Dritter Teil
*
Geheimnis
In die dunkle Bergschlucht
kehrt der Mond zurück.
Eine Stimme singt am Wassersturz:
O Geliebtes —
deine höchste Wonne
und dein tiefster Schmerz
sind mein Glück — —
Am Scheideweg
Ich wollt dir die Stirn küssen
und dir sagen: hab Dank!
Aber da war ein Licht in deinen Augen
wie Morgenglut auf unerklommenen Bergwäldern;
und dem haben wir folgen müssen,
schweigend.
Hoch in der Frühe
Sieh, wie wir zu den Sternen aufsteigen!
Unsern glückstrahlenden Augen
leuchtet der Schnee der Gebirge,
bald blitzt dort unten die Sonne durch.
O! schon röten sich
Tiefen und Höhen;
durch den Rauch unsrer Atemzüge,
bis über das fernste Fünkchen dort oben
fern hinauf,
schimmert die Nacht deiner Geburt,
glänzt der Tag unsrer Himmelfahrt.
Immer wieder
Ehe wir uns trennen konnten,
o, wie hielt mich dein Gesicht,
sahen wir noch Einmal, dicht,
dicht an deinem mein Gesicht,
in den Winterwald zurück,
wo die Bäume sich noch sonnten,
wo die Abendwolken prangten,
wo ins feuergoldne Licht
die verworrnen Zweige langten,
und wir baten Gott um Glück.
Die Frage
Kann ich dein Herz beglücken?
liebreiche Seele, nein.
Ich kann dich an mein Herz drücken,
fühlen mußt du’s allein.
Noch im glückhellsten Gesange
schwebt ein dunkler Klang;
lausch ihm nicht zu lange,
sonst wird dir bang.
Ob ich dir tausendmal sage:
ich liebe dich —
immer doppelt bebt drin die Frage:
liebst du mich? —
Im Zwielicht
Laß uns noch die Nacht erwarten,
daß wir alle Sterne sehn.
Falt die Hände; in den harten
Steigen durch den stillen Garten
kommt das Heimweh auf den Zehn.
Kommt und bringt die Anemone,
die du einst ans Herzchen drücktest;
kommt umklungen von dem Tone
einst des Baums, aus dessen Krone
du dein erstes Fernweh pflücktest.
Und du streifst dir aus den Haaren,
was dir an der Seele frißt;
selig Kind mit dreißig Jahren,
Alles wirst du noch erfahren,
Alles, was dir heilsam ist.
Glückwunsch
Ich wünsche dir Glück.
Ich bring dir die Sonne in meinem Blick.
Ich fühle dein Herz in meiner Brust;
es wünscht dir mehr als eitel Lust.
Es fühlt und wünscht: die Sonne scheint,
auch wenn dein Blick zu brechen meint.
Es wünscht dir Blicke so sehnsuchtlos,
als trügest du die Welt im Schooß.
Es wünscht dir Blicke so voll Begehren,
als sei die Erde neu zu gebären.
Es wünscht dir Blicke voll der Kraft,
die aus Winter sich Frühling schafft.
Und täglich leuchte durch dein Haus
aller Liebe Blumenstrauß!
Ein Blütenblatt
Von deinen Tulpen fiel das erste Blatt.
Es liegt am Fuß der stolz geschwungnen Vase
und lehnt sich auf am gletscherblauen Glase,
und drüber flammt der Strauß mit dreizehn Bränden
Und eine von den Blüten züngelt so
in sich gekrümmt, als suche farbensatt
ihr Leben eine kalte Ruhestatt
und rette sich aus halbverbrannten Wänden.
Doch eine andre ist so lichterloh
geöffnet, daß wie zwischen Feuerwiegen
die gelbgekrönte Samenpuppe prangt,
die nach der Blüte nicht zurückverlangt,
wenn alle Blätter abgefallen liegen.
Das Perlgewebe
Von Ida Dehmel
Ich sitze dunkle Frau in meinem Zimmer,
stille, dunkle, große Frau.
Weiß ist das Zimmer, weit seine Wände;
weiß ist mein Kleid, mein Webstuhl weiß.
