Vierter Teil
*
Einsiedler, Schmetterling und Tempelherr
Du weißt, Poet — begann der Tempelherr
und lächelte durch seinen weißen Bart —
ich las sie auf vom Weg, die jetzt mein Weib ist.
Und daß sie, wider Sitte und Gesetz
des Ordens, mitging nach Jerusalem
und nicht den Weg zurückging, den sie kam,
— ich selber hieß sie mitgehn —: das ging so zu.
Wir trugen schon das Abschiedswort im Sinn,
es war an einem heißen Frühlingstag,
schier blendend flimmerte das junge Gras,
und die Gefallne ließ es still geschehen,
daß ich mit ihr den Pfad vom Schloß zum Ufer,
wo andern Tags das Schiff anlegen sollte,
gleichsam zur Herzensübung niederstieg.
Der Pfad bog sehr abschüssig hin und her;
ich brauchte sie, die stets wie ich gewillt war
— ihr Herzschlag geht dem meinen völlig gleich —
kaum mit der Hand zu stützen, so gefaßt
vermied sie jeden lockern Stein im Gras,
als sie auf einmal fest um meinen Arm griff.
Dicht vor uns sonnte sich, beinah berührt
von meinem Schuh, auf einem Blütenkelch
des gelben Löwenzahns, ein saugender
ganz trunkner Schmetterling, ein Trauermantel.
Nun flog er taumelnd weg, zum nächsten Kelch,
dicht vor uns her, wir sahn ihn weitersaugen,
kaum atmend beide, wenn die bleichgesäumten
tiefschwarzen Flügel vor Entzücken zuckten,
und immer weiter so, von Kelch zu Kelch,
dicht immer vor uns her den Pfad hinab,
fast bis zum Fluß; da krigte ihn der Wind
und blies ihn fort, wir blieben stehn im Wind.
Und plötzlich sieht, durch diesen Schmetterling
mir vorgerückt, vor meinem innern Blick
ein jahrelang vergessner Tag: ein Herbsttag.
Ich bin bei einem Freund, Einsiedler ist er;
er war’s — man wußte nicht warum — geworden,
an Jahren konnt er gut mein Vater sein.
Wir sind verloren in Gedanken; draußen
zerzaust der Bergwind seinen Blumengarten.
Er macht sein Bett, ein seltsam ungeschlachtes,
nach Bauernart bemaltes Ehebett;
da klopft es an die Tür. Er geht und öffnet;
und vor der Klause steht, bei seinen Blumen,
zerzaust wie sie, in schlechter schwarzer Tracht,
ein altes Weiblein, elend, scheu, verkommen,
das blickt ihn bettelnd an. Ich seh ihn noch:
auf seine große Stirne treten Flecken
wie von Faustschlägen, seine Finger beben,
die guten blauen Augen glänzen grausig,
er sagt: geh weg! ich kenne dich nicht mehr.
Er will die Tür zudrücken, sie versperrt sie:
Ich hab nur Dich geliebet! bettelt sie.
Er tritt zurück, die rote Stirn wird blaß,
die Augen kalt, er sagt: geh weg, du lügst.
Sie schleppt sich nach: Verzeih mir! bettelt sie.
Er sagt noch kälter: ich verzeih dir, geh.
Da faßt sie seine Hand, und wieder fliegt
der grauenhafte Glanz durch seine Augen —
Du hast mich nit verstanden, Meiner! fleht sie:
ich war — Doch eh sie enden kann, erbebt
der ganze breite Mann: Verstanden? schreit er
und hebt die Faust, ich will zuspringen, da:
laut schluchzend, Blut ausschluchzend vor ihn hin
knickt sie zusammen, schluchzt sie auf zu ihm:
ich war ein armer Schmetterling im Wind! —
Da hat er sich mit mir gebückt zu ihr
und nahm das alte Weiblein an sein Herz
und trug sie weinend in ihr altes Bett;
drin ist sie lächelnd andern Tags verstorben.
Nun weißt du — endete der Tempelherr
und lächelte durch seinen weißen Bart —
warum, Poet, trotz Sitte und Gesetz
des Ordens, sie, die jetzt mein Weib ist, nicht
den Weg zurückging, den sie zu mir kam.
Ich sagte ihr am Morgen meiner Abfahrt,
was mir in jenem stillen Augenblick,
als wir am Fluß im Wind beisammenstanden
— sie hatte mich mit keinem Hauch gestört,
ihr Atem geht dem meinen völlig gleich —
vor meinem innern Blick gestanden hatte,
und hieß sie mitgehn nach Jerusalem.
Der Verbannte
Durch die fremde Stadt
geht mir eisig der Wind nach,
der die Birken bewegte,
der die Schneeglöckchen schüttelte,
als ich die Heimat verließ.
Durch die fremde Stadt
kommt mir sonnig ein Bild entgegen:
eine Mutter mit ihren Kindern,
die vor Frühlingsfreude glühn.
Unterwegs
Vor meinem Lager liegt der helle
Mondschein auf der Diele.
Mir war, als fiele
auf die Schwelle
das Frühlicht schon;
mein Auge zweifelt noch.
Und ich hebe mein Haupt und sehe,
sehe den fremden Mond
in seiner Höhe
glänzen. Und ich senke,
senke mein Haupt und denke
an meine Heimat.
Heimatgruß
an Hans Thoma zu seinem 60. Geburtstag
Wo die Heimat liegt,
das ist mir erst aufgegangen
im fremden Land.
O, mit welchem Bangen
schaue ich manchmal vom Fenster herunter
durch die enge Hafengasse
wie von einer Festungsterrasse
auf den kahlen Inselrand
da mitten in dem grauen Fluß!
Doch geht die Sonne unter,
dann steigen durch den Rauch und Ruß
der lauten Dampfschiffe und dunkeln Schornsteine
die Nebel wie reine Geister;
und immer mahnt mich das an Deine
Insel, Hans Thoma,
du heimatseliger Meister.
An die Insel, die du gemalt hast
— wie du mir selbst erzählt hast — aus Heimweh,
wo hold und heiter, ohne Heimweh,
unter den schlanken, gen Himmel breiten,
stillen Bäumen Deines Landes
Frauen und Männer schlichten Gewandes
in Eintracht mit stolzen Tieren schreiten,
geweihten Hirschen, frei laufenden Pferden,
und rings mit sorglosen Geberden
schaukeln auf den wirbelnden Wogen
Liebespaare, von Schwänen gezogen —
wirklich, dann glaub ich, so muß es wohl sein
auf deiner Insel bei Frankfurt am Main,
oder wo sonst deine Heimat liegt;
denn daß der Schwarzwald dich großgewiegt,
das ist mir nicht immer gleich im Klaren,
denn auf einmal liegt dann zwischen den Stämmen
meine eigne Heimat, der Wald von Kremmen,
und ich schaue auf Wiesen, worüber sich fern
im Nebel Himmel und Erde paaren,
und suche kindlich den höchsten Stern —
bis mich das Heulen der Hafensirenen
aufstört aus meinem Sinnen und Sehnen.
Doch Einmal, ja, da sah ich den Stern:
— noch war in der Luft kein Rauch und Lärm,
die Morgenröte küßte den Fluß,
und die kahle Insel schien aufzuleben —
da sah ich fern den Genius
aller Heimat darüber schweben:
leicht aus dem Wölkicht kam er einher
mit ruhigen Flügeln durchs himmlische Meer,
kaum die kräftigen Schwungfedern spreitend,
auf einer durchsichtigen Kugel gleitend,
drin spiegelte sich die bunte Erde
samt meiner überraschten Geberde:
den Stern, den trug er als Blume in Händen,
kein Gewand um die hellen Lenden,
eine Einsicht auf dem Jünglingsgesicht
wie im Traum, im Halbtraum, ich weiß es nicht —
so flog er, ohne sich umzuwenden,
an der fremden Insel vorüber,
aus der Heimat
in die Heimat
hinüber ...
