§ 68. Die olympische Feier.

„Gleichwie des Goldes lodernde Glut mächtigen Reichtum überstrahlt, so weiß ich keinen herrlicheren Wettkampf zu besingen, als den von Olympia“, singt Pindar. In das breite, von waldigen Hügelketten umschlossene Wiesental des mächtigen Alpheiosflusses tritt vier Stunden oberhalb [pg 170]der Mündung der rauschende Gebirgsbach Kladeos ein. In der Gabelung beider Gewässer lag ein Heiligtum und Orakel des olympischen Zeus am Fuß eines waldigen Hügels (Kronion), auf dessen Spitze sich seit uralter Zeit eine Opferstätte des Kronos befand. Das Heiligtum gehörte zum Gebiet der 6 Stadien flußaufwärts gelegenen Achajerstadt Pisa. Die Spiele soll Pelops, der den König Oinomaos von Pisa im Wagenrennen besiegte und dadurch dessen Tochter und Erbin Hippodameia gewann, nach anderer Sage Herakles gegründet haben. Letzterer habe auch das Stadion abgeschritten. Leiter des Festes waren anfangs die Pisaten, bis nach langen Streitigkeiten 572 die Eleer die ausschließliche Festleitung in die Hand bekamen. Die Beteiligung an der Feier, anfänglich auf die nächste Nachbarschaft beschränkt, dehnte sich allmählich auf ganz Griechenland aus.

Die erste gezählte Feier fällt in das Jahr 776 v. Chr. Damals habe Iphitos im Verein mit Lykurgos die Begehung der Spiele neu geordnet und mit Koroibos, dem Sieger im Wettlauf, die Aufzeichnung der Sieger begonnen, welche den Olympiaden ihren Namen gaben. Die Zählung der Olympiaden ist indes erst durch den griechischen Geschichtsforscher Timaios (geb. ca. 350 v. Chr.) der allgemein-griechischen Zeitrechnung zugrunde gelegt worden. War das Fest ursprünglich ein eintägiges, so wurde seine Dauer 472 v. Chr. auf fünf Tage ausgedehnt; war ja doch mit der Teilnahme auch die Zahl der üblichen Kampfesarten außerordentlich gewachsen.

Das Fest wurde noch lange gefeiert, nachdem der große Konstantin das Christentum staatlich anerkannt hatte; erst Theodosius erließ 393 n. Chr. ein Verbot desselben, dem 30 Jahre später Theodosius II. Nachdruck verschaffte, indem er in den Zeustempel Feuer legen ließ. Die gewaltigen [pg 171]Säulen und das Steingebälk desselben warfen Erdbeben (522 und 551 n. Chr.) zu Boden, und der Kladeos bedeckte die ganze Stätte mit 6 m hohem Sand und Geröll. (Beschreibung von Olympia s. [§ 71].)

Die Feier des Festes verlief in seiner Glanzzeit (400 v. Chr.) etwa folgendermaßen: Sobald „die elischen Friedensbringer Zeus’ des Kroniden, der Jahreszeiten Herolde“, den Beginn des heiligen Mondes (ἱερομηνία) verkündet hatten und bei allen Hellenen umherzogen und zum Feste einluden, war in ganz Hellas Gottesfriede (ἐκεχειρία). Wer diesen verletzte, hatte schwere Buße zu zahlen. Der Haupttag des Festes fiel auf den ersten Vollmond nach der Sommersonnenwende, die ganze Dauer desselben in die Gluthitze des Hochsommers, Ende des Juni und Anfang des Juli. Längst vorher waren die Kampfbewerber in Olympia zusammengeströmt, um hier in dem Gymnasium und der Palästra die letzten Übungen durchzumachen und sich einer Prüfung ihrer Würdigkeit zu unterwerfen.

Hernach kamen die Festgesandtschaften (θεωρίαι) der hellenischen Städte; die üppige Pracht ihrer Gewänder, Schmuckstücke, Wagen, Pferde und Schätze sollte den Reichtum und die Macht ihrer Heimat vor ganz Hellas zeigen. Endlich strömte die zahllose Schar der Hellenen aller Gaue und Mundarten zusammen und lagerte sich in der weiten Alpheiosebene unter freiem Himmel, begierig, in den nächsten Tagen Hellas’ Pracht und Macht, Kunst und Herrlichkeit zu schauen. Die Leitung des ganzen Festes und die Entscheidung über die Kampfpreise lag in den Händen von neun, später zehn, aus den elischen Bürgern gewählten „Hellanodikai“.

