11. Der Lehrgang nach der Reitmethode des Grafen Dénés Széchényi.
Wie schon angeführt, gipfelt diese vorzügliche Reitmethode – oder besser die das Reiten lehrende – in der Unabhängigkeit der Zügelführung vom Sitz. Sie wird derartig ausgeführt, daß die Schülerin zuerst auf dem Damensattel – und zwar in allen Gangarten wie auch im Sprung – festsitzen lernt, ehe sie die Zügel in die Hand bekommt, um die Zügelführung zu lernen. Das Mittel dazu ist Ballspielen zu Pferde. Indem die Dame den hochgeworfenen Ball wiederzufangen sucht, bezw. auch einen ihr zugeworfenen, wird sie ihren Oberkörper mit ausgestreckten Armen nach allen Richtungen biegen müssen, ohne dabei ihren Sitz zu verlieren. Dadurch wird sie biegsam, geschmeidig und sicher, und es genügen schon 14 Tage, um sie diese Sicherheit empfinden zu lassen. Sie wirft den Ball in jeder Gangart, auch beim Springen, so daß später die Bewegung des Pferdes auf ihren Sitz ohne Einfluß ist. Die Zügel des Pferdes – dasselbe kann auf Trense gezäumt sein, bezw. mit Laufzeug, wie Fig. 34 zeigt – sind inzwischen am Sattel befestigt.
Nachdem die Reiterin das Pferd bestiegen hat, wird der Bügel verpaßt. Derselbe muß, wie bereits im vorigen Kapitel angeführt, die Länge des Unterschenkels der Dame haben, so daß die Oberschenkelfläche des Knies mit geringem Spielraum am Jagdhorn anliegt, während der Fuß mit leicht nach unten gedrücktem Absatz auf der Trittfläche des Steigbügels ruht. Auf dem Festhalten des Bügels mit dem Fuße beruht die Sicherheit des Sitzes der Dame. Besonders im Trabe, wo der Körper emporgeworfen wird, ist das von Wichtigkeit, und kann nur durch ein biegsames, federndes Fußgelenk erreicht werden. Da die Ballen des Fußes auf der Trittfläche ruhen, so muß der Fuß beim Emporfliegen des Körpers gestreckt werden.
Wie schon angeführt, kann sich die Dame gegen ein etwaiges Verlieren des Bügels durch eine über Fuß und Bügel gezogene Gummischleife schützen. Das Halten der Balance lernt sich ganz mechanisch von selbst.
a. Reiten ohne Zügel.
Nachdem die Reiterin das Pferd bestiegen hat, nimmt sie den vorschriftsmäßigen Sitz ein, gibt dem Pferde durch einen Zungenschlag die Hilfe zum Antreten und sucht in der Bewegung, die zuerst Schritt sein kann, die vorgeschriebene Haltung zu bewahren. Ihre Hände mag sie vorerst in die Hüften setzen und den Oberkörper stets eher nach hinten statt nach vorn geneigt zu halten suchen. Wird das Pferd unruhig, so faßt die Reiterin mit beiden Händen in die Zügel und gibt ihm einen Arrêt.
In dieser Weise, mit Schritt anfangend, macht die Reiterin alle Gangarten durch, am besten in der Reihenfolge Schritt, Galopp, Trab, da letztere Gangart die schwierigste für die Anfängerin ist. Gerade in dieser hat sie zu beachten, daß sie nicht an der linken Seite hängt, sondern daß sie recht auf der Mitte des Sattels, ohne Verdrehung der Schulter, sitzt. Das Pferd, welches anfangs vielleicht, durch den etwaigen unsicheren Sitz der Reiterin beeinflußt, etwas unruhig sein wird, wird durch Streicheln und Klopfen beruhigt. Diese Übung ist als eine rein gymnastische zu betrachten, durch welche der Körper auf einer sich bewegenden Maschine Balance halten lernt, welche letztere in kurzer Zeit eine mechanische Sicherheit erzeugt. Sowie die Reiterin dies bemerkt (was schon nach drei bis vier Stunden der Fall sein wird), geht sie zum Ballfangen über. Bevor dies jedoch geschieht, ist es rätlich, die Bewegungen des Ballfangens mit den Armen blind durchzumachen, damit das Pferd sich an die Art der Armbewegung der Reiterin gewöhnt. Dann nimmt man gewöhnliche Leder- oder Gummibälle, wirft sie in die Höhe und sucht sie wieder aufzufangen.
