Zweiter Teil
*
Der Frühlingskasper
Weil nun wieder Frühling ist,
Leute,
streu ich butterblumengelber Kasper
lachend
lauter lilablaue Asternblüten
hei ins helle Feld!
Lilablaue Astern, liebe Leute,
Astern
blühn im deutschen Vaterland bekanntlich
blos im Herbst.
Aber Ich, ich butterblumengelber Kasper,
streue,
weil nun wieder heller Frühling ist,
tanzend
tausend dunkelblaue Asternblüten
hei in alle Welt!
Entladung
Ich kam mit meinem Alpenstocke
und offner Brust vom Berg geschlendert;
begegnet mir im Ordensrocke
ein Zug von Nonnen, grau bebändert,
zehn schwarze Paare.
Den Blick zu Boden, steif und stumm,
so kamen sie dahergestiegen;
ich seh die Täler ringsherum
in leichenhaftem Glanze liegen,
Gewitter drohte.
Fern unten, wo noch Sonne gährte,
zog durch den wolkendunkeln See
ein Dampfschiff seine blanke Fährte,
und Tücher winken hell Ade;
ich schau nach Oben.
Wie sieht die Bergwand düster aus!
Ein greller Kirchturm steht davor
und fordert frech den Blitz heraus;
die Tannen sträuben sich empor
wie Warnungszeichen.
Und herrisch kommt der Wind gesaust,
die Straße her, mit Staub und Frische,
und nimmt die Birken in die Faust
und schüttelt sie wie Flederwische;
es donnert schon.
Die strengen Ordensröcke stieben;
nur rasch vorbei, ihr armen Schwestern!
ihr dürft nur tote Heilige lieben.
Rasch! Eure stumpfen Blicke lästern
Natur und Leben.
Ah: wie die Gletscherkanten glühn!
Vom Dampfer hör ich Juchzer klingen;
der Regen klatscht ins wilde Grün,
und mit dem Wirbelwinde ringen
vierzig Nonnenwaden.
Da hob ich meine Alpenstange
und schlug ein Kreuz auf ihren Trott,
und lachte laut und lachte lange,
und herzlich herzlos, wie ein Gott —
sie hörten’s.
Anbetung
Letzter Schritt, und hoch mit mir
strebt der Turm ins Licht;
und vom Steigen auf zu Dir
bebt mein heiß Gesicht.
Hier, wo keine Menschen sind,
sieh mich niederknien!
Ums Gesimse saust dein Wind,
und ich fühle ihn,
wie er an das Steingerüst
seine Hände legt
und es schüttelt und es küßt
und mein Haar durchfegt.
Durch die Glocken unter mir
rauscht sein Atemstrom.
Sonne, Sonne, Schöpferin, Dir
bebt der ganze Dom,
den o Dein Dom überblaut,
und den schaffensbang
einst ein Mensch wie Ich gebaut,
Mensch im Überschwang!
Ausblick
Jetzt einen Schritt, dann stürzt vom Rande
mein Leben in die Schlucht hinab.
Wie hängt die Sonne tief im Lande!
Ich recke mich auf meinem Stande,
und alle Sehnsucht fällt mir ab.
Denn dort aus Wald-und-Wolkenkränzen
ragt mir erreichbar Firn an Firn.
Die Wirklichkeit ist ohne Grenzen!
Wie nah die fernen Dörfer glänzen,
der Strom dazwischen wie ein Zwirn!
Ich lehne mich zurück mit Grauen:
was ist hier groß, was ist hier klein.
Da blüht ein Enzian: nun schauen
zwei Menschenaugen in den blauen,
einsamen, winzigen Kelch hinein.
In gelben Pollen reift der Samen,
Unendlichkeiten ahnen mir;
und selig ruf ich einen Namen —
du Mutter meiner Kinder, Amen,
mein Leben blüht, ich danke dir!
Ideale Landschaft
Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn,
und eine hohe Abendklarheit war,
und sahst nur immer weg von mir,
ins Licht, ins Licht —
und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.