Und vor mir buntgehäuft ein Schatz Perlschnüre.
Was will ich dunkle Frau denn weben? — Mein Leben.
Weiß, weiß und golden sind die Farben meiner Jugend,
ein morgenblauer Himmel über mir.
Himmelschlüssel blühn auf unsern Wiesen.
Viele kleine Blumen will ich weben,
zart ein glückliches Lachen dazwischen,
Alles leuchtet dem spielenden Kind.
Mutter starb. Die Farben werden blasser.
Dunkle Trauerzweige sprießen auf,
schwanke Linien aus flimmerndem Grund,
Thränen glitzern, Sehnsuchtsthränen.
Kind, ich große Frau möcht gern dich trösten;
sieh, ich setz ein funkelnd Sternlein über dich.
Und nun mischen sich die bunten Perlen:
stolz und heftig schießt ein Blutrot hoch
durch ein trotziges Gelb in schroffen Kanten,
hell im Kampf mit strengen grauen Mächten
bäumt die aufwärtsflammende Seele sich:
rot und golden sind die Farben dieser Jungfrau.
Und aus Not und Gold paart sich ein Schrei nach Liebe.
Rosen blühn aus meinen Händen auf,
jeder Kelch voll Tau und Sonnentraum;
schwer in Büscheln rankt sich ein Klematisstrauch
um die Rosen lilasanft ins Blaue;
die Verheißung glüht aus allen Blüten.
Die Erfüllung log. Nun wirren sich die Fäden.
Fahl und grell verschlingen sich die Schnüre.
Jeder Weg ein Irrweg, und kein Kreis geschlossen.
Zuchtlos drängt sich wildes Gestrüpp
über meine Wiesen, meinen Blumenteppich;
und der Stern der Mutter birgt sich hinter Nebeln.
Da — ein klarer Klang: stark: eines Helden Ton.
Schwarz wie der Ursprung, golden wie das Licht,
und moosgrün wie der Wald, aus dem die ersten Menschen kamen.
Auch blau sein Himmel, aber mittagsblau;
auch rot sein Blut, doch nordlichtnächtig rot.
Und über Alles breitet sich sein Glanz.
O wie sich unsre Farben herrlich einen:
Leere wird Fülle, und sie strömt wie Quellen,
aus ihren Fluten steigt des Schöpfungstages Feste,
mein Stern strahlt durch des Weltbaums Blütenäste —
So kann ich meine Träume und mein Leben
zum Werk verwebt in Gottes Hände geben.
Störung
Und wir gingen still im tiefen Schnee,
still mit unserm tiefen Glück,
gingen wie auf Blüten,
als die arme Alte
uns anbettelte.
Und du sahst wohl nicht,
als du ihr die Hände drücktest
und dich liebreich zu ihr bücktest,
wie durch ihr zerrissenes Schuhzeug
ihre aufgeborstnen
blauen Füße glühten.
Ja, ein Mensch geht barfuß
im eignen Blut durch Gottes Schnee,
und wir gehen auf Blüten.
Zukunft
Du reiche Frau, du edle Frau,
mit deiner Hoffnung unterm Herzen,
du möchtest jubeln und erschrickst;
ich sehe dich in deinen Schmerzen,
wie du beim Schein der Ambrakerzen
die seidne Wiegendecke stickst.
Du zählst die Fäden, silbergrau
und schwarz und blutrot, und dir schweben
viel tausend Hände vor, die weben,
viel tausend graue Mutterhände,
die weben, weben ohne Ende;
ich seh dich, wie du grausig nickst
und dunkel durch dein Zimmer blickst.
Und tausend Kinder siehst du stehen,
die still an einem Stricke drehen,
früh alt vor Hunger und Gebrest.
Und siehst die Väter sich erheben,
alle, die häßlich müssen leben,
damit es Schönheit könne geben,
sie stürmen dein geschmücktes Nest:
Madam! dies blutige Garn, wer spann es?!
Da würdest Du in Todeswehen
entzückt sein, könntest du dich sehen,
wie sich zum mörderischen Fest
die schmutzige Faust des Arbeitsmannes
um deine weiße Kehle preßt.
