinen, immer Deinen Namen,
bis des Erdballs Völker kamen
und auf deine Ankunft lauschten.
Kamen aus den fernsten Landen,
sprachen wohl in allen Zungen;
doch von Dir, von Dir bezwungen,
haben alle mich verstanden.
Eines nur der tausend Lieder,
eines nur noch einmal singen:
ewig würd’es weiterklingen!
Ach, ich finde keines wieder.
Stumm im Herzen nur ein Schauern,
nur ein brennendes Verzagen,
ein Verlangen und ein Fragen:
Komm! was läßt du mich so trauern?!
Der Bräutigam
Mein tolles Herz,
ich leg auf dich die Hände.
Nun träum dich an ein sonnig fern Gelände,
da deckt man dich mit stillen Blumen zu.
Da lauscht eine Mutter
dem Ruf der Morgenglocken
und glättet einer Braut die wirren Locken
und bittet dich: gib Ruh, gib Ruh.
Ansturm
O zürne nicht, wenn mein Begehren
brausend aus seinem Dunkel bricht.
Soll es mich selber nicht verzehren,
muß ich’s aussprühn! ans Licht, ans Licht!
Fühlst ja, wie all mein Innres brandet.
Und wenn herauf der Aufruhr bricht,
jäh über deinen Frieden strandet,
dann bebst du — aber zürnst mir nicht.
Nachtgebet der Braut
O mein Geliebter — in die Kissen
bet ich nach dir, ins Firmament!
O könnt ich sagen, dürft er wissen,
wie meine Einsamkeit mich brennt!
O Welt, wann darf ich ihn umschlingen!
O laß ihn mir im Traume nahn,
mich wie die Erde um ihn schwingen
und seinen Sonnenkuß empfahn
und seine Flammenkräfte trinken,
ihm Flammen, Flammen wiedersprühn,
oh Welt, bis wir zusammensinken
in überirdischem Erglühn!
O Welt des Lichtes, Welt der Wonne!
O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual!
O Traum der Erde: Sonne, Sonne!
O mein Geliebter — mein Gemahl —
Ballnacht
Prunkende Klänge,
Tanz und Geflirre;
stumm im Gedränge
steh ich und irre.
Steh ich und starre, suche nach dir,
und weiß und weiß doch, du bist nicht hier.
Alle die Blicke,
was sie wohl plaudern,
die Händedrücke,
die Hast, das Zaudern.
Immer verworrener, wie im Traum,
fremder und fremder rauscht der Raum.
Köpfe wiegen sich,
Füße schweben,
Arme biegen sich;
sinnlos Leben.
Sterbende Blumen, weh tuendes Licht,
seltne Juwelen, nur Seelen nicht.
Wie blaß die Sterne
durchs Fenster blinken!
O könnt ich ferne
jetzt hinsinken
mit ihren Strahlen zu Dir, zu Dir,
die du im Traum noch fühlst mit mir!
Entweihung
Wage selber kaum verstohlen
deinen Namen mir zu stammeln;
ist mir immer doch, die Menschen
müßten sich zur Andacht sammeln.
Und ich muß es höflich leiden,
muß mich wie ein Fant betragen,
wenn die fremdesten ihn nennen
und mich schamlos nach dir fragen,
mit denselben Lippen fragen,
die vor jedem Knecht sich blähen,
die um jeden Wicht scharwenzen,
die auf jeden Echten schmähen.
Fort! still fort — ich will dein Dulden
nicht mit meinem Ekel kränken;
will zu meiner Mutter flüchten,
ganz in Reinheit an dich denken.
Landung
Mein weißer Schwan vor mir, noch ziehn wir leise
auf dunkler Flut durch unser Morgengrauen,
zur blassen Ferne, wo die Wellenkreise
dem jungen Tage hoch entgegenblauen.
So lassen wir uns tragen, weiter tragen,
und golden wird der dunkle Wasserbogen,
bis wir die seligen Inseln sehen ragen
im Glanz der Frühe aus den stillen Wogen.
Da wirst du losgeknüpft von meinen Zügeln,
der Nachen säumt, wir sind am Heimatlande;
da dehnst du dich mit ausgespannten Flügeln
und steigst hinauf mit mir zum hellen Strande.
