Drittes Kapitel.

Ich hatte mich niemals viel mit Volkswirtschaft befaßt und es war mir demgemäß auch nie in den Sinn gekommen, wirtschaftliche Grundsätze auf ihren Wert zu prüfen. Ob Wettbewerb oder Gütergemeinschaft der Menschheit zuträglicher sei — diese Frage war mir noch nie in den Sinn gekommen. Als daher Dr. Leete in seiner ebenso bestimmten wie ansprechenden Weise erklärte, wie die Gesellschaft nach Beseitigung des Wettbewerbes geordnet wurde, hatte ich nicht einmal erkannt, daß diese Ordnung auf kommunistischen Grundsätzen ruhte. Ich meinte, die Menschheit hätte das tausendjährige Reich errungen und als Dr. Leete mir sagte, daß seine bequeme, ja von Überfluß zeugende Lebensweise die des gesamten Volkes im letzten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sei, da zweifelte ich nicht, daß jedermann mit der neuen Gesellschaftsordnung zufrieden sein müsse.

Meine kühle Aufnahme seitens der Studenten und meine Unterredung mit Herrn Forest hatten mich aber belehrt, daß nicht alle Bewohner der Vereinigten Staaten im zweitausendsten Jahre des Herrn die jetzige Gesellschaftsordnung für das tausendjährige Reich hielten und ich muß bekennen, daß mich diese Wahrnehmung sehr schmerzlich berührte. Denn ein süßer Friede, eine nie vorher empfundene Ruhe waren in mein Herz gezogen, als Dr. Leete von der grenzenlosen Glückseligkeit erzählte, deren sich die Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert erfreute.

Meine neue Stellung legte mir nun die Pflicht auf, mich eingehend mit volkswirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Allerdings hätte ich einfach die gesellschaftlichen und politischen Zustände in den Vereinigten Staaten am Schlusse des vorigen Jahrhunderts schildern und vor jenem Hintergrunde die neue Ordnung der Dinge loben können; aber das würde mir selbst nicht genügt haben. Ich wollte selbst durch eingehende vergleichende Prüfung erforschen, welche von beiden wirtschaftlichen Richtungen den Vorzug verdiene. Deshalb pflegte ich meine Bekanntschaft mit Herrn Forest, um dessen Gründe gegen die von Dr. Leete vertretenen Lehren kennen zu lernen. Dieser Umgang mit Herrn Forest war insofern für mich kein angenehmer, als mich stets das Gefühl des Unbehagens bei dem Gedanken überkam, daß Forests Anschauungen und Grundsätze sich als die richtigeren erweisen könnten. Denn ein Sieg der von Forest vertretenen Ansichten kam einer Umkehr zu einem Stande der Dinge gleich, welcher mir so gründlich zuwieder war, wegen der Sorgen und Unbequemlichkeiten, die er im Gefolge hatte. Mir erschien Dr. Leetes Staatswesen als ein Paradies, aus dem Forest mich vertreiben wollte.

In meinen nächsten Vorlesungen beschränkte ich mich auf eine genaue Schilderung des „Arbeitsmarktes“ in Boston im Jahre 1887. Alle Übertreibungen sorgfältig vermeidend, zog ich aus den vorliegenden Thatsachen nur unbestreitbare Schlußfolgerungen. Ich zeigte, wie Kapital und Arbeit gleichmäßig unter den zahlreichen Arbeitseinstellungen jener Tage gelitten hatten und pries die jetzige Ordnung der Dinge, weil sie solche unsinnige wirtschaftliche Kämpfe unmöglich mache.

Nach Beendigung meiner Vorlesungen unterhielt ich mich stets mit Herrn Forest, welcher ebenso bereitwillig war, über die neue Gesellschaftsordnung zu sprechen, wie Dr. Leete.

