§ 72. Pergamon.
Zum Schluß begeben wir uns auf eine Königsburg der hellenistischen Zeit, nach dem neuerdings wieder so berühmt gewordenen Stammsitz des Attalidengeschlechtes.
Pergamon liegt in Kleinasien, Lesbos gegenüber, 28 km von der Küste entfernt, auf dem äußersten Vorsprung eines südlichen Ausläufers des Pindasosgebirges, der sich 270 m hoch über die Kaïkosebene erhebt und diese in ihrer ganzen Ausdehnung bis zum Hafenplatz Elaia beherrscht. Während die „Burg“ (dies bedeutet Pergamon; ebenso hieß auch die Akropolis von Troja) und der älteste Teil der Ansiedlung, die Oberstadt, auf dem Bergkegel selbst liegt, sind die Ruinen der antiken Unterstadt am südwestlichen Abhange und Fuße desselben, der Stätte des heutigen Bergama, zerstreut.
Die Attalidenherrschaft begründete Philetairos (ca. 280 v. Chr.), welcher den von dem Feldherrn und Nachfolger Alexanders des Großen, Lysimachos, in Pergamon deponierten Kriegsschatz sich aneignete. Nach langen Kämpfen mit dem syrischen Statthalter Antiochos und den in seinen [pg 202]Diensten stehenden gallischen Horden nahm Attalos I. (241–197) den Königstitel an. Die Glanzzeit Pergamons bildete die Regierung seines Sohnes Eumenes II. (197–159). Dieser schirmte das über ganz Vorder-Kleinasien ausgedehnte Reich gegen Angriffe von allen Seiten und besiegte die Gallierschwärme, die sich, aus Griechenland zurückgeworfen, in furchtbaren Verheerungszügen über Kleinasien ergossen, in wiederholten schweren Kämpfen, während er durch eine großartige Bautätigkeit seinen Herrschersitz erweiterte, befestigte und verschönerte.
PERGAMON
AKROPOLIS MARKT und THEATER
Von den monumentalen Kunstschöpfungen der Attaliden geben uns die von der preußischen Regierung unter der Leitung von Humann, Bohn und anderen 1878–1886 unternommenen Ausgrabungen eine Vorstellung.
Auf dem in Windungen zur Burghöhe hinanführenden Hauptweg gelangen wir zunächst auf den Markt (Agora), welcher aus zwei von gewaltigen Stützmauern eingefaßten und miteinander verbundenen Terrassen bestand. Die untere, durch deren Hallen der Weg führt, diente wohl dem eigentlichen Markt- und Geschäftsverkehr. Hart an ihrer Westmauer befand sich ein kleiner Tempel des Dionysos. Die obere Terrasse, vermutlich der Ort für die politischen Versammlungen und die Staatsopfer, hatte in ihrer Mitte den mächtigen, die ganze Umgebung beherrschenden Zeusaltar, einen Prachtbau, der selbst den größten Altar Griechenlands, den des Zeus zu Olympia, an Ausdehnung und Höhe, wie an architektonischem und plastischem Schmuck übertraf.
Der Unterbau des Altars ist im Grundriß nahezu quadratisch, 37,7 auf 34,6 m; die Höhe betrug etwa 5,5 m. Auf der von drei Stufen gebildeten Krepis stand der 1,5 m hohe Sockel; über diesem zog sich rings um den ganzen Bau der 2,3 m hohe imposante Relieffries von bläulich-[pg 203]weißem Marmor, den Kampf der Götter mit den Giganten darstellend. Der Unterbau war gekrönt von einer nach außen geöffneten ionischen Säulenhalle, die an ihrer dem eigentlichen Brandaltar zugekehrten Rückwand mit einem zweiten kleineren Fries geschmückt war, der Szenen aus der pergamenischen Stammessage (Herakles, Auge, Telephos, Teuthras) enthielt. Inmitten der Plattform, auf welche eine in die Westseite eingeschnittene breite Freitreppe führte, stand der eigentliche Brandaltar, der ebenso wie der Zeusaltar in Olympia aus der Asche der verbrannten Opfertiere aufgehäuft war und die ihn umgebende Säulenhalle weit überragte.