Und von den Höhen wird ein Singen wehen,
die Bahn zum Licht zu weisen auch den Brüdern,
und durch die Tiefen wird ein Klingen gehen
von großem Glück: aus meinen Schwanenliedern.
Die Illusion
Nach José Zorrilla
Was ist die Freude, das Glück, das Leben
ohne den Traum von Hoffnung und von Ruhm!
Eine Straße, endlos, öd, uneben:
immer müder wird dein Pilgertum.
Gieb mir Melodieen — oh, nur eine:
wiege das Herz in Träume, wenn es schreit!
und dir wachsen ewige Marmorsteine
aus der Asche der Vergangenheit.
Hoffnung! Ruhm! was soll ich mich beklagen;
ein Diadem zieht strahlend vor mir her.
Was tuts, ein Leben wie ein Bettler tragen,
wenn man stirbt wie Pindar und Homer!
Gebet an die Geliebte
Meine Hoffnung du, nun hilf mir hoffen!
Schleicht der Winter schon in unser Leben,
das noch kaum ein Frühlingsstrahl getroffen?
Sahn wir darum einen Himmel offen,
nur um Grabesziele anzustreben?
Hilf mir glauben! Nimm mir nicht den Segen,
daß ich Ein Herz durch mich glücklich wisse!
O, es geht sich schwer auf meinen Wegen:
ewiges Eis starrt von den Höhn entgegen,
und im Abgrund gähnen Finsternisse.
Drum von Liebe still! Wer kann sie sagen.
Laß mich fühlen, fühlen, daß die Gluten
auch in Dir empor zu Flammen schlagen,
in der Lohe uns gen Himmel tragen,
und das Eis zerschmilzt in Lavafluten!
Der Wunschgeist
Und wieder saß ich spät mit mir allein,
im Lichtkreis meiner Lampe, Ausgeburten
sehnsüchtiger Not durchs Hirn vom Herzen wälzend,
und wußte nichts von mir; ein krasser Wust
von Wünschen, schwirrt ich vor mir selbst im Kreis
und sah die Wunschgespenster sich verknäueln,
sich würgen und sich fressen und in Qual
und zuckender Wollust mit einander paaren,
um neue Ausgeburten zu gebären.
Bis mir auf einmal, im verrückten Rausch
des Mitgefühls, die Nägel meiner Finger
in meine heißen Augenhöhlen fuhren,
daß ich aufwankte aus der Schwelgerei.
Und taumelnd fühlt ich mich zum Fenster hin,
und stand und atmete die sanfte Nacht.
Da dehnte sich im Dunstlicht um mich her
Berlin — mit seinen Dächern, seinen Türmen,
Schornsteinen, Schloten, Kuppeln, Ruhmessäulen
heraufgebaut ins fahle Blau, als langte
aus ihrem Grabe scheintot eine Riesin
und reckte alle Finger bettelnd hoch:
nur leben will ich, leben, atmen, essen!
Und wimmeln hört ich die Milliarden Wünsche,
die ungestillten, unter allen Mauern,
wie Würmer einer schattenvollen Gruft;
hörte den Hunger, der mit dürren Knöcheln
ins Grab sich trommelte auf nackter Diele,
die Not, die schamlos durch die Straßen strich,
das Elend, das im Flitterputz sich narrte.
Und ich erschrak, wie winzig meine Not;
und ein Erbarmen, graunvoll, grenzenlos,
trieb mich zurück in meine Einsamkeit.
Und trübe saß und starrt ich in die Lampe,
und trüber noch auf meinen Schatten, der
verschwimmend an der Wand hing, schwankend, nickend,
und starrte — und entsetzte mich: der Schatten
bewegte, drehte sich, und kam und schwebte,
und neigte sich vor mir, und winkte mir,
und eine Stimme tönte tief und hohl:
„Komm. Wunsch ist Lust, Erfüllung Tod. Komm, schaue.“
Wir wandelten. Ein bleicher Mittag lag
schwül auf dem gelben Sand der weiten Wüste.
Nichts rührte sich, nur mein vermummter Führer,
der stumm und schwarz vor mir die Glut durchschritt;
in seine Spuren trat ich wie gebannt,
da klaffte jäh ein Abgrund vor uns auf.