Der erste Tag begann mit dem Opfer, welches die Eleer dem olympischen Zeus am großen Aschenaltar darbrachten; darauf opferten auch die Festgesandtschaften und [pg 172]überreichten die kostbaren Weihgeschenke ihrer Städte. Sodann ließen die Hellanodikai die Kampfbewerber schwören, daß sie sich während der letzten zehn Monate nach den Vorschriften gewissenhaft vorbereitet haben und sich keiner unerlaubten Mittel im Kampfe bedienen werden, und verlosten die einzelnen Paare. Wer hierbei übrig blieb, wartete als Zuschauer (ἔφεδρος), um hernach mit einem Sieger zu kämpfen. Wer keinen Gegner fand, siegte, „ohne staubig zu werden“ (ἀκονιτί).

Schon vor dem Grauen des zweiten Tages waren die das Stadion (Laufbahn) umschließenden Wälle und der Abhang des Kronoshügels dicht besetzt mit Tausenden von Zuschauern, die des großen Schauspieles harrten, das heute mit den Wettkämpfen der Knaben im Lauf, Ringen und Faustkampf seinen Anfang nahm.

Darauf folgten am dritten Tag die Kampfspiele der Männer, und zwar:

1. Der Wettlauf, das älteste aller Kampfspiele. Man begann mit dem Dauerlauf (δόλιχος), wobei es galt, die genau 600 olympische Fuß (= 192 m) lange Laufbahn 24mal zurückzulegen. Völlig nackt eilten die Läufer über die Bahn im tiefen Sand dahin. Schön sagt ein Epigramm von einem Sieger im Lauf:

„Nur an den Schranken erblickten wir ihn, des Menekles Sprößling,

Oder am äußersten Ziel, nicht in der Mitte der Bahn.“

Bei dem darauf folgenden einfachen Wettlauf (στάδιον) wurde die Bahn nur einmal, bei dem Doppellauf (δίαυλος) sodann zweimal durchmessen. Der Sieg im einfachen Wettlauf galt für besonders ehrenvoll, weil nach dem Sieger die Olympiade benannt wurde.

2. Der Ringkampf (πάλη). Sieger war, wer seinen Gegner dreimal so geworfen hatte, daß dieser mit beiden Schultern den Boden berührte; dabei war vieles erlaubt, [pg 173]was heute als unstatthaft gilt: dem Gegner ein Bein zu stellen, denselben in die Kniekehle zu schlagen, ein Bein emporzureißen, die Glieder zu verdrehen, ihn durch Seitensprung von hinten zu fassen oder mit den Schenkeln zu umschlingen.

3. Der Faustkampf (πυγμή). Hierfür wurden die Hände und Unterarme mit weichen Riemen von Ochsenhaut umwunden, die später noch mit Metallplatten belegt wurden. Wer nicht rechtzeitig mit dem Arme parierte oder mit dem Körper ausbog, dem fielen die Fausthiebe wie Hammerschläge auf Haupt und Brust nieder. Deutlich bezeugen dies noch heute die verschwollenen „Faustkämpferohren“ an alten Bildwerken.

4. Der vereinte Ring- und Faustkampf (παγκράτιον), welcher nicht mit dem Werfen, sondern erst dann endete, wenn der Geworfene durch Ausstrecken der Hand sich für besiegt erklärte. Mag diese Kampfart von Hause aus berechtigt gewesen sein, insofern hier nur die mit geschulter Gewandtheit vereinte Körperkraft siegte: späterhin hat dieselbe jene Zunft der Berufsathleten mit den „gewaltigen Stieresmuskeln, Schultern ganz von Erz“ großgezogen, welche dem Schöpfer des „Herakles Farnese“ das Vorbild geliefert haben.

Der vierte Tag brachte 1. das glänzendste Schauspiel: die Wagenrennen. Man rannte mit Viergespannen (seit 404), auch mit Zweigespannen von ausgewachsenen Pferden (συνωρὶς τελείων ἵππων) oder (seit 380) von Fohlen (πώλων). Zahllose bildliche Darstellungen, insbesondere aber die herrlichen Schilderungen Homers (Il. 23, 262 ff.) und Sophokles’ (Elektra 698 ff.) vergegenwärtigen uns die tieferregte Anteilnahme der Zuschauer. Besondere Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit erforderte das Umfahren der Zielsäule (νύσσα); bei dem Gedränge, das hier entstand – es liefen immer alle konkurrierenden Gespanne auf einmal –, [pg 174]waren Unglücksfälle nicht selten. Wie heutzutage siegten die Pferde und ihr Besitzer, nicht etwa der Wagenlenker oder Reiter, der im Fall des Sieges nur eine Siegerbinde (Tänia) erhielt. Seit 648 war auch das Wettreiten (κέλητι) in Olympia eingeführt.

