Kleinkindergeschichten
1) Tippel und Tappel
Ist euch schon einmal langweilig zumute gewesen? Dann paßt mal auf, wie lustig man mit sich selber spielen und sich die Zeit vertreiben kann!
Auf dem Dachsfell vor Großvaters Schlafstube saß der kleine Peter, und hatte seine Schuhchen ausgezogen, und besah sich seine dicken, drallen, rosablanken Beinchen mit den blau und rot gestreiften Socken dran. Auf einmal aber waren es gar keine Beinchen mehr, sondern er legte sich auf den Rücken und hob sie in die Luft, da waren es zwei große richtige Soldaten, und der eine hieß Tippel, der andere Tappel.
Tippel hatte eine rote Nasenspitze, und Tappel eine blaue; denn sie waren eben erst von draußen gekommen, und draußen war es furchtbar kalt.
Nun kommandierte der kleine Peter: rrührt euch, marrsch — ganz wie der große Herr Leutnant auf dem Exerzierplatz. Und da schwenkte erst Tippel die rote und dann Tappel die blaue Nasenspitze hin und her, und hatten wunderschöne blau und rot gestreifte Jacken an, und Peter kommandierte immerfort: rrechts schwenkt, llinks schwenkt — rechts schwenkt, marsch! —
Das ging so eine ganze Weile lang; bis Tippel und Tappel wütend wurden. Denn sie waren währenddem warm geworden, und waren nun beide eigentlich müde, und wollten dem kleinen Peter nicht mehr recht gehorchen. Also fingen sie an zu zappeln und zu strampeln.
Halt! schrie da plötzlich der kleine Peter, ganz wie der große Herr Leutnant auf dem Exerzierplatz. Denn er war nun auch warm und wütend geworden und wollte Großvaters lange Flinte aus der Schlafstube holen und die beiden faulen Soldaten totschießen.
Aber da krigten die solchen Schreck, daß sie bautz zurück auf das Dachsfell fielen; und da waren es wieder zwei kleine dicke Beinchen mit blau und rot gestreiften Socken dran.
2) Der Sonnenstrahl
Ganz hoch oben über den Wolken wohnte einmal ein Sonnenstrahl, ein richtiger Spinnefix; dem war die Zeit zu lang, und deshalb ging er immer mit den Wolken spielen. Ich sage euch, ganz prachtvoll kann man damit spielen! Morgens spielte er Ball mit ihnen, oder Greifen, und Abends Schaukelpferd; und manchmal ließ er seine langen gelben Beine bis auf den Mond herunterbaumeln, oder er schoß kobolz, quer über die blaue Himmelsrutschbahn. Und wenn er einmal hinpurzelte, dann tat es garnicht weh; denn wißt ihr, Wolken sind noch viel, viel weicher als ein Federbett.
Eines Tages aber purzelte er nicht auf eine Wolke, sondern zwischen zweien mittendurch, und fiel auf die Erde, in den Potsdamer Schloßpark; da lag er unter einer großen Kastanie, nachmittags um sieben, ganz blaß und schmal, im grünen Gras. Doch weil es ringsherum sehr still war, bekam er wieder Mut und fing ein lustiges Liedchen zu summen an, das seine Mutter Sonne ihm eingelernt hatte:
Ich bin so blank wie Butter,
ich hab eine goldne Mutter,
ich laufe schneller als alle Pferde,
und manchmal fall ich auf die Erde;
kribbel, krabbel, kringel,
was wird nun aus dem Schlingel?
Auf einmal kam der Bäckermeister Paul Lommatsch anspaziert, der die schönen gelben Prezeln zu backen versteht, und sah den blanken Sonnenstrahl so durch den grünen Schatten krabbeln, und blieb stehen. Na! dachte der Sonnenstrahl: was will denn der von mir? und machte sich ganz klein vor Angst. Der dicke Herr Lommatsch aber sah ihn doch und brummelte vergnügt: „Ei, was für’n schöner gelber Sonnenstrahl! Da wolln wir mal ’ne Prezel draus backen; und wenn so’n rechter braver Goldbub in meinen Laden kommt, dann krigt er die.“ Und grips-graps hob er den Sonnenstrahl auf und steckte ihn in die Tasche.