Ich fuhr zurück. Doch ruhig stand der Düstre
und wies zur Rechten, wo ein riesenhafter
verworrner Kuppelbau am Abhang hochwuchs,
und aus der Maske scholl es schwer und dumpf:
„der Tempel der Erfüllung“ — daß ich bebte,
von ungewissen Schauern angefaßt.
Da tönte wieder die vermummte Stimme:
„drei Wünsche darf ich dir gewähren, wähle!“
und rasselnd sprang die Pforte oben auf.
Und grübelnd starrt’ich in die dunkle Öffnung;
mir war, als wogten die Milliarden Wünsche
des Erdballs drin, die ungestillten alle.
Von Scham und Zorn erglüht ich, strafen wollt ich
den höhnischen Versucher, selig rief ich:
So soll denn jeder höchste Wunsch auf Erden
erfüllt sein jedem Einzigen! — „Jedem Einzigen“,
gleichgiltig sprach es der im Mantel nach.
Und rückwärts deutete der Ungerührte
dem Saum der Wüste zu; der regte sich,
und aus dem Staub erhob sich ein Getümmel,
als schwärmten ferne Geier um ein Aas.
Und fort vom Horizont her schob sichs schwärzlich
wie Wolkenklumpen, ballte sich und schwoll,
schwoll, löste sich, erbrauste, schwoll, und wälzte
und wickelte sich tosend auseinander
und auf uns zu, die Ebne überströmend
wie Qualmgebrodel, sturmgepeitscht; und näher
und immer näher schwolls und schüttete
sich aus vor uns zu Haufen, Schaaren, Zügen
von Leibern gelb und weiß und schwarz und braun.
Die Erde dröhnte, wie sie rasend rannten
und keuchend ritten; und da schossen schon
die Ersten uns vorbei, vom Wettlauf triefend,
hinauf den Abhang und hinauf die steilen
Stufen der Tempeltreppe, ihnen nach
der Unzählbaren brausendes Gewühl.
Und schaudernd sah ich ihrer Augen Gier;
doch unbewegt stand neben mir mein Führer.
Und nun, da kamen aus dem dunkeln Tor
mit dem errafften Gut, dem höchst erstrebten,
dem tiefst ersehnten, Einige schon zurück;
und zitternd, freudezitternd späht’ich hin.
O Wahn! — o wie sie kindisch um die Säulen
tanzten und johlten, in den Händen Tand!
Doch Andre kamen — fiebernd späht’ich hin.
Da schleppte unter beiden Armen Einer
verstaubte Folianten. Einer kroch fast,
so war er goldbepackt. Behutsam trug
ein Greis ein Blumentöpfchen. Eine Schöne
liebäugelte mit ihrem Perlenschmuck.
Und jetzt: Halt suchend griff ich in die Luft:
wild jauchzend stürmte aus dem Tor ein Häuptling,
die blutige Kopfhaut eines Feindes schwang er,
und oben auf den Stufen rangen Zwei
zum Mord verknotet um ein nacktes Weib.
Mitfühlend bog sich, krümmte sich mein Arm.
Da ließ der Krampf mich los: ein Ekel fuhr mir,
ein Strom von Ingrimm durch Genick und Kehle.
Gen Himmel stieß ich die geballten Fäuste:
O Allmacht, rott es aus, dies Wurmgezücht!
vertilgt sei, wer nicht liebt! es lebe nur,
wer in der einen Sehnsucht sich verzehrt,
die Alle glücklich macht! es lebe nur,
wer Alle, Alle will vom Schmerz erlösen!
„Erlösen“ — tönte die vermummte Stimme;
„der zweite Wunsch!“ wie Drohung scholl es nach.
Und plötzlich: vor mir, neben, über mir,
herab die Stufen, schollernd, schlotternd kams
herab den Abhang, dröhnend wie Geröll,
hinab zum Abgrund, Leiber über Leiber,
verrenkt im Todeskampf, und drüber weg
hinauf den Abhang, immer dröhnender,
hinauf die Stufen und ins dunkle Tor
der Unzählbaren brausendes Gewühl.
