Zweites Kapitel.

Als ich zum erstenmale den großen Saal im Shawmut Kollege betrat, in welchem ich meine Vorlesungen halten sollte, gewahrte ich nahe der Saalthür einen Herrn im Alter von etwa vierzig Jahren. Er war zu alt, als daß ich ihn hätte für einen Studenten halten können und da ich ihn nicht gesehen hatte, als [Dr. Leete] mich den Professoren der Anstalt vorstellte, so war ich einigermaßen neugierig zu erfahren, in welcher Eigenschaft er meine erste Vorlesung mit seiner Gegenwart beehrte.

Der herzliche Empfang, welcher mir von seiten der Professoren zu teil geworden war, die Thatsache, daß die Studenten jeden Platz des großen Saales füllten, wirkten außerordentlich anregend auf mich und nachdem Dr. White, der Präsident der Universität, mich mit einigen schmeichelhaften Bemerkungen als einen lebenden Zeugen der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts vorgestellt hatte, begann ich meine erste Vorlesung vom besten Geiste beseelt.

Meine Rede stand naturgemäß unter dem Einflusse dessen, was Dr. Leete mir in unseren Unterredungen über die vergleichsweisen Vorzüge und Nachteile der Gesellschaftsordnung des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts gesagt hatte.

Ich setzte auseinander, daß meine Hörer von mir keine Übersicht der eigenartigen Civilisation in beiden Jahrhunderten erwarten dürften; auch keine Lobpreisungen der jetzigen Ordnung der Dinge. Ich würde nur auf einige Bestimmungen und Einrichtungen verweisen, welche als kennzeichnend gelten können für den Geist der beiden Zeitalter.

Als Merkmal des Zeitgeistes des neunzehnten Jahrhunderts schilderte ich den wahnsinnigen Wettbewerb. In diesem ekelhaften Kampfe sei der Mensch gezwungen worden, zu „übervorteilen, verdrängen, unter dem Werte kaufen und zu teuer verkaufen, das Geschäft zerstören, durch welches sein Nachbar seine Kleinen ernährte, die Menschen verleiten zu kaufen, was sie nicht sollten und zu verkaufen, was sie nicht durften, seine Arbeiter drücken, seine Schuldner peinigen, seine Gläubiger hintergehen,“ [ [2] ] um diejenigen unterhalten zu können, welche er zu ernähren hatte. Ich zeigte, daß es unter den Leuten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts „viele gegeben habe, welche, wenn es sich um ihr eigenes Leben gehandelt hätte, es lieber aufgegeben, als durch das Brot ernährt hätten, das sie anderen geraubt.“[ [3] ] Ich setzte auseinander, daß dieser wahnsinnige und vernichtende Wettbewerb beständig an Geist und Körper der Menschheit gezehrt habe und daß dieses zehrende Fieber noch vermehrt worden sei durch die beständige Furcht vor gänzlicher Verarmung. Das Gespenst der Unsicherheit hätte den Menschen des neunzehnten Jahrhunderts auf Schritt und Tritt verfolgt, es hätte sich mit ihm zu Tisch gesetzt, und wäre mit ihm zu Bett gegangen und hätte ihm zugeraunt: „Arbeite noch so tüchtig, stehe früh auf und mühe dich ab bis zum späten Abend, raube listig oder diene treu — du wirst nie die Sicherheit kennen. Du magst jetzt reich sein und doch kannst du einst in Armut geraten. Hinterlasse deinen Kindern noch so großen Reichtum — du kannst dir nicht die Sicherheit erkaufen, daß dein Sohn nicht einst der Diener deines Dieners wird, oder daß deine Tochter sich nicht um Brot verkaufen muß.“[ [4] ]

Vor hundertunddreizehn Jahren arbeiteten die Menschen wie die Sklaven bis zur völligen Erschöpfung, ohne dadurch auch nur die Sicherheit vor Verarmung oder vor einem jammervollen Hungertode erwerben zu können. Heut, am Ende des gesegneten zwanzigsten Jahrhunderts, wandele die Menschheit im rosigen Lichte der Freiheit, Sicherheit, Glückseligkeit und Gleichheit. Die Jugend des zwanzigsten Jahrhunderts genieße in vorzüglichen Schulen einen ausgezeichneten Unterricht und wähle nach Durchmachung einer dreijährigen Lehrzeit frei ihren Beruf. Selbst während ihrer Dienstzeit im Arbeiterheere erlaube ihnen die kurze Arbeitszeit an ihrer geistigen Ausbildung weiter zu bauen und dennoch bleibe ihnen zur Erholung mehr Zeit, als man vor hundert Jahren für vereinbar gehalten hätte mit dem Betriebe der Fabriken, der Landwirtschaft und anderer Berufszweige.

