Das Dichterspiel

Jedes Jahr am Sylvesterabend machte die kleine Ursula bei Tante Li und Onkel Ri Besuch, und diesmal hatte sie ihren Vetter Heinz Peter und seinen Freund Heinz Lux mitgebracht, die beide schon etwas größer waren. Es sollte das Dichterspiel gespielt werden; und die Ursel, die nun bald dreizehn Jahre alt wurde, war ganz aufgeregt vor Spannung, ob sie wohl auch einen Preis kriegen könnte, oder ob ihr die großen Bengels, die immer alles besser wußten, wieder eine lange Nase drehn würden.

„Zu dem Dichterspiel“, erklärte der Onkel Ri, „gehört nichts weiter, meine Herrschaften, als die nötige Menge Papier und Bleistifte, ein bißchen Zeit und ein bißchen Grips. Jeder von uns sagt zwei Hauptwörter, und die schreiben wir alle auf. Dann muß jeder um diese Wörter herum eine kurze Geschichte dichten und natürlich auch aufschreiben, innerhalb einer bestimmten Frist. Da wir fünf Dichter sind, kommen zehn Wörter ins Spiel; setzen wir also zehn Minuten Frist! Nachher liest jeder seine Geschichte vor, und wir stimmen ab, wer die beste ersonnen hat; der darf sich als Preis ein Licht vom Weihnachtsbaum holen. Wer den Abend über die meisten Lichter gewinnt, der ist Sieger und krigt den Sternpreis, wenn der Weihnachtsbaum geplündert wird.“

Der Sternpreis, das war ein Stern mit fünf Zacken, der in jedem Jahr auf der Baumspitze stak; und an den Zacken hing immer allerlei Süßes, wie die Ursel aus Erfahrung wußte. Ach, ob sie wohl heute siegen würde? Wäre sie blos nicht so dumm gewesen, die zwei Bengels mitzubringen, statt wieder ein paar Freundinnen. Grips genug hatte sie selbstverständlich, aber an Fixigkeit waren die Buben ihr über. Was für ausgefallene Wörter sie gleich bei der ersten Aufgabe nahmen! Krauskopf, Bewußtsein, Element, Sportkostüm. Dann sagten die Tante und der Onkel: Ufer, Brücke, Jagd, Pfeil. Und zuletzt die Ursel: Spitze, Stern. Und o weh: als die zehn Minuten vorbei waren, hatte sie richtig ihre Geschichte höchstens erst dreiviertel fertig. Aber ein Trost war es wenigstens, daß nach der Abstimmung keiner der Heinze das erste Licht vom Baum holen durfte, sondern einstimmig gewann Tante Li. Ihre Geschichte lautete:

Ich stand einmal vor einer Brücke. Über diese Brücke jagte auf einem Rappen eine junge Negerin, umflattert von einem weiten buntwollenen Mantel. Hoch in der rechten Hand, über ihrem Krauskopf, hielt sie einen langen Pfeil. Ihr ganzer Körper war Aufgeregtheit. Sie trieb ihren Gaul zu rasender Hetzjagd an, und als sie die Brücke hinter sich hatte, stürmte sie den Fluß entlang und ließ endlich ihren Pfeil in den Ufersand sausen. Sie hob ihn auf, und wieder gings wie ein entfesseltes Element über die Brücke zurück, dann jenseits ein Stück das Ufer entlang, und als Ende der Jagd: der Pfeil in den Sand. Es war in diesem verbohrten Treiben eine so schrecklich sinnlose Wildheit, daß ich immer noch stand, als sie noch einmal über die Brücke herüberkam und wie beim ersten Mal umkehrte und abermals zurückstürmte. Da, als sie grad auf der Mitte der Brücke war, geht mit ruhigen Schritten eine Dame ihr nach, ebenso jung, aber weißhäutig, mit maisgoldnem Haar, sehr hoch und schlank, gekleidet in ein schlichtes, schwarzes, eng anliegendes Sportkostüm. Sie trug auch einen langen Pfeil in der Hand, aber ganz leicht und unauffällig. Als sie dort angekommen war, wo vor ihr her die Wilde jagte, hielt sie an, zielte einen einzigen Augenblick, aber mit äußerstem Bewußtsein, schleuderte ihren Pfeil, und dieser flog, scharf über dem Kopf der Wilden hin, schneller als deren Pfeil, erst gradaus, dann im Bogen über die Brückenecke, aber nicht in den Sand des Ufers, sondern ihr Ziel war ein fünfzackiger Stern, der auf der Spitze eines Bootmastes stak.