„Die Freunde der Regierung nennen mich einen unverbesserlichen Krittler“, sagte Forest, „und sie haben recht, obschon sie ihr Urteil in etwas höflichere Worte kleiden und sagen könnten, daß ich zur Prüfung aller Dinge geneigt bin. Ich würde jede Regierung, unter der zu [leben] mein Schicksal wäre, prüfen und mein Urteil aussprechen; gleichviel, wie gut, oder wie schlecht die Regierung auch wäre. Ich hege keinen Groll gegen die Männer, welche die Vereinigten Staaten heut regieren. Ich gebe sogar zu, daß sie etwas mehr Klugheit, Thatkraft und Duldsamkeit zeigen, als die Mitglieder der Verwaltung, welche vor zwölf Jahren aus dem Amte schied. Es sind eben die leitenden Grundsätze, welche falsch sind und demgemäß müssen auch die Folgen schlecht sein, was immer die Regierung thun mag, die üblen Folgen eines schlechten Systems zu verkleistern.“

„Sie meinen demnach, daß das jetzige System durchaus falsch ist?“ fragte ich.

„Können Sie daran zweifeln?“ antwortete Forest. „Blicken Sie um sich! Ist der leitende Grundsatz in der Schöpfung Gleichheit oder Verschiedenheit? Sie finden oft Ähnlichkeit, nie Gleichheit. Pflanzenkundige haben Tausende von Blättern gesammelt, die auf den ersten Blick ganz gleich erschienen; aber bei sorgfältiger Prüfung fanden sie ganz bestimmte Unterscheidungsmerkmale. Ungleichheit ist Naturgesetz und jeder Versuch, unbedingte Gleichheit herzustellen, ist demnach naturwidrig und unsinnig. Es haben deshalb auch alle derartigen Versuche sich als Fehlschläge erwiesen. Selbst als einige der ersten Christen, von Nächstenliebe geleitet, die Gütergemeinschaft unter sich einführten, war das naturwidrige Unternehmen nicht von Bestand. Selbst der selige Prokrustes konnte mit einer Bettstelle für alle sein Geschäft nicht betreiben; er brauchte deren zwei, für die langen und für die kurzen Opfer, welche ihm in die Hände fielen. Wir könnten eben so wohl anordnen, daß künftighin alle Männer sechs Fuß lang sein, zweiundvierzig Zoll um die Brust messen, eine griechische Nase, blaue Augen, blonde Haare und eine Tenorstimme haben müssen, wie wir versuchen können, alles Leben in einem kommunistischen Gemeinwesen in eine Gleichheitszwangsjacke zu stecken, in der Erwartung, daß die Menschheit sich da wohl fühlen solle. — Berücksichtigen wir doch nur in Verbindung mit der Verschiedenartigkeit der geistigen und körperlichen Anlagen die Verschiedenheit der Neigung und des Geschmackes, die Mannigfaltigkeit der Berufsthätigkeit und beantworten wir uns dann die Frage, ob die Begründung einer Gesellschaftsordnung auf der Grundlage unbedingter Gleichheit dauern kann.“

„Wenn ich mir eine richtige Ansicht von der Gliederung Ihrer Gesellschaft gebildet habe,“ wandte ich hier ein, „so haben Sie das Anrecht aller Menschen auf einen Lebensunterhalt anerkannt, indem Sie jedermann einen gleichen Anteil an den Arbeitserzeugnissen zugestanden; aber Sie haben auch jedermann die Gelegenheit geboten, einen ihm zusagenden Beruf zu wählen. Sie haben ferner die zu einer Zunft gehörigen Arbeiter in Abteilungen und Grade geteilt, um den Ehrgeiz der Arbeiter nach Erreichung eines höheren Grades anzuregen und Sie haben so eine Verschiedenartigkeit der Stellungen geschaffen, welche der Ungleichheit der Menschen entspricht, die Sie vorhin hervorgehoben.“