Auf See
Doch hatte niemals tiefere Macht dein Blick,
als da du, Abschied fühlend, still am Ufer
standest, schwandest. Nur der Blick noch
blieb und bebte über den Wassern.
Dunkel folgte der Schein den leuchtenden Furchen.
Und ich sah den Schaum der tiefen Flut,
sah dein weißes Kleid zerfließen:
du Seele — Seele — —
Gesang vor Nacht
Im großen Glanz der Abendsonne
schauert die See; sacht steigt die Flut.
Im großen Glanz der Abendsonne
ergreift auch mich die weite Glut.
Im großen Glanz der Abendsonne
braust immer feuriger mein Blut:
Noch steigt die Flut —
im großen Glanz der Abendsonne.
Klarer Tag
Der Himmel leuchtet aus dem Meer;
ich geh und leuchte still wie er.
Und viele Menschen gehn wie ich,
sie leuchten alle still für sich.
Zuweilen scheint nur Licht zu gehn
und durch die Stille hinzuwehn.
Ein Lüftchen haucht den Strand entlang:
o wundervoller Müßiggang.
Dunkle Gewalt
Wieder! Da kommt sie durchs Gewimmel.
An ihrem Busen, in der Rechten,
wie Nachtgewölke ruhn am Himmel,
die aufgerafften dunklen Flechten —
bestricken meinen Blick wie Schlangen,
mir träumt von Paradiesesnächten —
Was ziehst du plötzlich so voll Bangen
den Mantel, Weib, vor deine Flechten?
Ballade von der wilden Welt
Schöne stille Seele
hatte einen Garten,
rings um den Dornheckenwerk
und Urwalddickicht starrten,
einen Blumengarten.
Schöne stille Seele
saß in ihrem Zelt,
bebte vor den Häßlichkeiten
oh der wilden Welt,
in ihrem seidnen Zelt.
Schöne stille Seele
sah gern Kolibris
durch die Blütenbüsche huschen
überm warmen Kies,
die goldnen Kolibris.
Und die bunten Schmetterlinge,
und die blanken Schlangen;
schöne stille Seele
sah sie gern im Dickicht prangen,
die sonneblanken Schlangen.
Sah auch gern die blauen Blitze
über den Wäldern jagen
und die fernen schneebedeckten
Kraterberge ragen;
schöne stille Seele!
Schöne stille Seele
erschrak auf einmal sehr:
durch das Dornwerk drang ein hoher
wilder Fremdling her.
Seele bebte sehr.
Fremder Weltumsegler,
ich saß so schön allein;
du wirst mich Schlange schelten,
dann werden wir häßlich sein.
Und stehst so schön allein.
Schöne stille Seele
konnt alldas nicht sagen,
sah den Fremdling vor sich höher
als die Berge ragen;
konnt kaum Willkomm sagen.
Konnt ihn nur empfangen endlich,
Ihn — o wilde Welt —
Blitze, Blüten, Kolibris
jagten um ihr Zelt —
schöne wilde Welt! —
Herr und Herrin
Ein Mann:
Da du so schön bist, darf ich dich beschwören,
errege nicht mein leicht erregtes Blut.
Da du so schön bist, kann ich dir nicht wehren,
daß deine Hand zu sehr in meiner ruht.
Da du so schön bist, muß ich dich begehren,
denn alle Schönheit ist mir freies Gut.
Da du so schön bist, will ich dich zerstören,
damit es nicht ein Andrer tut ...
Das Weib:
Da du so stark bist, darfst du mich begehren,
doch meine Schönheit bleibt mein freies Gut.
Da du so stark bist, kannst du mich zerstören,
wenn dir die Tat nicht selbst zu wehe tut.
Da du so stark bist, mußt du mir beschwören,
daß du beschützen wirst mein schutzlos Blut.
Da du so stark bist, will ich dir nicht wehren,
daß deine Hand in meiner ruht ...
Ballade vom Kuckuck
Du hast zwei schöne Kinder, Frau,
sie spielen um unsre Füße im Gras;
was schweift dein Blick in die Wolken?