Die Ursel war ganz blaß geworden und strich sich ihr blondes Haar aus der Stirn; sie hatte gemerkt, worauf die Tante anspielte, und nahm sich vor, bei der nächsten Aufgabe vielviel ruhiger nachzudenken. Aber sie wurde doch wieder nicht fertig, und das zweite Licht gewann der Heinz Lux. Diesmal hießen die Hauptwörter: China, Bahnhofsuhr, Teppich, Karaffe, Kachel, Gardine, Elefant, Neptun, Schlafzimmer, Büffett — und dazu hatte der freche Lux folgende Geschichte erfunden:

Im Kaiserreich China befindet sich eine seltsame Bahnhofsuhr. Sobald sie zwölf zu schlagen anfängt, springt aus dem Zifferblatt eine flache Kachel, gemustert wie ein persischer Teppich, und darauf steht ein weißer Porzellan-Elefant. Wenn du dich auf den Elefanten setzt, trägt er dich so schnell im Kreise um die große Uhr herum, daß du die Besinnung zu verlieren glaubst; bis er auf einmal stehen bleibt und dich in einer Meergrotte absetzt. Nach dem ersten Erstaunen erkennst du, daß du im Schlafzimmer Neptuns bist, des Gottes der Ertrunkenen — und der Betrunkenen. Denn wenn du die Gardine zurückschlägst, stehst du einem unübersehbaren Büffett gegenüber, in dem Karaffe neben Karaffe glänzt, und jede Karaffe enthält einen Likör, worin der tolle Gott die Träume jeder ertrunkenen Seele aufbewahrt. Davon mußt du natürlich mal kosten; und in dem Augenblick, wo du den ersten Tropfen schmeckst, kommst du wieder zur Besinnung, und die Uhr tut den letzten der zwölf Schläge.

Nur die Ursel hatte dagegen gestimmt und bei dem Wort „Betrunkenen“ pfui gerufen; wofür ihr der Peter Heinz einen Puff versetzte, wofür ihm der Onkel Ri das Punschglas entzog. „Jetzt wollen wir aber,“ fuhr der Onkel fort, der bis dahin auch noch nichts fertig gebracht hatte oder vielleicht auch blos so tat, „die Sache ein bißchen schwerer machen. Jedes der aufgegebenen Wörter darf nur Einmal gebraucht werden; dafür darf aber jeder drei Wörter aufgeben, und die Frist dauert fünfzehn Minuten.“ Dabei plinkte er der Ursel zu, sodaß sie guten Mut faßte. Es kamen folgende Wörter ins Spiel: Schehresade, Karamelle, Zitadelle, Abenteurer, Prophet, Gazelle, Winternacht, Sommermittag, Paradies, Wüstensand, Palast, Feuer, Braut, Lied, Quelle — aber die Ursel wurde wieder nicht fertig. Doch diesmal machte sie sich nichts draus, denn Onkel Ri hatte jetzt in Versen gedichtet, da konnte natürlich kein Andrer siegen; und wenn der Onkel oder die Tante den Sternpreis bekamen, dann würden sie ihn nachher doch ihr schenken. Nun las er vor: „Morgenländisches Preislied“ — und indem er die Tante sonderbar ansah, schob er erst noch die Bemerkung ein, daß ihm am heutigen Abend ein Hymnus auf die orientalische Phantasie sehr angebracht scheine, weil ja das Weihnachtsfest und die Neujahrsfeier aus dem Morgenland zu uns gekommen seien. Hierauf deklamierte er:

