I.

„Draußen bleiben, Kalinski!“

„Aber, meine Herren, der Fisch wird schlecht, läßt die Köchin sagen, und wenn’s noch länger dauert, kann sie auch für den Braten nicht garantieren.“

„Ist egal, raus! Und kommen Sie hier nicht alle Nas’ lang ’reingeschettert, um zu horchen! Wenn wir essen wollen, werden wir’s schon sagen!“

„Na schön, meinetwegen! Wenn aber nachher das Diner nicht auf der sonstigen Höhe ist, ich hab’ keine Schuld!“

Herr Kalinski, Oberkellner des Grand Hotel de Russie in dem ostpreußischen Landstädtchen Stradaunen, zog sich gekränkt von der Tür zurück, hinter der die Tischgesellschaft Masovia eine geheime Sitzung abhielt, und nahm vor seinem Stifte Louis eine würdevolle Haltung an.

„Horchen! Ich und horchen! Hast Du so was schon mal an mir erlebt, Louis?“

„An Ihnen? Gott steh’ mir bei, nein, Herr Kalinski! Aber das sind immer diese gemeinen Erfindungen von dem Herrn Provisor Kellmigkeit. Wo er unsereinen zu sehen kriegt, hängt er einem ’ne Grobheit an.“

Herr Kalinski hob geringschätzig die glattrasierte Oberlippe.

„Keine Klasse! Und merk Dir das für Deine zukünftige Laufbahn, mein Jungchen: Wie sich einer gegenüber ’nem Kellner benimmt, danach kannst Du ihn gleich eintaxieren, was er ist. Der gemeine Powel schimpft, der Mittelstand ist freundlich, für die ganz vornehmen Herrschaften aber ist der Kellner Luft. Einfach Luft!“

Das pfiffige Jungengesicht des Stiftes verzog sich zu einem Grinsen.

„Der Herr Provisor schimpft! Und neulich hat er mich an den Ohren gerissen, ich soll in dem kleinen Schrankchen gekramt haben, wo die Herren das Protokollbuch verwahren über die geheimen Sitzungen.“

„Du hatt’st natürlich gekramt!“

Der Stift legte beteuernd die Hand auf die Brust.

„Herr Kalinski, ich schwör’ Ihnen, wahrhaft’gen Gott, nein! Aber wie das so kommt, das Schrankchen war ganz zufällig umgekippt, neulich, und dabei ging die Tür auf. Na und weil ich doch nun nicht in ’nen falschen Verdacht geraten wollt’, als hätt’ ich drin rumspioniert, fing ich in meiner Verlegenheit an zu probieren, ob ich die Tür vielleicht wieder zukriegen möcht’. Also da hat sich denn ’rausgestellt, daß mein Kommodenschlüssel zu dem Schrankchen paßt, als wenn er extra dafür gemacht wär’.“

„Hm,“ sagte Herr Kalinski und sah seinen Lehrling wohlwollend an, „was steht denn nun in dem geheimen Protokollbuch drin?“

„Gott, so allerhand. Einnahmen und Ausgaben, Berichte über Sitzungen und Festlichkeiten, für heute aber war ’ne Tagesordnung angesetzt.“

„Eine Tagesordnung?“

„Ja, ich hab’s ganz genau gelesen. Beschlußfassung über den Antrag Kellmigkeit, betreffend Stellungnahme zu dem Referendarius Brenitz.“

„Derselbe, wo bei uns von Berlin aus telegraphisch Zimmer bestellt hat? — Was zum Deuwel haben die Herren da drinnen zu ihm für Stellung zu nehmen?“

Der Stift zuckte mit den Achseln.

„Keinen Schimmer, das stand in dem Protokollbuch nicht drin. Aber morgen früh wird man ja sehen, was der Herr Provisor über die Sitzung eingeschrieben hat.“

Herr Kalinski kraute nachdenklich in seinen spärlichen Bartkoteletten und sah den Fliegen zu, die in dichtem Schwarme um das Bassin der Hängelampe kreisten.

„Hm, das ist so ’ne Sache. Was Gutes ist’s auf keinen Fall, wenn man zu einem ‚Stellung nimmt‘! Dieser Herr Referendarius Brenitz hat bei uns zwei Zimmer mit Salon bestellt, erst mal bloß für acht Tage, aber vielleicht, wenn’s ihm gefällt, bleibt er auch länger. Da würde es einen also schon vom rein geschäftlichen Standpunkt aus interessieren, was die Herren von der Masovia mit ihm vorhaben. Aber, hörst Du, ich bin ein Schäntelmann. Mit so was, wie Nachschlüsseln, will ich nichts zu tun haben.“

Louis, der Stift, kniff ein Auge zu und lächelte pfiffig.