„So ist es,“ sagte Forest. „Wir haben zuerst den Grundsatz der Gleichheit festgestellt und alsdann unsere Gesellschaft auf der Grundlage der Ungleichheit gegliedert, wodurch wir die ausdrückliche Anerkennung der Thatsache vermieden, daß die neue Gesellschaftsordnung in der Lehre wie in der Wirklichkeit eine Fehlgeburt ist. Die Frage, welche uns vorliegt, ist eine sehr einfache: „Sind wir alle einander gleich?“ Wenn wir es sind, dann ist der Kommunismus die allein richtige Gesellschaftsform und jedermann sollte alsdann einen gleichen Anteil von den Erzeugnissen der gemeinschaftlichen Arbeit erhalten. Sind wir nicht alle einander gleich, sind wir verschieden voneinander an geistigen und körperlichen Fähigkeiten, sind die Arbeitsergebnisse ungleich, dann liegt auch kein vernünftiger Grund vor, weshalb die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilt werden sollten. Wir aber verkündigen erst den Grundsatz der Gleichheit und behaupten, daß wir besagter Gleichheit wegen die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilen; — und dann teilen wir die sämtlichen „Arbeiter, je nach ihrer Fähigkeit, in solche ersten, zweiten und dritten Grades..... Und in vielen Fällen sind diese Grade noch in eine erste und eine zweite Klasse geteilt.“[ [7] ] Hier sehen wir also, daß die Arbeiter in sechs Abteilungen gegliedert werden und zwar aus dem ausdrücklich angeführten Grunde: weil ihre Befähigung eine verschiedene ist. Daß ihr Fleiß ebenfalls ungleich ist, wird nicht ausdrücklich zugestanden, ist aber nichtsdestoweniger eine Thatsache. Die Ungleichheit der Menschen wird also ausdrücklich anerkannt; aber die Arbeitsergebnisse werden im Namen der Gleichheit gleichmäßig verteilt!

„Nun hat ohne Zweifel,“ fuhr Forest mit großem Nachdruck fort, „jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit. Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen Teil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl aus der sechsten Abteilung zu geben. Das ist natürlich offenbare Räuberei, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen eines „Regierungsgrundsatzes“ verbirgt; denn durch die Einteilung der Arbeiter in sechs Abteilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit „nichts ist!“ — Dennoch werden alle Diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu Gunsten der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern mögen, als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher die Geschichte der Menschheit uns meldet.“

„Sie sind bis zu einem gewissen Grade ein Verteidiger der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts,“ antwortete ich. „Nun wurden aber zu unserer Zeit von manchen Wortführern der Arbeiter die Arbeitgeber „Lohndiebe“ gehießen, d. h. sie wurden beschuldigt, sie hätten einen zu großen Anteil von dem für die Arbeitserzeugnisse vereinnahmten Gelde für sich behalten und den Arbeitern zu geringen Lohn gegeben. Mir erscheint die gleiche Verteilung alles Eigentums viel empfehlenswerter, als eine Verteilungsart, bei welcher eine vergleichsweise kleine Anzahl von Arbeitgebern sich auf Kosten der Masse des arbeitenden Volkes bereichern konnte.“

„Ich bin kein Verteidiger der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts,“ rief Forest. „Ich behaupte nur, daß der Wettbewerb, unter welchem die Menschheit vor hundert Jahren arbeitete, dem Kommunismus, unter welchem wir jetzt arbeiten, weit überlegen ist. Der ungerechte Gewinn der Arbeitgeber, von welchem Sie sprechen, hätte leicht abgeschafft werden können, wenn Ihre Arbeiter sich zu Teilhaber- oder Genossenschaften vereinigt hätten. Vor 100 Jahren gab es kein Gesetz, welches ein Dutzend Schuhmacher hätte hindern können, sich ein Lokal mit Dampfkraft zu mieten, etliche Näh- und sonstige Maschinen zu kaufen und Schuhzeug für eigne Rechnung und Gefahr zu machen. Und es gab kein Gesetz, welches alle anderen Arbeiter hätte hindern können, ihr Schuhzeug nur in solchen Genossenschaftswerkstätten zu kaufen. Wäre dies geschehen, so hätten die Genossen die Gewinne des Fabrikanten, des Großhändlers, des Kleinhändlers und des Arbeiters erhalten, d. h. allen Gewinn, der überhaupt in der Arbeit steckte. Die Arbeiter aller Geschäftszweige hätten sich allmählich zu Genossenschaften vereinigen können, so Arbeitgeber und Arbeiter in einer Person darstellend. — Wenn die Arbeiter es vorzogen, von diesem Recht und von dieser Gelegenheit keinen Gebrauch zu machen; wenn ihnen nicht daran lag, die Sorgen und das Wagnis einer selbstständigen Geschäftsführung auf sich zu nehmen; wenn sie lieber für einen Arbeitgeber thätig waren, diesem die Sorgen und das Wagnis der Geschäftsleitung überlassend; dann hatten sie auch kein Recht, über den Gewinn des Unternehmers zu klagen, der ihnen ja zugänglich war.

