2. Sollen Damen im Seit- oder Reitsitz reiten?
Bevor eine Dame sich dem Rücken des Pferdes anvertraut, sollte sie sich darüber klar sein, in welcher Art und Weise sie reiten will, allerdings eine Vorbedingung, welche seit mehreren Jahrhunderten kaum zur Frage geworden ist. Aber die Emanzipierungsbestrebungen der Damen in neuerer Zeit auf allen Gebieten hat auch auf diesem eine Propaganda gezeitigt, welche nicht unbeachtet vorübergehen konnte, und ich halte es demnach für notwendig und meine Pflicht, diese Frage etwas eingehender zu erörtern.
In erster Linie erscheint es verwunderlich, daß für die – wir können mit vollem Recht sagen »antiquierte« – Reitart (im Reitsitz) eine Propaganda gemacht wird. Wir sollten meinen, es müsse dem eigenen Willen und – wie wir auch später sehen werden – der individuellen Körpergestaltung der Dame überlassen bleiben, ob sie von dem nun doch längst gebräuchlich gewordenen Seitsitz (Quersitz) abgehen und sich dem Reitsitz (à la cavalier) zuwenden will. Niemand wird sie daran hindern, wenn ihr gerade diese Art zu reiten Vergnügen macht. Ob es aber praktisch ist, das ist eben die Frage, und wenn sie es für sich als praktisch erachtet, so ist es doch noch eine große Frage, ob es auch für andere praktisch ist. Eines schickt sich eben nicht für alle! Warum also Propaganda? Danach haben wir den Reitsitz der Damen von drei verschiedenen Gesichtspunkten aus zu betrachten, und zwar erstens vom reitsportlichen überhaupt, zweitens vom medizinischen und drittens endlich auch vom ästhetischen Standpunkt aus.
Ich will dabei nicht nur meine eigene Ansicht, welche vielen Damen vielleicht nicht kompetent erscheinen könnte, in die Wagschale werfen, sondern möglichst international sein. – Bekanntlich sind England, Amerika, Frankreich und noch viele andere Länder unserem Deutschland auch mit Bezug auf den Damenreitsport noch weit überlegen, und so wollen wir denn auch Stimmen aus jenen Ländern hören – natürlich nur um zu lernen und dann das Fazit zu ziehen.
Wie schon eingangs angeführt, ging der zweifellos ursprüngliche Reitsitz der Damen zum Seitsitz über, nachdem die zunehmende Verbesserung des Damensattels diesen Sitz angenehmer und bequemer gemacht hatte. Aber – die Zeichen des neuen Jahrhunderts sind die auf allen Gebieten zunehmenden Emanzipationsbestrebungen der Damen – logischerweise mußten sie sich demnach auch auf den Reitsport erstrecken. Die Damen wollen es auch darin den Männern gleich tun und à la cavalier reiten.
Das ist nur – pardon, beinahe hätte ich wieder gesagt »logisch«, – doch kaum ist mir das Wort entfahren, möcht ich's im Busen gern bewahren! Denn, so leid es mir auch tut, es aussprechen zu müssen, einen anderen Grund, den bisherigen Reitsitz der Damen zu ändern, habe ich nicht finden können![A] Aber die Frage ist zur cause célèbre geworden, seitdem sogar die »Deutsche Medizinische Wochenschrift« – wie ich voranschicken will, leider nur in gänzlich unzureichender Weise, d. h. mehr vom sportlichen, laienhaften, wie vom wissenschaftlich medizinischen Standpunkte aus – sich damit beschäftigt hat. Es ist das eigentlich recht bedauerlich, denn die Gegner des angestrebten Reitsitzes können nicht mit diesem schwersten Geschütz dagegen vorrücken, bevor nicht die Wissenschaft gesprochen hat. Der praktische Reiter aber kann dann mindestens mit dem Maschinengewehr vorgehen. – Doch – wie immer – wollen wir den Damen den Vorrang lassen und ihre Forderungen nebst den Gründen dafür hören.
[A]: Confiteor, daß auch ich in früheren Jahren zu denen gehörte, welche dem Damensitz nach Herrenart das Wort geredet, und daß ich dieser meiner Meinung in älteren Schriften mehrfach Ausdruck verliehen habe. Seitdem aber bin ich infolge der mannigfachen Erfahrungen, die ich auf diesem Gebiete machte, vom Saulus zum Paulus geworden, und auf Grund dessen kann ich nicht anders, als mich ohne Einschränkung für den bisherigen Seitsitz der Damen zu entscheiden.
Als Erste erschien auf dem Kampfplatz, um gegen den bestehenden Seitsitz eine Lanze zu brechen, schwer gerüstet, aber mit offenem Visier, niemand geringeres als Fräulein Dr. Anita Augspurg, und der »Berliner Lokal-Anzeiger« hatte die Ehre, als Herold zu fungieren. Ich weiß nicht, ob die Dame selbst Reiterin ist, oder ob sie nur akademisch spricht – letzteres ist ja durchaus modern – jedenfalls tritt sie als eifrige Verfechterin des Herrensitzes auf, und ich will einige ihrer Sentenzen hier anführen, ohne ihnen deshalb durchaus zustimmen zu können. So z. B. kann ich mich durchaus nicht unbedingt ihrer Meinung anschließen, daß der Damensattel – wir kommen auf denselben später zurück – nach mehreren Jahrhunderten seiner Herrschaft (sic!) ein widersinniges Marterinstrument für Pferd und Reiterin sei. Doch nur unter Umständen! Mit Vergnügen aber stimme ich ihrer Ansicht bezüglich Verwerfung des Korsetts zu, dem ich – nach den Belehrungen meiner Frau – nur insoweit eine Berechtigung zugestehen kann, als es sich um das Tragen, bezw. die Befestigung der Unterkleider handelt. Da diese aber – es dürfen nur Reitbeinkleider getragen werden, die sich auch anders befestigen lassen – beim Reiten fortfallen, so kann es das Ungeschöpf wohl auch.
