3. Vom Reitajustement der Dame und deren Erscheinung zu Pferde.
Es ist von vornherein bei der Besprechung dieses Themas anzuführen, daß die Erscheinung der Dame zu Pferde stets ein angenehmes harmonisches Bild abgeben soll, wenn sie nicht der unliebsamen Kritik eines spottsüchtigen Publikums verfallen will. Dabei spielen die Regeln der Ästhetik eine besondere Rolle. Im allgemeinen braucht man ja einer wirklichen Dame in dieser Beziehung nicht viel zu sagen. Eine solche trägt in ihrem Wesen und in ihrer Geschmacksrichtung eine Eigenart zur Schau, welche in den meisten Fällen für sie paßt und vielfach auch gefällt, selbst wenn diese Faktoren manchmal aus dem Rahmen des alltäglichen oder althergebrachten Anblicks, bezw. der herrschenden Mode herausfallen. Direkte Geschmacksverirrungen sind auch seltener zu konstatieren, wenn auch die einmal – Gott sei Dank nur in sehr beschränktem Maße – s. Z. getragenen Hosenkostüme der Radfahrerinnen entschieden dazu gerechnet werden müssen.
Das harmonische Bild der Reiterin aber beschränkt sich nicht auf das Kostüm allein, die Figur muß sich auch mit dem Pferde verbinden, die Größe beider muß übereinstimmen. Eine Dame von Mittelfigur muß auch ein Pferd von solcher Figur reiten, eine kleine Dame ein kleineres, eine große ein größeres Pferd. Stärkere Damen – es hat das für die Amazone eine Grenze – müssen kräftige Pferde mit gutem Fundament, leichte schlanke Damen leichte Pferde mit leichten Gängen reiten. Sitz und Haltung müssen tadellos sein, so daß sich keine unliebsame Kritik daran wagen darf. Die Dame zu Pferde ist selbst heute noch, wo der Damenreitsport immer mehr in den Vordergrund tritt, eine dem Urteil der Menge verfallene Erscheinung, wenn sie nicht harmonisch wirkt. Es muß eben alles in den hier genannten Rahmen fallen. So sollte eine Dame, deren Figur aus irgend welchen Gründen nicht auf das Pferd paßt – in erster Linie ist hier von der Leibesfülle die Rede – sich nicht öffentlich zu Pferd zeigen. Das Reiten kann freilich eine ärztliche Verordnung, es kann besondere Passion sein – aber dann möge die Dame Wälder und Täler, fern ab menschlichen Treiben, durchschweifen. Mir ist eine derartig gestaltete Dame, welche noch dazu im Herrensitz ritt, in der Erinnerung, deren Erscheinung stets wahre Lach- und Spottsalven hervorrief – natürlich nur bei den weniger gebildeten Passanten – immerhin konnte auch der Mann der Gesellschaft nicht ohne ein gewisses Gefühl der Befriedigung darüber diese Reiterin sehen und ein Lächeln auf den Lippen unterdrücken.
Was nun das Kostüm der Dame anbetrifft, so muß ich leider konstatieren, daß es bei uns doch noch recht viel zu wünschen übrig läßt. Man sieht nur wenig distinguierte Erscheinungen zu Pferde, selbst aus der Gesellschaft, die man leicht daran erkennt, daß sie von einem bekannten Gentleman oder einem Offizier chaperoniert werden. Die Damen erscheinen überwiegend oft – also mal zuerst im Sommer – fast im Negligé, also so wie sie auf dem Lande reiten würden, im Strohhütchen, heller Bluse und dunklem Rock. Das mag ja recht bequem sein, ist aber nicht schick. Man reitet eben auf der Promenade der Großstadt nicht so, wie beim Morgenspazierritt auf dem Lande.
Es ist eigentümlich, daß die Damen hierbei ein laisser aller an sich haben, welches sie für Promenade, Diner usw. für shocking erklären würden. Viele Damen werden mir darauf allerdings erwidern, daß wir hier in Berlin überhaupt keine Reitpromenade im Sinne des Bois de Boulogne und des Hydepark haben, aber wenn auch diese Einwendung gewiß nicht ganz ohne Berechtigung ist, so müssen – bis vielleicht in dem neuanzulegenden Volkspark Grunewald etwas derartiges geschaffen wird – der Tiergarten, der Kurfürstendamm und der Grunewald als solche gelten. Was irgendwie reitet, trifft sich doch vormittags dort.
Ich erachte es demnach, da Paris noch immer für die Moden der Damen auch auf diesem Gebiete maßgebend ist, für meine schönen Leserinnen interessant, zu erfahren, in welchem Ajustement die Dame im Bois de Boulogne nach dem Bericht einer französischen Dame zu Pferde erscheint.