„Und wenn die Arbeiter Ihrer Zeit mit ihrem Lohn oder der Behandlung unzufrieden waren, so konnten sie sich andere Beschäftigung suchen, was unsere Arbeiter nicht können, weil der Staat der einzige Arbeitgeber ist. Der Grundsatz, daß jedermann ein gutes Recht auf das hat, was er hervorbringt, ist unter Ihrer Arbeitsweise nie in Frage gestellt worden. Aber wir haben im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit das „Recht“ aufgestellt, den Fleißigen zu Gunsten des Faulen zu berauben. Wenn die Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts, anstatt an Arbeitseinstellungen Riesensummen zu opfern, einen Arbeitszweig nach dem andern auf genossenschaftlicher Grundlage eingerichtet hätten, würden sie mit verhältnismäßig geringen Schwierigkeiten das gelöst haben, was sie die sociale Frage nannten. — Uns aber würden sie dadurch bewahrt haben vor der abscheulichen Form, in welcher die Gesellschaft jetzt gegliedert ist und verwaltet wird.“

„Die Arbeiterorganisationen und die Ausstände waren nur eine Wirkung der Konzentration des Kapitals, das sich in größeren Massen als je zuvor aufgehäuft hatte,“ sagte ich, die Ansichten des Dr. Leete betreffs dieser Frage wiedergebend. „Ehe diese Konzentration begann, und als Handel und Industrie noch von unzähligen kleinen Geschäften mit geringem Kapital, anstatt von einer kleinen Anzahl großer Geschäfte mit großem Kapital betrieben wurde, hatte der einzelne Arbeiter dem Unternehmen gegenüber eine verhältnismäßig wichtige und unabhängige Stellung. So lange ferner ein geringes Kapital oder eine neue Idee hinreichten, jemanden ein eigenes Geschäft beginnen zu lassen, wurden Arbeiter beständig zu Unternehmern und gab es keine feste Grenze zwischen den beiden Klassen. Arbeiterverbindungen waren damals unnötig und allgemeine Ausstände konnten nicht vorkommen.“[ [8] ]

„An Ihrer Stelle, Herr West, würde ich diese Aussprüche des Dr. Leete nicht zu meinen eignen machen,“ sagte Herr Forest lächelnd. „Der Doctor hat häufig Gelegenheit gehabt, sich betreffs dieser Angelegenheit eines Besseren belehren zu lassen; aber er besteht darauf, seine irrigen Behauptungen zu wiederholen. Ich und andere haben diese Auseinandersetzungen so oft widerlegt, daß es uns schließlich langweilig wurde. „Streiks“ sind nicht, wie Dr. Leete zu glauben vorgiebt, verhältnismäßig neue Erscheinungen auf volkswirtschaftlichem Gebiete. Eine der größten Arbeitseinstellungen, von welchen die Geschichte uns berichtet, die „Secessio in montem sacrum“, fand schon 494 vor Christi Geburt statt und während der Jahrhunderte des Mittelalters waren Arbeitseinstellungen zur Erlangung höherer Löhne sehr häufig; obschon in jenen Tagen die Arbeit viel besser zusammengegliedert war (in Gilden und Zünfte) als die Geldmacht. Und was die Unmöglichkeit der Arbeiter angeht, Arbeitgeber zu werden, so kann ich Ihnen in der Universitätsbücherei eine deutsche Zeitung zeigen, die „Freie Presse“, welche im Jahre 1888 in Chicago erschien und in welcher der Redakteur, bei Widerlegung ähnlicher Behauptungen der Kommunisten jener Tage, auf die Thatsache verweist, daß im Jahre 1888 in Chicago 12 000 Deutsch-Amerikaner wohnten, welche entweder Hausbesitzer, oder Fabrikanten, oder sonst selbständige Geschäftsleute waren. Alle diese Leute waren unbemittelt, meist der englischen Sprache unkundig, nach Chicago gekommen und dort zu Wohlstand, ja viele zu Reichtum gelangt. Dies widerlegt die Behauptung, daß die Unbemittelten sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bereits rettungslos in den Krallen der Geldmächte befunden hätten. — Nichts ist leichter, als ins Blaue hinein Behauptungen aufzustellen. Diese Behauptungen zu beweisen, ist oft schwer. Und Dr. Leete ist groß in solchen wilden Angaben.“