Wie schon angedeutet, ist Fräulein Augspurg denn auch der Ansicht, daß das Reiten im Herrensattel gesünder, gefahrloser, interessanter und vor allem schöner sei, als im Damensattel.
Was das erstere betrifft, so kann ich nur sagen, daß ich unter den Hunderten von Damen, welche ich als Reitdamen kennen lernte, noch keine einzige gefunden habe, welche durch das Reiten im Damensattel ihre Gesundheit geschädigt hätte, außer einer einzigen, welche sich durch den Sturz aus dem Damensattel eine schwere Kreuzverletzung zugezogen hatte. Ein Sturz aber kann vom Herrensattel aus noch viel leichter eintreten, wie wir es bei Herren leider sehr oft hören und sahen. »Gefahrloser« – das widerlegt sich aus dem eben Gesagten von selbst. Jemand, der infolge langer Beine in der Lage ist, sich bei gewissen Bewegungen des Pferdes mit den Beinen an dasselbe anklammern zu können – sit venia verbo – reitet relativ gefahrloser, als ein solcher mit kurzen Beinen, der nur auf Balance angewiesen ist. Und letzteres würde doch in den meisten Fällen bei den Damen zutreffen. Beim Damensattel aber, wo beide Beine an den beiden Hörnern einen durchaus sicheren Halt finden, ist die Gefahr des Herabstürzens eine ganz bedeutend geringere. Ob es interessanter ist, im Herren- oder Damensitz zu reiten, darüber kann allerdings nur jemand ein Urteil fällen, der beide Reitarten ausübt; ich sehe jedoch nicht ein, weshalb die eine weniger interessant sein soll, als die andere. Und schöner – das ist Geschmackssache. Ich für meine Person finde eine elegante, gut sitzende und ihr Pferd anmutig führende Reiterin im Seitsitz interessanter und schöner aussehend, als eine solche im Herrensitz, die mich – als Erscheinung – gar nicht interessiert. Pardon! Also – darüber läßt sich streiten.
»Einem unvoreingenommenen Auge«, sagt die Verfasserin, »muß eine Reiterin im Quersitz (der Herrensitz ist gemeint!) gefälliger erscheinen, denn wenn man imstande ist, von der Gewöhnung zu abstrahieren und den Anblick, den sie im Damensattel bietet, ganz objektiv zu erfassen, so muß man diesen fast von allen Seiten für direkt unschön erklären. Von vorne wie von hinten gesehen, hat die Figur von Pferd und Reiterin eine unglückliche Kontur. Man sucht ängstlich, wo wohl der Schwerpunkt dieser Unform sich befinde; nicht ganz so schlimm ist es von der rechten, am erträglichsten von der linken Seite (na also!), zeigt uns aber der Zufall die Rückansicht einer »englisch« trabenden Dame, so fühlen sich Ästhetik und Anstandsgefühl in gleicher Weise gekränkt (na na!) und alle Grazien verhüllen entsetzt das Haupt. Hierbei ist natürlich nur das anerzogene Anstandsgefühl gemeint, das die Existenz bestimmter Körperteile, die es hier besonders zum Ausdruck gebracht sieht, nun einmal ignoriert wissen will. (Und unsre heutige Damenmode???)«
Ich bekenne offen, mich nicht zu jener Objektivität aufschwingen zu können, um mich dieser Auffassung anzuschließen. Im Gegenteil finde ich, daß z. B. eine graziös und korrekt englisch trabende Dame von allen Seiten ein äußerst sympathisches Bild abgibt, vorausgesetzt, daß sie eine gute Figur hat und tadellos reitet. Von Karikaturen brauchen wir nicht zu sprechen. Sobald aber in die Haltung der Damen eine Pose hineinkommt, welche wir nicht zu sehen gewöhnt sind – eine Dame pflegt doch auch sonst nie Spreitzsitz oder -Stellung einzunehmen – so wird das bald für die meisten Männer uninteressant, vielfach sogar widerwärtig. Dies allein schon sollte für die Damen maßgebend sein.
»Auch das ärztliche Urteil«, führt die Autorin ferner aus, »sofern es sachverständig ist hinsichtlich des Reitens, (?) bevorzugt stets den Quersitz (Herrensitz) für die gesunde Frau: Die wahrhaft verschrobene Haltung, die ein guter Sitz im Damensattel erfordert (sic!), hemmt die Zirkulation des Blutes und bringt für den noch nicht ausgewachsenen jugendlichen Körper entschieden ernstliche Gefahr des Verkrümmens und Schiefwerdens, für den voll Erwachsenen aber zum mindesten große Unbequemlichkeit, die man erst zu ermessen versteht, wenn man nach längerer Gewöhnung an den Quersitz wieder einmal den Damensattel probiert. Viele Ärzte gestatten ihren Patientinnen das Reiten nur unter der Bedingung, daß es im Herrensattel geschieht.«
Ein definitives ärztliches Urteil darüber steht wohl noch aus, obwohl – wie schon angeführt – die »Deutsche Medizinische Wochenschrift« sich in zwei Artikeln mit diesem Thema beschäftigt hat, leider nicht klinisch genug, um auch den hippologischen Fachmann zu befriedigen, der anders darüber denkt. Ich komme noch einmal darauf zurück.