Hoher Mittag
Da ich nun in Einsamkeiten
träume von dem goldnen Land,
von den fernen Seligkeiten
unerfüllbar schöner Zeiten,
und der blaue Kreis der Weiten
weiter sich und weiter spannt,
rührt auf einmal mich ein Bangen:
Sonne, welchem Ziele zu?
tief und tiefer ein Verlangen:
Urquell meiner Sehnsucht du!
Stimme im Licht
Dunkles Herz,
dunkles Herz,
was bebst du denn?
Sieh doch die Nacht glänzen;
dir lebt ein Licht in den Weiten,
zu allen Zeiten,
über Grenzen,
da kann kein Mond, kein Stern hinan!
Dulde nur deine Dunkelheiten
ohne Schmerz:
ein andres Herz
möchte in deinem Schatten ruhn.
Brauchst kaum durch seine Träume zu beben,
alle Himmel fühlt ihr dann in euch schweben;
dunkles Herz,
dunkles Herz,
wie strahlst du nun!
Nachtgebet
Du tiefe Ruh,
laß deinen Schleier sinken,
und schling dein dunkles Haar um meine Brust,
und laß mich deinen Atem trinken,
Du,
bis alle meine Lust
und letzter Schmerz in einen Hauch verschweben,
den deine Lippen mir vom Herzen heben,
dann laß mich deinen Kuß erleben,
du tiefe Ruh.
Durch die Nacht
Und immer Du, dies dunkle Du,
und durch die Nacht dies hohle Sausen;
die Telegraphendrähte brausen,
ich schreite meiner Heimat zu.
Und Schritt für Schritt dies dunkle Du,
es scheint von Pol zu Pol zu sausen;
und tausend Worte hör ich brausen
und schreite stumm der Heimat zu.
Masken
Du bist es nicht, du greiser Tempelritter
im Panzerkleid, auf das die Kerzenstrahlen
des bunten Saals mit täuschendem Gezitter
geheimnisvolle Charaktere malen;
dein Blick ist schwarz, laß das Visier nur zu!
Du bist es nicht — doch Ich bin Du.
Du bist es nicht, Zigeuner mit der Geige,
der wild sein Lied läßt in die Zukunft bluten.
Dein roter Bart ist kraus wie Urwaldzweige,
um die rauchprasselnde Frühfeuer gluten.
Dein Blick ist grau; laß nur die Maske zu!
Du bist es nicht — doch Ich bin Du.
Du bist es nicht, Traumkönigin. Seerosen
trägst du im wolkendunkeln Haargeflechte,
und keuschen Asphodellos, und Skabiosen,
die sanfter blühn als purpursanfte Nächte.
Dein Blick ist braun; laß deinen Schleier zu!
Du bist es nicht — doch Ich bin Du.
Du bist es nicht, mein blonder Puck. Dein Röckchen
ist viel zu kurz für deine Mädchenbeine;
man sieht es doch, daß dein hell Klingelstöckchen
ein Totenköpfchen krönt, du freche Kleine.
Dein Blick ist stahlblau; laß dein Lärvchen zu!
Du bist es nicht — doch Ich bin Du.
Und Du, bist Du’s, du Domino im Spiegel,
in dessen Blick die Farben meerhaft schwanken,
du maskenlos Gesicht? Zeig her das Siegel,
das mir ausdrückt den Grund deiner Gedanken!
Bin ich das selbst? Ausdruck, du nickst mir zu.
Grundsiegel — Maske — Bin Ich Du? —
Nacht für Nacht
Still, es ist ein Tag verflossen.
Deine Augen sind geschlossen.
Deine Hände, schwer wie Blei,
liegen dir so drückend ferne.
Um dein Bette schweben Sterne,
dicht an dir vorbei.
Still, sie weiten dir die Wände:
Gieb uns her die schweren Hände,
sieh, der dunkle Himmel weicht —
Deine Augen sind geschlossen —
still, du hast den Tag genossen —
dir wird leicht — —
Lied vor Tag
Was bewegt dich, stiller Himmel?
Was beschwingt die schweren Wolken?
Herz, wie kommt die helle Höhe
übers tiefgraue Meer?
Durch die Wolken schwebt ein Vogel;
schwebt vorbei mit hellen Flügeln,
trägt die goldne Morgenröte
übers tiefgraue Meer.
Komm zurück, du goldner Vogel!
Nimm mich hoch in deine Höhe!
Trag mein Herz, du helle Hoffnung,
übers tiefgraue Meer!
Gondelliedchen
Bitte, bitte, Vögelchen:
Schiffchen hat ein Segelchen,
segelt übers Meer:
Vögelchen, komm her!
Komm und setz dich, laß dich wiegen,
warum willst du immer fliegen,
machst es dir so schwer!
Singe, kleiner Passagier!
Wenn die großen Wellen krachen,
wird dein Lied uns ruhig machen;
still vergessen wir
Erde, Mensch und Tier.
Griechische Pfingsten
Wie anders nun! — Ihr blumigen Auen,
ihr wilden Berge: irrt mein Geist?
Bin ich nicht jüngst mit heiligem Grauen
durchs blaue Meer zu trunknem Schauen
ins Land der Mythe hergereist?
Nun grast hier hinter krüppligen Säulenstümpfen,
vorbei an ausgegrabenen Götterrümpfen,
mein müder Klepper mit Gestöhn.
Man blickt noch manchmal zurück nach ihnen:
man sieht, es sind und bleiben Ruinen —
aber ihr, ihr Berge, seid ewig schön!
Drum still, du graue Mythe,
mit deinem trüben Sinn!
Ganz Hellas steht in Blüte,
noch heut, so wahr ich bin!
Hier lernt man heiter schreiten:
über den Schutt der Zeiten
geht immergrün die Zeit dahin.
Eine Rundreise in Ansichtspostkarten
1. Straßburger Münster
Der Ansicht aller Welt zum Trotz
steht dieser Turm und krönt — was? — einen Klotz.
Er stand beim jungen Goethe sehr in Gunst
als Voll-und-Höchstbeweis echt deutscher Kunst.
Er steht, wie ihn der alte Goethe sah,
noch heut höchst unvollendet da.
2. Rheinfall bei Schaffhausen
Blickst du ihn an, so wird dir wirr
von all dem stürzenden Flutgeirr.
Doch horch hinein, da steigt vom Grund
klar ein steter Einklang und
Aufklang.
3. Gotthard-Tunnel
Klänge im Eilzug
Über der Einfahrt grausen verquollen
eisige Gipfel durch Wolken herab.
Unter der Ausfahrt weisen die Schollen
finstrer Felsen zu nebelvollen
Schluchten und neuen Schachten hinab.
Immer durchs Dunkel von Stollen zu Stollen
fühlst du dich immer dem Licht zurollen,
und so setzt dich endlich mit tollen
Sprüngen der Himmel ins Blaue ab.
4. Isola Bella
Das konnten wohl die seligen Inseln sein,
wenn’s nicht auch hier, wenn’s regnet, regnete.