Und immer dröhnender, hinein, heraus,
herab die Stufen, schollernd, schlotternd quolls
hinab, hinunter, Sterbende und Leichen,
vor meinen Augen; und die Sonne sank
und sank und sank, und immer neue Haufen
Verröchelnder verschlang der Schlund vor mir.
Aufschreien wollt ich, flehen, daß nur Einer,
nur Einer spräche das geweihte Wort —
der Laut erstickte mir im offnen Mund:
mein liebster Freund, da schlug er hin, zermalmt,
zermalmt die Brüder beide, beide Schwestern,
mit angstumklammertem Brautkranz die Geliebte,
und da, da — „Mutter!“ — da stand meine Mutter
und hörte nicht mein Schrein und stieg hinan
und bat zu Gott, oh Gott, für mich, für mich,
für ihren Sohn blos bat sie Gott um Glück,
und starb für ihr Gebet — stier sah ichs an.
Stumpf glotzt ich in die Runde, sinnlos lächelnd;
irrsinnig schien ich mir, erstarrt mein Herz.
Wohin ich sah, verglaste Augenpaare;
und all die Augenpaare sahn mich an.
Und sahn mich an wie meine eignen Augen,
aus allen Augen sah ich selbst mich an,
verglast, sinnlos, zum Lächeln — da:
aufschluchzend fiel ich hin und weinte laut.
Und fühlte eine große Stille werden,
ein dunkler Sammet streifte meine Schläfen,
wie schwere Dämmrung legten sich die Falten
um meine Schultern, und wie Nachtwind hohl
traf mich die Frage: „Und dein dritter Wunsch?
dein letzter, eigenster?“ Aufrüttelnd fuhr
ein eisiger Atem durch mein heißes Haar.
Und stammeln wollt ich. Doch die Worte kreisten
in mir wie Staub im Sturm. In meinen Ohren
war wieder das Gedröhn. Und eine Angst
vor meiner eignen armen Gier und Blindheit
hielt mir die Kehle würgend zu: zerknirscht
lag ich und lag, nicht wagt’ich mehr zu wünschen,
und endlich, röchelnd, bettelnd, stöhnt ich: Gnade!
und schlug die Augen auf. Da dehnte sich,
nickend, verschwimmend, an der Wand mein Schatten;
verflammend stand die Lampe, schwälte, losch,
ich saß allein im kalten Licht der Sterne.
Dante guidante
Wer sich durch eine Hölle hat gesungen,
den fragt, welch Paradies ihm endlich tagte!
Doch wer an seinem Leben nie verzagte,
hat um das höchste Leben nie gerungen.
Rückkehr
Ich seh in deine Augen wieder,
in diesen Frieden tief und bang;
da schweigen all die Aufruhrlieder,
die schrill in mir mein Unhold sang.
Du darfst den trüben Wahnsinn wissen,
der gräßlich lacht in mir und schreit,
daß ich vom Mutterleib gerissen
zu graunvoll freudelosem Streit,
daß mich Natur mit allen Trieben
im Schooß der Wonne schon verdammt,
daß die verflucht sind, die mich lieben,
daß meine Glut nur Unheil flammt.
Du, Du, die Eine, hast ergründet
mein innerst Sündenangesicht,
hast mich entsühnt, zu Glut entzündet
in mir der Reinheit schwaches Licht.
Von deinen heiligen Seelenblicken
glänzt meiner Sinne dumpfe Flur;
mir löst ein menschliches Entzücken
die rohen Ketten der Natur.
In Tränen stirbt mein irres Bangen,
ob ich berufen sei zum Glück;
sieh mein verröchelndes Verlangen,
die Klarheit gabst du mir zurück.
Verheißung
O weine nicht; die Wunden heilen bald,
die dir mein Unmut schlug und dein Verzagen.
Du wirst noch jubeln, daß dich mit Gewalt
mein Mut aufstachelt aus den Alltagstagen.
Denn sieh, dir ist ein Dornenkranz geweiht,
herrlich genug, das schwächste Herz zu stählen;
dran strahlt als Himmelsblume jedes Leid,
mit dem uns Sehnsucht und Verlangen quälen.
Schon hebt sich um mein Haupt das Morgenrot,
das einst auch Deine Stirne wird bekränzen,
wenn eine ferne Sage unsre Not,
und wenn als Sterne deine Tränen glänzen.