Um mit dem Intimsten zu beginnen, so ist das einzig Elegante bei diesem Anzug ein Manneshemd von Baumwolle mit leicht umgebrochenem Kragen. Dieses Hemd muß zum korrekten schwarzen, blauen oder dunkelgrünem Reitkleid, wie es im Bois getragen wird – auch zum roten Jacket – weiß sein, darf jedoch zum Phantasiereitkleid kleine Muster – Erbsen, Kleeblätter, Streifen – haben. Diese Muster dürfen sich jedoch nur mikroskopisch präsentieren, sonst wirken sie abscheulich. Der Brustteil des Hemdes braucht nicht gestärkt, Kragen und Manschetten dagegen müssen hart wie Holz sein, während alles übrige sich schmiegsam anfügen muß.
Das einfache kurze Beinkleid aus weißem Tuch oder Floretseide wird im Schenkel sehr weit und unter dem Knie, wo es durch drei kleine Perlmutterknöpfe geschlossen wird, sehr eng getragen. Vom dritten Knopfloch reicht eine kleine Schleife aus demselben Stoff wie das Beinkleid bis zum oberen Rande des Stiefels.
Das Trikot ist vielleicht weniger schick wie dieses Beinkleid, aber unendlich praktischer. Im Winter muß es aus Seide, im Sommer aus sehr feinem Zwirn und immer von perlgrauer Farbe sein. Vornehmlich darf man keine Phantasie-Farbennuancen wählen. Vor allen Dingen muß man sich aber vor der Fleischfarbe hüten.
Das Trikot wird im Sitz, in der rechten Kniekehle und im rechten Knie erweitert angefertigt. Obwohl es nicht zu eng sein darf, muß es doch fest anschließen und darf keine Falte schlagen.
Man brauche kein Korsett, wenn man es irgend entbehren kann. Man benutze nichts, als ein enggeflochtenes Tragband aus Seide, um die Falten des Hemdes zu ordnen und das Beinkleid oder das Trikot festzuhalten.
Ist man ein Korsett zu tragen genötigt, so sei es schmiegsam und sehr kurz, damit es nicht auf den Hüften scheuert. Dann sei es aus weißem schwedischen Leder lose geschnürt, keineswegs festanschließend und gar oben mit Spitzen besetzt, damit sich nichts unter dem Reitkleide markiert. Das mit einer Rüsche verzierte Korsett markiert sich stets auf dem Rücken des Kleides, und zu Pferde ist es noch mehr als anderswo von Wichtigkeit, daß alles glatt sitzt und nichts die Linien unterbricht.
Der Stiefel muß aus lackiertem Kuhleder oder dem gewöhnlichen Lackleder bestehen und im Schaft oben geschmeidig sein; das ist die Form des alten Stiefels nach Stallmeisterinart, welcher sich längs des Beins gut anschmiegt, und zu welchem ein sehr niedriger englischer Absatz gehört. Viele Damen tragen den Chantillystiefel, und das ist abscheulich.
Dieser Stiefel nämlich, der einzig elegante und praktische für die Herren, paßt ganz und gar nicht für die Damen, und zwar aus zwei Gründen. Erstens verunstaltet er den Knöchel und macht ihn plump, und zwar dermaßen, daß man in diesem Falle auf die entsetzliche lange Hose zurückzugreifen gezwungen ist. Der andere ist der, daß beim Traben der Rock sich in den zu harten Schaft zwängt und dann unangenehm auf dem Knie spannt. Der Stiefel dagegen muß im Spann so weit sein, daß er beinahe ausgeschlenkert werden kann.
Der Sporn sei gerade und kurz, aus Stahl, Nickel oder Silber, das Rädchen mit spitzen Stacheln versehen, denn der Sporn soll weder ein Spielzeug noch ein Zierrat, sondern vielmehr wirklich ein Hilfsmittel sein. Er wird mit einem kleinen Riemen aus sehr weichem Lackleder befestigt.
Die Busenkrawatte besteht aus weißem Batist oder aus solchem mit kleinen, kaum wahrnehmbaren Mustern; die Nadel ist einfach, ein Hirschhaken, eine Tiegerklaue, ein St. Georgstaler oder sonst eine goldene Münze, aber keine Nadel, die den Anschein eines »Kleinods« hat.
Als Kopfbedeckung wird ein schwarzer Seidencylinder oder ein solcher aus grauem Filz getragen. Niemals aber trägt die Dame, welche Anspruch erhebt, korrekt zu sein, irgend einen anderen Phantasiehut im Bois. Auf dem Lande ist das selbstredend gestattet. Der Hut von hoher Form braucht sich nicht nach der neuesten Mode zu richten. Er muß ziemlich hoch sein und darf keine flache Krempe haben. Im übrigen ist das einzige erlaubte Arrangement ein kleiner, grauer, schwarzer oder blauer, um den Hut gewundener Gazeschleier, Bänder aber oder irgend etwas »Flatterndes« sind nicht statthaft.