Frei von allen Sorgen, in völliger Übereinstimmung mit den Nebenmenschen, ohne den störenden Einfluß politischer Parteien, im Besitz eines Reichtums, wie er in der Geschichte der Völker niemals erhört wurde, könnten wir in der That sagen: „Der lange, traurige Winter der Gattung ist vorüber. Ihr Sommer hat begonnen. Die Menschheit hat ihre Puppenhülle durchbrochen. Der Himmel liegt vor ihr.“[ [5] ]

Ich hatte mit Begeisterung, ja, mit tiefer Bewegung gesprochen und erwartete eine mindestens beifällige Aufnahme meiner Rede. Aber nur vereinzelte und kühle Beifallsbezeugungen ließen sich hören, als ich meinen Vortrag beendet hatte. Kaum der vierte Teil der im Saale befindlichen Studenten hatte es der Mühe wert gefunden, Übereinstimmung mit den von mir entwickelten Ansichten auszudrücken und auch diese Wenigen schienen mehr aus Höflichkeit, als aus herzensfreudiger Übereinstimmung ihren Beifall kund gegeben zu haben. Diese frostige Aufnahme war für mich eine solche Enttäuschung, daß ich nicht Mut genug sammeln konnte, mein Katheder zu verlassen und durch die Studenten zu schreiten, während diese den Saal verließen.

Ich machte mir daher an meinem kleinen Pulte zu schaffen, bis jedermann die Halle geräumt hatte, mit Ausnahme des Herrn, welcher bei meinem Eintritt meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er blieb an der Thür stehen, offenbar meinen Weggang erwartend.

„Sie gehören zur Universität,“ fragte ich, um meine Befangenheit zu verbergen.

„Allerdings,“ antwortete er mit einem leichten Lächeln, welches zu weiteren Fragen herausforderte.

„Vermutlich habe ich das Vergnügen, einen meiner Herren Kollegen kennen zu lernen,“ fuhr ich fort. „Mein Name ist West.“

„Bis vor einem Monate war ich Professor Forest, Ihr Vorgänger als Lehrer der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Heut bin ich einer der Pedelle und mein Vorgesetzter ist so freundlich gewesen, meiner Sorgfalt gerade diesen Saal zu empfehlen.“

Ich hatte während der letzten Tage so vieles Neue und Überraschende gesehen, daß ich nicht so leicht in Erstaunen versetzt werden konnte.

Aber die Mitteilung, daß ein Universitätsprofessor mit der Reinhaltung desselben Saales beauftragt werden könnte, in welchem er vorher gelehrt, klang so unglaublich und eröffnete mir selbst für meine weitere Laufbahn eine so unerfreuliche Aussicht, daß ich meine Bestürzung nicht verbergen konnte.

„Und was hat diesen sonderbaren Stellungswechsel veranlaßt?“ fragte ich.

„In meinen Vergleichen betreffs der Civilisation und der Lage der Menschheit im Jahre 1900 und im Jahre 2000 kam ich zu andern Schlüssen, als Sie,“ antwortete Forest.

„Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß die Menschen am Ende des vorigen Jahrhunderts besser gestellt waren, als das jetzige Geschlecht,“ fragte ich, gleichzeitig überrascht und neugierig.

„Das ist in der That meine Ansicht,“ sagte Forest.

„Diese sonderbare Anschauung kann ich mir nur dadurch erklären, daß Sie persönlich keine Kenntnis von den Zuständen haben, welche Ihnen so schätzenswert erscheinen,“ rief ich aus.

„Ich muß natürlich zugeben, daß ich meine Belehrung aus unserer Bücherei geschöpft habe und [daß] Sie zur Unterstützung Ihrer Ansichten über die Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts Ihre persönliche Erfahrung geltend machen können,“ antwortete Forest. „Dagegen sind Sie wohl nicht so gut vertraut mit dem gegenwärtigen Stande der Dinge. Die Quelle Ihrer Kenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts ist ein Mann: Dr. Leete. Ich darf deshalb wohl behaupten, daß meine Nachrichten über die Civilisation Ihrer Tage besser sind, als Ihre Kenntnis unserer Zustände, weil ich mich auf mehr Zeugen berufen kann, als Sie.“

„Dann werden Sie auch die Ansichten mißbilligen, welche ich in meinem Vortrage entwickelte.“

„Ihre Vorlesung wird unzweifelhaft in allen Regierungs-Zeitungen veröffentlicht werden, also in fast jeder Zeitung des Landes,“ entgegnete Forest, eine unmittelbare Antwort auf meine Frage vermeidend.

