Erster Teil

*

Ins Weite

Die du mir näher bist, als Sinne ahnen können,

meine Erfüllerin,

schlummernde:

o träume dich ein in meine schmachtenden Adern,

und fühle mein Herz aus meinen Augen brennen,

und sieh die Sterne sich über mir verdoppeln,

und schmecke das Mannah dieser grenzenlosen Nacht,

die Düfte der Sehnsucht von Wiese zu Wald zu Wolke,

und höre den Weltraum mein heiliges Lied mitatmen,

mein Echo du! —

Die Erweckung des Herrschers

Psychische Szene

Ein Geist im Schlaf:

Da thront sie wieder; thront, als ob sie warte.

Was willst du, Traumbild, immer noch von mir

mit deinem Gnadenblick? du bist doch tot!

Zu oft bin ich von diesem Blick erwacht;

ich fühls, ich träume nur! Was quälst du jetzt

mit täuschender Erhörung meine Nächte

und blicktest nie zuvor, zu keiner Stunde

— o doch: in einer, einer Stunde doch:

in deiner Sterbestunde — so mich an!

Willst du den Mann, der ich in Schmerzen ward,

durch deinen Hingang ward, noch büßen lassen,

was dir der unbedachte Jüngling tat?

Wars denn so schlechte Tat? Wars nicht Verehrung,

daß ich mit meiner Lust an Ruhm und Rang

auch Dir zu schmeicheln dachte? Warb ich nicht

mit höchster Hoffahrt um dein stolzes Herz?

Aus deiner stillen Welt, die mir nicht würdig

genug für deine holde Würde schien,

wollt ich ein klingend Sphärenspiel gestalten!

Hab ich dich nicht gefeiert? Schmückt ich nicht

dein jungfräuliches Haupt mit einer Krone?

mit stetem Festglanz unsern Thron! Und gabst mir

kaum eine Gunst dafür, kaum ganz ein Lächeln,

nie einen vollen, seelenvollen Dank,

nie —

Antwort einer Seele:

Ich liebte dich —

Der Geist:

Du? liebtest? mich? — Und zeigtest mir das nie?!

Und ließest mich, wenn deine sanfte Hand

sich meiner ungestümen streng entzog,

mich, der zu Füßen dir getaumelt wäre

für nur den scheuesten Wink, ließest mich haltlos

mit falschen Freunden dann von Rausch zu Rausch

die irren Wege meines Unmuts gehn!

Mußt ich nicht meinen, du verabscheust mich,

du seist enttäuscht, sinnst Rache? Bis ich endlich,

so immer werbend, immer unbelohnt

und immer wieder auf Erhörung pochend,

endlich den einen einzigen Gnadenblick,

mit dem dein Auge brach, empfing und nun

vor deinem starr gewordnen Antlitz mich

in grausigem Zweifel fragte: galt er mir?

mir? oder sahst du Sterbende ein Wesen,

das Du nur sahst, mit diesem Dankblick an,

weil’s dich von mir befreite?! Sprachst du doch

kein letztes Wort zu mir! O warum starbst du

so stumm?

Die Seele:

Ich liebte dich —

Der Geist:

Und quälst mich immer noch?! O deute mirs,

du Unfaßbare: was bedrängst du mich?

Ich sinne selbst am hellen Tag dir nach;

du weißt, ich will das nicht, will nicht mehr träumen,

ich ward zu klar dazu, dank deiner Drangsal,

ich litt genug an dir, ich will nicht leiden,

mir ziemt die Tat, drum lernt ich mich beherrschen,

und will auch Dich, auch Dich beherrschen, denn

ich bin ein Herrscher — und das ist, du weißt es,

ein schwacher Mensch, der tausend fremde Kräfte

unter ein starkes Werk einsammeln soll.

Was also störst du meinen kurzen Schlaf?

was gönnst du mir nicht Rast, mich selbst zu sammeln?

was stachelst du mich in dem Lichtstrahl noch,

der Mittags in mein halbgeschlossenes Auge

sich eindrängt und an deinen letzten Blick mich

gemahnt?

Die Seele:

Ich liebe dich —

Der Geist:

Dann laß dich fassen! dann erhöre mich!

bei deiner Seligkeit beschwor ich dich:

laß mich vollkommen in dir ruhn!

So will ich nicht mehr eitel mit dir ringen,

will mein Gezweifel vollends niederzwingen,

dir freudig deinen Willen tun!

So wirst auch Du endlich zur Ruhe kommen,

wirst stolz von meinen Kräften hingenommen

erkennen, daß du mich nicht länger schreckst!