O Schehresade, Fee der Nacht,

in der die Wunderschelle klingt,

o Fee, welch Lied ist hold genug,

die hohe Wonne anzustimmen,

die uns zu deiner Schwelle zwingt —

so hold, wie durch den Palmenhain

im Frühling die Gazelle springt,

so hold, wie aus dem Wüstensand

am dürren Sommermittag plötzlich

durchs Dorngestrüpp die Quelle dringt —

so hold, wie durch die Winternacht

die Glut der Feuerstelle singt,

wenn unterm dichtverhängten Zelt

dem heimgekehrten Abenteurer

die Braut die Lagerfelle bringt —

so hold, wie der Prophet den Mond

aus Allahs Zitadelle schwingt

und dann beim goldnen Sternetanz

feucht aus dem Mund der schönsten Huri

die Honigkaramelle schlingt —

so, Fee der tausendzweiten Nacht,

die uns zu Deiner Schwelle zwingt,

so hält uns dein Palast im Bann,

bis deinen bunten Zauberteppich

die rosige Morgenhelle schminkt —

bis uns das ganze Firmament

wie eine Wunderschelle klingt,

bei deren Ton das Paradies

samt allen Wonnen dieser Erde

in jede ärmste Zelle sinkt! —

Aber der Onkel bekam den Preis nicht. Tante Li erklärte mit strenger Miene das Gedicht für „unverständlich“; und die Ursel merkte, wie sich die beiden Heinze unterm Tisch mit den Beinen anstießen, und daß der Lux dem Peter was ins Ohr flüsterte, worin das Wort „unanständig“ vorkam. Da fuhr sie aber entrüstet dazwischen: „Was! Ihr? Erst vorgestern hab ich euch alle beide an meinem Bonbon mitlutschen lassen, und das hat euch sehr nach mehr geschmeckt! Und überhaupt sind die Gedichte von Onkel Ri genau so verständlich, wie die von Onkel Goethe und Schiller! Und Tausendundeine Nacht hab ich auch gelesen!“ Die Heinze waren krebsrot geworden, und der Peter brummelte: „dummes Jöhr!“ Aber die Tante legte ihm die Hand auf den Mund, und mit der andern Hand fuhr sie der Ursel liebkosend über die heißen Backen. Dann sagte sie zu Onkel Ri, der still in sein Punschglas hineinlachte: „Es ist aber gegen die Spielregel, daß du uns hier mit Versen den Kopf verdrehst; also hat diesmal keiner gewonnen. Von jetzt an wird wieder blos zehn Minuten gedichtet, und in ebenso einfacher Sprache, wie Schehresade gedichtet hat. Ich glaube, das Einfache ist das Schwerste; andre Schwierigkeiten sind überflüssig. Wers am einfachsten kann, krigt das nächste Licht.“ Die zehn Hauptwörter lauteten nun: Trauerweide, Vogel, Rock, Hütte, Arbeit, Spieldose, Kinderjubel, Pfauenauge, Prinz, Bettler. Und wirklich: die Ursel wurde zur rechten Zeit fertig, sogar schon eine Minute zu früh, während Onkel Ri mit gerunzelter Stirn noch allerhand verbesserte und die beiden Buben noch lauter Unsinn klierten. O, wie sie die Bengels verachtete! besonders aber den frechen Heinz Lux! Freilich, das Licht gewann sie drum doch nicht. Sondern, wie sie sichs schon gedacht hatte, da der Onkel sich solche Mühe gab: die Tante holte ihm selbst das Licht, er hatte eine richtige Fabel gedichtet:

Neben einer Hütte stand eine Trauerweide; darunter saß ein alter Mann und flickte seinen zerlumpten Rock. Da flog ein Pfauenauge vorüber, ohne daß der Mann es bemerkte; und aus der Krone des Baumes kam ein Vogel und verfolgte den Schmetterling. Zugleich begann im Innern der Hütte eine Spieldose zu klingen, so entzückend wie ferner Kinderjubel, sodaß der Mann von seiner Arbeit aufsah, und da verschlang der Vogel den Schmetterling. Der Mann aber, der das mitansah, dachte: Weil ich ein alter Bettler bin, möchte ich sterben wie dieses Pfauenauge; wenn ich ein junger Prinz wäre, wollte ich leben wie dieser Vogel.