Ich muß es durchaus leugnen, daß ein korrekter Damenreitsitz auf gutem Damensattel zu den angeführten Körperschäden führt. Ich führe wiederum die Hunderte von Reiterinnen an, die ich kenne – aber keine einzige ist krumm oder schief geworden, noch hat sie, infolge des Seitsitzes, irgend eine körperliche Verunstaltung erfahren. Ich habe selbst vielfach im Damensattel geritten, um mich von der Wirkung des Sitzes auf den Körper zu überzeugen, mich aber sehr bald und ohne die geringste Unbequemlichkeit zu haben daran gewöhnt. Gewiß, ich, als Herr, der ich mich von frühester Jugend an an meinen Sitz gewöhnt habe, würde nur ungern zum Damensitz übergehen, – vielleicht würde es auch eine Dame nicht tun, welche von Jugend auf als Herr geritten hat – im übrigen aber werde ich Damen, welche erst in späteren Jahren das Reiten lernen wollen, stets den Sitz auf dem Damensattel empfehlen. Das Reiten im Herrensitz ist – bei dem in den meisten Fällen dafür ungünstigeren Bau des weiblichen Körpers – viel schwerer zu erlernen und wird, wiederum in den meisten Fällen, unvollkommener bleiben, als im Seitsitz.
Leider kann ich demnach wieder nicht mit Fräulein Dr. Anita Augspurg übereinstimmen, wenn sie sagt:
»Es braucht nicht erst eingehend dargelegt zu werden, welche Gefahren der Damenreitsitz für die Reiterin hat. Ich kenne vernünftige Väter und Gatten genug, die mit eiserner Konsequenz ihren weiblichen Angehörigen das Reiten ganz untersagen, weil sie als tüchtige Reiter und Sachverständige (?) sonst wegen der furchtbaren Gefahren des Damensattels (!) in steter Angst um ihr Leben schweben würden. Aber nicht nur die Gefahr, geschleift zu werden (welche beiläufig im Herrensattel noch viel größer ist! Der Verf.) oder mittels der Hörner sich schwere Verletzungen zuzuziehen (bei den neuen Sätteln fast unmöglich! Der Verf.) ist vorhanden, auch die Gewalt über das Pferd wesentlich geringer als im einseitigen Sitz (pardon, nur die Schenkelwirkung! Der Verf.), und die Reiterin ist infolgedessen wesentlich abhängiger von den Launen, Unarten, oder von dem Scheuen des Tieres: ein tückisches Pferd unter Damensattel zu reiten, ist immer eine Tollkühnheit.«
Das einzig Richtige an dieser ganzen These ist, daß die Reiterin, d. h. auch nur eine nur mittelmäßige, das Tier nicht so in der Gewalt hat, wie ein Herr. Ich bezweifle aber auch, daß die Reiterin im Herrensitz dieselbe Gewalt haben würde, wie der Mann. Ich habe Reiterinnen gesehen und gekannt, welche Pferde ritten, die für Herren höchst unbequem, ja gefährlich zu reiten waren. Das liegt zunächst an der Führung, ferner daran, daß die Pferde nicht mit den ihnen oft unbequemen Schenkeln gequängelt wurden. Im übrigen aber wird man für Damen, ob sie nun auf die eine oder die andere Art reiten, stets mit besonderer Vorsicht zuverlässige Pferde ohne besondere Launen oder Unarten, und besonders mit gutem Maul aussuchen müssen, d. h. relativ sichere Pferde. Absolut sichere gibt es nicht. Passiert dann doch einmal ein Unglück, so werden eben ganz besondere, unvorhergesehene Geschehnisse die Schuld daran tragen.
Was das Alleinreiten der Damen anbetrifft, für welches die Verfasserin ebenfalls schwärmt, so kann ich mich wiederum nicht ihrer Meinung anschließen. Man mag es ja auf eigene Gefahr hin tun, aber es ist weder vorsichtig noch – schick. Wie eine Dame nicht ohne Kutscher oder Groom selbst kutschieren wird – ein solcher gehört nun einmal dazu, und die Damen sind doch sonst den Anforderungen der Mode gegenüber so sehr peinlich – so auch beim Reiten. Entweder ein Kavalier oder ein Groom. Wenn ganz korrekt geritten werden soll, so muß stets ein Groom, auch dem Paare, folgen.
Den Schluß des Artikels bildet eine begeisterte Dithyrambe auf den Herrensitz für Damen, welcher meiner Ansicht nach mehr dem Wollen wie dem Können gewidmet ist. Wir haben seit jenen Zeiten, als die Damen (noch) à la califourchon ritten, so unendliche Fortschritte auf allen Gebieten der Kultur gemacht, daß das Einnehmen des Seitsitzes zweifellos auch als ein solcher betrachtet werden muß. Es müssen doch selbst damals schon sehr dringende Gründe vorgelegen haben, um mit dem alten Brauch zu brechen und dafür den doch mindestens ungewöhnlichen Seitsitz einzuführen. »Nichts Schöneres, als sich selbst ein Pferd satteln und zäumen zu können, frei aufzusitzen und zu reiten, durch Wälder und Täler im sicheren Bewußtsein der vollen Herrschaft und Unabhängigkeit (Schritt, Schritt!), Rast zu machen, sich auf- und abzuschwingen nach Belieben: da kommt man zu seinem Tiere in ein weit vertrauteres, kameradschaftliches Verhältnis, das die Freude am vornehmsten aller Sports wesentlich erhöht. Möchte sich die kleine Gemeinde der Damen vom ›Amazonensattel‹ bald erheblich vergrößern!«
Das alles, meine Gnädigste, können Sie, wenn Sie eine perfekte Reiterin sind, auch im Damensattel haben. Nur vor dem »Selbstsatteln« möchte ich – für beide Arten – dringend warnen! –