So wird aus unserm Traumbund im Geheimen

stark eine neue Seele keimen,

durch die du mich

schutzmütterlich

zu immer stolzerem Tagwerk weckst, gern weckst —

und so —

Die Seele:

So lieb’ ich dich — —

Der Geist des Herrschers
erwachend:

Und lebst mir so — und wirst mir nie mehr sterben.

Und all mein Volk wird unsre Liebe erben.

Das Ideal

Doch hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt;

ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen,

auf allen kam die Liebe mir entgegen,

drum hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt.

Es stand ein Baum in einem Zaubergarten,

mit tausend Blüten gab er Duft und Schein,

und eine leuchtete vor allen rein;

es stand ein Baum in einem Zaubergarten.

Und aus den tausend pflückte ich die eine,

sie war noch schöner mir in meinen Händen,

sodaß ich kniete, Dank dem Baum zu spenden,

von dem aus tausend ich gepflückt die eine.

Ich hob die Augen zu dem Zauberbaume,

und wieder schien vor allen Eine licht,

und meine welkte schon — ich dankte nicht;

ich hob die Augen zu dem Zauberbaume.

Doch hab ich meine Sehnsucht nie verlernt;

ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen,

auf jedem glänzte mir ein andrer Segen,

drum hab ich meine Sehnsucht nie verlernt.

Beichtgang

Ich war der Herr der Welt vor dir,

im Traum;

wie eine Sonne warst du mir,

im Traum.

Ich schmückte dich mit allen guten

Glücksehnsuchtsgluten

in diesem Traum,

und hieß dich leuchten, ließ dich schweben.

Und habe mich in den Staub gebogen

vor dir, im Traum,

und dich belogen und betrogen

im Staub, im Traum —

komm, laß uns leben!

Narzissen

Weißt du noch, wie weiß, wie bleich

in den Maiendämmerungen,

wenn ich lag, von dir umschlungen,

dir zu Füßen hingerissen,

um uns schwankten die Narzissen?

Weißt du noch, wie heiß, wie weich

in den blauen Juninächten,

wenn wir, müde von den Küssen,

um uns flochten deine Flechten,

Düfte hauchten die Narzissen?

Wieder leuchten dir zu Füßen,

wenn die Dämmerungen sinken,

wenn die blauen Nächte blinken,

wieder duften die Narzissen.

Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?

Drei Ringe

Elegie

Ihr Ringe, drei Ringe, um Einen Finger,

und jeder ein toter, gebrochener Schwur;

und seid mir so heilig, ihr flimmernden Dinger,

seid mir ein treuer,

still wachsender, neuer,

einziger, willig gesprochener Schwur.

Was glühst du, Rubin, von versunkenen Stunden?

Was blickst du, Perle, so bleich im Gold?

Du Reif dazwischen, schlicht gewunden,

was schimmerst du so scheu und hold?

Ach! immer die Treue treuwillig versprochen,

und immer treuwillig die Treue gebrochen.

So hat es das Leben, das Leben gewollt.

Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken,

und dennoch ein neuer dämmernder Schwur?

O Abendsonne, wie trüb dein Blinken,

und Nebel winken,

bald wirst du sinken.

Du blasse Perle, wie wars doch nur?

*

War wohl ein Morgen, frühlingsmild;

die alte Kirche stand voll Glanz.

Blaß flammte ums Erlöserbild

der Osterkerzen weißer Kranz.

Der Orgel Hallelujah quoll;

uns war das Herz von Gott so voll,

das Kinderherz, voll Bebens.

O Schwur des Glaubens! O Gebot:

nun seid getreu bis in den Tod,

dann wird euch die Krone des Lebens,

die ewige Krone des Lebens.

Und mit der Mutter still durchs Feld;

wie glänzte weit, wie glänzte grün

und war ein Sonntag all die Welt!

Die Weidenbüsche wollten blühn;

ein Zweiglein brach der Knabe.

Doch feierlich im leeren Land

als wie ein Kreuz die Mühle stand;

und sinnend weiter still feldein.

O Försterhaus am Eichenhain!

O Vaterwort-und-Gabe!

O Gartenzaun am Eichenhain!

da nahm mein Vater meine Hand

und legte einen Ring hinein,

der hatte einen schwarzen Stein,

drin eine goldne Krone stand,

und sprach zu seinem Sohne,

und all sein Blick war Ein Gebot:

Nun sei dir treu bis in den Tod,

dann wird dir die Krone zum Lohne,

des Lebens Siegeskrone!

*

Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken,

und jeder ein neuer, ein toter Schwur;

was wird so zitternd euer Blinken? —

Du trübe Sonne, laß dein Winken.

O weite Flur!