„Sie sprechen von Regierungszeitungen,“ fragte ich erstaunt. „Hat die Regierung Zeitungen und braucht sie Organe?“

„Freilich hat die Regierung Zeitungen. Und es ist ebenso schwierig wie unangenehm, eine Zeitung herauszugeben, welche die Regierung tadelt oder bekämpft. Wir haben deshalb nur sehr wenige solcher Zeitungen.“

„Aber Dr. Leete sagte mir doch: „Wir haben keine Parteien oder Politiker, und was das Demagogentum und die Bestechlichkeit anbetrifft, so sind das Worte, die nur noch eine historische Bedeutung haben.[ [6] ] Und nun sprechen Sie von Gegnern der Regierung sowie von Zeitungen der letzteren?“ Ich sagte dies mit dem Ausdruck des Zweifels in Stimme und Blick, aber Herr Forest wurde dadurch nicht beirrt.

Er brach in ein lautes Gelächter aus und sagte dann: „Entschuldigen Sie, bitte, meine Heiterkeit! aber Dr. Leete ist ein großer Spaßmacher und er ist immer sicher, durch seine Scherze eine Versammlung zum Lachen zu zwingen! In der That! Das ist zu gut! Ich wünsche, ich hätte sein Gesicht sehen können, als er Ihnen diese Offenbarungen zu teil werden ließ.“

Und Forest lachte von neuem, daß ihm die Thränen in die Augen traten.

„Ich bitte um Verzeihung, Herr West,“ fuhr Herr Forest fort, als ich seiner Heiterkeit mit Schweigen begegnete. „Aber Sie würden mich entschuldigen und wahrscheinlich in mein Gelächter einstimmen, wenn Sie Herrn Dr. Leete so gut kennen würden, wie ich und dann hörten, daß er von einem Mangel an Politikern gesprochen hat. Doch ich will gleich hier erklären,“ fügte Herr Forest in ruhigerem Tone hinzu, „daß ich keine geringe Meinung von Dr. Leete habe. Er ist ein etwas rücksichtsloser Spaßvogel und ein geriebener Politiker; im übrigen aber ein so guter Mann, wie unsere Zeit ihn nur hervorbringen kann.“

„Dr. Leete ist ein Politiker?“ fragte ich mit neuem Erstaunen.

„Allerdings. Dr. Leete ist der einflußreichste Führer der Regierungspartei in Boston. Seinem Einflusse bin ich es schuldig, daß ich immer noch mit der Universität in Verbindung stehe.“

Forest nahm wahr, daß ich nicht wußte, wie ich diese Erklärung deuten solle und fügte daher hinzu: „Als ich beim Vergleich der Civilisation der zwei Jahrhunderte zu dem Schluß gelangte, daß der Kommunismus sich als ein Fehlschlag erwiesen habe, wurde ich als Verführer und Verderber der studierenden Jugend in Anklagestand versetzt. Das in solchen Fällen übliche Urteil: „Einsperrung in ein Irrenhaus“ wurde gefällt. Denn nach Ansicht unserer Machthaber kann nur ein Irrsinniger sich gegen die beste gesellschaftliche Ordnung auflehnen, welche die Menschheit jemals hatte. Dr. Leete erklärte indes, mein Irrsinn sei ein so harmloser, daß meine Einsperrung in ein Tollhaus überflüssig erscheine, zumal sie auch zu kostspielig sei. Ich könnte immer noch meinen Lebensunterhalt verdienen, indem ich im Universitätsgebäude leichte Arbeit verrichte. Dadurch würde ich den Professoren und Studenten als lebendige Warnung dienen, in ihren Äußerungen und Lehren vorsichtig zu sein.“

„Die Studenten scheinen Ihre Ansichten zu teilen; denn sie nahmen meine Auseinandersetzungen recht kühl auf,“ [bemerkte] ich, um der Unterredung eine andere Wendung zu geben und einer weiteren Besprechung der Eigenschaften meines Gastfreundes vorzubeugen.