Nun braucht ihr aber nicht traurig zu sein, weil einer von euch die Prezel vielleicht geschenkt bekommt und den schönen Sonnenstrahl dann mit aufißt. Denn seht ihr, ich kenne den Herrn Lommatsch, und der hat mir neulich ins Ohr gesagt: das schad’t dem blanken Spinnefix nix. Denn wenn ihr dann recht fröhlich hinaufguckt in den blauen Himmel, dann wird der Sonnenstrahl wieder lebendig und kommt aus euern hellen Augen herausgekrabbelt und springt mit Einem Blutz auf die nächste weiße Wolke hinauf und fliegt zurück zu seiner goldenen Mutter.
3) Die Pfauenfeder
Jetzt will ich euch aber eine ganz, ganz wahre Geschichte erzählen; die fängt auf einem Heuwagen an und hört im obersten Himmel auf.
Der Heuwagen nämlich kam von der Wiese; und obendrauf, da saß der kleine Richard, mitten zwischen dem frischen Heu, das süßer roch als Tee und Honigkuchen, und hatte eine grüne Sammtmütze auf, mit einer herrlichen Pfauenfeder dran. Die hatte seine liebe Mutter ihm selbst angenäht; und deshalb, und weil sie gar so herrlich grün und blau und goldbunt aussah, war seine Mütze ihm schrecklich lieb.
Auf einmal, als er in dem süßen Heu schon beinah einschlafen wollte, kam hui ein Wind übers Feld, nahm ihm die Mütze mir nichts dir nichts aus den Locken und warf sie auf die Erde.
Der kleine Richard, der immer schon ein großer Wildfang war, bekam erst einen mächtigen Schreck, dann sprang er schnurstracks seiner lieben Mütze nach, bautz von dem hohen Wagen herunter.
Eine Weile lang sah er nichts als schwarze Nacht und hörte immerfort den Himmel brausen. Die Erde fühlte er überhaupt nicht mehr, blos einen furchtbaren Ruck im Kopf, der garnicht aufhören wollte, als ob ein hohles Faß mit ihm durch einen dunkeln Keller rollte, und seine Beine lagen ganz weit weg von ihm.
Endlich wurde es wieder etwas heller: viel tausend silberne Sterne tanzten durch die schwarze Nacht. Und zwischen den Sternen sah er seine Pfauenfeder fliegen, und sah sie größer und immer größer werden, und immer grüner, blauer und goldbunter funkeln, wie eine große goldbunte Schaukel. Und plötzlich saß auf dieser großen Schaukel seine liebe Mutter, und hatte hellblaue Engelsflügel an, und flocht sich ihre langen schönen Haare, und schwebte immer höher vor ihm her.
Da fing der wilde Richard an zu weinen, weil seine liebe Mutter ihn garnicht dabei ansehen wollte; und so sehr weh war ihm ums Herz, daß er die kleinen Arme hochheben mußte, immer höher, bis über die silbernen Sterne hoch — und da auf einmal wurde der ganze Himmel hell, denn seine liebe Mutter hatte ihn angesehen, so tief ins Herz, daß er die Augen zumachen mußte.
Und wie er sie schüchtern wieder aufmachte, da hatte Mutter ihn auf dem Schooß und streichelte seine heißen Locken, und sagte weinend: du böser, böser Junge du!
Im Grase aber, neben ihr, lag seine schöne Sammetmütze mitsamt der Pfauenfeder; und als er nun verwundert danach langte, da sah die liebe Mutter gleich wieder ebenso selig aus, wie oben über den Sternen, und küßte ihn. Und seht ihr, da merkte der kleine Richard, daß er vom Heuwagen ’runtergefallen und dann im obersten Himmel war, und daß der auf der Erde liegt.