Die Nebel gleißen wie blutende Wunden;

ich habe die Freiheit, die Freiheit gewollt!

O Sonnenblut. O gleißend Gold.

Was glühst du, Rubin, von versunkenen Stunden?

*

Es war ein Mittag, frühlingswild.

Von der Bergeskrone, rot zuckend, kroch

die Wolkenschlange ins Gefild.

Der Donner jagte von Joch zu Joch.

Stürmisch weinte das Dunkel, ein stürzendes Meer.

Triefend sausten die Bäume; und grell und spitz,

Licht schleudernd, über uns, um uns her

— mein bebendes Mädchen, weißt du noch? —

flocht flatternde Netze Blitz auf Blitz.

Und die Bäume bogen und schlugen sich,

blendend nieder krachte der steile Strahl

und warf im Taumel irr dich und mich

zu Boden, glutschwer, ein flackernder Wall;

und da lag im Taumel irr Brust an Brust,

jung hing und glutschwer Mund an Mund

und Auge in Auge im Moose, und

rauschend schluchzte der Regen in unsre Lust,

stumm lohte der feuergetaufte Bund.

Und dann auf! Oh, standest du bleich und bang.

Und da hab ich den Donner des Himmels bedroht,

von der Faust mir peitschend das Wasser sprang,

durch die sausenden Bäume mein Lachen klang:

o lauter, mein Bruder, dein wild Gebot!

Und riß mir vom Finger den Knabenring:

ich bin mir selbst mein Herr und Gott!

und nahm deine zitternde Hand, dran hing

im Blitzlicht funkelnd der rote Rubin,

und vom Himmel gebadet, vom Himmel umloht

— ich fühlte dich weinen, ich sah dich glühn —

schwur ich: gib her! sei treu! nimm hin!

*

Ihr Ringe, drei Ringe, um Einen Finger,

und jeder ein doppelt gebrochener Schwur.

Wie der Nebel raucht! ein brennender Zwinger

vermauert die fliehende Sonnenspur.

Noch glänzt ein stiller Streifen Gold;

ich habe freiwillig die Freiheit verschworen.

Was glimmst du schlichter Reif so hold?

Die Freiheit verschworen, die Freiheit verloren.

So hat es die Liebe, die Liebe gewollt.

*

Es kam ein Abend, frühlingsmild;

bang steht, in Schleiern, bleich, die Braut.

Ernst rauschen die Geigen; herb duftend schwillt

der Myrte grünes, weißblühendes Kraut.

Und Andacht wird, und Schweigen; nur

durchs Fenster flüsterte der Mai.

Und nun: nun will ich stolz und frei

uns segnen — da: voll Bebens,

horch, die Stimmen der Freunde — o Lied, o Schwur,

o ihr rauschenden Geigen, o Gebot

— blaß zuckten die Kerzen im Abendrot —:

Nun seid getreu bis in den Tod,

dann wird euch die Krone des Lebens!

Da flocht ich ihr still vom Haupt den Kranz,

still küßte ich ihr dunkles Haar;

glutüberhaucht vom fernen Glanz

hielt ihre Hand ein Rosenpaar,

still zitterten die Blüten.

Und hoch ins schweigende Gemach

hob ich den goldnen Ring und sprach

und sprach — wie war das Herz mir weit,

von Glauben weit und Seligkeit —:

Nun will ich Dein sein alle Zeit,

Ein Leib, Eine Seele, in Glück und Leid

dein Gott, meine Welt, dich hüten.

Und draußen wiegte ein Lindenbaum

goldgrün sein jung Gefieder;

sanft glühte der Rosen rot schwellender Saum,

und durch den Schimmer, den Duft, den Traum

rauschten die Geigen wieder.

Da gab sie mir an meine Hand,

an meine Rechte zurück mein Pfand,

den Ring mit der leuchtenden Krone.

Stumm bat ihr Blick voll seliger Not:

nun sei mir treu bis in den Tod,

dann wird uns die Krone zum Lohne,

des Lebens Friedenskrone.

*

Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken:

was blickst du, Perle, so trüb im Gold?

O Sonne, du müde, nun magst du sinken;

o schwere Pflicht, wie schienst du hold!

Gelb taucht ins Moor der letzte Funken,

das Land wird fahl, der Nebel rollt.

Ich habe die Wahrheit, Klarheit gewollt.

Ich war der Liebe so satt — so trunken —

*

Und eine Nacht kam, frühlingswild,

kam schwül. Ums Licht der Lampe lag,

vom lauten Regen dunstverhüllt,

das Dunkel dumpf und dufterfüllt;

hohl scholl und hart das Laubendach

Es klang so einsam, was ich sprach

von meinem großen Überdruß;

es klang so bang, als ob ich log,

als ich mich flüsternd zu ihr bog.