An meine Königin
Bin ich ein König? — Als ich Knabe war,
da träumte mir von einem goldnen Throne,
von einem Volk in heller Jubelschaar,
von einem Purpurmantel, einer Krone.
Ich wurde Jüngling, und der irdne Glanz
verblich im Geisterlicht des Ewig Schönen;
da träumte mir von einem Strahlenkranz,
mit dem ein andres Volk mich sollte krönen.
Jetzt träum ich nicht mehr Kronen, nicht mehr Kränze,
kein Ziel der Sehnsucht, das der Stolz gebar;
mich lockt kein Volk, kein Reich mehr, keine Grenze,
nur meiner Kraft glühn muß ich immerdar.
Nur immer schweben, wie der Adler schweben,
den es hinauf ins Unbegrenzte reißt;
ich kann nicht wie die Lerche mich bestreben,
die flatternd ihre Ackerfurche preist.
Ich weiß kein Ziel. Gestalten aus dem Vollen
erheben sich, zerreißen die Umhüllung.
Nun ihnen nach, die nichts als Dasein wollen!
Mein Sehnen ging durch Dich mir in Erfüllung.
Du gabst mir solch ein Reich voll Glanz zu eigen,
daß meine ganze Sprache mir zu wenig,
all dieses Reichtums Herrlichkeit zu zeigen,
und dankbar knie ich hin: — ich bin ein König.
Wahrspruch
Ob wir verdienen, daß wir glücklich sind?
Was zweifelst du? Verdienst du, gut zu sein?
Durch Zweifel wird das wahrste Wesen Schein.
Glück ist des Menschen schönste Tugend, Kind;
wer glücklich ist, verdients zu sein.
Lobgesang
Wie das Meer
ist die Liebe:
unerschöpflich,
unergründlich,
unermeßlich:
Woge zu Woge
stürzend gehoben,
Woge in Woge
wachsend verschlungen,
sturm-und-wetter-geberdig nun,
sonneselig nun,
willig nun dem Mond
die unaufhaltsame Fläche —
doch in der Tiefe
stetes Walten ewiger Ruhe,
ungestört,
undurchdringbar dem irdischen Blick,
starr verdämmernd in gläsernes Dunkel —
und in der Weite
stetes Wirken ewiger Regung,
ungestillt,
unentwirrbar dem irdischen Blick,
wild verschwimmend im Licht der Lüfte:
Aufrausch der Unendlichkeit
ist das Meer,
ist die Liebe.
Blick ins Licht
Still von Baum zu Bäumen schaukeln
meinen Kahn die Uferwellen;
märchenblütenblau umgaukeln
meine Fahrt die Schilflibellen,
Schatten küssen den Boden der Flut.
Durch die dunkle Wölbung der Erlen
— welch ein funkelndes Verschwenden —
streut die Sonne mit goldenen Händen
silberne Perlen
in die smaragdenen Wirbel der Flut.
Durch die Flucht der Strahlen schweben
bang nach oben meine Träume,
wo die Bäume
ihre krausen Häupter heben
in des Himmels ruhige Flut.
Und in leichtem, lichtem Kreise
weht ein Blatt zu meinen Füßen
nieder; und des Friedens leise
weiße Taube seh ich grüßen,
fernher grüßen
meiner Seele dunkle Flut.
Fernhin
Durch Traum und Morgen-Unruh
und jetzt noch seh ich dich:
die lange Nachtfahrt,
im Duft des Blumenstraußes,
den ich dir mitgab.
Jetzt nahst du dem Garten
um dein Vaterhaus,
drin deine Mutter dir
einst Blumen gab.
Jetzt stehst du am Eingang still,
im Sonnenduft,
drin unser Kind vielleicht schon keimt.
Jetzt beugst du dich fernhin
über den Strauß.
Erste Hoffnung
Mein Freund hat mir ein Bild gemalt:
Maria weint vor Wonne
und ist von lauter Sonne
überstrahlt.
Wer weiß die Melodie dazu?
Mein Freund hat mir ein Wort gesagt;
das klang so fern beglückend,
mir schlug das Herz so drückend,
so verzagt.
Wer weiß die Melodie dazu?
