Fünftes Kapitel.
Aus einem Himmel des Friedens und der Freude, aus einem nur von guten Menschen bewohnten Idealstaate, hatte Forest mich hinabgestürzt in das tiefe, dunkle Meer des Zweifels und des Trübsinns.
Dr. Leete und dessen Familie entging natürlich mein gedrücktes, verstörtes Wesen nicht und während der Doctor offenbar darauf wartete, daß ich aufs neue mit ihm soziale Fragen besprechen würde, suchte Edith mich zu trösten. Sie schien zu glauben, daß das Fremdartige meiner Umgebungen und meiner neuen Stellung einen geistigen Druck auf mich ausübe.
Ich vermied indessen eine Erklärung. Ich hatte beschlossen, meine Unterredungen mit Herrn Forest fortzusetzen, mir aber durch Prüfung der Zustände eine eigne, klare Meinung zu bilden. Denn nur durch eigne Anschauung konnte ich zu einem selbständigen Urteil darüber gelangen, wie weit Dr. Leetes und wie weit Forests Darstellung die richtige sei.
Deshalb schlenderte ich, wenn ich nach der Universität ging, oder von dort zurückkehrte, die Straßen entlang und sprach mit allen Leuten, die ich kennen lernte. Es erschien mir höchst befremdend, daß alle sehr zurückhaltend wurden, ja ängstlich und mißtrauisch erschienen, sobald ich an sie Fragen stellte über die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten, über die Grundsätze, auf welchen unser Staatswesen ruht, über das Benehmen der Offiziere, über die Verwaltung der Warenlager, sowie darüber, ob das Volk sich glücklich fühle oder nicht.
Selten wurde mir eine entschiedene Antwort zu teil, aus welcher ich auf freudige Zufriedenheit oder auf grollende Unzufriedenheit schließen konnte. Nur einige Radikale sprachen sich in den allerstärksten Ausdrücken gegen die jetzige Ordnung der Dinge aus, sowie gegen die höchsten Beamten des Landes, und einige Frauen wurden so weit mitteilsam, daß sie erklärten, sie fänden an der Arbeit in den Fabriken gar keinen Gefallen.
Aber obschon die Leute im allgemeinen sehr zurückhaltend in dem Kundgeben ihrer Stimmungen und Meinungen waren, so wurde es mir doch klar, daß Zufriedenheit in dem Garten des Kommunismus eine ebenso seltene Pflanze ist, wie sie es vor 113 Jahren in den Ver. Staaten war. Das rohe Schelten der Radikalen gegen die höchsten Beamten des Landes konnte mich natürlich nicht überzeugen, daß die erhobenen Beschuldigungen begründet wären. Bemerkenswert erschien es mir aber, daß die Frauen und Männer des Arbeiterheeres, mit welchen ich über jene Anklagen sprach, sich auf keine Verteidigung der Angegriffenen einließen. Sie wollten es offenbar vermeiden, irgendwo anzustoßen, so lange sie nicht von ihren Vorgesetzten aufgefordert wurden, für die Regierung einzutreten.
So drängte sich mir die Überzeugung auf, daß auch die Gütergemeinschaft nicht die allgemeine Glückseligkeit und Zufriedenheit geschaffen hatte, welche ich nach den Schilderungen des Dr. Leete zu finden hoffte. Aber ich war zu der Annahme geneigt, daß die Leute im allgemeinen recht angenehm lebten, ohne große Sorgen, nicht gerade besonders zufrieden mit ihrem [Lose, aber] auch nicht entschlossen, den Stand der Dinge zu ändern. Es schien mir ferner, als ob die Masse des Volkes geistig träge und schwerfällig wäre, als ob nur wenige an irgendwelchen Dingen regen Anteil nähmen.