Der kleine melonenförmige Hut, der Matrosenstrohhut und selbst der Tirolerhut werden auf dem Lande getragen.
Zum Reiten werden die Haare geflochten oder gewunden und enganliegend getragen, was den Kopf klein macht. Nichts ist häßlicher als ein dicker Kopf, auf dem Pferde vielleicht noch mehr als anderswo. Man kann auch sämtliche Haare zusammendrehen, sie unter Freimachung des Nackens emporheben und unter den Hut stecken. Bei dieser Manipulation braucht man weder Schildpattnadeln noch -Kamm. Das hält ganz von selbst, den Fall, wo man den Hut verlieren sollte, ausgenommen.
Die Handschuhe seien aus weißem oder gelbem Hirschleder, aber niemals aus Hundeleder. Das ist gemein, unbequem und macht wahre Tatzen. Der Handschuh muß in den Fingern sehr lang, sehr geschmeidig und vornehmlich sehr weich sein, der Hand ebensoviel Spielraum zu lassen, als ob sie unbekleidet wäre.
Die Farbe des Reitkleides ist in Paris schwarz, dunkelblau oder dunkelgrün. Letztere Farbe ist jedoch so dunkel gehalten, daß man sie nur in der Sonne wahrnimmt. Der sehr kurze und durchaus glatte Rock aus schwerem Tuch darf, wenn man aufrecht steht, links nicht über den Sporn herabreichen. Rechts ist er wegen der für das Knie und das Horn erforderlichen Weite viel länger und wird an dieser Seite, wenn man zu Fuß ist, hochgeknöpft. Die durchaus einfarbige glatte Taille endigt hinten in einen kurzen Schoß, die auf den Hüften aufstößt und vorn in einer stumpfen Spitze ausläuft. Der Schoß kann aber auch rund und kurzgeschnitten sein. Hier und dort werden die Taillen auch mit langen und abgerundeten Schößen getragen. Der Paletot zum Reitkostüm ist kurz und in der Art der Herrenpaletots gearbeitet. Schmuckgegenstände, Samtkragen, Schleifen oder Phantasieknöpfe werden niemals getragen.
Damit soll allerdings nicht gesagt sein, daß die deutsche Amazone sich durchaus nach diesen Angaben richten muß, wenn sie auch immerhin einen guten Anhalt gewähren. Aus meinem eigenen kleinen Erfahrungsschatze möchte ich aber noch einige Ergänzungen dazu machen.
Im Winter schützen seidene Strümpfe am besten gegen kalte Füße. Ein leinenes Taschentuch wird in die am Sattel angebrachte Tasche gesteckt. Für den Sommer dürfte ein Reitkleid aus weißer Leinwand nicht auf Widerspruch stoßen, zu dem auch ein weißes Hütchen – jedoch nicht von Strohgeflecht – sehr gut stehen würde. Über die Chaussure ist bereits gesprochen worden, doch sei noch besonders erwähnt, daß Knöpfstiefel absolut auszuschließen sind. Die Form der Taille ist zwar gegeben, doch pflegen junge und schlanke Damen am liebsten und für sie am vorteilhaftesten die anliegende Taille zu wählen, während für stärkere Damen die Jackett- oder blusenartige Form geeigneter erscheint. Bei beiden ist auf denkbar größte Bequemlichkeit zu sehen, vor allem auf genügende Brustweite, tadellos gearbeitetes Rückenstück und zureichenden Halsausschnitt. Die Ärmel müssen so weit sein, daß sie den Armen ohne den geringsten Zwang jede Bewegung gestatten. Ebenso müssen auch die Handschuhe zwei Nummern weiter genommen werden, als man sie gewöhnlich trägt. – Was die Länge des Rockes anbetrifft, so trägt man am praktischsten das Reitkleid so, daß es mit der unteren Kante des Pferdebauches abschneidet, besonders wenn die Reiterin Jagd oder Terrain reitet. Dabei darf der Rock ja nicht faltig sein, sondern eng anliegend, muß jedoch so ausgebreitet werden können, daß das rechte Bein bequem über das Horn gelegt werden kann, ohne daß der Stoff sich zerrt und auf der Kniescheibe drückt. Daß nicht jede beliebige Schneiderin imstande ist, ein derartiges Reitkleid anzufertigen, ist selbstverständlich, hier können nur Spezialisten das Richtige treffen, wenn sie sich auch vielfach ihre Kunst unerfreulich hoch bezahlen lassen. Dennoch scheue man diese Ausgabe nicht; schon manche Dame hat sich aus Billigkeitsrücksichten ihr Reitkostüm anderswo anfertigen lassen und mußte dasselbe nachher als gänzlich unbrauchbar verwerfen. Ein solcher so ausgearbeiteter Rock fliegt niemals; zwei gewöhnliche Tuchbreiten sind für denselben ausreichend. Innerhalb des Rockes dürfen Raffer befestigt sein, damit die Dame, wenn sie abgestiegen ist und sich längere Zeit zu Fuß bewegen will, das Kleid schürzen kann, ohne mit dem Tragen die Hände zu beschweren, was auf die Dauer lästig wird. In England werden auch die sogenannten »Safety habits«, welche eigentlich nur eine Schürze bilden und gar keinen Stoff haben, wo die Hörner sitzen, empfohlen und gebraucht. Adressen für dieselben sind: W. Shingleton, 60 New Bond Street und Messrs. Thomas and Sons, Brookstreet, London.