Und ich hielt ihre Hand. Weißt du wohl noch,

du blasse Andre?! Wolltest du’s?

Wie war die Hand von Arbeit rauh!

Wie saßest du so scheu und still

mit deinen Augen groß und grau,

als horchtest du dem Tropfentau,

der durch die Epheublätter fiel.

Und ich hielt deine Hand. Und es war so schwül.

Was ließest du es denn geschehn?!

Ich wollte dir nur ins Innre sehn,

in diese Augen stolz und stumm.

Du aber —? Und wir sanken um.

Die Epheublätter zitterten.

Ich nahm dein einziges Eigentum.

Und dann: im dunkeln Grase hing

und flimmerte etwas wie Gold.

Das war dein lieber Perlenring,

der war dir in den Sand gerollt.

Und da hast du trotzig aufgelacht,

von deinem Vater war auch er;

blaß langtest du ihn zu mir her,

aus deinen Augen sah die Nacht,

und nahmst meine Hand — besudelt glomm

der Kronring dran — und während hohl

der Regen rauschte wie ein Strom,

sprachst du: vergiß! nimm! gieb! leb wohl!

*

Ihr Ringe, drei Ringe, und doch der neue,

aus scheuer Seele bang dämmernde Schwur?

Dahin der Glaube, dahin die Treue;

o dunkle Flur.

Starr durch die kahlen Pappeln schauen

die Sterne ins verhüllte Feld.

Klarheit?? Im Moor die Nebel brauen.

O ja: die Erde ist voll Grauen.

Doch — voll von Sonnen steht die Welt!

Raum! Raum! brich Bahnen, wilde Brust!

Ich fühls und staune jede Nacht,

daß nicht blos Eine Sonne lacht;

das Leben ist des Lebens Lust!

Hinein, hinein mit blinden Händen,

du hast noch nie das Ziel gewußt;

zehntausend Sterne, aller Enden,

zehntausend Sonnen stehn und spenden

uns ihre Strahlen in die Brust!

Uns in die Brust ... Was willst du, Schweigen,

du graue Erde, immer noch?

Und ich sehe die Krone, die eine, steigen

— ihr Ringe, drei Ringe, wie war es doch? —

die Krone steigen, die Krone sinken,

wie eine Sonne sinken, winken:

mir nach! nichts ist vergebens!

fest steht mein flammendes Gebot:

aus Abendrot wächst Morgenrot!

dem bist du treu bis in den Tod,

du trägst die Krone des Lebens:

die Schöpferkrone des Lebens!

Entrückung

O nein, mir wird es nicht zur Qual,

so sehr es Dich und Andre quält,

wenn du ins Grenzenlose blickst;

ich bin wie du ein schlanker Stahl,

und der sich immer strahlender stählt,

je mehr du ihn durch Kämpfe schickst.

Aus deines Auges innerm Ring

flimmert ein sternglutweißes Licht

durch Schwarz und Grau, du arge Frau;

dies Licht, das mich seit je umfing,

sieh, das entrückt mir dein Gesicht

in mein geliebtes ewiges Blau.

Himmelfahrt

Schwebst du nieder aus den Weiten,

Nacht mit deinem Silberkranz?

Hebt in deine Ewigkeiten

mich des Dunkels milder Glanz?

Als ob Augen liebend winken:

alle Liebe sei enthüllt!

als ob Arme sehnend sinken:

alle Sehnsucht sei erfüllt —

strahlt ein Stern mir aus den Weiten,

alle Ängste fallen ab,

seligste Versunkenheiten,

strahlt und strahlt und will herab.

Und es treiben mich Gewalten

ihm entgegen, und er sinkt —

und ein Quellen, ein Entfalten

seines Scheines nimmt und bringt

und erlöst mich in die Zeiten,

da noch keine Menschen sahn,

wie durch Nächte Sterne gleiten,

wie den Seelen Rätsel nahn.

Der Stieglitz

Die Sonne sticht; ein Distelfeld

blitzt durch die stille Mittagswelt.

Im starrgezackten Blättermeer

glühn purpurlockig kreuz und quer

die Blütenköpfe.

Und durch den eisengrauen Busch:

ein bunter Vogel, hupp, hup husch,

hüpft durch das wilde Staudenheer,

als ob es ohne Stacheln wär:

ein junger Stieglitz.

Wie wirr! wie wunderlich geschweift!

Ein leichtes Lüftchen kommt und greift

von Blütenspeer zu Blütenspeer

und wirft die Schatten hin und her;

weg ist der Stieglitz.