Eines Tages, als ich nach einem Spaziergange durch die Straßen Bostons nach Dr. Leetes Haus zurückgekehrt war und den Hausflur betreten hatte, hörte ich aus einem anstoßenden Zimmer, dessen Thür offen stand, eine in sehr lautem Tone geführte Unterhaltung. Schon die ersten Worte fesselten unwillkürlich meine Aufmerksamkeit. Sie wurden von einer tiefen, vor Erregung zitternden Stimme gesprochen und lauteten:
„Fräulein Edith hat mich zur Fortsetzung meiner Besuche ermutigt.“
„Wir alle sind immer erfreut, Sie bei uns zu sehen, Herr Fest,“ antwortete Dr. Leete. „Wir alle haben Sie eingeladen, Ihre Besuche zu wiederholen.“
„Allerdings haben Sie das gethan; aber Sie verstehen wohl, was ich meine,“ fuhr die Stimme fort. „Ich bin so oft in Ihr Haus gekommen und habe heut Fräulein Edith gefragt, ob sie mein Weib werden will, weil Ihre Tochter meine Hoffnung, ihre Liebe zu gewinnen, ermutigt hat. Jetzt aber wird mir in kühler Weise eröffnet, daß ich mich irrigen Hoffnungen hingegeben habe und ich sehe meinen Verdacht bestätigt, daß der Bostoner des neunzehnten Jahrhunderts, den Sie aus einem Keller in Ihrem Garten ausgraben ließen, der Mann ist, den Fräulein Edith allen andern vorzieht — selbst demjenigen, den sie bis vor einigen Tagen ermutigte.“
„Herr Fest, ich wünsche, daß Sie die Bildung und Gesittung des zwanzigsten Jahrhunderts mit mehr Anstand vertreten, wenn Sie von meiner Tochter und von meinem Gaste sprechen,“ sagte Dr. Leete etwas erregt.
„Natürlich muß ich vor allen Dingen den Anstand bewahren, nachdem ich durch herzlose Koketterie ein Jahr lang genarrt worden bin und nun die Entdeckung mache, daß das Mädchen, welches ich liebe, mir ein 143 Jahr altes Menschenkind vorzieht,“ sagte Fest bitter und höhnisch.
„Wie können Sie nur so beleidigende, unwahre Reden führen!“ rief Edith in zorniger Aufregung. „Niemals während unserer zehnjährigen Freundschaft ist mir der Gedanke gekommen, daß Sie andere Gefühle für mich hegen, als die eines Bruders.“
„Es ist an der Zeit, dieser Unterredung ein Ende zu machen,“ [erklärte] jetzt Dr. Leete. „Nach den stattgehabten Erklärungen wird Herrn Fest ohne Zweifel sein Gefühl sagen, daß die bisherigen Beziehungen nicht fortgesetzt werden können.“
„Natürlich können unsere Beziehungen nicht fortgesetzt werden,“ schrie Fest im höchsten Zorne. „Ich verlasse Sie jetzt und erkläre Ihnen hiermit, daß ich Ihr Haus nicht wieder in freundlicher Absicht betreten werde. Sollte ich je zurückkehren, so werde ich als Feind kommen, um Rache zu suchen für die Zerstörung meines Lebensglückes und Herzensfriedens. Hüten Sie sich vor jenem Tage!“
Die Sprache, welche dieser Mensch gegen Edith und deren Vater führte, empörte mich und, in das Zimmer tretend, sagte ich: „Bitte, sparen Sie Ihre hochtönenden Redensarten auf, bis Sie vielleicht einmal auf einem Liebhabertheater einen Bösewicht spielen und verlassen Sie sofort das Zimmer.“
Der Mann vor mir war sechs Fuß und drei Zoll hoch, hatte breite Schultern und gewaltige Fäuste. Er blickte spöttisch auf mich nieder und sagte: „Siehe da! Der ausgegrabene Greis. Diesmal will ich Sie noch schonen, altes Männchen; aber wenn Sie mir noch einmal mit unverschämten Redensarten in den Weg treten, dann stecke ich Sie in einen Sack und werfe Sie in die Massachusetts-Bay.“
Ehe ich auf diese Drohung antworten konnte, hatte Fest die Stube und das Haus verlassen.
„Wer ist der Mann?“ fragte ich, mich an Dr. Leete wendend, ohne daß ich versucht hätte, mein Mißvergnügen zu verbergen.