Die nächste Aufgabe hörte sich lustiger an. Sie bestand aus den Wörtern: Löwe, Strohwisch, Strumpfband, Tür, Bart, Igel, Hampelmann, Tintenwischer, Badehose, Käsestulle. Da machte die Ursel sich wenig Hoffnung; da würde gewiß der ulkige Peter gewinnen. Er kam auch gleich als erster zum Vorlesen dran, und seine Geschichte war wirklich gelungen:

Einst schlief ich am Weihnachts-Heiligabend über meinen Spielsachen ein. Nach etlicher Zeit erwachte ich und sah das Zimmer in sehr verändertem Licht. Die Wände waren blutrot tapeziert, und durch den Fußboden floß ein blanker, durch und durch himmelblauer Fluß, an dem lauter knallgrüne Bäume standen, einer genau wie der andere. Auf einmal öffnete sich die Tür, und mein alter Hampelmann trat mir entgegen, in einer nagelneuen Uniform, und hinter ihm her ein ganz Regiment Soldaten. Die Soldaten waren aber nicht etwa Bleisoldaten, sondern Igel in Kürassier-Uniform, die auf gepanzerten Löwen ritten. Es sollte großes Manöver sein; darum hatte sich jeder Igel an seiner Waffe einen Tintenwischer oder auch Strohwisch angebracht, um nur ja niemand zu verletzen. Jeder Löwe hatte außer dem Panzer noch eine Badehose an, von der ein Strumpfband als Ordensband herabhing. Nun gab der Hampelmann ein Zeichen, und die Soldaten stellten sich zu beiden Seiten des Flusses auf, schlugen sich und schossen sich und machten kolossal viel Musik dazu. Bald darauf war Frühstückspause, und jeder aß eine Käsestulle. Ich hatte mich immerfort geärgert, daß mein Hampelmann als Soldat keinen Schnurrbart trug. Jetzt in der Pause bemerkte ich plötzlich, daß ihm aus seinen Nasenlöchern ein riesenhafter „Es ist erreicht“ wuchs. Davon krigte ich solchen Schreck, daß ich nun wirklich aus meinem Traum erwachte.

Die beiden Heinze sahen sehr siegesbewußt aus, denn Onkel Ri hatte mehrmals Beifall genickt, und der Lux war natürlich sofort bereit, dem Peter seine Stimme zu geben. Aber ihre Gesichter veränderten sich, als jetzt die Tante ihre Geschichte vorlas:

Mitten in der Nacht, denkt mal, erscheint neulich bei verschlossener Tür ein Hampelmann vor meinem Bett. Kinder, Kinder, wie sah der aus! Ein grüner Bart — denkt nur: ein grüner Bart — hing ihm von den Augenwimpern bis auf sein gelbes Strumpfband herab, das er aber nicht ums Bein, sondern um den Hals trug. Von seiner übrigen Kleidung läßt sich wenig erzählen, denn er hatte nichts weiter an als eine weiße Badehose. Und auf was kam das Männlein dahergeritten? Ihr denkt auf einem Strohwisch? Falsch. Ihr denkt auf einem Igel? Noch falscher. Auf einem Löwen kam er daher! Aber der Löwe war so sanft, als hätte er niemals Menschen und Tiere gefressen, sondern als wäre er mit Käsestullen großgefüttert worden. So glich denn auch sein Haarschmuck mehr einem Tintenwischer, als einer königlichen Mähne. Aber jetzt öffnete er seinen Rachen; sogleich riß der Hampelmann auch seinen Mund auf, beide rollten wie rasend die Augen, sie verknäulten sich ineinander, und ich wüßte meiner Treu nicht zu sagen, ob der Löwe den Hampelmann oder der Hampelmann den Löwen verschlungen hat, denn schon im nächsten Augenblick war von Beiden keine Spur mehr übrig.