Wie arme Sünder schaudern die Cypressen
vor ihrem Spiegelbild im trüben See;
und während sich des Himmels Gnade reichlich
auf sie und mich und übers Schiff ergießt,
steht, einem Engel ähnlich an Geduld,
mit höchster Höflichkeit mein Haupt beschirmend,
ein Doganiere neben mir und prüft
bis auf den Grund mein zollpflichtschuldiges Herz.
5. Mailand
Und ward dir vor den tausend Heiligen schwach,
die, eitel Marmor, rings den Dom garnieren,
dann steige auf sein flaches Dach,
das neunundneunzig einzelne Türmchen zieren.
Das wird dich, Alles Marmor, wie ein Hain
kandierter Weihnachtsbäumchen delektieren —
auf einmal siehst du fern im Sonnenschein
die Alpen — —
6. Certosa bei Pavia
Schmuckkästlein schlichter Einsamkeit:
hinter der Prachtwand der Fassade
bat mancher Mönch in weiser Schweigsamkeit
die Jungfraun Borgognones einst um Gnade.
Jetzt möcht ich in den leeren Klausen
mit dir, Geliebte, noch verschwiegner hausen.
7. Genua
Kaufherrin stolze: immer strahlenbreiter
trägt sie bergan die meerentnommene Krone,
und ihr geringstes Frachtschiff fährt heut weiter
als je die kühnste Doria-Traumgallione.
8. Campo Santo in Pisa
Geisterhafter Bildertraum
dehnt den schmalen stillen Raum.
Sieh: das Viereck der Arkaden
strebt den Himmel einzuladen.
Horch: der Erde reinsten Hauch
opfert stumm ein Rosenstrauch
voller weißer Blüten.
9. Orvieto
Willst du den Tag der Auferstehung sehn,
den Signorelli sah? Komm, Seele: dort
staun sich Gewitterwolken, schon ziehn Schatten.
Bald werden um dies trotzige Felsennest
durchs weite Talfeld der Chiana unten
die schrägen Strahlen der verhüllten Sonne
fahl wie aus Gräbern aufgescheuchte Schemen
nach Zuflucht schweifen, taumelnd, und nun fährt
der Blitz dazwischen — o Erleuchtung — ja:
dort sah der Künstler, was er dann nur malte.
10. Campagna vor Rom
Hier spannt sich alles, Landschaft, Bäume, Tiere,
als habe sich die Welt zur Ruh gezwungen;
erwartungsvoll ist jede Form geschwungen,
die Hörner selbst der silbergrauen Stiere.
Denn dort am Horizont hebt einsam groß,
so einsam groß, daß auch die Berge nur
Mitglieder sind der staunenden Natur,
das Haupt der Ewigen Stadt sich zum Azur:
die Peterskuppel Michelangelos.
11. Im Pantheon
Wer faßt dein Innres, Rom: du Kirchhof der Kulturen:
Verwesung glänzt darin mit immer frischen Spuren.
Im Pantheon zumal, kraft göttlicher Beschlüsse,
erlebt man wundersame Grundwasser-Überflüsse.
Durch solch ein Wunder sah ich: auf einer Altarplatte
saß eine magre Katze, die sich gerettet hatte.
Kläglich miauend saß sie, begafft vom Fremdenstrom;
da hast du deine Göttin, modernes Rom!
12. In den Abruzzen
Endlich dem Bann der Museen entronnen,
fand ich Italien auf eigne Faust schön;
fand ohne Baedeker goldene Sonnen,
silberne Monde, in Tälern, auf Höhn.
Fand auch ein Räuberpaar, in einer Grotte,
spät eines Abends, im wilden Wald,
raubten sich Küsse, die haben geknallt:
siamo felici nel cuor della notte!
13. Pontinische Sümpfe
Die Sterne flimmern; schwül schweigt das Moor
längs der langen Straße zur Nacht empor.
Längs der langen Straße, schwarz im Düstern,
ragen und raunen die hohen Rüstern.
Längs der langen Straße, wie aufgereiht
von einer zur andern Unendlichkeit,
raunen die Rüstern fiebertrunken:
dreiunddreißig Städte ruhn hier versunken
längs der langen Straße ...
14. Neapel
„Neapel sehn und sterben“ — in der Tat:
dies Paradies des Pöbels ist zum sterben.
Sehr sichtbar, echter Lazzaronistaat,
liegt’s wie ein blendender Haufen Scherben
am Riesenmaulwurfshügel des Vesuv,
den Gott gewiß aus reinem Mordsspaß schuf.
15. Pompeji: Haus des tragischen Dichters
Was klagst du, Menschheit! Sieh, allerseelenvollst
lacht dir das Leben, und komisch nickt der Tod:
Da steht zerbröckelt des Dichters Gastgemach,
sein Werk und Name verbrannten im Lavaschutt,
aber das Brautpaar seines Wandgemäldes
entdeckt noch immer das Nest voll Liebesgöttchen,
wie’s Tausende Paare noch entdecken werden,
wenn dieses ausgegrabene Machwerk längst
wieder in Lavaschutt versenkt sein wird.
16. Auf Capri
Trotz aller reisenden christlichen Tugendbünde
ist hier noch Raum für einige heitre Sünde.
Trotz Badehose gleicht in der blauen Grotte
ein schmieriger Fischer einem silbernen Gotte.
Trotz Zeitung, Polizei und meckernder Ziegen
kann noch an mancher Klippe ganz verschwiegen
der Faun die Nymphe beim Schlafittchen kriegen.
17. Bergstraße von Amalfi nach Salerno
Europas reichste Damen
karriolen den Felsweg her,
hoch zwischen Himmel und Meer;
immerfort wechselt der Rahmen.
Großartig wechselt der Rahmen;
hoch zwischen Himmel und Meer
erwartet ein Bettlerheer
Europas reichste Damen.
18. Bahn nach Potenza
Und keiner ist verächtlich und schwach genug,
daß nicht auch ihn aufrüttelnd ein Stolz durchzuckt,
wenn durchs Gebirg auf dröhnender Bahn der Zug
hinstürmt von Viadukt zu Viadukt.
Denn hier hat Menschenarbeit Bogen an Bogen,
Triumphbogen durch die Natur gezogen.
19. Valle del Basente
Straße und Brücke verfallen,
das steinige Flußbett trocken;
meine Schritte hallen
laut auf Trümmerbrocken.
Und erschüttert erbeben
verdorrte Uferbäume —
Land, wo ist dein Leben?
Volk, was träumst du für Träume?
20. Erster Klasse nach Brindisi
Scusa, Signora e Monsignore!
und ich nehme Platz im Coupé, con amore.
Der Priester scheint auf Kohlen zu sitzen,
die Dame strotzt von Juwelen und Spitzen.
Der Priester rückt in die äußerste Ecke,
die Dame bückt sich, und ich entdecke:
sie versteckt ein besudeltes Dingrichs.
21. Corfu
Also auch hier wühlen Hühner und Schweine
in verwahrlosten Gärten und Auen.
Aber wenn wir’s von ferne beschauen,
läutert der Lichtgeist alles Gemeine.
Weiter und weiter schreit’ich ins Reine,
und der Oliven verwilderte Haine
überrauschen das menschliche Grauen.
22. Pontikonisi
Weiß steht das Kirchlein aus der blauen Flut,
Cypressen laden ein zur Himmelsreise.
Sacht naht der Fährmann mit der irdischen Speise;
ein Glöckchen tönt, das Ruder ruht.
Wärst Du, Geliebte, nicht auf Erden,
ich könnte Mönch auf diesem Eiland werden.