Das Glanzstück dieses gewaltigen Altarbaues bildete der schon erwähnte Gigantenfries. Da die Platten desselben in byzantinischer Zeit in eine Festungsmauer unterhalb des Altarplatzes verbaut wurden, so ist der größte Teil derselben erhalten, wenn auch in Trümmern, die sich jetzt im Berliner Museum befinden; aus diesen konnten einige bedeutendere Gruppen wieder zusammengesetzt werden.
Alle Götter und Göttinnen des Himmels, des Meeres und der Unterwelt sehen wir an dem entscheidenden Kampfe um die Herrschaft der Welt beteiligt; auch die Giganten haben alles aufgeboten, aber bereits unterliegen sie allenthalben. Zeus, weitausschreitend, schüttelt mit der Linken die Ägis, mit der Rechten schwingt er den Blitz gegen einen alten, bärtigen, schlangenbeinigen Giganten, der ihn mit einem Felsstück bedroht; zwei weitere Gegner sind zu Boden gesunken; dem einen hat der Blitzstrahl den Oberschenkel durchbohrt.
Neben Zeus schleift Athena einen jungen geflügelten Giganten an den Haaren; ihre heilige Schlange schlägt ihre Zähne in seine rechte Brust; von rechts her schwebt Nike, die siegreiche Athena zu bekränzen, während aus dem Boden [pg 204]die Mutter der Giganten, die Erdgöttin selbst, mit dem Oberkörper emportaucht und flehend die Arme zu Athena erhebt. Mit Fackel, Schwert und Lanze zugleich kämpft die dreigestaltige Hekate. Ein schöner Gigantenjüngling, welcher der Artemis entgegentritt, ist von der Schönheit der Göttin wie gebannt, so daß er ganz vergißt, sich mit dem Schilde zu decken. Doch erbarmungslos schießt jene den Pfeil auf den Berückten ab. Außerdem erkennen wir noch Helios, Eos, Selene, Apollo, Dionysos, Phöbe und Asteria u. a.
Während die Gestalten und Attribute der Götter im wesentlichen durch die Kunsttradition gegeben waren, hatte bei der Gigantenbildung die schöpferische und erfinderische Phantasie den weitesten Spielraum, und so versuchten denn auch die Künstler, um nicht durch Eintönigkeit zu ermüden, die mannigfaltigste Individualisierung und verschiedenartigste Bildung der Giganten von der edelsten Menschengestalt bis zum widerlichsten Monstrum. Viele werden durch gewaltige Schlangenleiber, in welche ihre Beine von den Hüften oder Knien ab übergehen, als Söhne der Erde gekennzeichnet; manche sind außerdem noch beflügelt.
In der Kühnheit der Stellungen und Bewegungen, der Neuheit der oft phantastischen Gebilde, der Leidenschaftlichkeit und äußersten Kräfteanspannung der mit virtuoser Technik ausgeführten Gestalten aller Kämpfenden liegt ein pathetischer Zug und Schwung von packender Wirkung. Durch diese Altarskulpturen ist uns ein überraschender Einblick in die bisher weit unterschätzte pergamenische und hellenistische Kunst überhaupt eröffnet worden.
Der Altar wurde wahrscheinlich von Eumenes II. in den Friedensjahren 180–170 v. Chr. als Siegesdenkmal „dem Retter Zeus“ zu Ehren errichtet. Nach einer in [pg 205]der griechischen Kunst nicht seltenen Verwendung (vgl. das nach Athen gestiftete Weihgeschenk Attalos’ I. [§ 70], [S. 193]) sollte die Gigantomachie ein mythologisches Spiegelbild der von den Attaliden siegreich bestandenen Gallierkämpfe sein. Wie in jenem Gigantenkampf, so hat im Kampfe mit den Galliern (und ebenso in dem mit den Amazonen und Persern, [S. 193]) das Griechentum über das Barbarentum, die Kultur über die Unkultur, das Licht über die Finsternis den Sieg davongetragen.
Wir begreifen es freilich, daß den Christen der riesige, weithin sichtbare Altarbau mit seiner Darstellung der gesamten heidnischen Götterwelt und seinen zahlreichen Schlangengebilden, in denen der christliche Glaube teuflische Wesen erblickte, ein Greuel war und die Offenbarung Johannis, wo sie sich an die Gemeinde von Pergamon wendet (2,13 f.), ihn geradezu als „Thron Satans“ bezeichnet.