Heinz Peter erklärte ritterlich, dagegen sei seine Geschichte ein Quark; und nun stimmte der Lux auch für Tante Li. Aber da sagte Onkel Ri, indem er lächelnd sein eignes Blatt zerriß: „Aber Peters Geschichte ist einfacher!“ Worauf die Tante ebenso lächelte und ihre Stimme dem Peter gab. Also stand die Entscheidung bei der Ursel, und sie ging schon mit sich zu Rate, ob sie wirklich großmütig sein und als dritte für ihn stimmen sollte, als er plötzlich großspurig auftrumpfte, er wolle nicht aus Gnade gewinnen. Worauf der Onkel ihm erst die Schulter klopfte und ihm dann das Punschglas gefüllt zurückgab. „Da also“, fügte der Onkel hinzu, „wieder keiner gewonnen hat, wollen wirs jetzt noch einfacher machen, d. h. so schwer wie irgend möglich. Außer den ausgegebenen Wörtern darf kein anderes Hauptwort benutzt werden; jedes aufgegebene Wort darf nur einmal verwendet werden und nur in der vorgeschriebenen Reihenfolge. Je knapper die Sätze sind, desto besser.“

Die Ursel war nahe daran, zu weinen; der Onkel Ri hatte sicher gemerkt, daß sie den Bengels den Sternpreis nicht gönnte, darum stellte er so verschmitzte Spielregeln auf, die ihr den Kopf ganz wirblig machten. Und noch dazu wurden auch diesmal wieder lauter Ulkwörter vorgeschlagen; sogar sie selber nannte solche, sie wußte garnicht wieso eigentlich. Die zehn Wörter standen in folgender Reihe: Elefantenküken, Ballettdame, Aquavit, Hundekuchen, Stricknadel, Menschenfeind, Rosenkranz, Pfropfenzieher, Monokel, Kiste. Da konnte doch wirklich kein artiges Mädchen, das eine richtige Dame werden wollte, einen vernünftigen Sinn hineinbringen. Trotzdem brachte sie zu ihrem Erstaunen eine ganz hübsche Schnurre zustande, worin das Elefantenküken, die Ballettdame und der Menschenfeind mit all den andern Dummheiten in eine große Kiste gepackt und so lange geschüttelt wurden, bis der Menschenfeind sich zu bessern versprach. Sowohl der Onkel wie die Tante waren sehr zufrieden damit; blos das Wort Menschenfeind hatte sie zweimal gebraucht. Und das Licht gewann doch der Peter Heinz, er trug im Leutnantston Folgendes vor:

Äh, wissen schon? Elefantenküken. Äh: verliebt in Ballettdame. Sie abjeschnappt, er sich in Aquavit besoffen und Hundekuchen dazu jefressen; äh, mit Stricknadeln notabene, janz verrückt. Menschenfeind dabei jemimt: äh, Rosenkranz jebetet, Pfropfenzieher jeschluckt, Monokel injeklemmt, krepiert. Dolle Kiste.

Da mußten sie alle so kreuzvergnügt lachen, daß er einstimmig das vierte Licht bekam. „Und nun,“ sprach der Onkel Ri mit erhobenem Zeigefinger, „nachdem wir nun zur Genüge gelernt haben, worauf es bei dem Dichterspiel ankommt, darf sichs jeder wieder so leicht machen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nur muß es nachher auch allen Andern ebenso leicht in den Schnabel passen; das nämlich ist das Allerschwerste. Und deshalb darf sich diesmal jeder zwanzig Minuten Zeit lassen.“ Aber das ließ die Ursel nicht gelten; was sollte denn der Lux von ihr denken! „Höchstens fünfzehn Minuten,“ rief sie beharrlich; denn sie wußte sehr wohl, daß Onkel Ri blos ihretwegen zwanzig vorschlug, und daß die Buben sie beim Nachhauseweg immerfort damit foppen würden. Und dann nahm sie sich so mächtig zusammen, daß sie garnicht mehr an den Sternpreis dachte und schon nach neuneinhalb Minuten als allererste fertig wurde. Die ausgegebenen Wörter hießen: Bücherschrank, Drehorgel, Roastbeef, Schnapsflasche, Radieschen, Blauschwänzchen, Kirchturm, Gemüsewagen, Puppentheater, Glasfabrikation. Und siehe da: das fünfte Licht wurde auf Antrag der beiden Heinze einstimmig der Ursel zugesprochen. Ihre Geschichte lautete:

Ein Blauschwänzchen hatte Freundschaft mit einem Radieschen geschlossen. Sie waren aber beide sehr arm, und das Blauschwänzchen litt manchmal großen Hunger. Das Radieschen, dessen Kusinen öfters auf dem Gemüsewagen zur Stadt gefahren waren, sagte zu dem Blauschwänzchen: Fliege doch auch mal in die Stadt, da gibt es Roastbeef und Leipziger Allerlei. Aber das Roastbeef war zu grob für das Blauschwänzchen, und das Leipziger Allerlei war versalzen. Da wollte es sich bei einem Puppentheater als Singvögelchen anstellen lassen; aber es kam nur ein Mann mit einer Schnapsflasche, und eine Drehorgel wurde gespielt, und auf der Bühne stand ein Bücherschrank, aber zu essen gab es nichts. Der Mann war der Theaterdirektor und sagte zu dem Blauschwänzchen: Ich rate dir die Glasfabrikation zu erlernen, dabei kann man viel Geld verdienen und sich die feinsten Sachen kaufen. Aber die Glasfabrikation war für das Blauschwänzchen eine viel zu heiße Arbeit. Da flog es auf den Kirchturm hinauf und sah sich nach allen Seiten um und flog wieder zurück aufs Feld; und weil es noch immer hungrig war, fraß es das kleine Radieschen auf. Als es aber damit fertig war, fiel dem Blauschwänzchen plötzlich ein, daß das Radieschen sein Freundchen gewesen war; und nun grämte es sich so sehr, daß es wie unsinnig hin und her flog und sich endlich zu Tode flog. Dicht bei dem Kirchturm in der Stadt ist es aus der Luft heruntergefallen.

Die Ursel konnte es garnicht fassen, daß die Andern die Geschichte so lobten. Und kaum hatte der Heinz Lux ihr das Licht geholt, als die Uhr Mitternacht zu schlagen anfing, und draußen auf der Straße wurde „Prost Neujahr“ gerufen. Nun stießen sie alle mit den Punschgläsern an, und da fiel der Ursel der Sternpreis wieder ein, denn nun wurde ja gleich der Weihnachtsbaum geplündert. Merkwürdig, daß ihr jetzt auf einmal garnichts mehr an dem Leckerkram lag; es war doch eigentlich das Schönste, daß schließlich jeder gesiegt hatte. Aber da sprach der Onkel Ri: „Jeder von uns, meine Herrschaften, hat heute Abend ein Licht gewonnen, aber die Ursula ist die Jüngste und weiß noch am wenigsten von der Welt; also hat sie am meisten aus sich selbst ersonnen, und deshalb gebührt der Sternpreis ihr.“

Und als nun die Heinze ganz ehrlich Beifall klatschten, da stieg ihr die Glückseligkeit so siedend heiß in die Augen hoch, daß sie der Tante Li um den Hals fiel, damit die Andern das Tränchen nicht sehen sollten. Und sie nahm sich vor, die leckersten Zacken beim Nachhauseweg den Buben zu geben, besonders aber dem frechen Heinz Lux, den sie doch eigentlich garnicht leiden konnte.

Der Allerseelenspiegel

Eine Traumgeschichte

Es fing schon an dunkel zu werden, und Liselotte saß noch immer ganz alleine in dem großen Hause, in dem es so schaurig nach Essig roch und weißen Blumen. Denn vorgestern Nacht war der Großvater gestorben, und jetzt waren Alle hinaus nach dem Friedhof, um ihn begraben zu helfen; darum saß sie allein.