Schließlich möchte ich es nicht unterlassen, der angehenden Reiterin noch einige Winke in bezug auf ihre Reittoilette zu unterbreiten, welche der berühmte Reitmeister James Fillis in seinem Buche »Principes de Dressage et d'Equitation« anführt.
»Die Reiterin verletzt sich sehr leicht, die geringste Falte in ihren Kleidern veranlaßt eine Hautabschürfung. Bei einem langen Ritt, besonders bei der Jagd, empfiehlt es sich, daß sie kein langes Hemd, sondern ein kurzes Hemdchen von sehr feinem Stoff trägt, welches über den Hüften befestigt ist. Der Kragen und die Manschetten müssen an dem Hemdchen festsitzen – nicht mit Stecknadeln befestigt sein, welche nicht sitzen bleiben, sondern herausfallen und stechen.
Ich rate dringend, keine langen Strümpfe anzuziehen; denn das Strumpfband ist immer ein Hindernis, oft sogar Ursache eines wirklichen Leidens, und kann ausgedehnte und schmerzhafte Verwundungen hervorrufen. Socken sind in jeder Hinsicht vorzuziehen; sie müssen sich vereinigen mit einem enganliegenden Unterbeinkleid aus weichem dehnbaren »Trikot« oder »Jersey« und gefüttert sein mit Seide, oder – noch besser – mit sehr feinem Hirschleder. Das Beinkleid, welches darüber gezogen wird, muß schmale Gummistege haben, damit es keine Falten schlägt. Der kurze Stiefel muß Gummizüge – keine Knöpfe haben, um Verwundungen und Quetschungen auf dem Fußspann zu vermeiden. Ich liebe nicht die hohen Stiefel; sie sind zu hart, können unterhalb des Knies verletzen und verhindern die Reiterin, ihr Pferd mit dem Bein richtig zu fühlen. Das Schnürleibchen (Korsett) muß sehr kurz und niedrig sein. Eine lange Korsettschiene (Schwippe) ist nicht nur unbequem, sondern wirklich gefährlich.
Ich würde glauben, mich entschuldigen zu müssen, weil ich in diese geheimen Einzelheiten der Toilette eindringe, für welche meine Urteilsfähigkeit zweifelhaft erscheinen könnte, wenn es sich nur um eine Frage der Eleganz handelte; aber alles, was die Ausrüstung der Reiterin angeht, betrifft auch ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden zu Pferde.
Ich habe soviele Frauen von einem Spazierritt schmerzerfüllt und leidend zurückkommen sehen, welche infolgedessen verurteilt waren, mehrere Tage auf der Chaiselongue zuzubringen, daß ich doch dahin gelangt bin, allen diesen anscheinend nebensächlichen Dingen eine größere Wichtigkeit beizumessen.
Freilich glaube ich, mich nicht auf Überdinge zu verirren, wenn ich empfehle, die Haare recht sicher zu befestigen. Die Dame, welche damit beschäftigt ist, ihren Hut oder Schleier festzuhalten oder zurecht zu setzen, denkt wenig an ihr Pferd, und man kann wohl sagen: Wenn sie ihren Hut verliert, ist sie nahe daran, auch ihren Kopf zu verlieren.«
Für längere Touren ist es praktisch, einen Reitmantel aus Plaidstoff (Cape) mit sich zu führen, der gerollt am Sattel befestigt wird, falls kein Groom mitreitet, da es immer unangenehm ist, plötzlich ausbrechendem Gewitter ohne irgend welchen Schutz preisgegeben zu sein.
In der rechten Hand wird eine kurze starke Reitpeitsche getragen, welche, wie schon angeführt, den über den Sattel gelegten rechten Schenkel des Herrn ersetzen soll, und der in Verbindung mit dem linken die betreffenden Hilfen für die verschiedenen Gangarten des Pferdes gibt.
Hat eine Dame erst festen Sitz gewonnen, so kann sie am linken Absatz einen kurzen Sporn mit scharfem Sternrad tragen.