(Anmerkung: In der ersten Zeit wäre es vielleicht ganz praktisch, jemand zur Hand zu haben, welcher die zur Erde gefallenen Bälle aufhebt und sie der Reiterin wieder einhändigt, später zuwirft. Man kann aber auch den Ball an einen langen Bindfaden befestigen, welcher am Sattel festgemacht wird. Dann kann man den Ball, falls man ihn nicht gefangen hat, immer selbst hinaufziehen.)
Die Zeitdauer dieser Übung richtet sich nach dem Gefühl der Sicherheit, welches die Reiterin empfindet, und ist abhängig von ihrer körperlichen Anlage bezw. ihrem Geschick zum Reiten. Vierzehn Tage aber werden auch weniger begabte Anfängerinnen schon um ein Bedeutendes gefördert haben.
Danach kann sofort zum Barrierespringen übergegangen werden, wobei die Reiterin fast gar keine Schwierigkeiten mehr zu überwinden haben wird. Die Stange, welche anfangs vielleicht 30 cm hoch eingelegt war, braucht nicht über einen Meter hinaus höher gelegt zu werden, obgleich für spätere Zeit auch der höchste Sprung der Reiterin keine Schwierigkeiten mehr bereiten wird.
(Anmerkung: Man lasse der Schonung des Pferdes wegen nicht zu oft springen; fünf- bis sechsmal bei niedriger Stange, und dann meist kurz vor Schluß der Übung, wird das Richtige sein. Über eine Vorrichtung, die Springstange anzubringen, mag man selbst nachdenken, nur achte man darauf, daß die Stange, im Falle das Pferd dagegen stößt, nach vorn herausfallen kann.)
Die Haltung zu Pferde, an welche die Reiterin zwar stets gedacht hat, wird sich inzwischen ganz von selbst gefestigt haben, so daß dieselbe binnen kurzem zur Erlernung der Zügelführung wird übergehen können.
(Anmerkung: Das Wechseln der Gangarten muß einerseits der Schonung des Pferdes, andererseits der harmonischen Durchbildung der Anfängerin wegen recht regelmäßig geschehen, doch ist zu bemerken, daß der Trab immer die Hauptübung bleiben muß, da er für das Pferd wie für die Reiterin, für letztere in Beziehung auf die Korrektheit des Sitzes, die nützlichste ist.)
Allmählich müssen auch die Versuche zur Erlernung des englischen Trabes gemacht, welche, nachdem die Reiterin mit den Bewegungen des Pferdes sich vertraut gemacht hat, bald von Erfolg gekrönt sein werden.
b. Reiten mit angefaßten Zügeln.
Die Balllektionen sind damit zu Ende. Statt des Balles wird die Reitgerte in die rechte Hand genommen. Dieselbe wird mit der vollen rechten Hand gleich unter den Knopf, Spitze nach unten gerichtet, erfaßt. Bei den Hilfen schiebt man sie ev. zwischen den Mittel- und Ringfinger. Wenn die Reiterin jetzt den Zügel in die Hand nimmt, zu welcher Übung das Pferd auf Kandare ohne Kinnkette gezäumt wird – die Haltung der Zügel hat sie bereits in der Vorübung gelernt –, so wird sie dieselben auch nur dazu benutzen, wozu sie da sind, nämlich zur Führung des Pferdes und nicht um sich daran festzuhalten – wodurch das Maul des Pferdes in der unverantwortlichsten Weise malträtiert wird –, und da sie mit der Festigung des Sitzes das Schwerste überwunden hat, so wird sie das andere spielend erlernen. Das Kapitel über Zügelführung vorher noch einmal durchzusehen, würde sich recht nützlich erweisen. Die Reiterin reitet noch einige Lektionen an der Longe, und zwar, um dem Verdrehen der Schultern vorzubeugen, mit angefaßtem Trensenzügel. Die Arme liegen rechtwinklig mit den Ellenbogen über den Hüften leicht am Körper. Bei Kopfbewegungen des Pferdes geben die Arme federnd nach und kehren in ihre vorherige Lage zurück, das Pferd dadurch sanft in seine aufgerichtete Stellung zurückbringend. Der Körper darf sich unter keinen Umständen durch die Kopfbewegungen des Pferdes vornüber ziehen lassen, er bleibt in der erlernten Stellung. Die Handgelenke (Fingernägel gegen den Leib, Daumen nach oben) geben den Bewegungen des Pferdes ebenfalls federnd nach. Immer leichte Führung bei anstehenden Zügeln! Niemals festhalten!
