Knecht Ruprecht und die Christfee

Ein Weihnachtsspiel

Knecht Ruprecht und die Christfee treten in die Weihnachtsstube, während am Klavier die Chorweise „Tochter Zion, freue dich“ aus Händels „Judas Makkabäus“ ertönt.

Ruprecht

zu den Kleinen, nachdem es still geworden ist:

Ich bin der alte Weihnachtsmann,

ich hab ein’n bunten Wunderpelz an;

mein Haar ist weiß

von Reif und Eis.

Ich komm weit hinter Hamburg her,

mit langen Stiefeln durchs kalte Meer,

meinen Mummelsack

huckepack.

Er nimmt den Sack von der Schulter und stellt ihn vor sich auf den Boden.

Da sind viel gute Sachen drin,

Nüss und Äpfel und große Rosin’n;

ich bin ein lieber Mann,

seht an!

Er öffnet den Sack und langt dabei verstohlen die Rute aus dem Gürtel.

Ich kann aber auch böse sein.

Dann fahr ich mit der Rute drein

und schüttel den Bart:

na wart’t!

Nein, seid nicht bang; seid lieb und fein,

seid wie mein schön gut Schwesterlein!

Ist die euch hold,

schenk ich, was ihr wollt.

Die Christfee

in weißem Kleid und Schleier, mit Engelsflügeln und Sterndiadem, in der Linken einen Tannenzweig haltend, wendet sich an die Großen:

Ich bin aus einem hellen Lande;

da wächst und blüht ein Baum, um den

wir all in strahlendem Gewande

mit silberweißen Flügeln stehn.

Der Baum ist grün, grün ohne Ende,

und seine Höhe mißt kein Sinn;

und seine Zweige sind wie Hände,

die strecken sich nach Jedem hin.

Der Baum trägt viele tausend Kerzen,

und jede ist der andern gleich;

und ihre Flammen sind wie Herzen,

die leuchten klar und warm und weich.

Er hängt voll Gold bis an die Spitze,

und seine Jahre zählt kein Mund;

und seine Wurzeln sind wie Blitze,

die dringen in den härtesten Grund.

O komm, komm! Tausend Früchte warten,

dein goldner Apfel pflückt sich leicht;

denn Jedem öffnet sich der Garten,

wer sinnt, wie man den Baum erreicht.

Kommt, seht ihn schimmern! Heut aufs neue

erfüllt sich, was die Schrift verhieß:

Einst pflanzte, daß der Mensch sich freue,

Gott einen Baum ins Paradies.

Ruprecht

hat inzwischen die Teller der Kinder mit Pfefferkuchen, Nüssen, Äpfeln gefüllt und tritt nun zu der kleinen Veradetta:

Möchtest du wohl in den Garten,

wo so schöne Äpfel warten?

Ja? — Dann mußt du fein

sittsam sein.

Mußt dich nicht so wild geberden,

mußt so wie die Christfee werden.

Es ist garnicht schwer;

kuck mal her!

Muß dir nur recht viel dran liegen,

auch zwei Flügelchen zu kriegen.

Wenn du groß bist, ah:

dann sind sie da.

Die Christfee

zum kleinen Peter-Heinz, eindringlich:

Und Du, mein kleiner Heinzelmann,

machst dich gern zu wichtig.

Sieh dir mal den Ruprecht an:

siehst du, der machts richtig.

Jedem schenkt er was und lacht,

aber höchst bescheiden;

daß man dumme Witze macht,

kann er garnicht leiden.

Und wer mault, den haut er sehr,

und dann sagt er: schade! —

So, nun sag uns auch was her,

und halt den Kopf hübsch grade!

Heinz

sagt mit seiner verschmitztesten Miene folgende Schnurre (von Paula und Richard Dehmel) auf:

Der Esel, der Esel,

wo kommt der Esel her?

Von Wesel, von Wesel,

er will ans schwarze Meer.

Wer hat denn, wer hat denn

den Esel so bepackt?

Knecht Ruprecht, Knecht Ruprecht

mit seinem Klappersack.

Mit Nüssen, mit Äpfeln,

mit Spielzeug allerlei,

und Kuchen, ja Kuchen

aus seiner Bäckerei.

Wo bäckt denn, wo bäckt denn

Knecht Ruprecht seine Speis?

In Island, in Island,

drum ist sein Bart so weiß.

Die Rute, die Rute,

die ist dabei verbrannt;

heut sind die Kinder artig

im ganzen deutschen Land.

Ach Ruprecht, ach Ruprecht,

du lieber Weihnachtsmann,

komm auch zu mir mit deinem

Sack heran!

