9. Auf- und Absitzen.
Unter den vielen Gründen, welche gegen das Reiten der Damen im Seitsitz angeführt wurden, war auch der, daß die Reiterin nicht allein bezw. ohne Hilfe das Pferd besteigen könne. Im allgemeinen ist das ja richtig, wenn auch eine gewandte, im Turnen geübte Reiterin wohl imstande sein wird, wenigstens von einer Erhöhung, z. B. einem Tritt oder Stuhl aus, allein aufs Pferd zu gelangen, d. h. wenn dasselbe gehalten wird. Unterwegs allerdings und allein wird die Reiterin nur ausnahmsweise imstande sein, in den Sattel zu gelangen.
Fig. 43.
Das Ordnen des Reitkleides und Aufschieben des Steigbügels.
Die gebräuchlichste Manier, und, sagen wir auch die kavalierste, ist diejenige, daß der die Dame chaperonierende Herr die Dame in den Sattel hebt. Es geschieht das bei uns so, daß sich die Dame mit der Front nach vorn, die rechte Schulter gegen das Pferd neben dieses stellt, die rechte Hand auf das obere Horn legt, mit der linken Hand das Kleid lüpft und sie dann auf die linke Schulter des Herrn legt, worauf sie mit dem linken Fuß in die verschränkten Hände ihres Kavaliers tritt. Indem sie nun sich mit dem rechten Bein vom Boden leicht abstößt, das linke Knie streckt, während der Herr die süße Last erhebt, wird sie auf diese Weise auf den Sattelsitz geworfen. Hier legt sie sofort das rechte Bein über die Gabel, während der Herr den Bügel über den linken Fuß streift und das Reitkleid zurecht zieht. (Fig. 43.) Es soll aber nicht unausgesprochen bleiben, daß beiderseitig eine besondere Geschicklichkeit dazu gehört, dieses Manöver auszuführen, bei welchem dem Herrn oftmals eine ziemlich unbequeme Rolle zuerteilt ist. Seitens des schon mehrfach erwähnten Reitmeisters James Fillis wird denn diese Art, d. h. daß die Dame den linken Fuß zum Aufheben gibt, statt den rechten, beanstandet.
»Zu meinem Bedauern«, sagt derselbe, »sehe ich mich genötigt zu erklären, daß die Dame – um sich in den Sattel zu setzen – gewöhnlich das Gegenteil von dem tut, was erforderlich ist: sie setzt den linken Fuß in die ihr zum Hinaufheben dargereichten Hände und schwingt sich – indem sie den Körper nach vorwärts hinaufschnellt – mit dem rechten Fuß so ab, daß sie sich auf dem linken Fuß erheben kann. Es folgt daraus, daß ihre ganze Körperlast plötzlich auf die ihr als Tritt dienende Hand zurückfällt, und daß die Bewegung, die sie nach vorwärts macht, den Herrn unvermeidlich nach rückwärts wirft und ihn so von der Schulter des Pferdes entfernt. Sie sollte im Gegenteil – während sich ihr linker Fuß in den Händen des Herrn befindet – sich nur des rechten Beines zu einem leichten Abstoß bedienen, welcher dem Knie die nötige Spannung erlaubt, und sollte dabei den Körper recht gerade – eher noch etwas nach rückwärts geneigt – halten. Diese ist eine der einfachsten Bewegungen; sie ist genau diejenige, welche man ausführt, um eine etwas hohe Treppenstufe zu ersteigen. Die Reiterin soll nicht durch einen Sprung sich zu erheben suchen; ihr ganzer Kraftaufwand soll sich darauf beschränken, das linke Knie herauszustrecken, daß das Bein vollständig gerade wird und so bleibt, indem das Kreuz seine recht gerade Haltung beibehält. Sie sollte sich endlich mit den Armen helfen; die linke Hand auf die Schulter des Herrn gestützt, die rechte auf das obere Horn. (Fig. 44.) Indem sie so verfährt, wird sie ganz gerade unter dem Einfluß der tragenden Hände aufsteigen und ungezwungen im Sattel Platz nehmen, ihren Sitz dabei ein wenig nach rückwärts verlegend. Sie selbst soll nicht versuchen, das Pferd zu erreichen. Der Herr soll sie auf den Sattel heben, sie soll sich nur darauf zurechtsetzen. Wenn die Reiterin in den Sattel springen will, stößt sie gewöhnlich schon dagegen, bevor sie über ihm schwebt, und fällt dann auf den Herrn zurück.