(Anmerkung: Beim Reiten auf dem Zirkel werden die Hände stets so gehalten, daß die innere Hand eine Handbreit tiefer steht, als die äußere. Der innere Zügel wird dabei etwas kürzer genommen als der äußere, um das Pferd mit dem Kopfe nach innen zu stellen, und zwar so weit, daß die Reiterin das innere Pferdeauge schimmern sieht. Die Gradausrichtung des Halses muß beibehalten werden, was man durch Anlegen der Zügel an den Hals zu bewirken sucht. Auf der langen Linie muß das Pferd durchaus geradeaus gestellt sein.)
In dieser Lektion lernt die Reiterin, da sie bereits in ihrem Sitz perfekt ist, das Pferd mittels der Zügel in der Gleichgewichtsstellung erhalten, soweit der bisher noch tote Schenkel, der erst allmählich zur Tätigkeit übergeht, dies gestattet. Das Gefühl des Gleichgewichts wird man haben, wenn das Pferd sich leicht an das Gebiß lehnt und darauf kaut, und wenn es der Reiterin ohne Erlahmung der Arme gelingt, das Pferd in dieser Stellung zu erhalten. Es werden hier wieder, wie in den anderen Lektionen, alle Gangarten mit den betreffenden Wechslungen durchgeübt, auch kann dem Pferde nach den ersten Zügelübungen, besonders wenn die Reiterin fühlt, daß sie das Pferd wirklich führt, die Longe ausgeschnallt werden. Damit wird auch die Kinnkette eingelegt und die Reiterin führt das Pferd nunmehr mit der linken Hand allein.
Die Hilfen zum Reiten in den verschiedenen Gangarten werden nun nicht mehr durch die dem Pferde gelehrten Zeichen gegeben, sondern nach den in den betreffenden Kapiteln enthaltenen Andeutungen, und es ist speziell zu üben:
| 1. | Das Anreiten aus dem Schritt. |
| 2. | Das Antraben aus dem Schritt. |
| 3. | Das Verstärken des Trabes. |
| 4. | Das Verkürzen. |
| 5. | Das Ansprengen zum Galopp. |
| 6. | Das Übergehen in den Schritt. |
| 7. | Das Anhalten. |
Diese Lektion erscheint ziemlich umfangreich, daher muß sich die Reiterin bei der großen Wichtigkeit der Sache die Zeit nehmen, sich nicht nur gründlich theoretisch zu informieren, sondern auch die praktischen Übungen genügend auszudehnen. Ob sie die Theorie richtig in die Praxis überträgt, kann sie daran erkennen, daß das Pferd ihre Hilfen versteht und ohne Weiterungen darauf reagiert.
Nach Beendigung dieser Lektion, welche noch, wenn auch ohne Longe, auf dem Zirkel geübt wurde, wird dieser verlassen, um auf das Viereck zu reiten und damit zum ersten Male Wendungen zu üben.