Forests durchdringende graue Augen blickten einen Augenblick forschend in die meinigen. Dann sagte er freundlich:

„Ich glaube, daß Sie Ihrer Überzeugung gemäß gesprochen haben, Herr West. Haben Sie aber nicht das Gefühl gehabt, daß Sie Ihrer Zeit und Ihren Zeitgenossen keine Gerechtigkeit widerfahren ließen? Machte es der Wettbewerb, die Konkurrenz denn wirklich nötig, daß jedermann seinen Nachbar betrog, seine Arbeiter auspreßte, seinen Schuldnern die Kehle zuschnürte und anderen Leuten das Brot vom Munde wegriß? Waren denn wirklich die meisten Menschen Ihres Zeitalters Betrüger und Blutsauger? Waren die Arbeiter sämtlich Sklaven, welche tagtäglich arbeiteten, bis sie gänzlich erschöpft waren? Ich weiß aus Zeitschriften und Geschichtswerken recht wohl, daß die Mitglieder großer Gewerkschaften in ihren Tagen oft die Arbeit einstellten, weil sie acht Stunden als ein Tagewerk ansahen und daß sie sich weigerten, gegen gute Bezahlung neun oder zehn Stunden zu arbeiten. Danach hatten sie einen kräftigen, stolzen und unabhängigen Arbeiterstand, und es erscheint fast wie eine Beleidigung, diese Leute als Sklaven zu bezeichnen. Und was die Mädchen anbelangt, so habe ich Klagen darüber gelesen, daß Hilfe für Hausfrauen zu Ihrer Zeit nur schwer zu erlangen war und daß Köchinnen und Stubenmädchen je nach ihrer Leistungsfähigkeit von 2 bis 5 Dollar wöchentlich und Kost erhielten. Es lag also für ein anständiges Mädchen keine Entschuldigung vor, wenn sie sich „für Brot verkaufte.“ Allerdings war die Civilisation Ihrer Tage weit davon entfernt fehlerlos zu sein. In der That ist nichts auf Erden vollkommen. Aber Ihre Schilderung der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts war in so düsteren Farben gehalten, daß unsere Studenten, welche mit der Geschichte jener Tage nicht ganz unbekannt sind, sich von Ihrer Vorlesung unmöglich konnten begeistern lassen. Dies wäre auch schon deshalb schwierig gewesen, weil viele dieser jungen Leute unsere jetzigen Einrichtungen durchaus nicht so unbedingt bewundern, wie Sie. Ich spreche ganz offen, Herr West, und ich hoffe, daß Sie meinen Freimut entschuldigen werden. Ich möchte Ihnen einen Dienst leisten, indem ich Ihnen unsere Zustände, Einrichtungen und Menschen genau so schildere, wie sie sind.“

Der warme Ton seiner Stimme und der freundliche Blick seiner Augen veranlaßten mich beim Weggehen Forests Hand zu drücken; obschon alles, was er sagte, gegen meine Freunde und gegen meine eigenen Ansichten gerichtet war und mich daher sehr peinlich berührte. Ich ging in gedrückter Stimmung nach Hause, in meinen Gedanken die Einwendungen erwägend, welche Forest gegen meine Vorlesung erhoben hatte.

Ich traf Dr. Leete und die Damen beisammen. Edith fragte mich, ob mein erstes Auftreten als Professor sich meinen Erwartungen gemäß gestaltet habe.

Es war immer mein Grundsatz offen und ehrlich zu sein. Ich teilte daher den Freunden meine Erlebnisse, den wesentlichen Inhalt meiner Vorlesung, deren kühle Aufnahme und meine Enttäuschung mit. Ich erwähnte auch Herrn Forests kritische Besprechung meiner Rede und gestand, daß sein abfälliges Urteil in so fern berechtigt gewesen wäre, als ich die Auswüchse, welche der Wettbewerb bei einzelnen Leuten meiner Zeit erzeugt hatte, der gesamten Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts zuschrieb. Die Bemerkungen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte, erwähnte ich natürlich nicht.