„Das Schrankchen kann ja vielleicht wieder umfallen, wenn man aus Versehen dagegenstößt!“

„Kleines Beest,“ sagte Herr Kalinski, gab seinem Lehrling eine wohlwollende Kopfnuß und sprang diensteifrig zu, um einem verspäteten Mitgliede der Tischgesellschaft, dem Referendarius Heino von Bergkem, Hut und Stock abzunehmen; einem hochgewachsenen jungen Manne, dem im gebräunten Gesichte ein Paar lustige blaue Augen standen.

„Ergebensten guten Tag, Herr Baron! Wieder zurück aus Przygorowen? Und haben Herr Baron Weidmannsheil gehabt?“

„Dieses nun weniger! Aber seien Sie nicht so bestrickend liebenswürdig, Kalinski, Geld gibt’s heute doch noch nicht. Ich hatte keine Gelegenheit, meiner alten Dame die bei Ihnen angebundenen zweihundert Emm zu beichten.“

Herr Kalinski verneigte sich unterwürfig.

„Aber, Herr Baron! Und wie können Herr Baron bloß glauben, daß ich auch nur im entferntesten auf diese Kleinigkeit anspiegeln wollte?“

„Na, um so besser,“ unterbrach ihn Heino lachend und wandte sich zum Speisezimmer.

Die Herren von der Tischgesellschaft Masovia verneigten sich leicht auf ihren Stühlen, der Vorsitzende jedoch, Herr Provisor Kellmigkeit von der Apotheke zum goldenen Engel, runzelte die Stirn.

„Herr von Bergkem, in Anbetracht des wichtigen, zur Verhandlung stehenden Gegenstandes hatte ich eigens um pünktliches Erscheinen ersucht. Ich sehe mich daher genötigt, Sie in eine Strafe von zwanzig Pfennigen zu nehmen.“

„Mit Vergnügen,“ sagte Heino und schlug seine langen Beine rittlings über einen Stuhl, „was steht denn so Wichtiges zur Verhandlung? Ich war zwei Tage lang auf meiner heimatlichen Klitsche, um — leider vergeblich — einem kapitalen Bock nachzustellen.“

„Bitte, alles in der gehörigen Reihenfolge!“

Herr Kellmigkeit schob eine blecherne Sparbüchse vor Heinos Platz, wartete, bis die verwirkten zwanzig Pfennige erlegt waren, und läutete schließlich heftig mit einer kleinen Präsidentenglocke.

„Meine Herren! Nachdem durch das Erscheinen des Herrn von Bergkem eine beschlußfähige Zahl von Mitgliedern laut Paragraph 7 unserer Statuten erreicht ist, treten wir in die eigentliche Tagesordnung ein. Ich konstatiere als anwesend außer dem Vorsitzenden die Herren Steuerassistenten Lehmann, Petrigkeit, Annuschat, den Herrn Regierungsbauführer Rennebahrt, die Herren Referendarien Meyer und Freiherr von Bergkem. Die Schlußabstimmung ist namentlich und öffentlich, zur Sache selbst aber bemerke ich folgendes.“ Der Herr Provisor räusperte sich, legte sein bartloses Gesicht in wichtige Falten und machte eine Kunstpause, während der er sich in dem kahlen, nur von ein paar billigen Oeldrucken und einer Kaiserbüste geschmückten Raume umsah.

„Meine Herren! Wie wir hier versammelt sind, stehen wir alle auf dem Boden der absoluten und unbedingten Satisfaktion, halten unerschütterlich zu Kaiser und Reich, sind uns einig in der Wahrung der von den Vorfahren übernommenen, echt germanischen Weltanschauung. Meine Herren, in unsern so homogenen Kreis soll sich nunmehr ein fremdes Element drängen, ein gewisser Herr Peter Brenitz aus Berlin, von Beruf Referendarius, von Religion Jude. Der Herr Dezernent für Personalangelegenheiten im hohen Justizministerium hat in seltsamer Verkennung der bei uns herrschenden Anschauungen diesen Herrn Brenitz an das hiesige Amtsgericht versetzt ... nun gut, dagegen können wir uns nicht wehren. Wogegen wir uns aber wehren können, ist, daß dieser Herr in unserem Kreise Zutritt findet und so von vornherein die ihm gebührende Stellung in der guten Gesellschaft Stradaunens zugewiesen erhält. Ich habe mir daher erlaubt, einen Antrag einzubringen, dahin zielend, daß Herr Referendarius Brenitz aus Berlin zum Eintritte in die Tischgesellschaft Masovia nicht aufgefordert wird. Es ist wohl selbstverständlich, daß dieser Antrag einstimmige Annahme findet, um aber auch in diesem Falle nach Paragraph 21 meiner statutenmäßigen Pflicht zu genügen, frage ich, ob einer der Herren dazu noch das Wort wünscht.“