„Er ist ein Maschinenbauer, ein sehr tüchtiger Mann in seinem Gewerbe und Hauptmann im Arbeiterheere,“ erklärte der Doktor. „Seine Eltern lebten im nächsten Hause und als er ein Knabe war, pflegte er mit Edith zu spielen.“
„Wenn ich die Bildung, sowie die Umgangsformen der Offiziere des Arbeiterheeres nach den Erfahrungen dieser Stunde beurteilen wollte, dann müßte ich sagen, daß die Gesittung eher Rückschritte als Fortschritte gemacht hat,“ bemerkte ich.
„Es ist ein außerordentlicher Fall von Atavismus,“ erklärte Dr. Leete. „Solche Hitzköpfigkeit ist in unserem Zeitalter sehr selten und nur durch Vererbung erklärlich.“
Ich mochte diese Unterhaltung, die ein sehr unerfreuliches Ende nehmen konnte, jetzt nicht fortsetzen. Ich konnte die Betrachtung nicht unterdrücken, daß die Sitten und Umgangsformen vor 113 Jahren zwischen beiden Geschlechtern eine Linie zogen, die zwar unsichtbar, aber von jedermann anerkannt war, der eine Ahnung von Schicklichkeitsgefühl hatte und daß zu meiner Zeit kaum ein Mann den Eindruck haben konnte, daß ein Mädchen ihn ermutigt hatte, wenn dies nicht der Fall war. Ich hegte nicht den geringsten Zweifel, daß Edith sich in dieser Angelegenheit so gut benommen hatte, wie das beste Mädchen ihrer Tage. Dieser peinliche Auftritt war auch eine Folge der Gleichmacherei, welche allüberall bemerklich ist und welche wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grade die feine Scheidelinie verwischt hatte, welche vor 113 Jahren die sittlich erzogenen Mitglieder beider Geschlechter trennte. Ich erinnerte mich der Frage, welche ich einst an Dr. Leete stellte:
„Und so erklären also die Mädchen des zwanzigsten Jahrhunderts ihre Liebe?“
Worauf Dr. Leete antwortete:
„Wenn es ihnen gefällt. Sie haben nicht mehr Grund als die sie liebenden Männer ihre Gefühle zu verbergen.“[ [25] ]
Ja freilich! Wenn die Mädchen ihre Liebe ebenso erklären, wie die Männer das thun, dann muß freilich die feine Scheidelinie zwischen den beiden Geschlechtern verwischt werden.
Ein Gefühl der Unruhe, ja des Widerwillens überkam mich.
„Vielleicht wäre es doch zweckmäßig, Herrn Fest wenigstens auf einige Monate unter ärztliche Behandlung zu stellen,“ sagte Dr. Leete nachdenklich. „Er befindet sich ohne Zweifel in einer hochgradigen Aufregung und es ist nicht unmöglich, daß er eine unüberlegte Handlung begeht, welche er später bereuen würde.“
„Vor hundert und dreizehn Jahren würden wir solch einen Menschen einfach unter Friedensbürgschaft gestellt haben,“ sagte ich, da mir der Gedanke Entsetzen einflößte, daß ein Mann lediglich deshalb in ein Tollhaus gesperrt werden sollte, weil er im Zorne einige Drohungen ausgestoßen hatte.
„Was thaten Sie aber mit einem Manne, der trotz seiner Bürgschaft den Frieden brach?“ fragte der Doktor.
„Wir bestraften ihn nach den Gesetzen, welche auf den Fall Bezug hatten; entweder mit einer Geldstrafe, mit Gefängnishaft, oder, im Falle eines Mordes, mit Tötung.“
„Wir bringen einen Mann, in welchem der Atavismus zum Durchbruch kommt, in ein Hospital, wo tüchtige Ärzte ihn so lange in Behandlung nehmen, bis sie ihn für genügend hergestellt erachten und seine Entlassung verfügen,“ sagte Dr. Leete mit dem Ausdruck großer Selbstzufriedenheit und Güte, während er eine frische Havannacigarre anzündete.