Enthüllung
Du sollst nicht dulden, daß dein Schmerz dich knechte;
du bist so gern vor Freude wild.
Komm vor den Spiegel! — O, wie schwillt
dein düstres Haar, wie lebt dein Bild,
wie blüht dein Mund —: als wenn durch Nächte
der Blitze bläuliches Geflechte,
der Honigduft der roten Disteln quillt!
Dein weißes Kleid ist wie zum Hohne
mit türkischen Märchenblumen toll durchzackt.
Ich träume dich auf schwarzem Throne.
Du bist verschleiert bis zur Krone.
Doch wärst du keusch wie Magelone,
wir Träumer sehen alles nackt!
Gib her, gib her den Trauerschleier,
ich reiß ihn lachend dir entzwei!
Ich bin dein Einziger, dein Befreier,
dein Herr! — Was starrst du so ins Feuer,
so schmerzhaft? — O verzeih — verzeih —
Beschwörung
Du bist nicht hier. Ich fühle schwer,
wie deine blasse Hand mich preßte;
und wie Todfeinde sind mir plötzlich
die lachenden Geburtstagsgäste.
Immer verdrehter wird das Fest,
die Blumen welken in den Kränzen.
Um meinen Bart sind die Gerüche
der Medizinen und Essenzen
von deinem Krankenbette her;
es ist vielleicht dein Sterbelager.
Ich seh dein glanzlos Haar daliegen
und dein Gesicht blutleer und mager.
O sieh nicht so die Bäume hoch,
warum sie mit den kahlen Zweigen
so starr und schwarz vor deinem Fenster
ins graue Himmelsdickicht zeigen.
Sieh tief in deine Nacht hinab!
da glänzt mein Bild mit Gottesfarben
und läuft vom Blute derer über,
die Dir zum Opfer in mir starben.
O sieh, sieh, wie mein Blick dich tränkt
und meine Lippen nach dir beben
und meine Hände zu dir beten
und dich beschwören: bleib mir leben!
Aus schwerer Stunde
Ich konnte nur noch lächeln;
ich war so traurig im Grunde,
daß meine eigne Stimme mir fremd klang.
Da traf mich Deine Stimme,
und ich konnte wieder lachen wie als Kind,
und einmal weinten wir vor Glück.
O, ich danke dir,
in dieser schlaflosen Nacht,
wo du fern von mir
zwischen Tod und Leben liegst.
Sieh, ich falte wie als Kind die Hände:
bleib mir, laß mich nicht allein,
ich habe Furcht bekommen
vor den einsamen Nächten.
Wenn du stürbest,
nein, ich würde nicht weinen,
meine Seele ist geübt im Trauern;
aber ich würde nie mehr lachen können.
Zuversicht
Ich hab dich selig gemacht,
mein Geliebter,
und du mich, du bist mein,
und darfst nicht bei mir sein
in meinen furchtbaren Schmerzen.
Bis in Mark und Bein
bin ich dein,
und darf nicht nach dir schrein
vor den Menschen,
wenn ich sterben muß
ohne deinen Kuß.
Nein nein nein,
Du hast mich selig gemacht!
Tag und Nacht
fühl ich mich an deinem Herzen
leben, das an mein Herz schlug!
Ja, ich fühls, ich bleibe leben,
hab dir noch soviel zu geben,
all mein Leben,
gab dir nie, noch nie genug!
Gleichnis
Es ist ein Brunnen, der heißt Leid;
draus fließt die lautre Seligkeit.
Doch wer nur in den Brunnen schaut,
den graut.
Er sieht im tiefen Wasserschacht
sein lichtes Bild umrahmt von Nacht.
O trinke! da zerrinnt dein Bild:
Licht quillt.
Weihnacht im Krankenhaus
Schönen guten Abend, ihr im Leidensgewand;
neue frohe Botschaft hört aus Gnadenland!
Wir haben lang gesucht nach einem heilsamen Sterne,
bis er sich finden ließ in seiner nächtlichen Ferne.
Da haben wir ihm gewunken,
da ist er uns ans Herz gesunken.
Dann haben wir ihn festlich mit Liebe umwunden
und auf ein immergrünes Bäumlein gebunden.