„Ich warte auf meinen Kuckuck, Mann;
er ruft mir immer von fern was zu,
immer zu, wenn die Kinder spielen.“
Was hat er dir zuzurufen, Frau?
Was schweift dein Blick so fremd und bang,
daß mir graut für unsre Kinder?
„Unsre Kinder bleiben nicht unser, Mann;
sie spielen mit Blume und Schmetterling,
einst horchen sie auch auf den Kuckuck.“
So will ich den Kuckuck totschießen, Frau!
Ich schoß schon manchen Habicht tot,
der unser Hühnervolk schreckte.
„Kam immer wieder ein Habicht, Mann;
kommt immer wieder ein Kuckuck von fern.
Horch — nun schreckt dich selber sein Lockruf.“
Vorspiel
Sie ist nur durch mein Zimmer gegangen
und hat mir scheu von Träumen erzählt;
und ich habe sie mit Trost gequält
und saß und starb fast vor Verlangen.
Sie hat geträumt von meinen Händen:
sie aß von ihres Mannes Brot,
da kam ich an und drückte sie tot,
sie hielt ganz still ... Wie wird das enden ...
Wellentanzlied
Ich warf eine Rose ins Meer,
eine blühende Rose ins grüne Meer.
Und weil die Sonne schien, Sonne schien,
sprang das Licht hinterher,
mit hundert zitternden Zehen hinterher.
Als die erste Welle kam,
wollte die Rose, meine Rose, ertrinken.
Als die zweite sie sanft auf ihre Schultern nahm,
mußte das Licht, das Licht ihr zu Füßen sinken.
Da faßte die dritte sie am Saum,
und das Licht sprang hoch, zitternd hoch, wie zur Wehr;
aber hundert tanzende Blütenblätter
wiegten sich rot, rot, rot um mich her,
und es tanzte mein Boot,
und mein Schatten auf dem Schaum,
und das grüne Meer, das Meer — —
Bewegte See
Noch Einmal so! Im Nebel durch den Sturm:
das Segel knatterte, die Schiffer schrieen,
am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm,
ich fühlte deine Angst in meinen Knieen
und sah dein stolz und fremd Gesicht.
Noch Einmal wollte mir dein Auge drohn,
wie eine Flamme stand dein Haar im Winde,
doch in den Wellen rang ein Ton
wie das Gewein von einem Kinde —
da wehrtest du mir nicht:
Um meine Lippen lag dein naß wild Haar,
um deine Schulter lag mein Arm gezogen,
und unsern Kuß versüßte wunderbar
der Schaum der salzigen Sturzwogen —
da schrie ich laut vor Freude auf.
Noch Einmal so! Was tust du jetzt so kalt,
hast du denn Furcht vorm offnen Meere?
Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald!
im Hafennebel tanzt die Fähre —
hinaus! hinauf!
Der Sturm
Der Sturm ging noch die ganze Nacht,
ganz daß die Nacht dem Abend glich.
Ich bin fortwährend aufgewacht:
wie war der Abend schauerlich!
Uns schnitt der Ton bis unters Herz;
dann haben wir noch mehr gelacht —
Du, dein Mann, und ich.
Verklärung
Schwer sind dir die grauen Tage?
Seele, komm: ich nehm dich ganz,
wie du willst, du liebe Plage!
Horch, der Regen rauscht wie Tanz,
und die Windsbraut singt und geigt:
Nichts ist schwer, sind wir nur leicht!
Schwingen wir nur erst im Reigen,
hingerissen Spur in Spur,
braucht kein Engel mehr zu geigen,
Erde wird zur Himmelsflur.
Tanze, leichte Seele, tanz:
jeder Tag hat seinen Glanz!
Das Schloß
Ich bin arm, du bist reich,
darum bau ich dir ein Schloß
aus meinen purpurnsten Träumen.
Das steht am grauen Nordseedeich,
wo die funkelndsten Wellen schäumen.
Denn unsre Liebe ist so groß,
daß die ganze Welt mir ein Spiel ist;
und alle Meere um unser Schloß
staunen, was mein Ziel ist.