Mein Bericht machte offenbar auf Dr. Leete keinen unbedingt angenehmen Eindruck. Nach einer kurzen Pause sagte er: „Ich meine, daß die rücksichtslose Konkurrenz im letzten Teile des neunzehnten Jahrhunderts notwendiger Weise das ganze Volk mehr oder weniger verderben mußte, — in den meisten Fällen mehr. Deshalb halte ich Ihre Vorlesung für eine ausgezeichnete Darlegung leitender Grundsätze und ich glaube nicht, daß Sie Veranlassung haben, auch nur einen Zoll breit von dem Standpunkte zurückzuweichen, den Sie eingenommen haben. Die kühle Aufnahme, welche Ihnen wurde, darf Sie nicht beirren. Sie ist eine Folge der Forestschen Lehrthätigkeit. Er hat seine irrigen Ansichten in die Köpfe unserer Studenten gesäet, seine blinde Verehrung für den Wettbewerb und seine Abneigung gegen die jetzige Ordnung der Dinge. Es ist jetzt Ihre Aufgabe, die jungen Leute über den vergleichsweisen Wert der beiden Gesellschaftsordnungen aufzuklären. Herr Forest legt durch seine unablässigen Versuche, die Studenten zu verleiten, unserer Geduld schwere Proben auf. — Hat er Ihnen gegenüber den Umstand nicht erwähnt, daß er Ihr Vorgänger war?“

„Er that es, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er ein Mitglied des Lehrerpersonals sei. Er sagte, daß er wegen „Ketzerei“ entlassen wurde und daß er seine verhältnismäßig milde Behandlung Ihrer Verwendung verdanke.“

„Es ist nicht Forests Art, mit seinem Urteil zurückzuhalten und ich darf demnach annehmen, daß er Ihnen eine nette Schilderung von Dr. Leete entworfen hat,“ sagte mein Gastfreund lächelnd.

Unter den obwaltenden Umständen schien es mir am zweckmäßigsten, die Äußerungen zu wiederholen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte, zumal dieselben nicht bösartig, sondern eher schmeichelhaft für meinen Gastfreund waren. Ich kann wohl hinzufügen, daß ich einigermaßen neugierig war zu sehen, was Dr. Leete zu der Behauptung des Herrn Forest sagen würde, daß er ein Politiker und Führer der Regierungspartei wäre.

So sagte ich denn: „Herr Forest lachte herzlich, als ich Ihre Äußerung wiederholte, daß Sie weder Parteien noch Politiker hätten. Er nannte Sie einen Spaßmacher, einen geriebenen Politiker, den Führer der Regierungspartei und einen braven Mann.“

Über Dr. Leetes Zügen flog ein etwas grimmiges Lächeln, als er antwortete: „Das ist ein Charakterzeugnis, auf welches ich eigentlich stolz sein sollte, da es von einem zum Krittler gewordenen Kritiker herrührt. Was Forests Behauptung betrifft, daß ich ein Politiker sei, so habe ich darauf nur zu entgegnen, daß ich noch nie ein Amt bekleidete; und daß die Regierung mich in einzelnen Fällen zu Rate zog, macht mich noch nicht zum Führer der Regierungspartei, denn diese Auszeichnung wurde auch andern Bürgern häufig zu teil. Politische Parteien haben wir nicht. Es giebt natürlich einige unverbesserliche Tadler, die, wie Forest, nie zufriedengestellt werden können, und einige radikale Krakehler. Ihnen wird aber wenig Beachtung geschenkt, so lange sie nicht den Frieden des Volkes stören. Thun sie dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.“

Obschon auch die letzten Worte im Tone leichter Unterhaltung gesprochen wurden, machten sie doch einen tiefen Eindruck auf mich. „Thun sie dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.“ Bestätigte das nicht Forests Behauptung, daß die Urteile, welche über Gegner des Kommunismus gefällt würden, fast immer auf Einsperrung in eine Irrenanstalt [lauteten?]

Meine unangenehmen Gedanken wurden durch Ediths weiche Stimme unterbrochen: „Ich denke, lieber Vater,“ sagte sie, „Herr Forest ist ein eben so ehrenhafter wie wohlmeinender Mann und man sollte ihm gestatten, seine Meinungen zu äußern, selbst wenn diese irrig oder gar sonderbar sind. Die Studenten werden am Ende ohne Zweifel davon überzeugt werden, daß unsere Gesellschaftsordnung so gut ist, wie sie nur gestaltet werden kann. Außerdem ist es auch so unterhaltend, gelegentlich einmal eine andere Ansicht zu hören.“

Mit dem Ausdruck väterlicher Liebe legte Dr. Leete seine rechte Hand auf Ediths reiches Haar und sagte: „Die Damen am Hofe Ludwigs XVI. von Frankreich fanden auch die Ansichten sehr [unterhaltsam], welche die Revolution veranlaßten und vielen der „unterhaltenen“ Damen und Herren ihre Köpfe unter der Guillotine kosteten. — Gedanken sind Feuerfunken, die leicht eine Feuersbrunst veranlassen können, wenn sie nicht überwacht werden.“