„Ich glaube nicht, daß du viel wagst, Papa,“ sagte Edith, „wenn du dem Manne erlaubst, seiner Berufsthätigkeit nachzugehen. Er braust schnell auf; aber er wird sich auch bald wieder beruhigen.“
„Dessen bin ich nicht so sicher,“ antwortete Dr. Leete nachdenklich. „So weit ich ihn kenne, sind seine Gefühle, wenn einmal erregt, tief und nachhaltig. Vielleicht beruhigt er sich; vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist es gefährlich, den Stimmungen eines solchen Menschen ausgesetzt zu sein.“
Widerstreitende Gefühle und Gedanken füllten mir Herz und Hirn. Ich war überzeugt, daß eine Fortsetzung der Unterredung zu einem ernstlichen Streit mit Dr. Leete führen könnte und ich war nicht in der Stimmung, eine längere Erörterung mit ihm zu führen. So schützte ich denn starkes Kopfweh vor und trat einen Spaziergang an.
Die Erfahrungen der letzten Stunde schmeckten durchaus nicht nach dem tausendjährigen Reiche menschlicher Glückseligkeit, von welchem Dr. Leete wiederholt gesprochen hatte. Ein Mann, welcher eine Offiziersstelle in dem Arbeiterheere bekleidet, beschuldigt Edith in der rohesten Weise der Koketterie. Sein Betragen entsprach sicher nicht dem hohen Lobe, welches Dr. Leete der Bildung und Erziehung junger Leute im zwanzigsten Jahrhundert zollte. Jedenfalls bewies dieser Streit zwischen Fest und der Familie des Dr. Leete, daß die Zufriedenstellung der Menschheit durch die Einführung des Kommunismus, d. h. durch genügende Beherbergung, Kleidung und Abfütterung aller Leute, auch nicht erreicht wird. Haß und Eifersucht bedrohten meine Liebe und Fest schien mir ganz der Mann zu sein, um mir sein Mißbehagen klar zu machen. Das Mittel, durch welches Dr. Leete eine Gewaltthat des enttäuschten Liebhabers verhindern wollte, erschien mir noch viel widerwärtiger, als die Aussicht auf einen Kampf mit Fest. Und wieder stieg die Frage in mir auf, ob wohl Edith Bartlett, meine Verlobte im Jahre 1887, einem Manne auch nur die Möglichkeit der Klage offen gelassen hätte, daß sie mit ihm kokettiert oder ihn zu einer Liebeserklärung ermutigt hätte.
Als ich Herrn Forest nach meiner nächsten Vorlesung traf, warf ich die Frage hin: „Wenn ich recht unterrichtet bin, so haben sich viele Mädchen des zwanzigsten Jahrhunderts zu dem entwickelt, was wir emancipierte Damen zu nennen pflegten?“
Forest warf einen schnellen, prüfenden Blick auf mein blasses Gesicht, welches von einer schlaflos verbrachten Nacht zeugte und entgegnete dann: „Der blödsinnige Versuch, die in der Natur begründete Verschiedenheit durch Gleichmachereibestrebungen zu verwischen, hat auch die Beziehungen zwischen Frauen und Männern nicht verschont. Beide Geschlechter gehören dem Arbeiterheere an, beide haben ihre Offiziere und Richter, beide erhalten die gleiche Bezahlung. Die Königin Ihres altväterlichen Haushaltes ist entthront worden. Wir nehmen unsere Mahlzeiten in großartigen Dampfabfütterungsanstalten ein und wenn unsere Radikalen (die wahrhaft folgerichtig denkenden Kommunisten) einmal siegen sollten, dann werden wir alle in großen Kasernen leben, welche Tausende von Menschen beherbergen können. Die Ehe und das Familienleben werden abgeschafft sein, ebenso wie Religion und persönliches Eigentum; freie Liebe wird das Losungswort sein und wir werden ein Dasein führen wie eine Kaninchenherde. — Das natürliche Schicklichkeitsgefühl, welches eine hervorragende Eigenschaft des zarteren Geschlechts ist, hat es glücklicherweise verhindert, daß die Mehrzahl unserer Frauen und Mädchen den gemeinen und erniedrigenden Lehren des Kommunismus zum Opfer gefallen ist. Aber das echte Mädchen unserer Zeit ist ein sehr merkwürdiges, wenn auch nichts weniger als angenehmes Geschöpf. Haben Sie schon Fräulein Cora Delong, eine Base des Fräulein Leete, kennen gelernt?“