„Führen Sie aber nicht ein höchst angenehmes Leben?“ fragte ich in der Hoffnung, Forests Angriffen auf die neue Ordnung der Dinge ein Ende zu machen, indem ich auf einige unbestreitbare Thatsachen verwies. „Erfreuen Sie sich nicht eines nie dagewesenen Wohlstandes? Haben Sie nicht die Armut gänzlich ausgerottet? Und sind nicht diese Errungenschaften kleine Opfer wert?“

„Wir führen kein höchst angenehmes Leben. Wir erfreuen uns nicht eines nie dagewesenen Wohlstandes. Sie werden sehr bald entdecken, daß Sie sowohl die Art, wie die Früchte unserer Civilisation bedeutend überschätzen. Und was die Vernichtung der Armut anlangt, so läuft diese „Errungenschaft“ im wesentlichen darauf hinaus, daß wir die ungeschickten, dummen und faulen Leute mit den Arbeitsergebnissen der geschickten und fleißigen Frauen und Männer bereichern. Das hätten Sie vor 113 Jahren auch leisten können, aber Sie waren nicht so einfältig und ungerecht, eine derartige Räuberei zu begehen.“

„Wenn das Volk mit der jetzigen Gesellschaftsordnung unzufrieden ist, so kann es ja eine Änderung vornehmen,“ entgegnete ich. „Ihren Äußerungen zufolge bilden die Gegner der Regierung keine Partei, die irgend welche Bedeutung hat: denn Sie sagten mir, daß es nur einige Zeitungen giebt, welche die Regierung bekämpfen. Dies scheint mir ein Beweis dafür zu sein, daß das Volk im wesentlichen mit der jetzigen Ordnung der Dinge zufrieden ist.“

Forest sah sehr ernst drein als er antwortete: „Sie sind natürlich der Meinung, daß wir uns derselben Freiheit erfreuen, welche Sie vor 113 Jahren genossen. Aber im politischen Leben ist seit jener Zeit alles anders geworden. Ihre Bürger waren von der Regierung ganz unabhängig, die Beamten und solche Leute vielleicht ausgenommen, welche gerade Arbeiten für die Regierung ausführten. Heut greift die Regierung in alles ein und fast jedermann ist mittelbar oder unmittelbar von der Gunst der höheren Beamten mehr oder weniger abhängig. Wer es wagt, die Regierung offen zu bekämpfen, der kann sicher sein, daß ihn, seine Verwandten und seine Freunde der Zorn des Beamtentums trifft. Deshalb ist die Zahl derjenigen sehr klein, welche kühn genug sind, den Grimm der Regierung offen herauszufordern, obschon vielen die jetzige Ordnung der Dinge entschieden mißfällt.“

„Weshalb wählt das Volk dann nicht Leute in den Kongreß, welche die jetzige angeblich so unbefriedigende Ordnung der Dinge durch den Erlaß neuer Gesetze ändern?“ fragte ich, überzeugt, daß Forest in seiner Krittelwut die dunklen Farben allzu dick aufgetragen hatte.