Um nicht einseitig zu erscheinen, soll auch die Ansicht einer Dame in ihren wichtigsten Punkten gehört werden, welche, Renegatin geworden, d. h. zum Herrensitz übergegangen ist, für letzteren ebenfalls eine Lanze bricht. Frau Rittergutsbesitzer Happoldt-Langenöls schrieb seiner Zeit einem Sportblatt u. a. folgendes:
»Dem Damensattel will ich in gewissen Fällen die Berechtigung nicht absprechen. Er eignet sich für diejenigen Reiterinnen, welche der Abwechslung wegen, aus Modesache oder aus was sonst für Gründen (vergl. den Anfangsartikel, aus welchen Gründen eine Dame reitet! D. Verf.), ein Pferd besteigen, in günstigem Terrain, womöglich auf wohlgepflegten Reitwegen großstädtischer Parks ein Stündchen spazieren reiten. (Und die englischen Damen, welche die schweren Jagden mitreiten? D. Verf.) Das ist aber in meinen Augen nicht reiten, sondern Spielerei. Wer sich aber lediglich aus Passion in den Sattel setzt, bei nicht immer günstigen Boden- und Witterungsverhältnissen meilenweite Ritte macht, der wird sehr bald die großen Vorteile schätzen lernen, die der Herrensitz gewährt. Ich bekenne offen, daß, nachdem ich soviele Jahre ausschließlich den Damensattel benutzt habe, der veränderte Sitz mir anfangs Schwierigkeiten machte. Außer der Zügelführung war alles neu, der »Schluß« fehlte, und vor allem war die Balance eine ganz andere. Das Lernen wäre mir entschieden leichter geworden, hätte ich den Damensattel vorher nicht gekannt. Doch mit Lust und festem Willen läßt sich vieles erreichen. Ich habe unermüdlich geübt und mit meines Mannes Hilfe an mir gearbeitet, bis ich sicher war. Und jetzt möchte ich um keinen Preis den als praktisch erprobten und mir lieb gewordenen Sitz gegen den zuerst erlernten wieder austauschen. – – Bei langem Trabtouren kommt mir der Herrensitz ungeheuer zu statten, er ermüdet viel weniger, als der ehemalige Seitsitz. Und nun zum Hauptvorteil des Herrensattels! Welcher von uns wahren Reiterinnen liegt nicht das Wohl und Wehe ihres Pferdes am Herzen, als wäre es das eigene? Der einseitige Sitz mit der ungleichen Gewichtsverteilung, die selbst der allerkorrekteste Damensitz nicht vermeiden kann, strapaziert das Pferd ungeheuer, besonders auf langen Strecken, abgesehen von der trotz neuester Sattelkonstruktion immer noch bestehenden Gefahr des Gedrücktwerdens.«
Pardon, meine Gnädige, wenn ich mir da eine Einschaltung erlaube. Wir wollen – nochmals pardon – immer logisch bleiben. Daß der Herrensitz für das Pferd praktischer ist, als der Seitsitz, ist ja eine von niemandem bestrittene Tatsache. Und daß man im Herrensitz unter allen Umständen technisch besser reitet, als im Seitsitz, hat auch noch niemand bestritten. Hier handelt es sich aber darum, ob eine Dame im Herrensitz besser reitet, als im Seitsitz. Warum also offene Türen einrennen? Wenn die einzelne Dame ihrer körperlichen und seelischen Veranlagung nach auf diese Weise sich auf dem Pferde wohler fühlt, so mag sie doch in Gottes Namen so reiten! Warum aber dafür Propaganda machen? Der weitaus größere Teil der reitenden Damen aber wird im Damensattel besser aufgehoben sein – jedenfalls sicherer, und ich will mich gar nicht scheuen, es auszusprechen: auch eine ganz hübsche Kollektion reitender Herren würden es sein, wenn es angängig wäre – denn zu diesem Reiten gehört ein Können, was nicht jeder erreicht oder erreichen kann. – Also nochmals: Eines schickt sich nicht für alle! –
»Die Darlegung meiner Ansichten und Erfahrungen«, so schließt Frau H. sehr vernünftigerweise, »soll durchaus nicht als Propaganda für den Herrensitz gelten, das liegt mir fern. Ich lasse jedermann nach seiner Façon selig werden. Die betreffenden Damen werden selbst am besten den für sie geeigneten Sitz herausfinden. Ich glaube selbst, daß von hundert Damen, die den Herrensitz erlernen wollen, neunundneunzig zu dem altgewohnten zurückkehren, denn, wie gesagt, so einfach ist die Sache nicht, es gehört fester Wille, Ausdauer, Ausdauer und abermals Ausdauer dazu (vorausgesetzt, daß der Körperbau der Dame überhaupt für diesen Sitz geeignet ist, der Verf.) und wenn wahre Passion die Triebfeder zum Reiten ist. Wem diese Eigenschaften innewohnen, der wird gleich mir für den Herrensattel stimmen.«
Na bravo, da sind wir ja einig!
In der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, No. 46, 1901 findet sich ein K. S. und Dr. F. F. unterzeichneter Aufsatz, welcher dasselbe Thema behandelt, welcher zweifellos von einer Dame, vielleicht unter Assistenz eines Arztes geschrieben ist und der zu ganz entgegengesetzten Resultaten kommt, wie die beiden bereits erwähnten Damen. Ich halte den Inhalt für wichtig genug, um ihn hier wörtlich wiederzugeben; und das um so mehr, als hier auch der ärztliche Standpunkt endlich einmal ein wenig mehr in den Vordergrund tritt.
Fig. 3.
Der Reitsitz auf dem alten Damensattel.