„Bisher ist mir das Vergnügen versagt gewesen.“
„Sie werden ihr nicht entgehen,“ weissagte Forest mit einem heiteren Lachen. „Fräulein Cora ist eine begeisterte Vorkämpferin für die unbedingte Gleichheit von Weib und Mann. Und da manche junge Männer den jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft den Hof machen, so hält es Fräulein Cora für recht und billig, daß sie den jungen Männern die Cour schneidet. Sie nimmt keinen Anstand, ihnen zu sagen, daß sie deren Schönheit bewundert, daß sie sie liebt, ja anbetet; sie sucht ihnen Küsse zu rauben und ladet sie zu einem Schnaps ein; so etwa, wie junge Männer die Damen ihrer Bekanntschaft zu einer Schale Eiskreme einladen. Sie raucht Cigarren und spielt mit ihren jungen Freunden Billard, kurz, sie thut alles, den Unterschied des Geschlechts zu verwischen. Und bitter beklagen sich Cora Delong und Mädchen ihresgleichen, daß sie nicht alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen beseitigen können.“
„Ich brenne durchaus nicht vor Verlangen, die Bekanntschaft des Fräulein Delong zu machen,“ gestand ich. „Und auf Grund meiner persönlichen Erfahrung muß ich sagen, daß mir die frühere Art des Haushaltens viel angenehmer erscheint. Führen aber die Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht ein viel bequemeres Leben als selbst die reichen Frauen meiner Zeit? Und wirtschaften Sie nicht mehr Arbeit aus Ihren Frauen heraus als wir? Dr. Leete sagte mir das.“[ [26] ]
„Dr. Leete ist ein großer Optimist; wenn immer es gilt dem Kommunismus das Wort zu reden,“ antwortete Forest „Es ist einfach unmöglich, mit einiger Sicherheit festzustellen, welchen Wert die Arbeit aller Mädchen und Frauen im Jahre 1887 hatte. Aber ich bezweifle die Richtigkeit der Angaben Ihres Gastfreundes, „daß wir mehr Arbeit aus den Frauen herauswirtschaften“ (wie Dr. Leete sich ausdrückt) als Sie aus den Frauen Ihrer Zeit.“
„Das besondere Kochen, Waschen und Plätten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts muß doch entschieden bedeutend mehr Arbeit verursacht haben als die Art und Weise, in welcher diese Verrichtungen heute besorgt werden,“ bemerkte ich. „Dazu kommt, daß, wie Dr. Leete versichert, es heute keine Hausarbeit mehr giebt.“[ [27] ]
„Das ist wieder einmal eine jener Behauptungen, in welchen Dr. Leete so stark ist,“ antwortete Forest. „Wer fegt die Zimmer, macht die Betten, reinigt die Fenster, staubt die Möbel ab und scheuert den Fußboden? Ohne Zweifel bildet die Familie des Dr. Leete eine Ausnahme; denn die Frauen des Arbeiterheeres verrichten jedenfalls die meisten, wenn nicht alle Arbeiten im Hause des einflußreichsten Vertreters der Regierung in Boston. Haben Sie jemals Frau Leete oder Fräulein Edith Hausarbeit oder überhaupt welche Arbeit verrichten sehen?“
Ich mußte diese Frage verneinen; denn in der That hatte ich nur gesehen, daß Edith einen Blumenstrauß gewunden hatte. Sonstige Arbeit irgend welcher Art hatte ich sie oder ihre Mutter nie verrichten sehen. Wenn sie ein Mitglied des Arbeiterheeres war, mußte sie eine Stellung einnehmen, in welcher ihre Arbeit wenig Zeit in Anspruch nahm. Sie hatte mir gegenüber niemals davon gesprochen, daß ihr irgend welche Pflichten oblägen und ich erinnerte mich recht wohl, daß Dr. Leete gleich in den ersten Tagen meines Verweilens in seinem Hause sagte, daß Edith eine „unermüdliche Bazarbesucherin“ sei,[ [28] ] dadurch andeutend, daß sie viele müßige Stunden habe.