Mein Ziel ist eine tiefe Nacht:
wir schwimmen auf unserm Schlosse,
und die Wellen springen an unsre Yacht
wie trunken schreiende Rosse.
Und ich lass ein wildrotes Nordlicht scheinen,
du liegst vor mir in Flammen,
und unser glühendes Schloß stürzt ein,
und wir stürzen mit ihm zusammen
und ertrinken — —
Der Schwimmer
Gerettet! Und er streichelt den Strand,
um den er rang mit dem wilden Meer;
noch peitscht der weiße Gischt seine Hand.
Und er blickt zurück aufs wilde Meer.
Und blickt um sich ins graue Land;
das liegt im Sturm, wie’s vorher lag,
fest und schwer.
Da wirds nun sein wie jeden Tag.
Und er blickt zurück aufs wilde Meer ...
Beschwichtigung
Die Nacht wird kühl; mein Schatten kriecht
im Sand am Rand des Ozeans.
Der Mond vergießt sein fremdes Licht
und nimmt den Sternen ihren Glanz.
Die See rauscht.
Was quäl ich mich! Hier trieb vielleicht
schon manches Paar sein loses Spiel,
und sind erglüht und sind erbleicht,
und sprachen dann vom Tode viel.
Die See rauscht.
Wenn alles Land gefroren ist,
wenn übers eingeschneite Feld
die Sonne ihren Glanz ergießt,
dann wird dir fremd sein, was dich quält.
Die See rauscht.
Lied an den Mond
Willkommen, weißer Mond im Blauen,
allein!
Laß mich in Deine Heimat schauen,
sei mein!
Ich sitz im Dunkeln voll Geduld,
du scheinst!
O leuchte jedem heim voll Huld,
dereinst!
Gruß
Schlaflos lieg’ich, wie im Fieber
starr’ich in ein Schattenmeer:
endlich glänzt vielleicht ihr lieber
Augenstern darüber her.
Endlich — und zwei Seelen brächten
solchen Gruß sich durch die Welt,
wie aus hohen Sommernächten
Stern zu Stern vom Himmel fällt.
Aufglanz
Der Mond ist neu geworden,
nun kommen die dunkeln Nächte;
da klopft das Herz mit stärkerem Schlag
und wünscht ein andres Herz herbei,
an dem es erglühen möchte.
Glühn bis ins ruhelose
dunkelste Blut hinein:
o Nacht, gib Licht,
o Tag, erschein,
die Welt ist neu geworden!
Morgenstunde
Ob du wohl auch so schlaflos liegst
und dich in wachen Träumen wiegst
vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt?
Ich schau ins dunkle Firmament:
der Morgenstern, in großem Bogen,
ist langsam längst heraufgezogen
und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt.
Vor meinen schwachen Augen
— nun weiß ich doch, zu was sie taugen —
strahlt er, je höher her, je flimmernder
Weihnächtig glänzt die graue Stille.
O zögre, Alltag! Ohne Brille
sieht man die Welt unendlich schimmernder.
Schon aber glitzert sein Gezitter blasser;
nun steh ich auf und geb der Lilie Wasser,
die du mir gestern heimlich brachtest.
Und wenn du mich dafür auslachtest:
sanft nehm ich sie von ihrer Stätte
und leg sie auf mein warmes Bette
und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest.
Ruf
Immer stiller stehn die Bäume,
nicht ein Blatt mehr scheint zu leben,
und ich fühle Wüstenträume
durch den bangen Mittag beben,
bis ins bange Blut mir zittern,
bis ins Herz, wie Feuerpfeile.
O, ich lechze nach Gewittern!
Komm, Geliebte! eile! eile!
Berückung
Und du kamest in mein Haus,
kamst mit deinen schwarzen Blicken;
sah ich ferne Palmen nicken,
und du gabst mir deinen Strauß.
Gabst die zitternden Narzissen,
die wir in der Wildnis pflückten;
deine schwarzen Locken schmückten
meines Diwans rote Kissen.
Kehre wieder in mein Haus,
laß die wilden Blumen blühen!