Nun will ich stille weitergehn

und mir die sonnige Welt besehn,

und durch das Leben kreuz und quer,

als ob es ohne Stacheln wär;

das liebe Leben.

Sinnige Fahrt

An kleinen ruhigen Dörfern vorbei,

durch eilende Felder und Leutegeschrei.

Die Axen dröhnen; ich denke still

an Eine, die mir treu sein will.

Sie denkt wohl auch: was wohl die Welt

so im stillen zusammenhält?

Und plötzlich seh ich zwei Schafe stehn,

die dem rollenden Zug nachsehn.

So im Wandern

Ein silbern klein Herze,

von Gold einen Ring,

die gab sie mir, als ich

wandern ging,

und tat in das Herze

ihr Bild hinein;

so einsam der Morgen,

bin nicht allein.

Arme Padde im Gleise,

zerquetscht liegst du!

Ich wandre meine Straße

und wandre immer zu.

Schon teilt sich der Nebel,

nun schimmert die Welt;

im Sonnenschein glitzert

das Ährenfeld.

Die Hummeln summen,

die Lerchen klingen;

die Birken wehen,

die Zweige schwingen.

Die Pappeln, die schütteln

die Blätter im Wind;

sie flüstern mir Grüße,

die voll Erinnrung sind.

Das Herzelein nehm ich

vom seidenen Band

und leg’s in das Ringlein

in meiner Hand,

so schreit ich und schau

als ein Zeichen mir’s an:

so will ich in Treuen

ohne Ende Dich umfahn! —

Was rennst, Meister Lampe?

heut jag’ich nicht.

Ich wandre, ich schreite;

die Sonne sticht.

In Dorfes Mitten,

wo sich der Friedhof hebt:

wie wirds gar kühl sich ruhen,

wenn man mich einst begräbt:

zwei weiße Rosen biegen

ums Grabkreuz die Äst,

drauf steht mein Nam geschrieben,

bis der Regen ihn löscht.

Hinterm Kirchlein die Schenke

heißt „Zu den drei Linden“;

da wird sich wohl auch noch

ein Ruheplätzchen finden.

Ei Tausend, mein Schätzchen,

so schmuck, und allein?

Ei komm doch, rück näher;

trink mit, schenk ein!

Es sitzen zwei Spatzen

im Lindenbaum;

sie schnäbeln, sie schwatzen,

es ist wie Traum.

Auf’m Kirchhof stehn Kreuze,

mehr als hundert, schwarz und weiß;

aber Du hast zwei Lippen,

die sind rot und heiß!

Na Mädel, was weinst denn?

Ja, die Welt ist hohl.

Die Welt ist ein Weinfaß:

trink aus — leb wohl! —

Was wackelt der Pfahl da?

der ist wohl betrunken!

Ich wandre, ich schreite,

in Sinnen versunken.

Sie saß ja so alleine;

und die Liebste wohnt weit!

Ich will ihr Alles schreiben,

bis sie mir verzeiht.

Und am End meiner Reise

steht mein elterlich Haus,

da schaut mein lieb Mutterherz

am Fenster nach mir aus;

und drinnen sitzt mein Vater,

wie’n König auf sei’m Thron,

und wills nicht verraten,

daß er wart’t auf sein’n Sohn.

Nun will ich nicht sinnen,

ob man glücklich kann werden;

der Himmel ist hoch,

und wir leben auf Erden!

Sela! —

Schutzengel

Nicht vom Kirchhof will ich Epheu pflücken,

glänzt das ganze Dörfchen doch von Epheu;

davon will ich pflücken

für mein Kämmerchen!

spricht der junge, junge Jägersmann.

Guten Tag, du schönes, schönes Mädchen,

gieb mir doch dein liebes, liebes Händchen!

Weißt, ich suche Epheu

für mein Kämmerchen;

darf ich wohl von deinem Epheu pflücken?

Komm herein, du schöner, schöner Jäger;

will dir vielen, vielen Epheu geben.

Hinten um mein Fenster,

um mein Kämmerchen,

schlingt sich dicht der dunkle, dunkle Epheu.

Kommt das kleine Brüderchen gelaufen:

Schwesterchen, was will der große Jäger?!

Und ich küßt es auf die scheue Stirne

und ging still nach Hause

in mein Kämmerchen —

ich, der junge, junge Jägersmann.

Begegnung

Ich sah dich schon.

Im Sonnenschein

beim Roggenfeld am Wiesenrain

stand wilder Mohn;

die Kelche blühten blutrot breit,

den Schooß voll blauer Dunkelheit,

und jäh aus einer Knospe quoll

ihr glühendes Seelchen, unruhvoll.