„In den Häusern, welche die Mitglieder des Arbeiterheeres bewohnen, haben die Frauen keine Hilfe von andern Mitgliedern des Hilfscorps, d. h. von den Frauen der „industriellen Armee“. Sie müssen alle die Arbeit, welche ich erwähnte, selbst verrichten, und für sie ist das Kochen in den großen Speisehäusern keine so große Zeitersparnis, wie Sie zu glauben scheinen. Diese Frauen müssen dreimal des Tages ihre Kleider wechseln; denn sie können nicht in dem Anzuge bei Tische erscheinen, in welchem sie Haus- oder Fabrikarbeit verrichten. Und wenn sie kleine Kinder haben, müssen sie dieselben ebenfalls dreimal sorgfältiger ankleiden, als dies notwendig wäre, wenn die Kinder daheim essen würden.“
„Bei dem Kochen in den großen Speisehäusern,“ fuhr Forest fort, „wird erfahrungsgemäß mit den Stoffen nicht gespart, und ich glaube deshalb, daß die Massenkocherei durchaus nicht billig ist. Ferner müssen diese großen Kosthäuser einen langen Speisezettel zusammenstellen, und je mannigfacher die Kost, desto größer ist auch die Menge der Überbleibsel, welche nicht mehr verwendet werden können. — Aus den angeführten Gründen haben die verheirateten Frauen, welche Mitglieder des Arbeiterheeres sind, in der That wenig [Zeit, außer] der Haushaltungsarbeit viel zu schaffen, und die Mehrheit derselben würde lieber zu Hause kochen. Sie könnten dann, während sie mit ihrem Haushalte beschäftigt sind, die Mahlzeiten bereiten, ohne damit mehr Zeit zu verlieren, als jetzt mit dem Umziehen für die gemeinschaftlichen Abfütterungen. Besonders die Familien mit vielen Kindern würden lieber zu Hause kochen. Auch bei Krankheit in der Familie ist es eben so schwierig, wie umständlich, in den großen Koch- und Abfütterungsanstalten geeignete Kost für die Kranken zu erlangen. Eine Frau Hosmer sagte mir vor einigen [Tagen, daß] sie und ihre sieben Kinder schon um manche Mahlzeit gekommen sind, weil es ihr nicht immer möglich war, sich selbst und ihre sieben Kleinen rechtzeitig frisch umzukleiden und zu waschen.“
„Wie beschäftigen Sie die verheirateten Frauen?“ fragte ich.
„Dies ist ein wunder Punkt in unserer vielgepriesenen gesellschaftlichen Ordnung,“ antwortete Forest. „Die meisten verheirateten Frauen finden an der Thätigkeit im Arbeiterheere durchaus kein Gefallen und suchen sie auf jede Weise zu vermeiden. Die Arbeit, welche die Kinder veranlassen, und persönliches Unwohlsein werden am häufigsten als Entschuldigungsgrund geltend gemacht für die Abwesenheit der verheirateten Frauen von ihren Stellungen im Arbeiterheere.“
„Ich glaube, daß es selbst für einen Arzt sehr schwierig ist, festzustellen, ob die vorgebrachten Entschuldigungen begründet sind, oder nicht,“ bemerkte ich.