Sie fürchtete sich aber garnicht. Denn sie war schon fast sieben Jahre alt, und Großvater hatte immer gesagt: wer sich fürchtet, der kommt nicht in’n Himmel.

Blos hungern tat sie ein bißchen. Aber von Tante Agathens Topfkuchen, der in der dunklen Stube stand, mochte sie lieber nichts nehmen heute: weil alles so sehr nach Essig roch. Also sah sie zum Fenster hinaus.

Sie traute sich aber nicht aufzumachen: weil sonst auch der schöne Blumengeruch mit wegging. Darum legte sie nur das Kinn auf das Fensterbrett, und sah hinunter über den Fluß, und drüben den schwarzen Bergwald hinauf, wo oben der runde Mond schon glänzte, ganz still wie ein Spiegel.

Wenn der nun auf einmal herunterrollte! den hohen Berg und ins Wasser. Denn Großvater hatte immer gesagt, es sei gar kein Spiegel; es sei eine schwere steinerne Kugel, viel schwerer als ein Zentner.

Die würde dann also alles totschlagen: die Bäume, die Schiffe und die Häuser, und Großvaters Lehnstuhl, in dem sie saß. Und Liselotte machte die Augen zu: weil sie sich doch nicht fürchten wollte.

Denn er konnte ja garnicht herunterrollen. Er war ja festgebunden an den Himmel, vom lieben Gott, mit unsichtbaren Ketten.

Wenn er nun aber doch herunterrollte? — Da faltete sie die Hände zusammen, und machte die Augen noch fester zu, und betete heimlich ein Lied, das Großvater ihr gedichtet hatte:

Ich heiße Liselotte,

ich will zum lieben Gotte.

Ach, Mondchen, leuchte mir empor

und öffne mir das Himmelstor,

ich bin so sehr alleine!

Ich will dir auch was schenken:

lila Bulabenken.

Die wachsen hinter Wundertal

alle hundert Jahre mal;

such, dann sind sie deine!

Und als sie das gebetet hatte, kam ihr der Mond auf einmal so wunderlich vor, daß sie die Augen garnicht mehr aufmachen mochte, wie im Traum. Ganz hell und offen stand der goldne Kreis da oben, daß man nur einfach hineinzugehn brauchte, dann war man im Himmel.

Blos großen Hunger mußte er auch wohl haben; noch größeren als sie selber. Denn solchen großen dunkeln Mund, wie er in seinem blanken Gesicht jetzt machte, hatte sie nie im Leben gesehen.

Aber von Tante Agathens Topfkuchen konnte sie ihm doch wirklich nichts bringen; da waren ja nicht einmal Mandeln drin. Also nahm sie ihr neues Handkörbchen mit, das silberne, und ging durch den Garten die Gasse hinunter, wo der Konditor Friedrich Zerwes wohnte, und kaufte zwei Stückchen frische Nußtorte; davon wollte sie ihm eins abgeben.

Als sie nun immer weiter wanderte, über die Brücke den Berg hinauf, kam sie auch an dem Friedhof vorbei, in dem der Großvater begraben lag; dicht neben Mutterchen, hatte Vater gesagt. Und auch ihr Schwesterchen Liselore lag da; das hatte sie aber nicht mehr gekannt. Und als sie durch das dunkle Gittertor sah, da brannten lauter Lichter auf all den Gräbern, und weiße Blumen blühten dazwischen, denn es war Allerseelentag.

Da wollte sie schnell noch erst nachsehen, ob Großvaters Seele wirklich noch lebte; denn neulich hatte er ihr erzählt, daß man die Seele nicht mitbegraben könne. Aber da suchten schon so viel fremde Leute nach Seelen, daß sie sich zwischen den tausend Lichtern verirrte; und als sie endlich müde beiseite ging, da war auch der Mond oben weggegangen, und Keiner kümmerte sich um sie.

So stand sie traurig mit ihrem Körbchen im Dunkeln, da wo die Gräber der Armenkinder sind, und wollte fast schon zu weinen anfangen, so sehr alleine war ihr zumute.