Nun seht ihn! hier glänzt er, samt anderen Schätzen;
an denen mögt ihr euch später ergetzen.
Erst sollt ihr Mut schöpfen aus seinem Schimmer,
denn die Nacht ist lang, und dies Haus glänzt nicht immer.
Hier kämpft oft das Todesgrauen schwer
mit der Lebensröte um die Wiederkehr.
Hier suchen oft Seelen nach gnädigen Sternen
und finden nichts als lichtleere Fernen.
Hier strahlt jetzt, o Wunder, ein heiliger Baum
mitten im eisigen Weltenraum
und spiegelt sich
und euch und mich
im warm aufquellenden Tränentau
einer genesenden, lächelnden, liebenden Frau.
Die Mutter des Heils ist überall zugegen,
wo Menschen eine Hoffnung hegen.
Lied im Winter
Trüb sucht dein Blick: wann wird sie wieder blühn?
Die harte Erde läßt mit kaltem Schweigen
die Wipfel in den klaren Himmel zeigen
um die verschneite Bank im Wald,
auf der du einst ein Frühlingsglück umarmtest;
nun sprießt Reif an den starren Zweigen.
Dann willst du weitergehn den alten Gang,
da schluchzt ein Vogelherz, du weißt nicht wo,
die Stille klingt ihm nach: sie blüht, sie blüht!
Lichtblüten glitzern über allen Steigen!
Eva und der Tod
Der Wintermorgen schien ein Frühlingsmärchen;
der Reif der Zweige sproß im Sonnenschein
zum blauen Himmel auf wie Blütenpärchen.
Ein Lüftchen, das sich hob und stumm verfing,
trieb Silberflocken von den hohen Ulmen
des langen Weges, den ich einsam ging.
Ich hörte noch, daß fern ein Schlitten schellte;
dann wurde Schweigen auf dem schweren Schnee.
Ich schritt und sann, und fühlte nichts von Kälte.
Denn gestern war mir ein geliebtes Wesen
nach heißer Seelennot und Leibesqualen
von einem Sohn, nicht meinem Sohn, genesen.
Und der das Kind von ihr entgegennahm,
empfing ein Pfand des Lebens, nicht der Liebe;
sie aber gab es mit zu später Scham.
Ich suchte tief nach trübem Dankesworte,
da sah ich fern am Ende meines Weges
auf einmal eine schwarze Gitterpforte.
Zu ihren Seiten dehnten sich zwei Mauern;
die waren überwipfelt von Cypressen.
Ihr starrer Wuchs bedrohte mich mit Schauern.
Und aus der Pforte traten schwarz und groß
und langsam nach einander sieben Männer;
die kamen langsam, schweigsam auf mich los.
Aus fremdem Lande schienen sie zu sein,
so lange Mäntel, breite weiße Kragen.
Und plötzlich rief ich außer mir: Nein! Nein!
Denn aus der Pforte trat da noch ein achter,
der war ganz dürr und größer als die andern,
und stand und nickte, sacht, und immer sachter.
Und eisig lief es mir durch Blut und Bein:
die sieben wollen sich mein Liebstes holen.
Ich stand und bettelte und bebte: Nein!
Und seh durch Tränen, wie die schwarzen Schemen
den Sonnenschein verdunkeln und den Schnee,
und glaube fern ein Lachen zu vernehmen.
Und als ich mir die Augen mühsam reibe,
steht hoch ein nacktes Weib vor jenem Gitter,
mit schwarzem Haar und Blick und braunem Leibe.
Und lacht ganz hell und winkt dem dürren Mann
und hebt im andern Arm ein zappelnd Kindchen
und sieht mich fernher lebensselig an.
O dieses Blickes Herrlichkeit und Hohn!
Nur Einer hatte das wie ich empfunden:
der Trotzigste der Dichter: Liliencron!
Ich seh den Dürren ihr entgegenstelzen:
er bückt sich — widerwillig — er verschwindet —
zu ihren Füßen scheint der Schnee zu schmelzen.
Die ganze Landschaft schmilzt; das kleine Kind
schwimmt riesengroß aus sieben schwarzen Strudeln
und lacht — lacht — lacht mich aus. Was! War ich blind?