„Ganz gewiß. In den meisten Fällen ist es für den Arzt unmöglich, die Frauen zu beschuldigen, daß sie Unwohlsein heucheln und diese Beschuldigung zu erweisen,“ fuhr Herr Forest fort. „Diese Schwierigkeiten, welche die verheirateten Frauen veranlassen, und die Thatsache, daß die Sorge für ihre kleinen Kinder Frauen oft jahrelang verhindert, im Arbeiterheer Dienst zu thun, — diese Umstände werden von den radikalen Kommunisten zur Unterstützung ihrer Forderung geltend gemacht, daß die Familienhaushaltung ganz abgeschafft werden müsse. Die Radikalen behaupten, daß ihr System ein viel gedeihlicheres sein würde, als das unsrige. Es würde viel billiger sein, Hunderte oder Tausende in einem Gebäude unterzubringen und zu beköstigen, als Häuser zu unterhalten, in welchen nur eine, zwei oder drei Familien wohnen können. Sie behaupten ferner, daß nach Beseitigung der Ehe und nach der Einführung der „freien Liebe“ als Gesetz zur Regelung des geschlechtlichen Umganges die flüchtigen Verbindungen von Mann und Weib bessere Nachzucht liefern würden, als die Ehe. Diese Kinder würden in großen Kinderbewahranstalten untergebracht werden, so daß die Mütter, von der Kinderpflege befreit, den ganzen Tag dem Dienste des Arbeiterheeres widmen könnten.“
„Wie gemein!“ rief ich. „Alle menschlichen Einrichtungen, die Beziehungen beider Geschlechter zu einander, sollen wir nur auf die Berechnung gründen, was sich am besten bezahlt! Und wir sollen die Kinder von der Mutter trennen, nur weil es billiger ist, die jungen „Zweihänder“ hundertweise aufzufüttern, obschon bei der Massenaufzucht die Sterblichkeit unter denselben zehn oder zwanzig Prozent größer wäre.“
„Dennoch sind die Radikalen die folgerichtigen Denker unter den Kommunisten,“ sagte Forest. „Der Grundstein, auf welchem der Kommunismus ruht, ist die Gleichheit. Sie können die Forderung, daß die Arbeitsergebnisse gleichmäßig geteilt werden sollen, nur mit der Behauptung rechtfertigen, daß wir alle gleich sind, und wenn wir es sind, dann liegt kein Grund vor, weshalb wir in Häusern von verschiedener Größe und Bauart leben, weshalb wir uns nicht gleichmäßig kleiden und dieselben Gerichte essen sollen. Wenn wir alle gleich sind, dann hat jedermann ein ebenso gutes Recht auf die Liebe eines Mädchens, als jeder andere Mann und eben so hat jedwedes Mädchen einen ebenso guten Anspruch auf die Liebe eines Mannes, als das andere. Und es giebt keinen Grund, weshalb in einem kommunistischen Staatswesen das eine Kind mehr Abwartung haben sollte, als das andere, und weshalb die eine Mutter mehr Zeit bei ihrem Kinde verbringen sollte, als die andere, — dadurch kostbare Augenblicke vertrödelnd, welche der Gesamtheit gehören und zum Kartoffelschälen nützlich verwendet werden könnten. — Die Radikalen sind die allein waschechten Kommunisten.“
„Es kann doch nicht wohl jedes Mädchen alle Männer lieben und heiraten; ebenso wenig wie jeder Mann alle Mädchen lieben und heiraten kann,“ warf ich ein, etwas belustigt durch den grimmigen Hohn Forests, obschon ein tiefempfundener Widerwille gegen die von den Radikalen gepredigten scheußlichen Grundsätze meine Heiterkeit nicht recht aufkommen ließ.
„Unsere radikalen Weltbeglücker sind bis jetzt nicht imstande gewesen, es mir ganz klar zu machen, wie sie die „freie Liebe“ regeln wollen, falls von einer Regelung derselben überhaupt die Rede sein kann,“ antwortete Herr Forest. „Wahrscheinlich wird die Schwierigkeit, diese Frage völlig zu beleuchten, durch den Umstand erklärt, daß die Weltbeglücker untereinander noch nicht klar darüber sind, wie frei die „freie Liebe“ sein soll. Einige Radikale scheinen geneigt zu sein, ein Zusammenleben zweier Personen beiderlei Geschlechts so lange zu dulden, wie die Neigung der beiden füreinander währt. Die wahrhaft aufgeklärten und folgerichtig denkenden Kommunisten können aber eine dauernde Verbindung nicht dulden, da sie in schroffem Widerspruch zu unserem Grundsatze der unbedingten Gleichheit steht. Wahrscheinlich werden sie sich