Dabei wirken hauptsächlich der äußere Zügel und der innere Schenkel bezw. rechts statt dessen die Reitpeitsche. Die Dame führt das Pferd von nun an nur auf Kandarenzügel, da sie die rechte Hand zur Führung der Reitpeitsche braucht. Ersterer gibt dem Pferde die mechanische Hilfe dadurch, daß sich die Zügelhand ein wenig nach innen schiebt. Der Körper verlegt seinen Schwerpunkt etwas nach innen, der innere Schenkel wirkt gegenhaltend, so daß das Pferd gezwungen wird, gleichsam um den Schenkel bezw. die Peitsche herumzugehen, sich demnach in den inneren Rippen und der Wirbelsäule zu biegen. Vor der Wendung wird das Pferd versammelt und diese selbst in gemäßigterem Tempo durchgeführt. Das Wechseln von einer Hand auf die andere geschieht durch das Changieren durch die Bahn und beginnt, nachdem die Reiterin die kurze Seite der Bahn und ihr Pferd eine Pferdelänge die lange Seite passiert hat. Dann tritt eine Viertelwendung durch die Diagonale der Bahn ein, jedoch so, daß der Kopf wieder auf eine Pferdelänge vor der diagonalen Bahnecke gerichtet ist. Es würden zu dieser Lektion noch hinzutreten das Üben des Arrêts und das Kurz-Kehrt. Bei letzterem läßt man das Pferd auf der Hinterhand herumtreten, es wirken dazu äußerer Zügel und Schenkel bezw. Reitpeitsche, der innere gegenhaltend.
Ist mit dieser Übung eine hinreichende Sicherheit in der Führung des Pferdes eingetreten, so geht man zu Tummelübungen über.
Unter Tummelübungen verstehe ich das Üben von Volten, Halbzirkeln, Vierecken, Figuren, Achten und Schlangenlinien, sowie von Wechslungen auf die andere Hand. Sie dienen dazu, das Pferd lenk- und biegsam zu machen und sind als gute Vorübungen für das Reiten in koupiertem oder unebenem Terrain zu betrachten.
Ist die Reiterin bis jetzt nur auf einem Hufschlag geritten, so müssen zur Übung für Pferd und Reiterin auch die Seitengänge und das Zurücktreten durchgenommen werden. Da das Pferd damit vertraut ist, so ist es die Sache der Reiterin, ihm nach der Theorie die richtigen Hilfen dazu zu geben. Mit beiden Übungen quäle man das Pferd nicht zu lange, da sie unter der Anfängerin für dasselbe nur von geringem Nutzen sein werden. In dieser Lektion kann auch die Springstange wieder hervorgeholt werden. Stete Übung und Repetition werden immer notwendig sein, und wenn der Sommer zum Reiten im Terrain verwendet ist, kehre die Reiterin im Winter zu den weniger amüsanten, aber stets lehrreichen Einzel-Lektionen zurück.
Der Bahnkursus ist damit zu Ende. Habe ich im ganzen auch nur Andeutungen dafür geben können, so wird die aufmerksame und energische Reitschülerin dieselben doch mit bedeutendem Nutzen für sich verwenden können.
Ich habe mich wohl gehütet, eine Zeitdauer als genügend zum Erlernen jeder Lektion anzugeben, weil eine solche nach der Individualität der einzelnen Dame ganz verschieden ausfallen dürfte; sogar das Gefühl des Innehabens der Lektion wird von den einzelnen verschieden beurteilt werden. Ich glaube aber, daß eine mit persönlichem Geschick, Energie und körperlichen Kräften ausgestattete Schülerin binnen drei Monaten (der Winter würde dafür vortrefflich geeignet sein) den Kursus so weit absolvieren wird, um mit Sicherheit im Freien reiten zu können. Weniger Begabte werden bei Fleiß und Mühe dieses Ziel auch erreichen, wenngleich es etwas langsamer geht. –
Jetzt aber strahlt die Frühlingssonne vom blauen Firmament herab, mit grünen Knöspchen bedecken sich Baum und Strauch. Abgeschüttelt wird der Winterstaub, und die würzige Frühlingsluft wird tiefatmend eingesogen, unter Bäumen und im Felde lustwandelnd und damit ist auch für die fleißige Bahnreiterin die Zeit gekommen, wo sie den Lohn ihres Fleißes ernten soll – schon im Frühling! Sie kann nun reiten, sie kennt ihr Pferd und dessen Eigenart, sie weiß es verständig zu führen und sie wird nun zum ersten Male auf der Promenade erscheinen und sich dem erstaunten Volke zeigen!
Welche Wonne, auf den ebenen, weichen Wegen dahinzufliegen, frei, wie der Vogel in der Luft, das edle Tier unter sich, welches sie mit sicherer Hand an leichtem Zügel führt! O Reiterwonne – durch welchen Sport kannst du ersetzt werden?
Also – wir reiten ins Freie, ins Terrain, in den Wald, wohin uns unsere Lust führt.