„Der Kongreß hat heutzutage wenig Einfluß,“ entgegnete Forest. „Die Macht liegt fast ausschließlich in den Händen des Präsidenten und der Vorsteher der zehn großen Abteilungen. Sie haben fast eine unumschränkte Gewalt, die etwas an die Macht des Zehnerrates erinnert, welcher in Venedig zu der Zeit herrschte, als diese aristokratische Republik auf dem Gipfel ihres Ansehens stand. Da es in ihrer Willkür liegt, jeder Person auf die Dauer von 24 Jahren gute oder schlechte Stellungen anzuweisen, ja selbst Leute von mehr als 45 Jahren wieder in das Arbeiterheer zu stellen und auf diese Weise Mißliebige wieder unter ihre Gewalt zu bekommen, so haben unsere hohen Regierungsbeamten eine Tyrannenmacht, von der auch nur zu träumen keinem Fürsten Ihrer Zeit eingefallen wäre.“

„Sie wissen natürlich,“ fuhr Herr Forest fort, „daß alle Rekruten während der ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit in die Reihe der gewöhnlichen Arbeiter gestellt werden. „Erst nach dieser Periode, während welcher sie für jede Art der Arbeit ihren Vorgesetzten zur Verfügung stehen, dürfen [sie] einen besonderen Beruf wählen!“[ [9] ] Sie werden einsehen, daß die jungen Leute während dieser drei [Jahre der Gnade] oder Ungnade ihrer Vorgesetzten preisgegeben sind. Diese können einem Rekruten leichte und reinliche Arbeit zuweisen, sie können ihn aber auch an schmutzige, ungesunde Beschäftigung schicken. Widerspruch wird nicht geduldet. Denn „ein Mensch, der fähig ist Dienst zu thun, sich dessen aber hartnäckig weigert, wird zu Isolierhaft bei Wasser und Brot verurteilt bis er sich willig zeigt.“[ [10] ]

„Sie wissen ferner, daß „über die Leistungen jeder Person Buch geführt, und die besondere Tüchtigkeit erhält ihre Auszeichnung während die Nachlässigkeit ihre Strafe findet.“[ [11] ] Dr. Leete hat Ihnen auch ohne Zweifel gesagt, daß wir es nicht für weise halten „zu gestatten, daß jugendliche Sorglosigkeit oder Unbesonnenheit, falls sie keine erhebliche Schuld einschließt, die künftige Laufbahn der jungen Leute schädige und allen, welche jenen ersten Grad ohne ernstliche Vergehen durchgemacht [haben, steht] in gleicher Weise die Wahl des Lebensberufes, für den sie die meiste Neigung haben, offen.“ Nun werden aber nicht nur Sitten- und Befähigungszeugnisse sorgfältig geprüft, „sondern es hängt auch von der Durchschnittsbeschaffenheit des Zeugnisbuches während der Lehrzeit der Rang ab, den er unter den vollen Arbeitern erhält.“[ [12] ]

„Obwohl die innere Organisation der verschiedenen Gewerbezweige in Industrie und Ackerbau, der Eigentümlichkeit ihrer besonderen Bedingungen gemäß, verschieden ist, stimmen sie doch in der allgemeinen Einteilung ihrer Arbeiter je nach ihrer Fähigkeit in solche ersten, zweiten und dritten Grades überein; und in vielen Fällen sind diese Grade noch in eine erste und eine zweite Klasse eingeteilt. Gemäß seinen Leistungen als Lehrling erhält der junge Mann den Rang als Arbeiter ersten, zweiten und dritten Grades..... Die Feststellungen der Rangordnungen „finden in jedem Gewerbezweige in Zwischenräumen statt.“[ [13] ] .... „Ein besonderer Vorteil eines hohen Grades ist das Recht, welches derselbe dem Arbeiter verleiht, sich innerhalb der verschiedenen Zweige oder Verrichtungen seines Gewerbes eine Specialität auszuwählen.“[ [14] ] Dr. Leete hat Sie fernerhin wohl auch davon unterrichtet, daß soweit wie möglich „selbst die Neigungen des schlechtesten Arbeiters berücksichtigt werden.“ .... „Aber obwohl auch die Wünsche der Arbeiter eines niederen Grades Berücksichtigung finden, so weit die Anforderungen des Dienstes es gestatten, so geschieht dies doch erst dann, wenn für die Arbeiter der höheren Grade gesorgt worden ist und so müssen sie oft mit einer, ihnen erst an zweiter oder dritter Stelle zusagenden Wahl vorlieb nehmen, oder es wird ihnen sogar ohne weiteres direkt eine Arbeit übertragen, wenn dies nötig wird. Dieses Wahlrecht tritt bei jeder neuen Feststellung des Ranges in Kraft; und wenn jemand seinen Rang verliert, so läuft er auch Gefahr, die Art Arbeit, welche er liebt, mit einer anderen vertauschen zu müssen, welche ihm weniger gefällt.“[ [15] ] .... Die hohen staatlichen Ämter sind „nur den Männern des ersten Grades zugänglich.“[ [16] ]