So sah ich Dich, du knospiges Kind, erglühn,

gestern im Feld am stillen Fichtenhain,

als im Vorübergehn mein Blick dich küßte;

mit allen Adern schienst du aufzublühn,

so scheu und rein,

als ob ich um Verzeihung bitten müßte.

War’s ein Erglühn? War’s nur ein Widerschein?

das Rot des roten Sommerkleids um dich?

das Abendrot, das fern verglomm im Tann?

War’s ein Erglühn, das erste war es dann,

das deine jungen Schläfen so beschlich;

so bang, so schwer sahst du mich an,

so fast voll Angst zurück nach mir,

als du verschwandest sacht im dichten

Gewühl der silbergrünen Fichten.

Doch meine Seele folgte dir,

dein blautief Auge blieb in mir.

Ich sah dich schon,

du flüchtendes Kind:

heiß durch den Roggen strich der Wind

und bebend neigte sich der Mohn.

Ich hab eine rote Blüte verwehn,

zwischen den Halmen zerflattern sehn,

und habe den Blättern nachgeträumt;

und immer ist mir noch, ich schaue

in ihren Kelch, der glutumsäumt

sich jäh vertieft ins Dunkle, Blaue ...

Unterm jungen Birnbaum

Unterm jungen Birnbaum standest du.

An die ersten kleinen grünen Früchte

rührtest du entzückt mit zartem Finger;

letzte Blüten wehten um dich nieder.

Unterm jungen Birnbaum stand auch ich.

Meine harten Hände rührten nicht

an die kleinen grünen ersten Früchte;

letzte Blüten wehten um mich nieder.

Emporsturz

Einmal, Erde, wollt ich dich küssen:

ein Weib in Armen, jach Schooß an Schooß,

zu Boden stürzend in rasendem Tanz.

Da winkte ein Mädchen mir zum Reigen,

einen weißen Mantel um die Hüften,

in den tiefblauen Augen einsamen Glanz.

Glanz aus fern aufsteigenden Räumen,

Glanz aus längst versunkener Zeit,

Glanz des Mondes im stillen Meere,

Glanz der Sterne über der Wüste:

Lauterkeit.

Und da lag ich im Staub und hüllte

meine grauen Haare in ihr Gewand,

wie einst Josef hin vor Miriam kniete,

als er den heiligen Geist empfand.

Verkündigung

Du tatest mir die Tür auf,

ernstes Kind.

Ich sah mich um in deinem kleinen Himmel,

lächelnde Jungfrau.

Du sollst einst einen großen Himmel hüten,

Mutter mit dem Kind.

Ich tu die Tür mit ernstem Lächeln zu.

Einst

Ich ruhe; helle Wolken fliehn;

mein Herz rauscht wie das weite Feld.

Flügel leuchten —

und über die Wolken steigt ein Lied:

Einst brauchst du keinen Menschen mehr,

du Herz der Welt! —

Stimme des Abends

Die Flur will ruhn.

In Halmen, Zweigen

ein leises Neigen.

Dir ist, als hörst du

die Nebel steigen.

Du horchst — und nun:

dir wird, als störst du

mit deinen Schuhn

ihr Schweigen.

Feierabend

Geh nur, lieber Tag,

freue dich der Nacht.

Nichts bleibt unvollbracht;

deines Lichtes Macht

keimt im dunkeln Grund.

Einst wird alles kund,

hell von Mund zu Mund,

was uns heut im Traum erst dämmern mag.

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,

fühl ich, wird mein Auge heller;

schon versucht ein Stern zu funkeln,

und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,

das Gewohnte sonderbarer,

hinterm Wald der Himmel bleicher,

jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,

wie das Licht verhundertfältigt

sich entringt den Dunkelheiten.

Plötzlich stehst du überwältigt.

Aus banger Brust

Die Rosen leuchten immer noch,

die dunkeln Blätter zittern sacht;

ich bin im Grase aufgewacht,

o kämst du doch,

es ist so tiefe Mitternacht.

Den Mond verdeckt das Gartentor,

sein Licht fließt über in den See,

die Weiden schwellen still empor,

mein Nacken wühlt im feuchten Klee;

so liebt ich dich noch nie zuvor!

So hab ich es noch nie gewußt,

so oft ich deinen Hals umschloß

und blind dein Innerstes genoß,

warum du so aus banger Brust

aufstöhntest, wenn ich überfloß.

O jetzt, o hättest du gesehn,

wie dort das Glühwurmpärchen kroch!

Ich will nie wieder von dir gehn!

O kämst du doch!

Die Rosen leuchten immer noch.

Helle Nacht

Weich küßt die Zweige

der weiße Mond.