Ich selber lache! meine Wimpern tropfen;
die sieben sind ja nichts als Leichenträger,
die sonst Schuh sticken oder Hosen stopfen!
Und jenes Weib, das ist ja nur die Frau
des Totengräbers, und ihr brauner Kittel
ist keine Haut, ich seh es ganz genau!
Du aber lebst mir, und der Himmel blaut,
und bald ist Frühling, und du wirst mich küssen
trotz deines Sohns, du meine braune Braut!
Verhör
Du liegst sehr blaß in deinen weißen Kissen,
und deine matten Lippen sind zerbissen;
hattest du sehr viel Schmerz? —
„Ich weiß nicht mehr.“
Du siehst sehr träumerisch zur Zimmerdecke,
sieh nach dem Bettchen drüben in der Ecke:
liebst du dein Kindchen sehr? —
„Ich weiß noch nicht.“
Schriebst du zuweilen, wenn die Wehen kamen,
mit deinen irren Fingern meinen Namen
auf deine Bettdecke? —
„Du weißt es ja.“
Kannst du noch immer, ohne hinzudenken,
dein Kind und seinen Vater ruchlos kränken
und mit mir selig sein? —
„Weißt du das nicht?“
Zur Genesung
Steh auf, steh auf vom Meeresschooß!
guten Morgen!
ich will dich selig machen!
Hörst du die Walfische lachen?
hörst du das Weltkonzert schallen?
Komm, kletter auf die Korallen:
kuck, alle Engel sind los!
Jetzt: hopp, einen kleinen Luftsprung!
Auf doch!
Guten Morgen!
Hüh, meine Flügeldelphine:
hoch, hoch, hoch, Aphrodite:
in Abrahams Schooß!
Ach du, hilf mir doch lachen,
bitte bitte,
und guten Morgen und Unsinn machen!
Denn du lagst sehr bleich, du schlechtes Weib,
als du vom Meergott träumtest
und meine Arme wie Seeschlangen zäumtest;
das darfst du nie wieder machen,
hörst du, nie wieder!
Denn ich will dich ja selig machen,
ja, du: seeelig! über und über!
Und darum verbitt ich mir solche Sachen;
hörst du!
Denn dazu tut Uns Beiden kein Fieber
mit Himmelsträumen etcetera not,
denn du bist mir zehntausendmal lieber
als der liebste liebe Gott!
Also: Auf jetzt! O Gottes Wunder:
hör doch die Vögel, wie die lachen:
jeden Tag wird sie gesunder,
und Vater Abraham ist tot!
Ja: das ist mein Schooß,
und das ist dein Schooß,
und der Mensch will selig werden auf Erden —
weißt du noch, wie man das machen muß?
Auf! — O Liebste! — O guten Morgen:
sieh mal, da blüht schon bald der Flieder!
Ach, weißt du noch? Ja, blick nur nieder:
bald blühst du auch und tust mir wieder
— endlich wieder —
den Himmel auf! o Götterkuß!
Schneeflocken
Gnädige Frau, es schneit, es schneit!
Tragen Sie heut Ihr weißes Kleid?
Gnädige Frau, hier in der Ferne
schneits bei helllichtem Tage Sterne.
Und diese Sterne flimmern genau
wie die Zähne der gnädigen Frau.
Oder wie Blüten von weißem Flieder,
gnädige Frau, an Dero Mieder.
Oder die Blicke des Herrn Gemahls
am Tage Ihres Hochzeitsballs.
Nein, sie flimmern, ich kann mir nit helfen,
gnädige Frau, wie tanzende Elfen.
Hänseln jeglichen Parapluie;
will man sie fassen, zerflimmern sie.
Flimmern in Wirbeln, flimmern in Bildern,
die sind wirklich nit zu schildern.
Gnädige Frau, so wild, so mild
wie ein opalisch flimmerndes Bild.
Und, ach Gnädigste, diese Sterne
tanzen auf manchermanns Nase gerne.
Und auf solchermanns Nase, gnädige Frau,
zertanzen sie zu Tränentau.