23. Bergweg bei Patras
Ein Schrei — fast stürzt mein Pferd — und aufgebäumt
ums Felseck biegend seh ich: schluchzend reißt,
im Staub knieend, mit aufgelöstem Haar,
und schreiend — oh, so schrie Medea einst,
als Jason sie aus Überdruß verließ —
reißt sich ein schönes griechisches Bauernmädchen
die türkische Jacke von den nackten Brüsten
— Papiergeld fliegt — und weg von ihr bergab
jagt im Galopp, in klirrender Kutsche hockend,
ein schlotternder Stadtherr, häßlich wie ein Mops.
24. Olympia
Apollon, der die Tiermenschen bezwang,
jetzt als ein Giebelbruchstück ausgestellt,
begleitet mich durchs Tempeltrümmerfeld
und spricht gen Sonnenuntergang:
Lapithen und Kentauren ruhn im Sumpf,
Faustkämpfer preist die Menschheit auch nicht mehr,
noch aber übermannt euch seelenschwer
der Schatten selbst von diesem Säulenstumpf.
25. Tempel bei Bassä
Wohl stehn noch stolz die morschen Säulenschäfte
ob Steingeröll und niedern Krüppel-Eichen
und sind, indeß Eidechsen und Blindschleichen
den kletternden Hufen meines Gauls ausweichen,
in dieser Höhenluft ein rührendes Zeichen
himmlischen Aufbegehrs der irdischen Kräfte,
doch rührender rings die tausend Nachtigallen,
die durchs Geläut der käuenden Ziegen schallen.
26. Burg und Stadt Karytäng
Schmettert, ihr Nachtigallenheere,
helft meine Kavalkade befeuern!
dort oben herrschte einst Ritterehre,
schuf Herzogskronen aus Abenteuern!
Aber die griechischen Rosse wollen
nur noch zur Futterkrippe trollen.
27. Herberge vor Tripoliza
Hier gibt es Alles: Wasser, Häcksel, Mist,
Strohsack und Wanzen — blos Laternen fehlen.
Schon aber geht ein frommer griechischer Christ
ein Licht aus der Dorfkirche stehlen.
28. Nauplia
Ein toter Esel fault im Straßengraben,
am Tor ein Hund.
Ein Stadtsoldat schleckt sich an Honigwaben
die Zunge wund.
Mit schmachtenden Blicken hockt ein Rudel Knaben
am Mauerwall. Und jedes Auge laben
unzählige wilde Blumen, märchenbunt.
29. Wiesen bei Argos
Das sind die Blumen aus dem Morgenland:
Sie leuchten aus der Ferne wie durch Schleier,
sie schimmern seidner als ein Festgewand,
sie duften reiner als die Braut dem Freier.
Sie scheinen in der Nähe dir bekannt;
es glimmt in ihren Kelchen wie ein Feuer,
das auch in Dir wohl einst, o einst gebrannt.
Du pflückst davon. Doch scheu und scheuer
stockt deine Hand:
du träumst die Blumen heim ins Morgenland.
30. Mykenä
Auf einmal schleppt mich Frau Historia
durch wüst Gerümpel und beginnt zu melden:
das Löwentor — die Burg — die Agora — —
Was? Hier, hier hausten die homerischen Helden?
Weg! In der Dichtung ists ein Göttersaal,
hier wirds zum Hottentottenkraal.
31. Akrokorinth
Stahlblau erfunkeln mir zwei Meere,
Waffen funkeln durch meine Gedanken,
wild sich kreuzend, alle die blanken
Klingen der Krieger, die dort versanken,
Griechen, Slawen, Türken, Franken,
Landeskinder und Söldnerheere —
funkeln — und um zerstürzte Paläste
von Strand zu Strand über Tempelreste
den Berg herauf zur verfallenden Feste
brandet Begeistrung und füllt das Leere.
32. Bei Salamis
Fischerlied
Ruhe dich, Schiffchen: hier werfen wir Netze.
Hier wurden vom Ahnherrn ertränkt die Barbaren.
Drum schenkt uns das Meer heut fetten Fisch —
ruhe dich, Schiffchen ...
Hundert Heilige wurden für uns gemartert.
Fremde Lords sind gestorben für unsre Freiheit.
Drum schenkt uns der Himmel heut weichen Wind —
ruhe dich, Schiffchen ...
33. Athen
Die Muse spricht: Narrt mich ein Fiebertraum?
Stellt nicht dort unten das Theater noch,
der Felswand angeschmiegt am heiligen Abhang,
traut wie ein Schwalbennest, den Weltkreis vor?
Was sucht der Herr da, der den Staub beriecht,
wo einst der Feldherr saß, der Opferpriester?
Und hier, wo ehmals steilgestreifte Säulen,
schwarz wie der Styx, rot wie geronnen Blut,
dem blauen Äther, der sie bleichte, trotzten,
hier steht gar einer und studiert den Schutt?
O Wunder, daß noch Meer und Himmel leuchten!
34. Fahrt zum Parnassos
Vom Dampf des Schiffes, den die Hitze ballt,
verhüllt: was strahlt aus buntem Dunst herbei?
so weiß! — was träumte mir? — ein Gipfel — drei —
ein Kranz von Gipfeln strahlt den Dunst entzwei —
so weiß strahlt nur der ewige Schnee — so frei —
Ist’s der Parnaß?! — Flieh, schwüle Träumerei!
Hinauf! dort oben ist es kalt.
35. Delphi
Mein Dämon spricht: Auf Delphi ruht ein Fluch,
da laß uns still vorübergleiten.
Mir deucht, wir hatten schon zu Olims Zeiten
an dem Orakel in uns selbst genug.
36. Zwischen Leukas und Ithaka
Durch dieses Meer trieb einst in irrer Not
Odysseus seinem treuen Weib entgegen.
Durch dieses Meer trieb wild im Liebestod
Sapphos zerbrochner Leib der Nacht entgegen.
Durch dieses Meer treibt nun im Morgenrot
mein Herz, Geliebte, Dir entgegen.
37. Albanische Küste
Die Küste weicht; ich seh mein Schiff mit beiden
Bugseiten durch die Flut, die tiefblau glatte,
wie durch geschliffnen Stein sich vorwärts schneiden,
so undurchsichtig glänzt die spiegelglatte.
Ich wende mich und seh im Glanz auf beiden
Kielseiten ferne Höhenzüge scheiden;
da schwimmen sie wie sagenhafte satte
Seekühe, die sich an der Bläue weiden.
38. Hafen von Ancona
Zwischen zwei Vorgebirgen lauscht der Wind,
der sanften Gruß bringt von der Abendsonne,
ob Stadt und Hafen wohlgebettet sind.
Er fragt ein Heiligtum, worob es sinnt,
einst der Frau Venus Haus, jetzt der Madonne,
und alle Glocken künden voller Wonne:
In goldner Wiege ruht ein himmlisch Kind.
39. Assisi
Wallfahrer haben mir den Weg gezeigt;
im öffentlichen Garten rasten wir,
und mancher blickt dem heiligen Dichter gleich
beseligt auf zum lieben Bruder Himmel.
Ein junges Weib nur blickt verstört ins Land,
durch das ein Zug lobsingender Mönche wandelt.
Am Rand des Gartenberges die Cypressen
stehn wie erstarrte schwarze Flammen da,
und plötzlich regt sich eine wie entsetzt
vor dieses Himmels bleiglutblauer Last.
40. Perugia
Sei gesegnet, ruhiger Ort!