Hierauf folgte 2. der Fünfkampf (πένταθλον – ἅλμα, ποδωκείην, δίσκον, ἄκοντα, πάλην), welcher die Vereinigung der ältesten und einfachsten Wettkämpfe und damit die Blüte hellenischer Gymnastik darstellt. „Die Kämpfer im Pentathlon“, sagt Aristoteles, „sind die schönsten Leute, da ihr Körper zur Kraftleistung und zur Schnelligkeit in gleicher Weise befähigt ist.“ Nach dem feierlichen Vortrag eines „pythischen Liedes“ durch den Flötenspieler begann der Kampf mit dem Weitsprung. Man sprang mit Schwungkolben (ἁλτῆρες), unseren Hanteln ähnlich, in den Händen, welche sowohl die Weite des Sprunges als die Sicherheit des Niederkommens steigerten. Es folgte der Wurf des Diskos, einer linsenförmigen Erzscheibe, welche möglichst weit frei durch die Luft geschleudert werden mußte. Mit Speerwurf nach einem Ziele, Lauf und Ringkampf schloß das Pentathlon. Die lange Reihe der dreitägigen Wettkämpfe endete mit 3. dem Kriegerlauf (ὁπλιτῶν δρόμος), einem Wettlauf junger Krieger, welche früher in voller Waffenrüstung, später nur mit ehernem Schilde bewehrt liefen.

Der fünfte Tag war der Tag der Sieger. Nachdem schon vorher jeder Sieger einen Palmzweig erhalten hatte, überreichten ihnen jetzt die Hellanodiken das köstlichste Besitztum eines Hellenen, den zum Kranze gebogenen Ölzweig, den ein Knabe, dem beide Eltern noch lebten (παῖς ἀμφιθαλής), mit goldenem Messer vom heiligen Ölbaum (κότινος) geschnitten hatte. Herolde verkündeten allem Volk die Namen der Sieger, ihrer Väter und Heimatsorte. In festlichem [pg 175]Zuge, voran die reichgeschmückten Festgesandtschaften, zogen die Sieger zu den Altären der Götter, ihre Dankopfer darzubringen. Festliche Reigen sangen frohe Lieder, bis die Sieger zum Festmahl im Prytaneion gerufen wurden, wo Dichter wie Pindar durch Siegeslieder (ἐπινίκια) ihren Ruhm feierten. Große Ehren erwarteten die Sieger zu Hause: so singt Xenophanes von Kolophon (ca. 530 v. Chr.):

„Ja, wenn einer den Sieg mit hurtigen Füßen erwürbe,

Oder im Fünfwettkampf, wo das Gehege des Zeus

Liegt an Pisas Flut in Olympia, oder als Ringer,

Oder auch, daß er der Faust schmerzende Künste versteh’,

Oder den schrecklichen Kampf Pankration, wie sie ihn heißen,

Herrlicher scheint er dann allen den Bürgern zu schau’n,

Wird bei Spielen die Ehre des vordersten Sitzes erhalten

Und durch Speisung geehrt aus dem Vermögen des Volks,

Auch ein Geschenk von der Stadt wird stets ihm bleiben als Kleinod.“

Als Alkibiades einst einen dreifachen Wagensieg errungen, bewirtete er die ganze Festmenge, wozu ihm Lesbos den Wein gab. In der Altis ([§ 71]) konnte der Sieger eine Statue mit Inschrift aufstellen lassen; doch erst nach dem dritten Siege durfte sie Porträtähnlichkeit haben. Aber so groß einst die Zahl dieser Siegerstatuen gewesen war, keine derselben ist unversehrt gefunden worden. Auch nach dem Ende des Festes blieben Tausende in Olympia versammelt. Ein großer Markt von Handwerkern, Künstlern, Kaufleuten hatte sich ringsum ausgebreitet; Beschlüsse und Verträge von Staaten wurden verkündet; Geschichtschreiber und Dichter lasen ihre Werke vor, Redner und Philosophen hielten Vorträge (ἐπιδείξεις): Herodot, Gorgias, Hippias, Prodikos, Lysias (or. 33) und andere haben hier zu ganz Hellas gesprochen.

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V. Abschnitt.

Klassische Ruinenstätten.

Nicht bloß aus den Schätzen der Literatur schöpfen wir die Kenntnis des griechischen Altertums, sondern auch der unerschöpflich reiche Boden von Hellas selbst spendet uns immer reichlicher fließende Quellen für die Erkenntnis des öffentlichen Lebens, der Kunst und des Gottesdienstes jenes edelsten Volkes der alten Welt; wie Dio Chrysostomus in der 31. Rede sagt: „noch mehr freilich tun die Steine und die Trümmer der Bauwerke die hehre Pracht und Hoheit von Hellas kund.“ Und zwar sind die Ruinenstätten Griechenlands Zeugen der verschiedensten Kulturepochen von den Tagen des heroischen Königtums bis in die Zeiten der römischen Kaiser herab.