dahin einigen, daß man sich täglich neu begattet und, damit beide Geschlechter gleichgestellt werden, kann man den Frauen das Recht der Auswahl an jedem Montag, Mittwoch und Freitag, den Männern an jedem Dienstag, Donnerstag und Sonnabend geben. Die Sonntage werden vielleicht aus Höflichkeit noch den Damen zugestanden. Und um alle Streitigkeiten für den Fall zu vermeiden, daß eine Anzahl von Menschheitsbeglückern dasselbe Mädchen wählt, oder daß mehrere Jungfrauen und Frauen denselben Zeitgenossen heiraten wollen, kann man Lotterien veranstalten oder die Reihenfolge „auskegeln“. Auch durch Skatspiel oder Würfeln läßt sich die Reihenfolge feststellen. So wird man allen gerecht!“
„Ich kann mir nicht vorstellen,“ sagte ich, „wie Männer, welche das freie Denken als ein besonderes Vorrecht in Anspruch nehmen möchten, solche viehische Lebensgrundsätze entwerfen und dieselben als fortschrittlich der Menschheit empfehlen können. Das Schicksal der Frauen würde in der That beklagenswert werden, wenn diese Grundsätze jemals den Sieg erringen sollten. „Freie Liebe“ müßte die Stellung der Frauen erniedrigen, weil sie dem Manne der alternden Frau das Recht geben würde, sich von dieser zu trennen. Die Menschheit im allgemeinen aber wäre zu beklagen, wenn die Pflege der Kinder den Müttern entrissen und andern Menschen anvertraut werden sollte.“
„Ich würde es als den furchtbarsten Schlag ansehen, der jemals gegen die Menschheit geführt wurde,“ entgegnete Forest, „wenn die Pflege und die erste Erziehung der Kinder ihren Müttern entrissen werden sollte. Keine Frau, kein Mann, wie gut und edel sie auch sein mögen, können für ein fremdes Kind die unendliche Liebe und Geduld hegen, welche das Elternherz erfüllen. Die Gefühle, welche Mann und Frau, sowie die Familie verbinden, sind selbst von den kommunistischen Gesetzgebern bisher geachtet worden. Die Menschheit wird in Barbarei zurückfallen an dem Tage, an welchem die Familie zerstört, die Mutter vom Kinde und der Mann von der Frau getrennt wird. Man raube der Ehe den veredelnden Einfluß, welchen das gemeinschaftliche Tragen von Freud und Leid, der beständige Austausch aller Gedanken und Gefühle den Beziehungen beider Geschlechter zu einander verleiht, und man wird den Verkehr von Mann und Frau zu einem wesentlich tierischen erniedrigen. Viele der besten Eigenschaften aller Menschen können wir zurückverfolgen zu ihrer Quelle: der unendlichen Liebe und Geduld unserer Mütter in ihrem Bestreben, die geliebten Kinder zu guten und tüchtigen Menschen zu erziehen. Fast alle großen Männer hatten gute Mütter. Nichts auf Erden kann dem Kinde den Verlust der Mutter ersetzen; nichts könnte die Menschheit für den wohlthätigen Einfluß entschädigen, welchen die Mütter auf die heranwachsenden Geschlechter ausüben.“
„Glauben Sie, daß Ihre Radikalen jemals Macht genug erlangen werden, um die Mütter entthronen und die Ehe abschaffen zu können?“ fragte ich mit einiger Neugierde.
Forests Antwort lautete freudiger und zuversichtlicher als irgend eine Äußerung, welche ich bisher von ihm gehört hatte.
„Die Radikalen mögen sich erheben und die jetzige Regierung niederwerfen; sie mögen mancherlei vollbringen, ohne viel Widerstand bei den Massen zu finden, welche das jetzige System nur eben dulden und für dessen Verteidigung keine großen Anstrengungen machen werden. Aber unsere radikalen Weltverbesserer würden sehr unangenehme Überraschungen erleben, wenn sie es versuchen wollten, den Mann von seinem Weibe, die Mutter von ihrem Kinde zu trennen. Fast jede Mutter wird wie eine Löwin um ihre Kleinen kämpfen, und ich kenne einen Mann, der keinen Strohhalm opfern möchte, um die Niederlage der jetzigen Regierung zu hindern, der aber bis zum Tode kämpfen würde, ehe er sich von dem Weibe seines Herzens trennen ließe. Denn ein gutes, liebendes Weib ist das Höchste, was Gott dem Manne gewähren kann, und kein Mann von Mut und Ehre wird sich sein Weib rauben lassen, so lange noch ein Tropfen Blut warm durch seine Adern rollt.“