Ruprecht

lachend, indem er in den Sack langt:

Na! dann muß der Ruprecht wohl

seine Rute rasch verstecken;

denn er hat die Jungens gern,

die nicht gleich vor ihm erschrecken.

Hier, mein kleiner tapfrer Mann,

schenk ich dir ein Spiel Soldaten.

Noch eine Schachtel herausnehmend:

Und in diesem Kasten steckt

Handwerkzeug zu andern Taten.

Peter Heinz! Soldat sein heißt:

fürcht dich nit und lern brav hauen!

Aber noch viel braver ist es,

lernst du recht was Schönes bauen.

Jedes Werkzeug sagt dir: lerne

festen Griff mit Fug und Fleiß —

Die Christfee

neckend:

denn das hat der Ruprecht gerne,

daß man zuzugreifen weiß.

Dann den andern Heinz anredend:

Und Heinz Lux — sieh blos mal her:

Rehe, Hirsche und ein Bär,

Hühner, Hasen, Füchse, Raben:

gelt, die möchtest du wohl haben?

Ja? Dann mußt du aber balde

wie der Jägersmann im Walde

aufmerksam und achtsam werden,

darfst dich nicht wie’n Tapps geberden.

Sonst wird gleich der Eber hier

dreimal größer als die Tür,

kommt und stößt dich mausetot,

ißt dich auf zum Abendbrot.

Wenn du aber orndtlich bist,

bleibt das alles, wie es ist;

und dann kannst du mit den vielen

wilden Tieren ruhig spielen.

Ruprecht:

Na, und Du, Prinzeßchen da,

Veradetta, ganz in Seide,

kannst wohl auch ein Liedchen? ja?

Ei, dann mach uns mal die Freude!

Detta

die Hände faltend:

Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all,

o kommet zur Krippe in Bethlehems Stall,

und seht, was in dieser hochheiligen Nacht

der Vater im Himmel für Freude uns macht!

O seht, in der Krippe, im nächtlichen Stall,

seht hier bei des Lämpchens still glänzendem Strahl

in reinlichen Windeln das liebliche Kind,

viel schöner, viel holder, als Engel wohl sind.

Da liegt es, ach Kinder! auf Heu und aus Stroh;

Maria und Josef betrachten es froh,

die redlichen Hirten knien betend davor,

hoch oben schwebt jubelnd der himmlische Chor.

Ruprecht

hat dem alten Lied mit Andacht zugehört, nickt und sagt:

Das war wirklich wunderschön,

ja, das muß ich sagen!

Ein Geschenk vorholend:

Dafür krigst du, sieh mal, den

reizenden Kinderwagen.

Die Christfee:

Und in lauter Silberflaum,

ei, welch Engelspüppchen!

Und da unterm Tannenbaum,

sieh nur, steht ein Stübchen.

O, wie wird sich Püppchen freun,

wenn du’s da wirst wiegen!

braucht nicht wie arm Jesulein

in einem Stall zu liegen.

Liegt und lacht, o sieh doch, ganz

wie klein Liselotte,

Schwesterchen im Lichterglanz,

träumt vom lieben Gotte.

Träumt von einer andern Welt,

die wir hier nur ahnen;

da sät Gottes Mutter hell

ihren Sternensamen.

Ruprecht:

Euer Mutting aber krigt

diese bunte Schürze,

drin ein Bündel Scheren liegt

jeder Läng und Kürze.

Damit soll sie säuberlich

Vaters Dichterflügel putzen

und ihm, übereilt er sich,

seine wilden Federn stutzen.

Er legt das Geschenk auf den Weihnachtstisch, greift dann weiter in den Sack:

Und für Onkel Mombert hab ich

einen Leuchter aufgegabelt,

in Gestalt des rasenden Drachens,

über den die Sage fabelt,

daß er einst das ewige Licht

losriß aus den finstern Gründen;

mag er nun dasselbe Licht

dir im Kämmerlein entzünden!

Dann eine Flasche Benediktiner auspackend:

Onkel Scheerbart — ha! — der krigt

diesen Seelenwärmer;

seht, schon macht er ein Gesicht

wie’n religiöser Schwärmer!

Hier können, je nach Mehrbedarf, weitere Bescherungsreime eingestickt werden; wie überhaupt die Einzelheiten der Bescherung nur als Anleitung zu ähnlichem Mummenschanz gemeint sind.

Tante Lisbeth, brumm brum brumm,

will ich lieber meiden;

denn die kann, Gott weiß warum,

den Weihnachtsmann nicht leiden.