Ein Flüstern wohnt

im Laub, als neige,

als schweige sich der Hain zur Ruh:

Geliebte du —

Der Weiher ruht, und

die Weide schimmert.

Ihr Schatten flimmert

in seiner Flut, und

der Wind weint in den Bäumen:

wir träumen — träumen —

Die Weiten leuchten

Beruhigung.

Die Niederung

hebt bleich den feuchten

Schleier hin zum Himmelssaum:

o hin — o Traum — —

Aufstieg

Als Engel durch die Finsternis,

so wollten wir zu höhern Sonnen;

doch hab ich dich erst ganz gewonnen,

als Gott uns aus dem Traume riß.

Blau fuhr sein Blitzstrahl durch die Weiten

und zwang uns zur Hinunterschau;

da lag die Erde grell und grau

mit allen ihren Wirklichkeiten.

Wie lachte Satan auf zu mir,

als du mich zu verlieren meintest.

Wie schrie er selig, als du weintest:

Sie träumt nicht mehr, sie lebt mit dir!

Drückende Luft

Der Himmel dunkelte noch immer;

ich fühlte tief bis in mein Zimmer

der fahlen Wolken vollen Schooß.

Die Esche drüben drehte schwer

die hohe Krone um sich her;

zwei Blätter trieben wirbelnd los.

Laut tickte durch die schwüle Stube,

wie durch die stille Totengrube

der Holzwurm ticken mag, die Uhr.

Und durch die Türe hinter mir

klang dünn und schüchtern ein Klavier

über den Flur.

Der Himmel lastete wie Schiefer;

ihr Spiel klang immer trauertiefer,

ich sah sie wohl.

Dumpf rang der Wind im Eschenlaub,

die Luft war grau von Glut und Staub

und seufzte hohl.

Und blasser tönten durch die Wände

die tastenden verweinten Hände,

sie saß und sang;

sang sich das Lied, in sich gebückt,

mit dem sie mich als Braut entzückt;

ich fühlte, wie ihr Atem rang.

Die Wolken wurden immer dumpfer,

die wunden Töne immer stumpfer,

wie Messer stumpf, wie Messer spitz;

und aus dem alten Liebeslied

klagten zwei Kinderstimmen mit —

da fiel der erste Blitz.

Aufblick

Über unsre Liebe hängt

eine tiefe Trauerweide.

Nacht und Schatten um uns beide.

Unsre Stirnen sind gesenkt.

Wortlos sitzen wir im Dunkeln.

Einstmals rauschte hier ein Strom,

einstmals sahn wir Sterne funkeln.

Ist denn Alles tot und trübe?

Horch —: ein ferner Mund —: vom Dom —:

Glockenchöre ... Nacht ... Und Liebe ...

Stiller Gang

Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.

Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei.

Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.

Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen.

Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei.

Vorbei.

Ein Grab

Das sind die Abende, die bleich verfrühten.

Die Georginen, die im Sonnenscheine

wie rot und gelbe letzte Rosen glühten,

stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine.

Der Nebel klebt an unsern Hüten.

Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz

umgittert Eine, die zu früh verblich.

Komm heim; mich friert. Sie liebte mich.

Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz;

still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.

Klage

In diesen welken Tagen,

wo Alles bald zu Ende ist,

sturmzerfetzte Sonnenblumen

über dunkle Zäune ragen,

Wolken jagen

und den Boden flammenfarbne

Blätterstürze schlagen:

da müssen wir nun tragen,

was wir uns mußten sagen

in diesen welken Tagen.

Einst im Herbst

Durch den Wald, den ernsten alten Wald,

sprangen drei Mädchenrangen;

hatten Flammen von Abendglanz im Haar,

schwangen Zweige mit rotem Herbstlaub,

ließen sie prangen, ja prangen.

Kam ein Herr, ein ernster alter Herr,

durch den Glanz gegangen;

bot ihm eine lachend ein Zweiglein dar,

schönes rotes Herbstlaubzweiglein,

lachend mit blutjungen Wangen.

Stand er lächelnd, lächelnd im ernsten Wald,

während sie weitersprangen;

schwang sein rostrot Zweiglein im Abendglanz,

sah die ihren drei flammengolden

fern noch prangen, ja prangen.

Der gesunde Mann

Meine Frau ist krank, sie

wird wohl bald sterben;

dann kann ich lachen,

dann werd’ich was erben.

O, wie lieb mir das Leben im Leibe schlägt,

wenn ihr Husten mir das Herz zersägt;

hilf Gott.

Da sitzt sie am Ofen

und lächelt ins Feuer;

die Flammen röcheln

so ungeheuer.