„Diese Bestimmungen beweisen die Richtigkeit dessen, was ich über die Gewalt der Regierung sagte. Die Lieutenants, die Hauptleute und die Obersten werden von den Zunftgeneralen ernannt, welche wiederum unter dem Befehl der zehn Vorsteher der zehn großen Abteilungen stehen. Diese Beamten können ihren jungen Freunden, welche als Rekruten in das Arbeiterheer treten, leichte Arbeit und gute Zeugnisse geben und sie können diese jungen Freunde in den Stand setzen auf Grund ihrer guten Zeugnisse, sobald sie die ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit zurückgelegt haben, sofort in die erste Abteilung des ersten Grades einer Zunft zu treten. Und ein solcher Günstling einflußreicher Leute kann, nachdem er eine angenehme Rekrutenzeit verbracht hat und sofort in die erste Abteilung des ersten Grades einer Zunft befördert worden ist, alsbald zum Lieutenant ernannt werden und die Laufbahn zu den höchsten Ehren in wenigen Jahren durchmachen. — Sie können nicht leugnen, Herr West, daß unsere gesetzlichen Bestimmungen eine solche Günstlingswirtschaft ermöglichen.“

Ich mußte zugeben, daß solche Vorkommnisse möglich wären.

Herr Forest fuhr fort: „Andererseits können solche jungen Leute, welche nicht die Söhne oder Freunde unserer Regierungslichter sind, sich sehr glücklich schätzen, wenn sie in einer Stellung des zweiten Grades mit einem Zeugnis unterkommen, welches die Hoffnung auf weitere Beförderung nicht ausschließt. Verwandte von ausgesprochenen Gegnern der Regierung können in die zweiten Abteilungen der dritten Grade der verschiedenen Zünfte gestellt und ihre Zeugnisse können so geführt werden, daß alle Hoffnung auf Erlangung einer höheren Stellung ausgeschlossen ist. Und solche Günstlingswirtschaft ist nicht nur möglich, sie besteht in vollem Umfange. Die Söhne und Verwandten von Leuten, welche als Gegner der Regierung bekannt sind, führen ein Dasein, schlechter als das von Sklaven und werden oft wie Fußbälle behandelt.“

„Giebt es keinen Gerichtshof, vor welchem sie Klage führen können?“ fragte ich.

„Ja. Ungerecht behandelte Frauen oder Männer können vor einem Richter Klage führen,“ antwortete Herr Forest. „Aber die Richter niederen Grades sind einfach Leute, welche das fünfundvierzigste Lebensjahr zurückgelegt haben und vom Präsidenten auf fünf Jahre zu Richtern ernannt worden sind. Diese entscheiden, wie Dr. Leete Ihnen mitgeteilt haben wird, in allen Fällen, in welchen ein Mitglied des Arbeiterheeres gegen einen Vorgesetzten Klage wegen Ungerechtigkeit führt. Alle solche Fragen werden von einem einzelnen Richter endgültig entschieden; drei Richter werden nur in besonders schweren Fällen berufen.[ [17] ] — Die vom Präsidenten zu Richtern ernannten Leute sind natürlich Vertrauensmänner und Freunde der Regierung und man kann von ihnen nicht erwarten, daß sie bei solchen Klagen gegen die Beamten der Regierung und zu Gunsten eines „Widersetzlichen“ entscheiden sollten. Und da solche Beschwerden endgültig entschieden werden, ohne daß dem Kläger das Recht zusteht, vor einem höheren Gerichtshofe Berufung einzulegen, so bleibt dem ungerecht behandelten Mitgliede des Arbeiterheeres nichts weiter übrig, als auf seinen alten Posten zurückzukehren, wo sein Vorgesetzter, gegen den es geklagt hat, es natürlich nicht besser behandelt als zuvor. Im Gegenteile muß der „Widersetzliche“ es in den meisten Fällen schwer entgelten, daß er gegen einen Offizier Klage geführt hat. Bei der nächsten Neueinteilung in Abteilungen und Grade kann der Offizier den unglücklichen Menschen in die zweite Abteilung des dritten Grades stecken, wenn er nicht schon dahin degradiert war. Jedenfalls kann der erzürnte Offizier dem Mißvergnügten die schmutzigste, ungesundeste Arbeit zuteilen.“