Zertanzen flink wie kichernde Lieder:
morgen, morgen tanzen wir wieder!
Gnädige Frau, leb wohl! Schluß, Kuß!
Frechheit — aber wer muß, der muß.
Orientalisches Potpourri
Gestern Nachmittag, meine braune Geliebte,
die du nach Ruhm begehrst vor allen Frauen
deines Volkes, saß ich in einem Treibhaus,
und von allen Palmen und andern Gewächsen
flogen mir neue Gedichte zu.
Hier ist eins von einem Agavenwildling:
Meine Geliebte!
Grau in staubiger Wüste
stand mein dorniges Blattwerk
jahrlang mit durstig schwellendem Fleisch.
Plötzlich schoß über Nacht
ein steiler Schaft, knospengekrönt,
aus dem staubgrauen Schooß
in die feurige Morgenluft.
Schick mir zu Mittag, Geliebte,
deine tausend durstigen braunen Bienen:
viertausend goldgelbe Blütenglöckchen
haben sich aufgetan und triefen,
triefen, triefen von Honigsaft.
Oder eins von einer verschulten Musa:
Meine Geliebte!
Wen mit deinen üppig langen
Blättern willst du denn umfangen,
die du überreichlich treibst?
Fühlst du nicht den Abend glühen?
Wenn du ohne Blüte bleibst,
Schönste, kannst du nie verblühen,
Ärmste, nie mit Früchten prangen.
Oder von einer seltnen Wasserviole:
Meine Geliebte!
Mondblau steht mein Kahn,
himmeltief der See;
fern beim hellen Uferschilf
ziehn zwei weiße Enten
ihre Bahn.
Sehnsüchtig und rot
spiegelt sich mein Mund:
tauche auf, Geliebte, Dunkle,
aus dem blauen Grund,
hol mich in den Himmel!
Oder von einem gewöhnlichen Igelkaktus:
Meine Geliebte!
Ich bin so rund wie die Erde,
mein Fleisch hat Heilkraft,
und meine Blume ist zum Küssen schön.
Aber hebe mich nicht aus meinem Erdreich:
mein Fleisch hat Stacheln,
und leicht entroll ich deiner Hand.
Willst du mich küssen,
bitte, knie nieder!
Solche Gedichte, meine braune Geliebte,
könnt ich dir noch viertausend und einige dichten
an Einem Nachmittag;
und die würden meine vielen verehrten
neuen deutschen und neuesten jüdischdeutschen
lyrischen Brüder sicher furchtbar rühmen —
Aber du bist mir zu lieb dazu ...
Jesus bettelt
Schenk mir deinen goldnen Kamm;
jeder Morgen soll dich mahnen,
daß du mir die Haare küßtest.
Schenk mir deinen seidnen Schwamm;
jeden Abend will ich ahnen,
wem du dich im Bade rüstest —
oh, Maria!
Schenk mir Alles, was du hast;
meine Seele ist nicht eitel,
stolz empfang ich deinen Segen.
Schenk mir deine schwerste Last:
willst du nicht auf meinen Scheitel
auch dein Herz, dein Herz noch legen —
Magdalena?
Benedeiung
Gestern hobst du verzweifelt die Hände,
deiner heiligen Namenschwester gleich,
als ihr ein Schwert durch die Seele ging.
Heute breit’ich entzückt die Arme,
allen Heiligen mich vergleichend,
weil mir Dein Schwert durch die Seele ging.
Neige dich zu mir, Maria,
laß uns lauschen,
wie die himmlischen Heerschaaren über uns jubeln!
Erfüllung
Daß du auch an Meinem Herzen,
Herz, nur neue Sehnsucht fühlst
und dich in die Menschenschmerzen
schmerzlicher als je verwühlst:
ist das nicht Erfüllung, du?
Wenn die Erde schmilzt vom Eise,
daß die Luft nach Frühling schmeckt,
und in immer neuer Weise
wild ihr Grün zum Himmel reckt:
ist das nicht Erfüllung, du?
Wenn wir dann noch Ostern feiern,
weil ein Mensch sein Leben ließ,
der den Frevlern wie Kasteiern
gleiche Seligkeit verhieß:
ist das nicht Erfüllung, du?