Es kocht die Glut, ein Scheit zerspringt,

und eine ferne Glocke klingt:

hilf Gott.

Befreit

Du wirst nicht weinen. Leise, leise

wirst du lächeln; und wie zur Reise

geb ich dir Blick und Kuß zurück.

Unsre lieben vier Wände! Du hast sie bereitet,

ich habe sie dir zur Welt geweitet —

o Glück!

Dann wirst du heiß meine Hände fassen

und wirst mir deine Seele lassen,

läßt unsern Kindern mich zurück.

Du schenktest mir dein ganzes Leben,

ich will es ihnen wiedergeben —

o Glück!

Es wird sehr bald sein, wir wissen’s Beide.

Wir haben einander befreit vom Leide;

so geb’ich dich der Welt zurück.

Dann wirst du mir nur noch im Traum erscheinen

und mich segnen und mit mir weinen —

o Glück!

Trost

Du sahst eine Sternschnuppe fallen;

was hebst du scheu die Hand?

Sieh, kein Stern verschwand:

alle leuchten noch allen.

Wunder

Niemals war es mir ein Wunder,

daß die Bäume, wenn die Blätter fallen,

all schon wieder voller Knospen stehn.

Immer wird nun, wenn die Blätter fallen,

deine Frage mich bewegen:

Kann man traurig auf dies Wunder sehn?

Kalte Frage

Wo bist du nun? Die Täler sind verschneit;

es starrt der Fluß, der gestern noch sich regte.

Ich staune in die bleiche Dunkelheit

wie dort das Licht, das ferne, unbewegte.

Winterwärme

Mit brennenden Lippen,

unter eisblauem Himmel,

durch den glitzernden Morgen hin,

in meinem Garten,

hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.

Alle Bäume scheinen zu blühen;

von den reifrauhen Zweigen

streift dein Frühwind

schimmernde Flöckchen nieder,

gleichsam Frühlingsblendwerk;

habe Dank!

An meiner Dachkante hängt

Eiszapfen neben Zapfen,

starr;

die fangen zu schmelzen an.

Tropfen auf Tropfen blitzt,

jeder dem andern unvergleichlich,

mir ins Herz.

Kein Bleiben

Immer dichter

flüchtet der Schnee.

Ich steh und seh

die Flocken treiben,

um Straßenlichter,

stumme Gesichter,

immer dichter.

Nur nicht bleiben:

weiter, weiter,

einsamer Schreiter!

Heimweh in die Welt

O wie lange litt ich’s nun, wie stumm!

soll ich denn mein Herz, mein Herz noch töten?

War doch dein, nur dein, in Glut und Nöten;

weißt warum?

Weil mein Herz so wild,

weil es Meere braucht,

wenn der Sturm ins Blut mir taucht,

weil es deine Tiefen so gefühlt!

Doch wenn nun der Frühling wieder sprießt

— o, ich fühls, ich fühls, so stumm ich blieb —

und im warmen Sturm der junge Trieb

schwillt und schießt:

wird mein Herz so wild,

weil es Meere braucht,

wenn der Sturm ins Blut mir taucht,

weil es so in alle Weiten fühlt!

Hast es doch gewußt. Damals im Mai:

als uns auf der Bergwand der Blitz umlohte,

als ich jauchzte und dem Donner drohte,

adlerfrei:

gabst mir deine Hand,

mein in Glut und Schmerz,

sankest mir ans wilde Herz,

unten glänzte fern das deutsche Land.

Und wenn nun der Frühling blühen will

und die herrlichen Blitze wieder glühn

und im Sturm die Meere wieder sprühn:

dann — oh still —

gieb mir deine Hand,

Einmal noch ein Schmerz,

Einmal noch ein deutsches Herz,

dann leb wohl, mein Weib, mein Vaterland!

Über frei Feld

Über frei Feld, mein Hund und ich;

die Frühlingsluft ist dunkel.

Fern staut sich ein Gewitterstrich;

mein Teckel knurrt, er fürchtet sich.

Komm, Teckel.

Er will nicht sehn die Himmelswand,

die Sonne sticht durch Wolken;

blendende Streifen ziehn durchs Land,

ein Scherben blitzt wie Diamant.

Komm, Teckel.

Am Saum der Saat, von Stiel zu Stiel,

schleicht ungewiß sein Schatten;

ein Regen sprüht wie Mückenspiel,

die Tropfen flimmern ohne Ziel.

Komm, Teckel.

Da: jäh am Horizont hin zuckt

der erste Blitz im Jahre.

Ein kurz entschlossner Donner ruckt;

mein Teckel hat sich scheu geduckt.

Hundsseele!