Aber unsre Guste hier,

unser Hausmamsellchen,

daß sie nicht beim Ausgehn frier,

krigt ein warmes Fellchen.

Er nimmt sich die Pelzjacke von der Schulter und hängt sie dem Dienstmädchen über. Steht nun in einem abgetragenen blauen Arbeitskittel da und sagt zur Christfee:

Na, und jetzt, mein Schwesterlein,

können wir wohl gehen.

Oder fällt dir noch was ein?

Siehst mir gar so ernsthaft drein.

Warum bleibst du stehen?

Die Christfee:

Ich hab ein Wort vernommen,

das läßt mich nimmer los.

Ich mag zum Ärmsten kommen,

und sei er ganz beklommen,

ich sage immer blos:

liebe!

O — dann atmet Jeder wärmer;

war doch Er noch viel, viel ärmer,

der das Wort einst sprach.

Selbst die stummste Menschenseele,

ob ihr jeder Laut sonst fehle,

stammelt heimlich nach:

ich liebe.

Aller Orten, aller Zungen,

Jedem ist es schon erklungen,

selig oder scheu.

Jedem wohnt das Blümlein inne,

dem ich jetzt ein Lied beginne,

Lied so alt wie neu:

Nachdem auf dem Klavier die Weise angeschlagen ist, spricht die Christfee jede Zeile einzeln vor und Alle singen Zeile für Zeile nach:

Es ist ein Reis entsprungen

aus einer Wurzel zart;

wie uns die Alten sungen,

vom Himmel kam die Art.

Und hat ein Blümlein bracht,

mitten im kalten Winter,

wohl zu der halben Nacht.

Das Blümlein war so kleine

und doch von Duft so süß;

mit seinem milden Scheine

verklärt’s die Finsternis.

Und blüht nun immerdar,

tröstet die Menschenkinder,

holdselig, wunderbar.

Ein Stern mit hellen Gleisen

hat es der Welt verkündt,

den Kindlein und den Weisen,

wie man dies Blümlein findt.

Nun ist uns nicht mehr bang,

seit aus der dunklen Erde

solch leuchtend Reis entsprang.

Ruprecht

nach kurzem Schweigen:

Amen! — Ja, geliebte Kinder,

voller Wunder ist die Welt;

solch ein Lied ist doch noch schöner

als das schönste Spielzeug, gelt?!

Die Christfee

zu den Großen gewendet:

Fühlt denn, wie aus zweien Landen

Bruder sich und Schwester fanden;

Ruprecht, gib mir deine Hand!

Ich aus Morgen, Er aus Abend,

Ich im Silberkleid, Er trabend

in verwittertem Gewand.

Beugt euch Ihm, dem Überlegnen:

er kann wirken, ich nur segnen,

er bringt Frucht, ich will nur Licht.

Ich aus Süden, Er aus Norden,

seine Welt ist stark geworden —

Ruprecht

ihr den Mund zuhaltend:

ja, daß sie mich fast unterkrigt;

Schwesterherz, blamier mich nicht! —

Dann wieder zu den Kleinen:

Und nun wüßtet ihr wohl gerne,

wer das ist, der Weihnachtsmann —

sich den weißen Bart und alten Hut abnehmend:

das ist euer lieber Vater,

schaut ihn euch nur näher an!

Und die Christfee mit den Flügeln —

ihr den Schleier und das Diadem abnehmend:

das ist eure Mutter, seht!

Und so ists mit all den Wundern,

die ihr anfangs nicht versteht.

All das Schöne auf der Erde,

das ihr einzusehn begehrt,

wird von Vater oder Mutter,

wenn es Zeit ist, euch erklärt.

Auch die Englein, Mond und Sterne,

und das liebe Jesuskind,

und der gute Gott im Himmel,

und was sonst für Märchen sind.

Denn das alles, Kinder, alles,

was die Erde schöner macht,

ist von lieben, guten, klugen

Menschen langsam ausgedacht.

Ist drum aber nicht gelogen;

nein, was Haupt und Herz verklärt,

Abglanz ist es einer wahren

Zauberkraft, die ewig währt,

die von Stern zu Stern geheime

Lichtbefehle traumhaft schickt

und euch weihnachtshell begeistert,

wenn ihr gläubig aufwärts blickt.

Nachdem er seine Kinder der Reihe nach auf die Stirn geküßt hat:

So, nun spielt und freut euch sehr!

Übers Jahr erzähl ich mehr.

Vom Klavier ertönt aufs neue die Chorweise „Tochter Zion, freue dich!“