Frommer Ahnen Meistergilde
schuf aus rauhem Felsgebilde
für die Enkel dies Gefilde;
kannst du zürnen, Gott der Milde,
wenn sie nun ins Ewige fort
unter den Akazien wandeln,
nur noch schauen, nicht mehr handeln?!
41. Am Trasimenischen See
Was wohl die Unken klagen
dort um das alte Kastell?
Daß da mal Römer lagen
von Hannibal erschlagen?
Daß da den Troubadouren
von denen adligen Huren
vertrommelt ward das Fell?
Man muß nicht immer fragen,
um was die Unken klagen;
die Frösche lachen hell.
42. Florenz
Du Allerschönste, Liebling aller Welt,
einst manchem Herrn, jetzt jedem Gaffer feil,
und immer noch von Zier und Reiz geschwellt,
so lehnst du stolz auf hehrem Ruhebett,
dein Haupt wie eines Turmes Zinne steil,
dein Schooß wie offne Rosen lebensfroh,
und gar den Busen schmückt als Amulett
die heilige Kunst des Fra Angelico.
43. Ravenna
Ravenna! rief die Inbrunst: gib mir Raum!
was brütest du auf Gräbern Tag und Nacht?
Und Grüfte wölbten sich zu Farbenhimmeln,
in denen tausend Malerseelen träumen,
und über denen Dante wacht.
44. Venedig: Punta della Salute
Hier möcht ich sterben, alt, wie Tizian starb,
doch in verhängter Gondel und allein.
Durch einen Spalt nur glühn im Abendschein
verwitterte Paläste glorienfarb.
Schlaftrunken schaut die Wasserfläche drein
und haucht mir eine Seelenruhe ein,
die niemals um ein ewiges Dasein warb.
So möcht ich sterben ... aber leben: nein!
45. Verona
Auf des Amphitheaters höchstem Rand
ruht nach vollbrachtem Tagewerk ein Kerl,
die braune Stirn noch voller Schweißgeperl,
und läßt sich trocken glühn vom Sonnenbrand.
Ein simpler Steinmetz, der wohl kaum verstand,
wozu sein Flickwerk an dem alten Loch,
und hat wie Herkules geschuftet doch;
jetzt aber faullenzt er ob Stadt und Land,
als sei kein Gott so frei wie Er vom Joch.
46. Wanderstraße am Etsch
Arbeitsleute schreiten vor mir schwer,
immer schwerer dröhnt bergan ihr Schritt:
aus der Ferne graut die Fremde her.
Pfeifend halt ich ihnen gleichen Tritt,
Strom und Straße schweigen immer mehr:
aus der Ferne blaut die Heimat her —
und auf einmal pfeifen alle mit.
47. Sirmione am Gardasee
Avanti! — Heiter wie des Südens Luft
soll dich mein Abschiedsgruß, du liebliche
Halbinsel, die Catull besang, umwehn.
Hell greifst du durch den blauen See nach Norden,
gleich einer gastlich hingestreckten Hand
gefüllt mit Veilchen, Immergrün und Frucht.
Doch daß auch ernster Schmuck dir wohlsteht, zeigt
gleich einer Spange am Gelenk das düstre
Kastell, von dessen Söller mich der Ruhm
des jungen Bonaparte grüßt — Avanti!
48. Hochfeiler am Brennerpaß
Heiß auf kalter Höhe mach ich Rast,
von den Gletschern kommt ein leichter Hauch,
kommt und geht, und lichter Rauch
wird mir all die fremde Last,
von der Völkerstraße her die Hast,
und die Sehnsucht nach der Heimat auch.
49. Innsbruck
Die Berge glänzen klar im Kreis,
die Luft im Tal ist menschenheiß.
Ich trete in den alten Dom,
ich atme tief den Dämmerstrom.
Erzbilder schimmern durch den Raum,
ich träume einen Himmelstraum;
und langsam neigen sich die Stirnen
der ehernen Ritter vor den fernen Firnen.
50. Konstanz
Im offnen Garten ist Konzert am See,
der Geist Beethovens schwebt von Stern zu Stern;
tief unter Brücken schweigt die Wasserfee,
hoch über Türmen schweigt der Alpenschnee,
schweigt Stern bei Stern, schweigt wie seit je;
und immer noch Konzert, Konzert am See —
o Beethoven, wozu der Lärm?! —
51. Spezgart bei Überlingen
Von Schlucht und Halde weichen Morgenschleier,
die Erde dampft der Sonne ihren Dank.
Hier trieben wir, Geliebte, Frühlingsfeier;
es herzte Trieb an Trieb sich frei und freier,
bis über unsre Abschiedsfeier
der pfirsichblütne Abend sank.
Nun sind die Früchte reif zum Willkommtrank.
52. Stein am Rhein
Klosterfrieden, Weltbehagen,
lacht hier noch Italiens Glanz?
Buntbemalte Giebel tragen
frei Boccaccios Fabelkranz.
Stromschnell naht das heimatstete
Schiff, mit Gästen angefüllt.
Wenn doch jetzt Gesang herwehte!
Da: weiß Gott, man singt — man brüllt
die „Wacht am Rhein“ ...
53. Triberg im Schwarzwald
Stimme der Heimkehr
Urweltsprache dröhnt im Wasserfall,
läßt kein Menschenwort herdringen;
was denn hör ich durch den Schwall
doch wie Muttersprache klingen? —
Nicht ein Vogelstimmchen hallt,
nur die alten Wipfel schwingen;
Welt, ich fühle wieder deutschen Wald,
höre deutsche Quellen singen! —
54. Heidelberg
Das alte Schloß ... Man zankt sich wohlgesinnt
im Akademischen Kulturverein:
Ist’s zu erneuern? — wie! — halb? ganz? — ja! nein!
Der will das „Wesen“ wahren, Der den „Schein“,
Jeder lügt Leben in den toten Stein
und schilt die Andern wahrheitsblind.
Ich sehne mich nach einem Menschenkind,
das garnichts will als ganz natürlich sein.
55. Bingen am Rhein
Du kleine Stadt am Strom, mir weltengroß,
dir dank ich meine Mutter, dir das Weib,
das mir so lieb ist wie mein eigner Leib,
ich williger Pilgersmann von Schooß zu Schooß.
Du Strom, du großer, spiegelst du mein Los?
du kleine Welle, meinen Weltverbleib?
Eilt nicht auch ihr mit Seel und Leib
von Schooß zu Schooß,
von Bergesschooß zu Meeresschooß?! —
Wiedersehn
Eh du kamst, schienen mir
alle Schiffe im Hafen
Unheil zu brüten
auf der steigenden Flut.
Und nun lächelst du ihnen,
weil mein Blick drauf geruht hat;
und ich lache ihnen,
weil Dein Blick drauf geruht hat;
und alles ist gut.
Siegerin
Mit deinem Lächeln bewältigst du die Nacht:
ich fühl’s um deine Lippen schweben
und sehe Sterne aufgehn in meiner Seele.
Mit deinem Lachen bewältigst du den Tag:
ich seh’s aus deinen Augen strahlen
und fühle die Sonne in mich versinken.
Letzte Bitte
Lege deine Hand auf meine Augen,
daß mein Blut wie Meeresnächte dunkelt:
fern im Nachen lauscht der Tod.
Lege deine Hand auf meine Augen,
bis mein Blut wie Himmelsnächte funkelt:
silbern rauscht das schwarze Boot.
Zweier Seelen Lied
Lieber Morgenstern,
lieber Abendstern,
ihr scheint zwei
und seid eins.