Von der Ostseite der Altarterrasse führt die Straße nordöstlich, dann nach einer scharfen Biegung an einem starken Turme vorbei zum Burgtor, dem Eingang in die eigentliche Hochburg. Wir treten in einen Vorhof und kommen, nach links uns wendend, durch ein viersäuliges Propylon in den mit Weihgeschenken aller Art, Denkmälern aus der Siegesbeute, Statuen der Attaliden wie verdienter Bürger reich geschmückten Tempelbezirk der Athena. Im Westen der ungefähr rechteckigen Terrasse, in dominierender Lage erhob sich der der Athena als Herrin der Stadt (Polias) und Verleiherin des Sieges (Nikephoros) geweihte dorische Peripteros von 13 m Breite und 22 m Länge, das wahrscheinlich aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammende Hauptheiligtum, das älteste aller dort aufgedeckten Gebäude.
Im Norden und Osten war der Tempelhof von einer Säulenhalle eingefaßt, die aus einem Untergeschoß [pg 206]dorischer und einem Obergeschoß ionischer Ordnung bestand; zwischen den Säulen des letzteren war eine Balustrade mit großenteils erhaltenen Trophäenreliefs eingelassen, einer Darstellung der in dem Kampfe mit Hellenen und Barbaren, insbesondere den Galliern, erbeuteten Waffenstücke. Im Süden stieß die Halle an einen mächtigen viereckigen Turm; an die Nordhalle schlossen sich vier große Räume an, die berühmte pergamenische Bibliothek.
Am Abhang unterhalb des Athenaheiligtums sehen wir noch die 80 Sitzreihen des griechischen Theaters: Orchestra und Skene lagen auf der schmalen, aber nahezu 250 m langen „großen Terrasse“, die, von gewaltigen, aus mehreren Stockwerken bestehenden Stützmauern getragen, unter dem Zeusaltare und Athenaheiligtum bis gegen den nordwestlichen Vorsprung der Akropolis sich hinzieht. Den nördlichen Abschluß bildet ein auf mächtigen Stufen sich erhebender ionischer Tempel.
Aus dem hl. Bezirk der Athena begeben wir uns zurück auf die Straße, welche der Osthalle entlang und an einer Quelle mit antiker Fassung vorbei zum höchsten Teile der Akropolis hinanführt. Von den Bauwerken, die einst hier standen, sind die Grundrißanlagen kaum mehr zu erkennen. Man kann sechs Gebäudekomplexe unterscheiden: auf dem höchsten Punkt des Berges (II) befand sich ein Wachtturm oder nach anderer Vermutung eine Altaranlage; IV und V zeigen Gruppierungen von Gemächern um einen Hof; bei V umschließt den Hof eine dorische Säulenhalle, nach welcher sich die mit prächtigen Mosaikfußböden geschmückten Zimmer öffneten; eine ähnliche Anlage zeigt I. Ohne Zweifel sind die Gebäudeanlagen IV und V als der einstige Herrschersitz der Attaliden zu betrachten; bei ihrer geringen Ausdehnung entsprechen sie freilich nicht ganz den Vorstellungen, [pg 207]die man sich wohl bisher vom Palaste jenes durch seinen Reichtum sprichwörtlich gewordenen Königshauses zu machen pflegte; allein bei der Beschränktheit des Raumes auf der Hochburg war eben eine weitere Entfaltung ausgeschlossen.
Südlich von der höchsten Spitze der Burg erhebt sich ein gewaltiger Bau der römischen Kaiserzeit, der wohl dem Trajan geweihte Tempel, fast 20 m breit, über 33 m lang, im Norden, Osten und Westen von Säulenhallen umgeben.
Damit sind wir bereits bei der Bautätigkeit der römischen Zeit angelangt, welcher außerdem das Gymnasium südöstlich vom Markte, die Thermen am Selinus mit einer großartigen Überbrückung desselben auf 196 m Länge durch Tonnengewölbe, ferner auf der rechten Seite des Selinus ein Theater, Zirkus und Amphitheater entstammen.