Mein Freund hat mir ein Lied gemacht;
es ist ein Lied vom Leben,
ich fühl es in mir beben
Tag und Nacht.
Wer weiß die Melodie dazu?
Am Storchsee
O Leben! o Liebe! wie geht sie verändert,
die seligen Augen von Schatten umrändert,
und lacht kaum.
Und ist doch mein Mädel, mein sonniges, flottes;
nun will ich sie malen als Mutter Gottes
am Storchsee.
Die Hände über den Schooß gebreitet,
die seligen Augen ins Land geweitet,
und Frühling:
so soll sie zwischen den Binsenspitzen
am Ufer im Kahn unterm Weidenbusch sitzen
und warten.
Nackt flimmern die Zweige, die Knospen platzen;
links oben im Bilde schnäbeln zwei Spatzen,
wie damals.
Und hinter ihr wölbt sich der blankblaue See;
da stecken vier fünf Enten die Stietze in die Höh,
wie immer.
Zehn rudernde Beine in emsiger Runde;
die Hälse, die suchen was unten im Grunde
der Wellen —
der Wellen, die wimmelnd wie lauter Pfeilspitzen
aus eitel Silber zum Himmel aufblitzen,
rechts oben.
Denn links stand ein Ahorn, mit knallgelben Blüten.
Nun, Mädel, mein braunes, mag Gott dich behüten
am Storchsee!
Wie werd’ich mich blos so als Vater betragen,
Frau Störchin? und was wird das Publikum sagen,
oh Mutter Gottes! —
Wiegenlied für meinen Jungen
Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe!
Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe,
bläkt ein großes, mäkt ein kleines,
und das kleine, das ist meines!
Bengel, Bengel, brülle nicht,
du verdammter Strampelwicht.
Still, mein süßes Engelsfüllen:
morgen regnets Zuckerpillen,
übermorgen blanke Dreier,
nächste Woche goldne Eier,
und der liebe Gott, der lacht,
daß der ganze Himmel kracht.
Und du kommst und nimmst die Spenden,
säst sie aus mit Sonntagshänden,
und die Erde blüht von Farben,
und die Menschen tun’s in Garben —
Herr, den Bengel kümmert nischt,
was man auch für Lügen drischt!
Warte nur, du Satansrachen:
heute Nacht, du kleiner Drachen,
durch den roten Höllenbogen
kommt ein Schmetterling geflogen,
huscht dir auf die Nase, huh,
deckt dir beide Augen zu —
deckt die Flügel sacht zusammen,
daß du träumst von stillen Flammen,
von zwei Flammen, die sich fanden,
Hölle Himmel still verbanden — —
So, nun schläft er; es gelang;
Himmel Hölle, Gott sei Dank!
Lied der Mutter
Bienchen, Bienchen
wiegt sich im Sonnenschein,
spielt um mein Kindelein,
summt dich in Schlummer ein,
süßes Gesicht.
Spinnchen, Spinnchen
flimmert im Sonnenschein,
schlummre, mein Kindelein,
spinnt dich in Träume ein,
rühre dich nicht.
Tief-Edelinchen
schlüpft aus dem Sonnenschein,
träume, mein Kindelein,
haucht dir ein Seelchen ein:
Liebe zum Licht.
Indianischer Wiegengesang
Auf dem Flusse Jukon
streift der Wind;
und mein Hausherr jagt das Renntier
auf den Bergen Boojukon.
Xami, Xami: schlaf, mein Kind,
schlaf, mein Kleiner, schlafe.
Der Herd ist kalt,
das Brennholz all verbrannt;
zerbrochen ist mein Beil,
mit meinem Hausherrn wandert
das andre durch den Wald.
Ach, und die Wärme der Sonne schläft
in der Höhle des Großen Bibers,
wo sie auf den Frühling wartet.
Xami, schlaf doch, schlaf, mein Kind;
schlaf, mein Kleiner, schlafe.
Suche keine Fische, Alte,
lange ist der Kasten leer;
selbst der Rabe kommt nicht mehr,
der sonst jeden Tag drauf hockte.
Ach, seit wieviel Nächten
bin ich schon allein!
In die Berge ging mein Hausherr;
könnt ich bei ihm sein!
Xami, Xami, schlafe;
nein, ich geh nicht; schlaf, mein Kind.