Laß die tragische Geberde,
sei wie Gott, du bist es schon:
jedes Weib ist Mutter Erde,
jeder Mann ist Gottessohn,
Alles ist Erfüllung, du!
Heilandswort
Ich trat in ein Haus,
da gingen viel Sünder ein und aus,
aber auf einer grauen Wand
und mit leuchtenden Lettern stand:
Nur selig!
Ich sah eine Menschengestalt,
mit Leidenszügen mannigfalt,
aber im Gruß der blassen Hand
und im Lichte der Augen stand:
Nur selig!
Ich ging bald fort,
durch einen trüben, armseligen Ort,
aber über dem ganzen Land
und mit leuchtenden Lettern stand:
Nur selig!
Zwischen Ostern und Pfingsten
Und jeden Abend kannst du so aufatmen:
du horchst ins Dorf hin, was die Glocken wollen,
du gehst ins Freie,
der Rauch der Hütten umarmt die Eichenkronen:
auf, Seele, auf!
Dann raunt dir frühlingsheimlich ein Echohauch
unter den knospenvollen Wipfeln zu:
ins Freie auf — so frei ins Freie,
wie dort der Vater mit seinem Kindchen Ball spielt.
Und über dir, lichtgrün im Blauen,
spielt eine Birke
mit einem strahlend blühenden Ahorn Braut.
Die Glücklichen
Nun will ich mir die Locken
mit Birkenlaub behängen;
der Frühling sitzt am Wocken,
von dem er mit Gesängen
um meine Wildnis grüne Schleier spinnt.
Und du auf deinem Throne
im Astwerk unsrer Linde,
beglänzt mit deinem Sohne
vom goldnen Mittagswinde,
bist meine Jungfrau mit dem Wunderkind.
Ein Lamm mit weißem Felle
auf unserm Wiesenlande,
mit einer Silberschelle
und blauem Seidenbande,
bringt uns zum Lachen, wenn wir traurig sind.
So würden wir uns gerne
mit aller Welt vertragen,
nicht Sonne, Mond noch Sterne
um unser Glück befragen,
doch — manchmal haben wir kein Brot im Spind.
Drum stehn im jungen Schilfe
mit aufgesperrter Miene,
als schnappten sie nach Hilfe,
zwei steinerne Delphine
am Wasser, das um unsre Insel rinnt.
Erhebung
Gieb mir nur die Hand,
nur den Finger, dann
seh ich diesen ganzen Erdkreis
als mein Eigen an!
O, wie blüht mein Land!
Sieh dir’s doch nur an,
daß es mit uns über die Wolken
in die Sonne kann!
Hochsommerlied
Golden streift der Sommer meine Heimat,
brotwarm schwillt das hohe reife Korn,
wie in meiner goldnen Kinderzeit;
habe Dank, geliebte Erde!
Schwalben rufen mich hinauf ins Blaue,
weiße Wolken türmen Glanz auf Glanz,
wie in meiner blauen Jünglingszeit;
habe Dank, geliebte Sonne!
Mit heiligem Geist
Liebe Mutter! mir träumte heute
von der Insel der seligen Leute.
Da saß auf einem Hügel der Au
eine nackte gekrönte Frau;
in ihrem Herzen stak ein Schwert,
aber sie lachte unversehrt.
Denn neben ihrem natürlichen Thron
stand ihr lieber großer Sohn;
in seinen Fingern, voll Sonnenglanz,
hing ein blutiger Dornenkranz.
Der begann sich mit grünen Spieren
und raschen Blüten zu verzieren;
und umringt von den seligen Leuten,
die sich an dem Wunder freuten,
suchte mir Er die Blumen aus
zu einem leuchtenden Osterstrauß.
Den umflocht er mit blauem Bande
von seiner Mutter früherm Gewande
und gab ihn mir und sprach dazu:
Sag Deiner lieben Mutter du,
weil ihr auf Erden niemals wißt,
wann die Zeit erfüllet ist,
sollt ihr immer glauben und hoffen,
der Tag sei endlich eingetroffen.