Unsre jungen Lippen glühen;
gieb mir, gieb mir deinen Strauß!
Wirrsal
Weine nicht, mein treues Weib!
Jene Andre, die mich auch liebt,
die beglückt wohl meinen Leib,
aber Du hast meine ganze Seele.
Und du bist ihr nicht verhaßt.
Mußt du sie nicht mit mir lieben,
die so innig zu mir paßt
wie mein ganzer Leib zu meiner Seele?
Sie beglückt doch diesen Leib,
den sie liebt und der sie auch liebt,
wie er Dich beglückt, mein Weib!
Und dann hat sie meine ganze Seele ...
Nach einem Regen
Sieh, der Himmel wird blau;
die Schwalben jagen sich
wie Fische über den nassen Birken.
Und du willst weinen?
In deiner Seele werden bald
die blanken Bäume und blauen Vogel
ein goldnes Bild sein.
Und du weinst?
Mit meinen Augen
seh ich in deinen
zwei kleine Sonnen.
Und du lächelst.
Der gute Hirte
Laßt uns endlich heiter wandeln
durch die grillenvolle Welt!
Wenn wir unbekümmert handeln,
ist das Schwerste leicht bestellt.
Glück macht jede Seele fromm;
eil dich, Rahel! Lea, komm!
Saht ihr je die Lämmer streiten,
wen der Hirte lieber hab?
Also laßt die Zwistigkeiten,
zärtlich winkt mein Jakobsstab.
Seht, schon zieht der Mond herauf:
eil dich, Rahel! Lea, lauf!
Mach ich euch nicht glücklich Beide,
wenn auch meistenteils allein?
Schmachtend schimmern Wald und Weide:
wer wird heut die Einzige sein?
O, wie lieblich riecht der Klee;
eil dich, Rahel — Lea, geh — —
Stimme im Dunkeln
Es klagt im Dunkeln irgendwo.
Ich möchte wissen, was es ist.
Der Wind klagt wohl die Nacht an.
Der Wind klagt aber nicht so nah.
Der Wind klagt immer in der Nacht.
In meinen Ohren klagt mein Blut,
mein Blut wohl.
Mein Blut klagt aber nicht so fremd.
Mein Blut ist ruhig wie die Nacht.
Ich glaub, ein Herz klagt irgendwo.
Über den Sümpfen
Wo wohnst du nur, du dunkler Laut,
du Laut der Gruft?
Was rinnt und raunt durch Schilf und Duft
und glüht wie Augen durch die Luft,
durch Rohr und Kraut?
Es lehnt die Nacht am offnen Tor
und weint und winkt.
Zwei graue Hunde stehn davor
und lauschen mit geneigtem Ohr,
wie’s klingt,
lockt, blinkt.
Erwartung
Aus dem meergrünen Teiche
neben der roten Villa
unter der toten Eiche
scheint der Mond.
Wo ihr dunkles Abbild
durch das Wasser greift,
steht ein Mann und streift
einen Ring von seiner Hand.
Drei Opale blinken;
durch die bleichen Steine
schwimmen rot und grüne
Funken und versinken.
Und er küßt sie, und
seine Augen leuchten
wie der meergrüne Grund:
ein Fenster tut sich auf.
Aus der roten Villa
neben der toten Eiche
winkt ihm eine bleiche
Frauenhand ...
Im Reich der Liebe
O Du, dein Haar, wie strahlt dein Haar,
das ist wie schwarze Diamanten!
O, weil wir uns als Herrscherpaar
der ewigen Seligkeit erkannten,
Du!
Schmück mir die Stirn du, nackt und bloß,
mit diesem Band aus blauer Seide!
Das ging dir los von deinem Schooß,
als wir noch strauchelten im Kleide
jener Welt.
Hier sind wir Gott gleich, sieh mich an:
oh Gott, wie Eins sind wir geworden!
Hier kannst du ruhig deinen Mann
mit mir betrügen, für mich morden,
Du — —
Nun erst
Hab Dank! wir waren Mann und Weib,
es ist geschehn;
nun laß uns wieder aufrecht gehn,
allein und klar.