»Schon seit Jahren sind viele Sportsleute und Ärzte der Ansicht, daß eine Reform in der Damenreiterei not tue, und zwar, wie man meint, aus rein sportlichen und dann aus sanitären Gründen. Besagte Reform besteht in der Einführung des Herrensitzes anstatt des herkömmlichen Seitsitzes.[B] In früherer Zeit mag man vieles am Seitsitz auszusetzen gehabt haben: er war für Reiterin und Pferd noch recht mangelhaft; das trifft sogar heute noch zu, wenn man den deutschen Damensattel betrachtet. Seine Fehler schädigten allerdings viel mehr das Pferd als die Reiterin, welche nur über Unbequemlichkeit zu klagen hatte. (Fig. 3.) Der neue englische Damensattel, der den deutschen vollständig verdrängt hat, weist keinen jener Mängel (Fig. 4) auf und würde allen Anforderungen entsprechen; aber man ist noch immer nicht zufriedengestellt, der ganze Sitz soll geändert werden! Kein stichhaltiger Grund dafür ist vorhanden. Sehen wir die Sache vom Standpunkt des Sports an, so müssen wir uns sagen, daß überhaupt die wenigsten Damen das Reiten als das auffassen, was es ist – nämlich als eine Wissenschaft. Den meisten genügt es, ein gut zugerittenes Damenpferd zu meistern, die Dressur, die dann allenfalls im Winter vorgenommen wird, ist eine sehr leichte, da das Tier ja bereits auf Gehorsam dressiert ist und alle Hilfen kennt. Mit der wirklichen Dressur eines rohen Pferdes gibt sich keine Dame ab, die nicht gerade besonders passioniert ist, und deren gibt es sehr wenige. Für jene Sorte Reiterinnen würde also der Herrensattel, der doch eine größere Herrschaft über das Pferd einräumen soll, ganz überflüssig sein, und für die anderen Damen ist er, wie wir sehen werden, entbehrlich. Man lasse ihnen daher ruhig ihren gewohnten Sitz, der nicht nur ästhetisch ungleich besser wirkt, sondern auch gesundheitlich nichts zu wünschen übrig läßt. Einen wirklich auch auf widerspenstige Pferde stark wirkenden Schenkeldruck würde kaum eine Dame zuwege bringen, da bei den Frauen die Muskelkraft, besonders in den Beinen, nicht so ausgebildet ist wie beim Manne, erstens von Natur aus nicht, zweitens durch das Wegfallen der körperlichen Übungen, die Knaben durch Turnen, Klettern und Springen haben. Und die Einwirkung des Schenkeldrucks ist der einzige Grund, der in Frage kommen würde. Reiterinnen, die es wirklich darauf anlegen, ihr Pferd tüchtig durchzuarbeiten, kriegen das auch im Seitsitz fertig, dafür hat man viele Beispiele. Ich habe mir mein Pferd, einen jungen temperamentvollen ungarischen Wallach, der niemals einen Sattel auf dem Rücken gehabt hatte, in sechs Wochen im gewöhnlichen Seitsitz vollständig zugeritten; das Tier folgte jeder Hilfe, ging auf bloße Schultereinwirkung hin tadellose Seitengänge und war weich und durchgearbeitet im Genick, letzteres nicht etwa infolge von Kandarenwirkung, sondern durch richtiges Durcharbeiten, Abbiegen und Abbrechen mit einer Wassertrense. Beiderseitiger Schenkeldruck waren dem Tier unbekannt geblieben, weshalb es, als ein Herr es bestieg, nichts mit sich anfangen ließ, sondern offen seine Empörung über diese neue Behandlung zeigte. Später natürlich gewöhnte es sich auch daran. Es war dies nicht das erste Pferd, das ich zurechtritt; man sieht also, daß man mit Geduld und Ausdauer auch im Seitsitz nachhaltigen Einfluß auf ein Pferd haben kann.
[B]: Im Original steht immer Quersitz. Da ich, um Verwechslungen vorzubeugen, den Sitz im Damensattel stets als Seitsitz bezeichnet habe, da andere Autorinnen unter Quersitz sogar den Herrensitz verstehen, so setze ich ein für allemal dafür »Seitsitz«. Der Verf.
Was nun die sanitäre Frage betrifft, so halte ich den Herrensitz für eine Frau auf die Dauer für unbedingt schädlich, obwohl auch da individuelle Faktoren mitsprechen können. Die Frau eignet sich schon ihrer Bauart und geringeren Muskelkraft wegen nicht dazu. Der gespreizte Sitz, bei welchem die Stellung der Beine einen Winkel von ca. 60-70° bilden, also ein wenig natürlicher, ist für die äußeren wie die inneren weiblichen Organe von großem Nachteil, da einesteils entzündliche Reizungen, andererseits innere Zerrungen und Dehnungen der Verbindungsbänder entstehen. Auch jene scheinbar geringen und harmlosen mechanischen Reizungen rufen durch ihre dauernde Wirkung oft fest eingewurzelte und häufig unheilbare chronische Schleimhautentzündungen hervor. Die inneren Lockerungen und Dehnungen werden sich natürlich verschieden intensiv äußern, wenn es sich um eine Frau, die bereits mehrere Kinder gehabt hat, oder um ein junges Mädchen handelt. Im letzteren Falle nämlich, wo jene Bänder noch kurz und straff sind, mag sich erst nach Monaten eine schmerzhafte Zerrung bemerkbar machen, bei einer Frau hingegen, bei der die Bänder bereits gelockert sind, wird die Dehnung schneller und leichter erfolgen, und infolgedessen müssen die weiblichen Organe, ihres Halts beraubt, nach vorn sinken. Auf diese Weise wird die Frau dauernd und unwiederbringlich den schönsten weiblich-ästhetischen Reiz, ihre schlanke Figur, verlieren. Wenn man bedenkt, daß es schon nach jeder Geburt einer besonders sorgfältigen, konsequent durchgeführten Binden-, resp. Massagebehandlung bedarf, um die vergrößerten und gelockerten Teile wieder zur Rückbildung zu bringen, und daß sehr viele junge Frauen, die als Mädchen wirklich schlanke, graziöse Erscheinungen waren, nach der ersten Geburt eben infolge unvollständiger Rückbildung der inneren Organe etwas Plumpes bekommen und leider behalten, so ist es ohne weiteres verständlich, daß die unnatürliche, bei weitem gewaltsamere Dehnung und Verlängerung jener Bänder, wie sie durch das fortgesetzte Reiten im Herrensitz hervorgerufen werden muß, erst recht nicht zu beseitigen wäre. Bei jungen Mädchen werden sich diese Verunstaltungen, wenn auch in geringerem Grade, allmählich entwickeln. Das hier Gesagte gilt auch nur für die Allgemeinheit, wo es maßgebend sein dürfte. Ausnahmen gibt es überall.