Auf einmal regte sich etwas hinter ihr, und als sie erschrak und sich umdrehte, kam zwischen den Gräbern ein kleines Mädchen auf sie zu, mit einem geflickten Röckchen an und einer lila Schürze darüber. Das hatte solche goldigen Augen, daß Liselotte im stillen dachte: noch schöner als mein silbernes Körbchen.

Das arme Mädchen aber sprach leise: ich habe nichts weiter für mein Schwesterchen — und dabei holte es unter der Schürze einen kleinen kreisrunden Spiegel hervor und stellte ihn auf ein kahles Grab.

Da wollte doch Liselotte sie trösten, und streichelte freundlich den kleinen Hügel und kniete wie sie vor dem Spiegelchen nieder. Als sie nun aber hineinblickte so: siehe, da waren die tausend Lichter des ganzen Friedhofs darin zu sehen, und alle die weißen Blumen dazwischen, daß ihr das Körbchen fast hinfiel vor Staunen, und war Ein Glanz und Eine Herrlichkeit.

Das arme Mädchen aber lächelte nur und nickte Liselotten still zu; und ganz glückselig zeigten sich beide, wie reich nun das Grab des Schwesterchens war, viel reicher als irgend ein anderes.

Und manchmal kamen auch fremde Leute vorbei; die merkten, wie sehr sie sich freuten zusammen, und wollten nun sehen, warum und wieso, und bückten sich neugierig über das Hügelchen.

Aber mit ihren dicken Köpfen, sobald sie dem Spiegel zu nahe kamen, sahen sie nichts als ihr eignes Gesicht, als ob sie selbst da im Grabe säßen, bis an den Hals. Da krigten sie Furcht vor dem armen Mädchen, und alle liefen rasch wieder weg.

Blos Liselotte, die niemals sich fürchtete, blieb wie im Himmel neben ihr sitzen, und strich ihr das Röckchen glatt und sagte: Wie wird sich nun aber dein Schwesterchen freuen, daß alle Seelen vom ganzen Friedhof in ihrem Spiegel beisammen sind! Mein Großvater ist auch darunter! und Mutterchen!

Dann machte sie heimlich ihr silbernes Körbchen auf und wollte die Nußtorte mit ihr teilen, und dabei fragte sie: Wie heißt du denn?

Da lächelte wieder das arme Mädchen, und blickte noch goldiger vor sich hin, und sagte leise, als ob sie träumte:

Ich heiße Liselore.

Ich komm vom Himmelstore.

Ich sah mein Schwesterchen hier stehn,

es wollte in den Mond hingehn,

es stand so sehr alleine.

Es wollt dem Mond was schenken:

lila Bulabenken.

Komm, Schwesterchen, nach Wundertal

in den Allerseelensaal:

sieh, nun sind sie deine!

Und während sie das sagte, war sie aufgestanden, und hatte ihr lila Schürzchen abgebunden, und schwenkte es hoch im Kreise mit beiden Händen über sich. Und plötzlich war sie gar kein kleines Mädchen mehr, sondern eine große lila Blume; die neigte sich tief zu Liselotte hernieder und nahm sie mit den Blättern zu sich hoch und setzte sie sanft in ihren Blütenschooß.

Und als nun Liselotte nach dem Spiegelchen sah, da wurde es größer und immer größer, viel größer als der Mond vorhin, und stand weit offen wie ein goldener Saal, und drinnen bewegten sich leuchtende Säulen; die waren durchsichtig wie Lichter im Wasser, viel tausend tausend und immer mehr, als ob sie mit einander tanzten. Und plötzlich schrie sie laut auf vor Schreck und mußte weinen vor Seligkeit; denn ganz weit hinten kam auch ihr Mutterchen her und leuchtete heller als alle die andern.

Und als sie die Augen noch weiter aufmachte, stand Vater im Mondschein neben Großvaters Lehnstuhl, und Tante Agathe wischte die Tränchen vom Fensterbrett, und Alle lobten die kleine Liselotte, wie schön allein sie zuhause geblieben war, und daß sie sich garnicht gefürchtet hatte.