Wir wollen uns nicht trüb geberden;
wir können nun erst Freunde werden,
ganz und wahr.
Du weißt ja gut, wie’s enden kann;
am Weg ins Tal,
du sahst, da lag es, einsam, kahl,
das alte Liebesgrab im Wald.
Es war nicht Zufall, was dich führte:
ich wollte prüfen, wie’s dich rührte:
du lachtest kalt.
Das tat mir wohl, das klang so frei
aus dir heraus in mich herein.
Doch unten lag im Abendschein
der dunkle See.
Im Wasser spielten lange Streifen;
die schienen glühend sich zu greifen,
der Nix die Fee.
Die Sonne sank; die Wasserglut
ist nun zur Ruh.
Das war nicht Ich, das warst nicht Du,
was uns bezwang.
Denn ob wir unser mächtig waren,
das soll sich nun erst offenbaren.
Hab Dank!
Mannesbangen
Du mußt nicht meinen,
ich hätte Furcht vor dir.
Nur wenn du mit deinen
scheuen Augen Glück begehrst
und mir mit solchen
zuckenden Händen
wie mit Dolchen
durch die Haare fährst,
und mein Kopf liegt an deinen Lenden:
dann, du Wehrlose,
beb’ich vor dir ...
Der weise König
Ich will nicht immer küssen;
ich will nur fühlen, du bist mein!
Und wenn du noch viel nackter wärst,
ich würde lieber zu Stein,
als heut dich küssen.
Gieb mir die stillste Stille,
die du geben kannst.
Dann will ich wie der Mondschein dort,
der aus den Blättern tanzt,
bei dir bleiben.
So sprach der weise König.
Da fiel ein Blatt in ihren Schooß,
der Wind fuhr durch den Mondschein;
sie aber nickte blos
und küßte es.
Er ist bei ihr geblieben,
er riß ihr das Blatt vom Munde;
er ist die ganze Nacht geblieben
und hat sie — Gott weiß wie still — geküßt,
wohl hundertmal die Stunde.
Stilles Zeichen
Mir war ein Rosenblatt im Haar geblieben.
Ich saß und sann noch über die Geberde,
mit der ich mich aus deinem Arm befreit,
und sah zur Erde;
da fiel das rote Blatt
in meine Einsamkeit.
Die Kette
Du hast mir eine Kette geschenkt.
Ich soll sie um meinen Nacken legen.
Ich werde sie tragen, um meinen stolzen Hals,
offen auf meiner Brust vor allen Leuten:
Du hast mir ja die Kette geschenkt.
Ich möcht auch heimlich mein Herz dran hängen;
Himmel, mein Herz, woran hängt es schon?
An den Blicken meiner treuen Frau,
an den Locken manches treulosen Fräuleins,
an den Schmucksachen, die sie zu Weihnachten wünschten,
den Schmetterlingen, die wir im Hochsommer haschten,
an den Zugvögeln, die jetzt über uns wegziehn,
den fremden Blumen, die sich jenseits der Meere
auf paradiesischen Bäumen schaukeln,
an dem unvergeßlichen Horizont meiner Heimat
und den feurigen Sternen nie erblickter Zenithe,
an alldem, alldem hängt mein Herz,
mein armes Herz. Sprecht, gütige Sterne:
wie fass ich soviel Reichtum zusammen? —
Du hast mir eine Kette geschenkt! — —
Ein Ring
Ich trug einen Ring mit drei Opalen.
Viel Märchen schuf der bleiche Stein;
scheu wie das Glück sind seine Strahlen,
Wasser soll ihren bunten Schein
wie Gift zernagen.
Ich kenn ein Weib, das hat all meine
bleiche bunte Sehnsucht lieb;
sie gab mir mehr als edle Steine,
doch sollt ich alles wie ein Dieb
heimlich tragen.
Ich hab eine Frau, die schenkt mir klar,
wie eine Quelle unverschlossen,
ihren Frieden immerdar;
sie weinte, ihre Tränen flossen
auf die Opale.