Und bis einst jedes Weib gewinnt
den rechten Vater für ihr Kind,
soll jede Irrende die Treue
dem falschen brechen ohne Reue,
soll ihre Sehnsucht nicht verfluchen,
ihren Qualen den Heiland suchen
und seinen liebenden Gewalten
Leib wie Seele empfänglich halten.
Wenn das mit heiligem Geist geschehn,
wird sie die Heimsuchung bestehn,
wie meine Mutter sie bestand,
beseligt im Gelobten Land.
Böser Traum
Was kannst du gegen Träume, Mensch, die tückisch
selbst auch den Männlichsten, mit Engelshänden
oder mit Teufelsfäusten, in den Himmel
samt Hölle seines Kinderglaubens führen?
In solchem Traum erschien mir heute Nacht
der böse Feind und sah mich furchtbar an.
Er hatte das Gesicht von einem Freunde,
dem ich sein Weib in aller Freundschaft nahm,
und setzte auf mein wehrlos Herz ein Messer
und sprach — nein, was er sprach, vergaß ich schon.
Er sah mit Wollust, wie die rostige Spitze
auf meiner Haut im Takte meiner Pulse
sich hob und senkte, sah mich gierig an.
Ich aber bohrte meine blauen Augen
in seine braunen tief empor und sagte:
Wenn du mich kenntest, zögertest du nicht.
Und als sein Blick ineins mit meinem sank
und bläulich wurde, dacht ich: Wärst du nicht
der böse Feind, so müßtest du mich lieben,
ich habe dich von einer Last erlöst.
Was ich dir nahm, ist niemals dein gewesen;
was du mir nehmen kannst, war niemals mein.
Drum, wenn du mußt, so töte mich! mein Tod
wird dir viel weher tun als je mein Leben,
das Keinem weher tat als Mir — „Wach auf!“ —
Leiser Besuch
Eine treue Seele lag
still zuhaus mit krankem Leibe;
zwischen ihren Fingern staken
zwei drei blühende Weidenzweige,
und die Sonne schien aufs Bett.
Zögernd rührte sich die Hand,
tastete nach meinem Haupt;
aus den sanften Blütenfasern
fiel der gelbe Samenstaub,
wie am Morgen unsrer Liebe.
Trat ein Mädchen blaß herein,
brachte eine blasse Rose,
legte die gebeugte Blume
nieder neben meinem Schooße,
wie zum Abend unsrer Liebe.
Folgte eine hohe Frau;
rot von Nelken eingefaßt
duftete in ihrem Arme
goldgelb eine Ananas,
wie der Mittag unsrer Liebe.
Und die treue Seele sprach:
Sieh, aus allen Himmelsstrichen
bringt mir heute deine Liebe
Frucht und Blüten und Gerüche.
Und ihr stiller Ausblick stach
uns ins Herz.
Der Strauß
Nun nimm drei weiße Nelken du,
mein Weib. Und du, Geliebte, nimm
diese drei roten noch dazu.
Und in die nickenden Nelken tu
ich eine dunkelgelbe Rose.
Seht: ist es nicht ein lockender Strauß,
ganz Eins aus diesem schwarzen Tuch?
Und sieht so farbenfriedsam aus.
Und nur von doppeltem Geruch:
die je drei Nelken und die Rose.
Nein, laßt! entzweit den Stengelbund
nicht! laßt! Sonst scheint so kalt und tot
blos Gelb zu Weiß, und glüht so heiß
und brennt so wild blos Gelb zu Rot;
dann, ja, dann hass ich wohl die Nelken!
Dann hass ich wild das zahme Weiß
und hasse kalt die rote Glut,
wohl bis zur Mordlust! Ja, es tut
mir weh, daß von Geruch und Blut
so reizend gleich sind alle Nelken!
Was willst du so entsetzt? Nein, bleib,
Geliebte, nimm, still seh ich zu:
nimm jetzt die weißen Nelken Du!
und die drei roten Du, mein Weib!
und ich die dunkelgelbe Rose.
Finale
Da hast du dich von meiner Brust gelöst.
Doch als ich fürchtete, das Fest sei aus,
hobst du mir meinen Kranz auf,
meinen Kranz auf.