Fig. 4.
Der Reitsitz auf dem neuen engl. Damensattel.
Vom ästhetischen Standpunkte aus betrachtet, steht die Sache noch ungünstiger. Solange man die Reiterin, die rittlings auf dem Pferde sitzt, im Profil sieht, kann man nichts direkt Unschönes daran finden, ausgenommen in Fällen, wo die Betreffende sehr korpulent ist; dann ist der Anblick in jeder Richtung geradezu grotesk. Aber auch die schönste schlanke Figur sieht, von vorn oder rückwärts gesehen, äußerst unästhetisch aus.[C] Das Kostüm ist schon häßlich, der gepriesene geteilte Rock sieht lächerlich aus;[D] das Unschöne des Herrensitzes besteht ja nicht darin, daß man die Beine sieht, sondern lediglich in der Stellung selber. In Beinkleidern ist man auf den Pferderücken verbannt: eine Frau in Reithosen zu Fuß sieht entschieden nicht gut aus; jeder feinfühligen Dame muß das Aufsehen, das sie in diesem Kostüme erregt, peinlich sein.[E]
[C]: De gustibus non est disputandum. Also grade das Gegenteil von dem, was Frau Dr. Anita Augspurg findet. Der Verf.
[D]: Sehr richtig! Der Verf.
[E]: Allerdings hatte man ja mit dem Aufkommen des Radfahrsportes Gelegenheit, sich an manchen Anblick gewöhnen zu müssen, der alles andere als schön war! Der Verf.
Nun noch zum letzten der Gründe, die gegen den einseitigen Sitz hervorgehoben werden: nämlich die Unabhängigkeit und Sicherheit zu Pferde. Die Unabhängigkeit ist allerdings, falls die betreffende Dame nicht allein auf- und absteigen und sich nichts am Sattel ohne fremde Hilfe richten kann, sehr gering; aber wieviel Damen hegen den Wunsch, ohne Begleitung Reittouren zu unternehmen? Diejenigen, die es tun, können sich eben in allem helfen. Eine gute Reiterin, die auch Interesse für ihren Gaul hat, muß ihn selber satteln und aufzäumen können, wenn es nötig ist; eine genaue Kenntnis der Sattelung und Zäumung trägt nicht wenig zur Sicherheit und Selbstständigkeit bei. Auf dem Lande, wo manchmal niemand zu haben war, der mit einem Damensattel umzugehen verstand, habe ich mein Pferd oft ohne fremde Hilfe satteln müssen. Das Aufsteigen ohne Hilfe ist schon schwieriger; hat man ein frommes, gutmütiges Tier, das ruhig steht, so genügt es, dasselbe an irgend eine Erhöhung, eine Bank, einen Zaun oder eine Böschung zu führen, von wo es dann leicht ist, sich in den Sattel zu schwingen. Ist das Tier zu unruhig und tritt seitwärts, so empfiehlt es sich, einfach den Bügel lang zu schnallen und, in denselben steigend, sich in den Sattel zu ziehen, was nach einiger Übung recht gut geht. Graziös sieht es ja nicht aus, aber wenn niemand in der Nähe ist, geniert es nicht; das Pferd kehrt sich nicht daran. In puncto Sicherheit wird wohl jeder zugeben, daß es viel schwerer ist, aus dem Damensattel geschleudert zu werden, als aus dem Herrensattel; mit dem Hängenbleiben im Steigbügel ist die Gefahr in diesem wie in jenem Falle dieselbe, vorausgesetzt, daß die Reiterin einen Herrensteigbügel benützt – das einzig richtige – und nicht eine Menge Gummibänder oder gar großartige Sicherheitsvorrichtungen am Rocke hat. Geht ein Pferd durch, so kann eine Dame ebensogut die Gewalt über dasselbe wiedererlangen, wie ein Herr. Bei größeren Unglücksfällen, wie Stürzen von Reiter und Pferd, ist das Verhältnis das gleiche, es ist eben Glückssache, ob man heil davonkommt, da hilft einem die Zugehörigkeit zum starken oder schwachen Geschlechte gar nichts. Es liegt also kein Grund vor, den ebenso graziösen wie ausreichenden Seitsitz aufzugeben.«
Dieser Artikel, welcher meines Erachtens in jeder Beziehung sachlich ist und das Richtige trifft, hat in demselben Organ (Nr. 49, 1901) eine Entgegnung durch Dr. M. Senator, Frankfurt a. M., gefunden, welcher wieder den Reitsitz für die Damen befürwortet. Da er jedoch mehr vom reitsportlichen Standpunkt und ohne besonders neue Gesichtspunkte ins Feld zu führen geschrieben ist, so will ich nur dasjenige daraus hervorheben, was mir als besonders erwähnenswert erscheint.