Wo ist Der in diesem Augenblick,
den ich über alles liebe?
Schläft vielleicht und stürzt vom Bergabhange!
Warum bleibt er so sehr lange,
warum kehrt er nicht zurück?!
Wenn er heut nicht kommt,
werd’ ich doch noch gehen,
in die Berge gehen,
meinen lieben Herrn mir suchen gehen!
Schlaf, mein Kleiner, schlafe;
Xami, schlaf, mein Kind.
Hh —! da kommt der Rabe.
Wie er krächzt! So hohl.
Wie er lacht! So höhnisch.
Warum lacht er wohl?
Und sein Schnabel glänzt
naß und rot von Blut,
und sein böses Auge
funkelt Haß und Wut.
Warum lachst du, Rabe?
Xami, schlaf, mein Kind.
„Mich freut noch, Frau, der frische Fraß,
das saftige Fleisch, das prächtige Stück,
das mir dein Herr zu schmecken gab.
Schlafend lag er sanft im Gras,
da kam der Rab,
da nahm der Rab;
ja, ganz sanft im Grase lag er!“
Schlafe, Xami; schlaf, mein Kind;
schlaf, mein Kleiner, schlafe.
„Ja, zwanzig Renntierzungen
trug er auf seiner Schulter;
blos Er hat keine Zunge mehr im Munde,
den Namen seiner jungen Frau zu rufen.
Raben, Krähen und Füchse
zanken um seine Beute;
ja, ganz sanft im Grase schläft er,
sanfter als das Kind, Frau,
das an deinem Herzen schläft!“
Xami! Xami! Ach —
„Raben, Krähen und Füchse
zanken um einen Fetzen
von dem Leichnam deines Herrn.
Ja, ganz sanft im Grase liegt er,
und sehr hart, sehr zähe
war er doch im Leben;
wohl viel härter, zäher
als des Kindes Leben, Frau,
das an deinem Herzen liegt!“
Xami! schläfst du? Xami?!
Ach, mein Kind; o schlaf, mein Kind.
Ach — — o da! da kommt er,
kommt mein Herr, mein geliebter!
ganz mit Beute beladen,
müde kommt er den Berg herab.
Hui, nun hurtig, Alte,
hole Holz zum Spalten,
sieh, mein Müder lacht!
Und der Rabe, der Lügner,
was für Augen der macht!
Xami, aufgewacht!
auf, du kleiner Schläfer,
komm, dein Vater lacht!
Sieh, er bringt uns Renntierfelle,
bringt das schöne süße Markfett,
bringt uns frisches Wildpret mit.
Und für dich, mein Liebling,
hat er gar geschnitzt ein Spielzeug
aus den glatten Renntierknochen.
Matt und abgehetzt
lag er fern am Bergabhange
gestern. Aber jetzt:
sieh nur, wie der Rabe bange
sich vor seinem Pfeil versteckt!
Ja, wach auf, du Schläfer,
komm und lache mit mir!
Auf, mein kleiner Wildfang,
jauchze, dein Vater ist hier!
Adlerschrei
Schwere Tage schwanden,
seit ich zu dir stieß,
all im Flug bestanden,
von den Hügellanden
her durch Stürme auf dies Bergverlies.
Mit erprobten Schwingen
hocken wir im Nest,
sehn die Wolken ringen,
fast zum Herzzerspringen
warm an unsre junge Brut gepreßt.
Und ich darf nicht fragen:
ist dir das genug?
darf nur Sehnsucht tragen
nach den schweren Tagen:
hin durch Stürme, Herz, zu kühnerem Flug!
Eröffnung
Jetzt sing ich dir das letzte Liebeslied.
Ich fühls bei jedem unsrer trauten Spiele,
daß mich ein Geist in seinen Dienst beschied,
der Geist der alten und der neuen Ziele.
Der duldet nicht in seinem weiten Bann
die allzu häuslich eingeengten Klänge;
und manchmal wandelt eine Pein mich an,
als ob ich fehl von unsern Freuden sänge.
Denn Meine Sprache ist für Alle da.
Doch was wir kaum in Seufzern uns gestehen,
was rein in Blicken zwischen uns geschah,
ist eine Sprache, die nur wir verstehen.