Ob der Tag beginnt,
ob die Nacht beginnt,
findet euer Schein
in uns Zweien die Liebe wach.
Lieber Abendstern,
lieber Morgenstern,
hilf uns Tag für Tag
eins sein, bis die letzte Nacht uns eint.
Psalm zweier Sterblichen
Von Ida und Richard Dehmel
Der Mann:
Göttin Zukunft,
mit gefesselten Händen hältst du
eine geschlossene Schriftrolle,
drin mein Schicksal verzeichnet steht.
Langsam, Tag für Tag,
ringe ich deinen Fingern
Zoll für Zoll die Urkunde ab,
Zeile für Zeile.
Bis der Augenblick kommt,
wo das entrollte Papier,
eh ich das letzte Wort noch las,
meinem erschöpften Arm entfällt;
und mit gefesselten Händen
gibst du den Winden zur Sage anheim,
was ich tat.
Das Weib:
Schicksalsgöttin,
ich liege vor dir auf den Knieen.
Du hältst in deinen, ach, gefesselten Händen
eine goldene Tafel,
drin die Namen nur derer eingegraben stehn,
die Unvergeßliches taten.
Auf den Knieen, Schicksalsgöttin,
bitte ich dich:
Laß mich nicht ins Namenlose versinken!
Spreng deine Fesseln — oder
nur einen Augenblick
reich mir die goldene Tafel,
und neben die Runen der Helden und der Weisen
schreibe ich hinsinkend:
Ich liebte.
Im Geiste
Ich steh im Geiste an ein Grab geführt,
wo Eine ruht, die so beseelend lebte,
daß ich nicht glauben kann, ihr Geist entschwebte;
ich steh wie einst vor ihr, so rein gerührt.
Und dort steht Einer, dessen Auge schürt
noch reiner an, was damals in mir bebte;
er wars, der zart ihr Reinstes mir verwebte,
und steht nun starr, als hätt er’s nie gespürt.
Du Hüter dieses heiligen Grabes, wehre
der Andacht nicht, die Geist dem Geist hier weiht;
es bebt in dir wie mir das seelvoll Leere.
Die wirren Zeiten haben uns entzweit;
hier aber rührt uns Klarheit, und ich kehre
vereint mit dir den Blick zur Ewigkeit.
Nachglanz
Einst geliebte Seele,
immer noch empfundne,
sternklar weist die Nacht mir Weiten,
die auch dich umschließen,
du entschwundne.
Gütig glänzen wieder
alle Lichter oben,
die uns je zu gleicher Andacht
von der trüben Erde
auferhoben.
Einsamkeit und Dunkel
sind nun nicht mehr Qualen.
Dankbar betet Seel in Seele:
Sterne, all ihr Sterne,
helft uns strahlen!
Verewigung
Freund in der Ferne, wer du auch seist,
Flüchtling auf der Erde wie ich,
die wir zwischen den Sternen hausen,
du ein Unvergänglicher,
ich ein Unvergänglicher,
weil wir’s fühlen —
sieh, ich feire eine Seelenbefreiung.
Ich sitze am Sarg einer lieben Gestalt,
wie ich an manchem Sarg schon saß
und an manchem noch sitzen werde:
ich habe geweint, ich lächle.
Diese liebe Gestalt wird bald zerfallen;
nie mehr wird ihr Mund mir Rätsel aufgeben,
ihre Hand mir die Stirnfalten lösen,
nie wieder werden ihre Augen
mir die Sonne ins Herzdunkel spiegeln.
Nichts wird weiterleben von ihrer schlanken Erscheinung,
nichts als ein Schemen in meinem Gedächtnis,
bald verdrängt durch ihr Bild von fremder Malershand,
durch viele andre Schattenbilder,
und auch die werden alle zerfallen.
Nur was sie seelvoll zusammenhielt,
was uns zusammenhält noch beide,
warum wir Blick in Blick einst erbebten:
nur das wird bleiben zwischen den Sternen,
wird immer neue Gestalt annehmen,
wird warten, daß auch ich mich verwandle,
bis wir einander wieder erscheinen
in den Schaaren der Ätherdämonen,
wieder erbeben.
Dann werden wir uns wohl begrüßen
wie einst auf Erden das erste Mal:
uns nicht erkennend, nur beglückend,
viel zu beseligt der neuen Gegenwart,
als daß wir alter Zeiten gedächten.
Und werden uns wohl wieder wundern,
im stillen fühlend: das letzte Mal,
da haben wir geweint zusammen,
da mußten wir uns noch befreien —
jetzt lächeln wir, jetzt lächeln wir —
wir Unvergänglichen — —
Am Ufer
Die Welt verstummt, dein Blut erklingt;
in seinen hellen Abgrund sinkt
der ferne Tag,
er schaudert nicht; die Glut umschlingt
das höchste Land, im Meere ringt
die ferne Nacht,
sie zaudert nicht; der Flut entspringt
ein Sternchen, deine Seele trinkt
das ewige Licht.
Aufrichtung
Hörst du Nachts die leere Stille schallen?
Tote Seelen rufen dich von fern.
Eine aber war dir wert vor allen;
o, nun möchtest du vor Schmerz ihr folgen,
ihr und ihrem unsichtbaren Herrn.
Und du kannst nicht fassen,
daß du weiterlebst,
daß du deinen Arm zur Abwehr
hoch ins Dunkel hebst;
und auf einmal schweigt es,
und mit frommen Händen
legst du deinen Schmerz auf einen Stern.
Heilige Nacht
Es steht ein Stern, der leuchtet klar,
von Nacht zu Nacht, schon tausend Jahr.
Es kommt ein trüber Wandersmann,
an eine Stalltür klopft er an.
Wer bist du, Mann? was suchst du hier?
Ich suche Gott in Mensch und Tier.
Dann tritt herein, hier kannst du sehn
Ochs, Esel und ein Lämmlein stehn.
Ein Lämmlein wie im Paradies;
ein Knäblein streichelt ihm das Vlies.
Das Knäblein sitzt auf Mutters Schooß,
hat Augen wie der Stern so groß.
Es sieht der trübe Wandersmann
die stolze Magd, den Knaben an.
Ja, sieh nur in die Augen sein,
da siehst du Gottes Glorienschein!
Ich ächzte wie ein Tier fürwahr,
indeß ich lag und ihn gebar;
nun krönt auch mich der Schöpferglanz,
so schön ist keiner Jungfrau Kranz!
Es steht der Wandersmann und sinnt;
es lacht die Magd und herzt ihr Kind.
Das Lämmlein leckt an ihr hinauf;
Ochs, Esel stehn und horchen auf.
O Mutter Gottes, höre mich an,
mich vielversuchten Gottesmann!
Vor deiner Schönheit könnt ich fliehn,
vor deiner Wahrheit lieg’ich auf den Knien.
Ich ging auf Erden hin und her:
es hieß, daß Gott gestorben wär.
Doch siehe da: von jeder Magd
wird er aufs neu zur Welt gebracht.
Nun bin auch ich ein Gottessohn;
o Mutter, nimm dies Lied zum Lohn!
Es steht ein Stern schon tausend Jahr
und leuchtet noch wie einst so klar.
Evas Klage
Stern im Abendgrauen,
laß dein bleich Erschauern;
laß mich endlich ruhig
heim gen Eden trauern.
O Eden, mein Eden,
Garten meiner Träume,
warum gab mir Gott den Anblick
deiner Frühlingsbäume!