»Was nun die sanitäre Frage betrifft, so befürchtet Verfasserin aus dem Herrensitz für die Damen erhebliche Nachteile; sowohl die inneren wie die äußeren Organe sollen leiden. Daß letztere durch die Reibung und den Druck entzündlichen Reizungen ausgesetzt sind, will ich nicht bestreiten; daß allerdings durch den sehr ähnlichen Sitz auf dem Rade, wo doch auch derartige Nachteile einwirken, die befürchteten Schädlichkeiten eingetreten sind, ist mir nicht bekannt. Verfasserin befürchtet ferner vom Herrensattel eine Lockerung und Dehnung der Bänder mit störenden Folgen für Gesundheit und äußere Erscheinung. Gerade diese Frage bedarf wegen ihrer enormen Wichtigkeit des erhöhten Interesses des Arztes und des Reiters, oder besser noch einer in beiden »Wissenschaften« erfahrenen Persönlichkeit. Ich selbst bin passionierter Reiter und will meine Liebhaberei nicht aufgeben, sollte ich auch von einigen üblen Einwirkungen nicht verschont bleiben (jede Passion erfordert eben Opfer), aber für eine gesundheitliche Übung in streng medizinischem Sinne kann ich das Reiten nicht ansehen.[F] Tatsächlich wird Lockerung und Senkung der Baucheingeweide begünstigt, wie ja schon die vermehrte Disposition der Reiter für Eingeweidebrüche beweist; aber ich glaube, daß diese Schädigungen im Reiten selbst, in der stoßweisen Erschütterung im Trabe namentlich, bedingt sind und daß Herren und Damen sich dem in gleicher Weise aussetzen. Daß die Folgeerscheinungen für den Frauenkörper schwerwiegender sind, ist gewiß (!). Sicherlich aber wird der freiere Sitz im Herrensattel, die bessere Möglichkeit, sich den Bewegungen des Pferdes anzupassen (z. B. der bequemere englische Trab) auch hierin günstig wirken. Daß der gespreizte Sitz nachteilig sein soll, will mir nicht einleuchten; ist denn die Drehung des Körpers im Damensattel gut zu heißen?[G]
Über den ästhetischen Standpunkt läßt sich schwer streiten. Ich kann an einer rittlings sitzenden Dame nichts Unschönes finden, weder im Profil noch in Vorder- oder Rückansicht.«[H]
[F]: Dieser Ansicht pflichten viele Ärzte und alte Reiter nicht bei. Wie Vielen wird das Reiten als besondere Kur verordnet? Der Verf.
[G]: Eine auf dem neuen englischen Sattel korrekt sitzende Dame nimmt infolge des Seitsitzes nur eine so minimale Drehung des Oberkörpers zum Unterkörper an, daß sie kaum erwähnenswert ist. Auch hat die bisherige Erfahrung nicht bestätigt, daß infolgedessen nennenswerte Störungen der Gesundheit eingetreten sind. Der Verf.
[H]: Daran können wir also abermals sehen, wie verschieden eine und dieselbe Sache beurteilt werden kann. Der Verf.
Alles in allem scheint mir die Antithese des erstangeführten Artikels nicht so überzeugend ausgefallen zu sein, wie es als Widerlegung erforderlich gewesen wäre!
Um aber endlich zum Schluß dieses Kapitels zu kommen, für welches mir noch reiches Material vorliegt, u. a. auch ein Artikel der nur von Damen redigierten französischen Zeitung »La Fronde«, welcher sich selbstverständlich für den Herrensitz ausspricht, bringe ich die aus fachmännischer Feder geflossene, im »Berliner Lokal-Anzeiger« enthaltene Antwort auf den Artikel des Fräulein Dr. Anita Augspurg, welchem ich meinerseits nichts hinzuzufügen habe. Meiner Ansicht nach enthält derselbe, in seinen wesentlichsten Punkten wiedergegeben, alles, was zu diesem Thema etwa noch gesagt werden kann.
»Es scheint gerecht und billig, das Für und Wider in dieser, die reitenden Damen lebhaft interessierenden Frage genau zu prüfen und mit gründlicher Fachkenntnis zu erwägen. Zuerst ist es nötig, festzustellen, daß es sich beim Damenreiten in der Stadt und Manege um andere Bedingungen handelt, als beim eventuellen Reiten in der Wildnis. In letzterem Falle lernen die Kinder und jungen Mädchen von früh an auf den verschiedenartigsten Sätteln in jedem Sitz das Reiten, so gut es eben geht, ohne Anspruch auf Eleganz. Die Anforderungen nun zu Nützlichkeitszwecken sind eben ganz andere, als die Reitkunst sie an die Damen in unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zu stellen hat, bei denen das Alleinreiten wenig Zweck haben dürfte und zu mancherlei Unzuträglichkeiten führen kann.