Ich trug den bleichen Ring zurück;
aber das Märchen hat gelogen.
Noch glänzt der Stein und glänzt mein Glück,
glänzt wie der bunte Regenbogen
im Wasserstrahle.
Der Fluß
In den abendgelben Fluß
grub mein Ruder schwarze Trichter;
ohne Wort und ohne Kuß
sahn wir auf die Wellenlichter,
sahn wir eine dunkle Bucht
still das kahle Ufer spiegeln,
sahn der Berge starre Wucht
seine wirbelvolle Flucht
vor uns, hinter uns verriegeln.
Als wir dann um Mitternacht
in der Stadt mit Flüsterlauten
auf der hohen Brückenwacht
standen und hinunterschauten,
schienen uns die schwarzen Mauern
in dem grauen Wasserschacht
ihren Einsturz zu belauern.
Still, die Sonne kommt herauf.
Klar verfolgen meine Träume
bis zum Meer hin seinen Lauf;
fern durch morgenrote Bäume
steigt der blaue Nebel auf.
Nächtliches Zwiegespräch
„Was sind das für Männer,
die dort ins Dunkel zeigen?“
Ich sehe sie nicht.
„Dort bei dem Feuer am Fluß
die glänzenden Hände!“
Seltsam.
„Der Brückenbogen steht voll Menschen!“
Totenstill.
„Und dort, sieh dort: das leere Boot!“
Was bebst du —
„Oh, mein Geliebter, verlaß mich nicht!“
Rückblick
In diesem Jahr verlor ich einen Freund.
Hier unterm Nußbaum sprachen wir uns aus.
Das Laub wird gelb; es wartet auf den Wind.
Ist das der Schluß?
Hier unterm Nußbaum gab mir eine Frau
in diesem Jahr errötend ihre Hand.
Still weht ein Blatt und treibt ins welke Gras.
Ist das der Schluß?
In diesem Jahr ... Vor meine Füße fällt
ein dumpfer Schlag zu Boden und zerplatzt,
und aus der Kapsel rollt die rauhe Frucht.
Das ist der Schluß!
Mein Wald
Der Herbst stürmt seine Tänze.
Durch dürre Blätter muß ich gehn;
in meinen Wald.
In meinem lieben Wald,
wo nicht ein Baum mein eigen ist,
gehn fremde Leute durch den Wind
und sagen: es ist kalt.
Und da steht auch mein Stein,
auf dem ich manchmal sitze,
wenn mein Herz stürmt.
Die Harfe
Unruhig steht der hohe Kiefernforst;
die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen.
Lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst;
dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen.
Und dumpfer tönt mein Schritt.
Hier über diese Hügel ging ich schon,
als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte,
noch nicht bei euerm urweltlichen Ton
die Arme hob und ins Erhabne spannte,
ihr Riesenstämme rings.
In großen Zwischenräumen, kaum bewegt,
erheben sich die graugewordnen Schäfte;
durch ihre grüngebliebnen Kronen fegt
die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte
wie damals.
Und Eine steht wie eines Erdgotts Hand
in fünf gewaltige Finger hochgespalten;
die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand
und langt noch höher als die starren alten
einsamen Stämme.
Durch die fünf Finger geht ein zäher Kampf,
als wollten sie sich aneinanderzwängen;
durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf,
als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen
einer verwunschnen Harfe.
Und von der Harfe kommt ein Himmelston
und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen.
Den kenn ich tief seit meiner Jugend schon:
dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen:
komm, Sturm, erhöre mich!
Wie hab ich mich nach einer Hand gesehnt,
die mächtig ganz in meine würde passen!
wie hab ich mir die Finger wund gedehnt!
die ganze Hand, die konnte Niemand fassen!
Da ballt ich sie zur Faust.
Ich habe mit Inbrünsten jeder Art
mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen.
Ich steh und prüfe die bestandne Fahrt:
nur Eine Inbrunst läßt sich treu ertragen:
zur ganzen Welt.
Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst!
schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben.
In scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst.
Gieb mir die Kraft, einsam zu bleiben,
Welt! —