Dieses von Forest entworfene Bild der Zustände im Arbeiterheere erschien mir um so [entsetzlicher, wenn] ich es mit den rosenfarbenen Schilderungen des Dr. Leete verglich. Ich war davon so erschüttert, daß ich mich zu einem Versuch nicht aufraffen konnte, gegen die Schilderungen und Schlüsse meines Vorgängers in der Professur anzukämpfen.

Nach einer kurzen Pause fuhr der jetzige Pedell fort: „Nun erwägen Sie in Verbindung mit den Thatsachen und Einrichtungen, die ich eben erwähnt habe, daß die Arbeiter „kein Stimmrecht [ausüben] oder irgendwie bei der Wahl ihrer Vorgesetzten hineinreden dürfen.“[ [18] ] „Der General eines Gewerbes vollzieht die Ernennung für die Rangstufen unter ihm, aber er selbst wird nicht ernannt, sondern durch Stimmenmehrheit gewählt, ... d. h. von denjenigen, welche in der Zunft gedient und ihre Entlassung erhalten haben.“[ [19] ] So, mein lieber Herr West, sind also die Angehörigen des Arbeiterheeres vierundzwanzig Jahre lang der Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten gänzlich preisgegeben. Wenn sie während dieser Zeit leichten Dienst haben wollen, müssen sie allen Befehlen blindlings gehorchen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln nach Gunst streben. Sie müssen ihre stimmberechtigten Freunde beeinflussen, damit diese nicht nur für die Regierung stimmen, sondern das auch in möglichst demonstrativer Weise thun. Gelegentliche Geschenke von Wein und Cigarren erregen bei manchen Offizieren freundliche Gefühle. Verabsäumt das Mitglied des Arbeiterheeres alle diese Schritte und Maßregeln, so kann es, unter Umständen, vierundzwanzig Jahre lang ein Leben führen, mit welchem verglichen das Schicksal eines Plantagensklaven oder eines Kohlengräbers vor 150 Jahren als beneidenswertes Dasein erscheinen muß. Denn ein Plantagenneger stellte für seinen Eigentümer einen wertvollen Besitz dar, der nicht leichtsinnig gefährdet werden durfte, während der Kohlengräber seine Arbeit aufgeben und sich anderswo Beschäftigung suchen konnte, wenn ihm seine Arbeit oder die ihm widerfahrene Behandlung nicht behagten. Ein Mitglied des Arbeiterheeres dagegen, welches sich den Zorn des einen oder des andern Offiziers zugezogen hat, oder welches auf die Liste der Feinde der Gesellschaft gesetzt worden ist, weil seine stimmfähigen Verwandten gegen die Regierung gestimmt haben, — ein solches Mitglied der „industriellen Armee“ führt ein Leben, welches man sehr wohl „vierundzwanzig Jahre der Hölle auf Erden“ nennen darf.

„Sie ersehen hieraus, Herr West, weshalb der Kongreß keinen Einfluß hat. Die große Mehrzahl seiner Mitglieder ist beständig bemüht, für sich selbst, für Verwandte und für Freunde Gunstbezeugungen dadurch zu erlangen, daß sie der Regierung in jeder Weise entgegenkommen. Und dies ist die Gleichheit der besten Gesellschaftsordnung, deren die Menschheit sich jemals erfreute! Dies ist, was Dr. Leete das tausendjährige Reich menschlicher Glückseligkeit nennt.“