Deine Sommerfluren
hat er nicht behütet;
in den stolzen Garben
hat der Blitz gewütet.
In dein Herbstgefilde
ist der Sturm gekommen,
hat mir von den Ästen
Frucht auf Frucht genommen.
Warum sang der Frühling,
sang von seligem Wandern
nur auf Blumenauen,
sang von einem seligen Andern!
Ach, er kam, der Andre,
kam mit Glut und Flammen;
über meinen Blumen
schlugen sie zusammen.
Lachend aus der Asche
hat er mich getragen.
In der kalten Fremde
hat ihn Gott erschlagen.
Winter ist geworden.
Ach, ich möchte weinen.
Aber seine Seele
lacht noch in der meinen.
Still auf seinem Grabe
will ich warten, warten;
meine Kinder irren
suchend nach dem Garten.
O mein Garten Eden,
verlornes Eden,
o Eden, mein Eden,
stehst du denn noch offen?
Bis zur letzten Stunde
will ich auf dich hoffen!
Magst du, Gott, mich töten,
mag mein Traum verglühen,
aber meinen Kindern muß er
neu erblühen!
Laß dein bleich Erschauern,
Stern im Abendgrauen!
Endlich kann ich ruhig
heim gen Eden schauen.
Magst du, Stern, versinken,
mag ich selbst vergehen:
meine Kinder werden
Eden wiedersehen.
Eines Tages
Phantasieen zweier Liebenden
Morgen
„Auf, mein schwarzer Zaubrer, auf,
eile, spinne Gold, es tagt,
schmücke deine stolze Magd!
Laß die Strahlen nicht verwittern,
die dem Morgenstern entsplittern!
Heute Mittag muß die Erde
sich entzücken am Geschnauf
deiner wilden Siegespferde!
Auf, mein goldner Zaubrer, auf!“
Laß mich träumen, Zauberin,
sprich mir nicht vom Tag der Schlacht;
nimm die Strahlen, spinn sie, spinn.
Mich verstört das Marktgepränge,
wo die Erze vor der Menge
zur verstaubten Sonne dröhnen.
Überirdisch ist die Nacht,
wo die heimlichen Gesänge
meiner zahmen Schlangen tönen;
sprich mir nicht vom Tag der Schlacht,
laß uns träumen, Zauberin,
nimm den ganzen Himmel hin ...
Mittag
„Aber jetzt, mein Held, mein Sieger,
komm, mein König, komm, mein Krieger,
gib dich nicht den Gaffern preis!
Wirf sie weg, die blanken Bälle,
die so kalt, so gläsern klingen
und vor Hitze fast zerspringen;
führe mich an eine Quelle,
dies Getümmel riecht nach Schweiß!
Komm, was stehst du bei den Leuten,
du ermattest nur im Schwarm;
und bis Abend muß dein Arm
noch ein drittes Reich erbeuten!“
Königin, du störst mein Spiel.
Auf mein Volk herabzusehen,
wahrlich, das war nicht mein Ziel.
Schau: in diesem kleinen Ball,
weiß man ihn nur recht zu drehen
und das wird man bald verstehen,
spiegelt sich das große All.
Spiele mit! Komm, Siegerin,
nimm den ganzen Erdball hin ...
Abend
„Ist hier nicht das dritte Reich?
ach, mein rascher Pilger, säume!
Bannt dich nicht der dunkle Teich,
über den die Lilienbäume
ihren süßen Atem breiten?
Und schon naht der Elefant,
drauf der Buddha Ewigkeiten
über unsre Seelen spannt.
Ja, mein Zaubrer: spiele! träume!“
Pilgerin, mir kommt ein Bangen;
siehst du nicht im bunten Laube
jene großen Schlangen hangen,
die mir fremd sind? und ich glaube,
daß sie Träumern Unheil brüten.
Ahnst du nicht, wonach ich suche?
Nicht nach üppigem Geruche!
laß uns wachen, Pilgerin!
Brich dir eine dieser Blüten;
und, im Haar die weiße Blume,
folge mir zum Heiligtume,
nimm die Ewigkeit da hin ...
Nacht
„Willst du mich denn nie erhören?
Nennst du dazu mich die Deine,
um mich langsam zu zerstören?
Ich zerfalle fast in Stücke;
wohin führt nun diese Brücke,
die der Mond in Schatten legt?
Immer neue Meilensteine!
ich bin müde! mich bewegt
keine Liebe mehr zum Ruhme,
auch zu keinem Heiligtume;
nimm mir aus dem Haar die Blume —
sieh, mein Einziger, ich weine.“
Weine, weine, wein es aus!
O, nun darf ich mich dir beugen,
Weib, dort schimmert unser Haus.
Hinter jener hellen Scheibe,
nur noch Seele, nur noch Sinn,
die du bist und der ich bin,
werden wir mit nacktem Leibe
einen neuen Menschen zeugen —
o du Meine, nimm mich hin!
Eine Lebensmesse
Dichtung für ein festliches Spiel
Chor der Greise:
Wenn der Mensch,
der dem Schicksal gewachsen ist,
sein zerfurchtes Gesicht
vor der Allmacht der Menschheit beugt,
nur noch vor der Menschheit:
dann wird seine Seele wie ein Kind,
das im Dunkeln mit geschlossenen Augen
an die Märchen der Mutter denkt.
Alle Sterne
werden dann sein Spielzeug;
durch das wilde Feuerwerk der Welt
kreist er furchtlos mit den unsichtbaren
mütterlichen Flügeln,
sieht er innig und verwundert zu,
wie das Leben
aus der Werkstatt des Todes sprüht.
Denn nicht über sich,
denn nicht außer sich,
nur noch in sich
sucht die Allmacht der Mensch,
der dem Schicksal gewachsen ist.
Eine Jungfrau:
Aber wenn auf Frühlingswegen
durch den scheinbar dürren Hain
alle Kräuter mir entgegen
wachsen, wenn im Sonnenschein
jedes Auge Osterkerzen
aus sich ausstrahlt, Mensch und Tier,
und mir geht das so zu Herzen,
daß mich meine Brüste schmerzen:
dann gerat ich außer mir!
und ich werf mich zum Erbarmen
in den rauhen Rasen hin,
und ich möchte das Schicksal umarmen,
dem ich doch gewachsen bin!
Chor der Väter:
Eine wandelnde Wage
ist der Mensch.
Mit Haupt, Herz, Händen
wägt er sein Wohl;
nur mit der Rechten gibt er den Ausschlag,
und seine Zunge schreit nach Gleichgewicht.
Fass festen Fuß,
du hast die Macht der Wahl!
Es kommen Viele
vor Sehnsucht nie zum Ziel;
gern bis zum Äußersten geht der Mensch
in seiner Ohnmacht, und Tat wird Untat.
Doch immer treibt ihn
die Sehnsucht nach Ruhe:
rastlos rast er von Brust zu Brust,
Schooß zu Schooß,
und sucht nichts als den Menschen,
der dem Schicksal gewachsen ist.
Ein Held:
Kommt mir nicht mit Euerm Treiben,
ich weiß kein Ziel, ich will kein Wohl!
ich habe nur dies mein Herz im Leibe,
das von jeher überschwoll.
Ich hatte Freunde, ich gab Gelage,
und manches Weib war mir zu Sinn;
aber an einem Sommertage
zeigte sich mit Einem Schlage,
wozu Ich gewachsen bin.
Das Spiel der Hörner und der Geigen
verstummte plötzlich wüst und irr:
mitten durch den Erntereigen
kam ein losgerissener Stier.