Bleiben wir also zunächst beim Damenreiten in der Manege und zu Spazierritten und beginnen nun mit den Anforderungen, die der Schönheitssinn dabei stellt. Leider lassen sich die diesen Sinn nicht befriedigenden Eigentümlichkeiten des Damenreitens im Herrensitz nicht ganz leicht deutlich machen, ohne dieser Geschmacksrichtung zu nahe zu treten. Die Praxis würde das am besten selbst tun und das ästhetische Gefühl bald zurückverlangen lassen nach der weiblichen Reitart. Beleuchten wir diese letztere einmal an einem Beispiel, einer Schulreiterin im Zirkus, die mit mir wohl unzählige Herren und Damen nur mit großem Vergnügen im Damensattel reiten sahen. In dieser Reitart fand ich nichts unschön, im Gegenteil schien mir gerade in diesem Sitz und in dem einfachen schwarzen Reitkostüm die ganze Grazie des Weibes erst zum Ausdruck zu kommen. Wie oben hatte ich das Gefühl, daß die Reiterin dem Pferd gegenüber machtlos sei. Daß es außerhalb des Rahmens der Manege auch minder schöne Erscheinungen im Damensattel gibt, ist außer Zweifel. Daran ist aber weniger der Damensattel an sich, als vielmehr die geringere Fähigkeit der Reiterin (bezw. die Figur! Der Verf.), die im Herrensattel selbstverständlich ebenso zur Geltung kommen würde, Schuld. Nicht jede Dame kann sich guten Sitz aneignen; das bleibt eben wie bei jedem andern Sport, so auch hier, individuell. Sicher aber ist, daß es viel leichter für eine Dame ist, sich im Damensattel schön hinzusetzen, wie für einen Herrn dasselbe im Herrensattel zu tun. Auf der großen Sitzfläche des Damensattels kommt die Dame eben wirklich mit ihrer vollen Positur zum Sitzen, und deshalb wird es ihr verhältnismäßig leicht, den Oberkörper trotz der notwendigen ⅛ Rechtsdrehung gerade und graziös aufzurichten. Im Herrensattel ist die Sitzfläche eine viel kleinere, deshalb verliert der Herr so leicht durch Vor- oder Rückwärtsfallen mit dem Oberkörper den Anstand im Sattel, und deshalb wird das Balancieren schwerer. Im guten Balancieren aber liegt der Schwerpunkt der Reiterei, sowohl im Damen- wie im Herrensattel. Die Fähigkeit, im Damensattel leichter zu balancieren, also auch fester zu sitzen, gibt gerade der Dame die leichtere Hand, die ihr die weichere und beweglichere Lenkung des Pferdes ermöglicht. Ein Anklammern mit den Beinen am Pferd ist bei etwaigen Unarten desselben aber geradezu gefährlich, da ja gerade dieser Druck die treibende Hilfe ist. Ein geübter und unerschrockener Reiter wird freilich in einem solchen Falle durch besonders kräftige, nicht stoßweiser Anwendung der Schenkelhilfen sein Pferd zum Gehorsam bringen. Das ist doch aber, wenn wir einmal ehrlich sein wollen, bei einer Dame illusorisch, dazu fehlt es der Dame fast immer an der physischen Kraft. Hierfür kann ich sogar einen Beleg anführen. Eine Dame aus der hiesigen Gesellschaft war nach langjährigem Reiten im Damensattel zum Reiten im Herrensattel übergegangen, und um sich leichter und ungestörter in diese neue Art hineinfinden zu können, ging sie mit einem mir als schwierig bekannten Pferd auf ihr Gut, nicht ohne daß ich vorher meine Ansicht darüber offen ausgesprochen hatte. Ein ungläubiges Lächeln war die Antwort. Als diese selbe Dame nach längerer Zeit hierher zurückkehrte, schien sie ihre Ansicht geändert zu haben. Sie ritt noch denselben Fuchs, doch nicht, wie ich vermuten durfte, im Herrensattel, sondern – wie einst – im Damensattel. Auf meine erstaunte Frage erhielt ich die bezeichnende Antwort: Vom Damensattel hat mich der Gaul nicht herunterbekommen, vom Herrensattel – dreimal! Die Dame ist nicht wieder zum Herrensattel zurückgekehrt. Eine andere Dame konnte man auf unserem schönen Reitplatze, dem Hippodrom, seiner Zeit mit großer Bravour im Herrensattel über sämtliche Hindernisse gehen sehen. Auch sie reitet längst wieder Damensattel. Welche Gründe zum Wechsel für sie maßgebend waren, ist mir unbekannt. Darum möchte ich zum Kapitel der geringeren Gefährlichkeit des Reitens im Amazonensattel doch ein ernstes, mahnendes Wort sagen. Nach meiner anfangs aufgestellten Beweisführung ist die Möglichkeit, sich vom Sattel zu trennen, im Herrensattel eine größere, wie im Damensattel. Und wenn nun auch an sich vielleicht das Sichtrennen vom Herrensattel in vielen Fällen weniger gefährlich sein mag, wie das Abfallen vom Damensattel, so ist doch auch im ersteren Falle ein Hängenbleiben im Bügel und damit verbundenes Geschleiftwerden sehr wohl möglich. Rechnen wir nun die größere Wahrscheinlichkeit des Abfallens vom Herrensattel mit hinzu, so dürfte sich das Für und Wider in dieser Beziehung wohl ausgleichen. Einen Beweis, wie sicher und fest die Damen im Damensattel sitzen können, haben doch wohl unsere ausgezeichneten Schulreiterinnen gegeben. – Es scheint mir daher durchaus keine Veranlassung vorzuliegen, das Reiten im Damensattel irgendwie zu beanstanden, und möchte ich daher mein Veto gegen eine Änderung zugunsten des Amazonensattels nicht unausgesprochen lassen.«
Wie gesagt, ich schließe mich dem, was der umsichtige Fachmann hier ausgesprochen hat, voll und ganz an.
Eine der bekanntesten und besten Reiterinnen Englands, Miss Alice Hayes, die Gattin eines ebenso als vortrefflicher Reiter bekannten Offiziers, hat 1893 ein Werk über Damenreiten »The horsewoman, a practical guide to side-saddle riding« erscheinen lassen, welches sehr günstig beurteilt worden ist. Besonders gut in diesem Buche sind die Worte behufs Sicherung eines festen Sitzes im Sattel, ohne sich auf die Zügel zu verlassen. Die Verfasserin spricht nervösen Damen Mut zu, indem sie ihnen sagt, daß der Sitz im Damensattel sicherer, als der gewöhnliche Männersitz ist. Tatsächlich macht sie diejenigen, die das Reiten nach Männerart für Damen befürworten, lächerlich. – Soweit wollen wir uns nicht an der holden Weiblichkeit vergehen.
Sie aber, schöne Leserin, die Sie sich in dieses Kapitel mit Verständnis vertieft haben, mögen nun wählen, ob Sie sich für den einen oder den anderen Reitsitz entscheiden wollen. Wie wir gesehen haben, sind die mit so großer Verve für den Herrensitz angeführten Gründe zum größten Teil gründlich widerlegt – also: prüfet alles und das Beste behaltet!