Fig. 44. Aufsetzen mit dem rechten Fuß.
Ich muß hinzufügen, daß es überhaupt eine schlechte Gewohnheit der Reiterinnen ist, den linken Fuß zu geben. Das ist alter Brauch, dessen Ursprung und Fortdauer ich mir nicht erklären kann. Es ist doch Tatsache, daß die Dame, wenn sie beim Aufsitzen den linken Fuß darbietet und in der Schwebe ist, das Gesäß von vorn nach rückwärts und von links nach rechts bringen muß, während der Herr eine Bewegung von rückwärts nach vorwärts und von rechts nach links macht; das ist doch eine doppelt verkehrte Haltung. Wenn hingegen die Dame ihren – dem Pferde zunächst befindlichen – rechten Fuß gibt, genügt ein kleiner Abstoß des linken Fußes und das Ansteifen des rechten Knies, um sich ganz ungezwungen längs des Sattels hochzuziehen und – ohne die geringste Verschiebung – sich sofort richtig auf demselben zu befinden. Versuchen Sie, meine Damen, auf diese Weise und ohne Vorurteil acht Tage hindurch, und ich bin sicher, daß Sie diese Art aufzusitzen annehmen werden.
Einmal im Sattel, soll die Reiterin sofort und ohne sich lange mit dem Ordnen des Reitkleides aufzuhalten, ihr rechtes Bein um das obere Horn legen. Dieses ist das einzige Mittel, einen Fall zu vermeiden, wenn das Pferd einen Seitensprung machen sollte. Ich behaupte sogar, daß die Hände des Herrn erst dann die Füße der Dame loslassen sollen, wenn das rechte Bein sicheren Halt gefunden hat.
Fig. 45. Absitzen.
Um abzusteigen, läßt die Reiterin den Bügel los und reicht die linke Hand dar, nimmt dann das rechte Bein aus der Gabel, gibt die rechte Hand und läßt sich – wenn sie so auf dem Sattel sitzt – ohne zu springen heruntergleiten, indem sie die Arme ein wenig anspannt (Fig. 45). Sie muß auf die Fußspitzen fallen und dabei die Kniee beugen, um so jeden Stoß zu vermeiden. Es ist nicht überflüssig, dies anzuempfehlen, denn nach einem etwas langen Ritt sind die Beine oft steif und ungelenk.
Ich wiederhole, daß die Dame ihre Hände geben und nicht springen, sondern heruntergleiten soll. Sehen Sie doch, wie es am häufigsten geschieht: die Dame wirft sich förmlich vom Sattel herunter, der Herr fängt sie auf, sie dabei in der Taille umfassend, und läßt sie, wenn er sie nicht mit steifem Arme halten kann, an seinem Körper entlang gleiten. Das ist weder angenehm, noch schön, sondern unpassend.«
| Fig. 46. Richtige Länge des Bügels. | Fig. 47. Zu langer Bügel. |
Dem Verpassen des Bügels sind an dieser Stelle noch einige Worte zu widmen. Es kommt darauf an, daß der Bügelriemen genau der Länge des Unterschenkels gemäß, bezw. mit der Dicke des Oberschenkels über dem Knie entspricht, daß er also weder zu lang, noch zu kurz ist, – denn dieser einzige Bügel gibt der Dame den Stützpunkt. (Fig. 46, richtige Länge des Bügels, bei welcher einige Zentimeter Luft sich zwischen Bein und Horn befinden.) Bei zu langem Bügel (Fig. 47) würde der Fuß den Bügel fortwährend suchen müssen und ihn nicht sicher festhalten können, wodurch der Sitz locker und unsicher wird. Bei zu kurzem Bügel (Fig. 48) würde das Knie zwischen Horn und Bügel gleichsam wie in einem spanischen Brett eingeschnallt sein, was der Reiterin Unannehmlichkeiten besonders bei stärkeren Gangarten bereiten würde. Also: Richtige Verpassung des Bügels sehr wichtig!
| Fig. 48. Zu kurzer Bügel. | Fig. 49. Haltung der Beine bei verlorenem Bügel. |
Noch sei erwähnt, daß bei verlorenem Bügel – eine Situation, die leicht eintreten kann – die Reiterin keine Zeit mit dem Suchen nach dem Bügel verlieren möge, sondern unverzüglich das rechte Bein unter das linke steckt – analog Fig. 49 – weil damit sofort wieder ein sicherer Sitz gewonnen wird.