Und da riß mich mein Herz vom Platze,
und man griff nach mir vor Schreck;
aber mit Einem Satze
schlug ich dem Freund in die Fratze,
stieß ich das Weibsbild weg!
Und jetzt reit ich von Sieg zu Siegen
bahnfrei auf meinem Stier dahin,
bis ich dem Schicksal erliege,
dem ich gewachsen bin.
Chor der Mütter:
Mit Schweiß und Tränen
und manchem Tropfen Blut
setzen wir Kinder auf diese Erde
und lehren sie Vorsicht
und üben Nachsicht,
bis sie sich selbst mehr lieben als uns.
Und Schweiß und Tränen
und Ströme von Blut
vergießen die Kinder dieser Erde
vor lauter Vorsicht
und lehren Nachsicht
und lernen nie, was Liebe ist.
Denn Schweiß und Tränen
und alles Blut
vergessen wir entzückt, wenn Einer,
den Blick der Sonne oder fernsten Sternen zugewandt,
über die Erde hinstürmt ohne Vorsicht,
ohne Nachsicht,
über sich und Andre hin.
Jeder Lehre zuwider,
nur dem Leben zu Liebe,
rühmen wir Kindern und Kindeskindern
opferselig den Einen,
schöpferselig den Menschen,
der dem Schicksal gewachsen ist.
Eine Waise:
Ich kenne Keinen,
der mich will leben sehn:
ich möchte weinen,
aber um wen!
Bald kommt der Herbst mit seinen Stürmen,
die Blätter schwirren;
wo werd’ich irren,
wenn sie den winzigsten Gewürmen
Heimstätten türmen?
Wohl stehn mir Hütten,
Paläste offen;
aber ich möchte mein Herz ausschütten,
Einem ins Herz zu wachsen hoffen,
und dann stehn die Menschen betroffen.
Könnt ich noch weinen,
wäre mir wohl zu Sinn;
ich kenne Keinen,
dem ich gewachsen bin.
Zwei erfahrene Sonderlinge:
Wenn uns Hilferufe schmerzen,
können wir nicht abseits bleiben;
eins und gleich ist unsern Herzen,
was uns treibt und was wir treiben.
Sei getrost!
Der eine allein:
Komm an meinen stillen See,
wenn die Menschen dich nicht wollen.
Der andre allein:
Komm auf meinen wilden Strom!
sieh, wie hell die Wellen rollen!
Der Eine:
Aber unten ist es dunkel;
komm an meinen stillen See!
Bis zum Grunde welch Gefunkel,
wenn die Sonne taucht ins Feuchte;
und in Nächten welch Geleuchte,
Welten flimmern auf wie Schnee!
Kannst du dich denn noch besinnen,
wenn dir alle Himmel winken?
wenn sie dir zu Füßen sinken
und dich spiegeln und dich trinken!
Lächelnd gehst du unter drinnen.
Der Andre:
O, du kannst dich noch besinnen;
aber komm auf meinen Strom!
Da rauscht und raunt der Urton drinnen,
dem Wellen, Wolken, Wälder, Zinnen,
Berge und Burgen entgegenrinnen,
und orgelstürmisch Dom auf Dom:
der Ton des Ursprungs aller Ziele,
der Tropfenstürze um dich her,
des Abgrunds unter deinem Kiele —
Und so gehst du mit klingendem Spiele
lachend auf ins große Meer!
Die Waise:
Auf —! Ach —: weise — lieb und weise
lachen sie mich Beide an.
Ach, wem dank ich für die Reise?
Bin ich doch nur eine Waise,
die sich nicht zerreißen kann!
Die zwei Sonderlinge:
Hahahah, du liebes Kind!
Ohne Einfalt ist am Ende
alle Weisheit taub und blind.
Komm: vereine unsre Hände —
Die drei Einigen:
die dem Schicksal gewachsen sind!
Der Held:
Wenn ich Euch in Eintracht sehe,
wird mir plötzlich kalt und heiß;
durch mein Herz brandet ein Wehe,
das sich nicht zu lassen weiß.
Holt mir jene Jungfrau vom Wege,
der das Land zu eng war hier!
Schwillt mir Deren Herz entgegen,
will ich sie an Mein Herz legen,
und ich schlacht ihr meinen Stier!
Und wir steigen zu Schiff und lenken
uns durch Wetter und Wasser und Wind;
und sie soll mir Kinder schenken,
die dem Schicksal gewachsen sind!
Chor der Kinder:
Dann wird ein Winter kommen,
friert alles Wasser zu:
da haben alle Wellen,
alle Schifflein Ruh.
Und ein stiller Weihnachtsengel
geht von Haus zu Haus,
hebt seine weißen Finger,
dreht alle Lampen aus ...
Bringt ein grünes Bäumchen mit,
steckt neue Lichter auf;
das glänzt wie Frühlingsblütennacht,
und sind auch Früchte drauf.
Du stiller Weihnachtsengel,
mach uns geschickt wie Du!
wir sind ja noch so klein, so klein,
und wachsen immer zu ...
Die Greise:
— immer zu — —
Alle Großen:
Seele der Menschheit,
immer wieder
rührst du uns aus Kindermund.
Die du alle Tiere in dir trägst
und den Blumen ihre Farben sagst
und mit jauchzenden Jammerlauten,
daß sich Steine verwandeln,
Götter gebärst:
Warum suchen wir Dich,
die du in uns bist,
uns in alle Welten schickst,
uns mit Übergewalten,
die den weisesten Mann empören,
zu Kindern machst,
die sich fromm in Alles schicken,
Alles, Alles,
die dem Schicksal gewachsen sind?! —
Zwiegesang überm Abgrund
Des Todes Stimme:
Du pfadloser Sucher,
ich will dich heimfinden lassen.
Im Schneesturm, im Nebelbrodem,
im Blitzstrahl, im Wolkenbruch,
im berauschenden Wirbel des Lichts von Welle zu Welle
sollst du dich schaukeln traumgewiegt,
in jeder Luftspiegelung zuhause,
in jedem Steinfunken, jedem Samenflimmer,
ruhsamer Phönix im fliegenden Feuernest:
tu nur den Schritt jetzt, vor dem dir graut,
zu dem dein Grauen dich kniefällig lockt,
den einen Sprung von deinem erkrochenen Gipfel
in meine allbeschwingende,
allverschlingende,
unerschöpfliche Tiefe.
Eines Menschen Erwiderung:
Versucher, zielloser du,
ich danke dir.
Hab ich nicht schon, was du alles versprichst?
Die Jagd durchs Luftmeer vom frühen Morgen an,
die Entzückung, mich wie ein Baum zu fühlen,
wenn ich die Arme ins Blaue strecke,
vogelleicht atmend mit heißen Lungenflügeln,
wurzelhafte Schwermut im Nerven- und Adern-Geflecht,
Kopf, Herz, Schooß voller Keimtriebe!
Und hab ein Ziel:
bei der Heimkehr Abends in stiller Kammer
den dunkeln Blick meiner lieben Frau,
mit dem sie mir den Schlaftrunk reicht,
einen irdnen Krug voll Milch oder Wein
und voll Ruhe.
Am Opferherd
Komm an mein Feuer, mein Weib,
es ist kalt in der Welt.
Komm an mein Feuer und lege
dein Ohr an mein Herz.
Komm an mein Feuer und mache aus meinen Händen
eine leuchtende Schale für die Wärme,
die wir — o wir, mein Weib — verschwenden
an die Welt.