Zu beiden Seiten des langen Tisches, in dessen Mitte ein verstaubter Strauß aus künstlichen Blumen prangte, erhob sich zustimmendes Gemurmel, nur Herr Heino von Bergkem reckte sich auf seinem Stuhle heraus. Mit ernsthaftem Gesicht, aber in seinen blauen Augen blitzte es verräterisch.

„Ich bitte ums Wort zu einer kurzen Anfrage.“

Der Herr Vorsitzende läutete heftig.

„Silentium für den Herrn von Bergkem!“

„Danke! Also, Herr Kellmigkeit, wenn ich fragen darf: Versprechen Sie sich von der Annahme Ihres Antrages und dessen konsequenter Durchführung irgendeine erzieherische Wirkung?“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, sehr einfach. Glauben Sie, daß die Ausschließung aus unserer Tischgesellschaft auf den Herrn Referendarius Brenitz so niederschmetternd wirken wird, daß er danach in sich geht und den in diesem Kreise Anstoß erregenden Glauben seiner Väter ablegt?“

Der Herr Vorsitzende lächelte nachsichtig.

„Wieder ’mal eins Ihrer beliebten Scherzchen, Herr von Bergkem! Ich bemerke dazu, daß der in Rede stehende Gegenstand, wenn ich so sagen darf, gewissermaßen die Wahrung unserer heiligsten Güter, uns allen zu ernst sein dürfte, um denselben humoristisch zu behandeln. Was die Sache selbst anlangt ...“

„Einen Augenblick, Herr Kellmigkeit,“ unterbrach ihn Heino. „Ich konstatiere hiermit, daß meine Anfrage natürlich den Anspruch erhebt, ebenso ernst genommen zu werden wie alle sonstigen Verhandlungen in diesem Kreise. Eine Bemerkung unseres Herrn Vorsitzenden veranlaßt mich jedoch zur Stellung einer Unterfrage. Halten Sie das, was Herr Kellmigkeit soeben unsere heiligsten Güter nannte, für bedroht, falls Herr Referendarius Brenitz Mitglied dieser Tischgesellschaft wird? Sub 1, bedroht durch das schlechte Beispiel der genannten Persönlichkeit oder, sub 2, bedroht durch unsere eigene mangelnde Festigkeit in germanischer Sitte und Weltanschauung?“

Jetzt wurde der Herr Provisor ärgerlich. Er schwang eine Weile lang seine Glocke und bemerkte dann mit rotem Kopfe: „Ich lehne es ab, aufs strikteste ab, die Fragen unseres Mitgliedes, des Freiherrn von Bergkem, zu beantworten, nehme ihn vielmehr wegen Anulkung des Präsidiums in eine Ungebührstrafe von dreißig Pfennigen!“

Damit schob er die blecherne Sparbüchse vor Heinos Platz. Der Referendar Meyer aber, ein kleiner, dicker Herr mit verdächtig dunkler Haarfarbe, der schon während der vorausgegangenen Anfragen unruhig auf seinem Stuhle herumgerutscht war, hob die Hand.

„Ich beantrage Schluß der Debatte!“

Der lange Heino entrichtete umständlich seine Strafe und, während er mit der Rechten in der Westentasche nach Groschen suchte, reckte er die Linke in die Höhe.

„Ich protestiere! Sollte der Antrag Meyer aber wider Erwarten angenommen werden, so bitte ich ums Wort zu einer persönlichen Bemerkung.“

Der Herr Vorsitzende blickte fragend im Kreise umher und entschied nach einigem Zögern: „Herr von Bergkem hat das Wort. Der Antrag auf Schluß der Debatte ist abgelehnt.“

Heino verneigte sich leicht.

„Verbindlichsten Dank. Ich richte nunmehr an unseren verehrten Herrn Präsidenten die dritte Anfrage, und zwar dahin zielend: Soll der mehrfach genannte Referendar Brenitz lediglich aus religiösen Gründen oder aber auch wegen Zugehörigkeit zur semitischen Rasse von der Tischgesellschaft Masovia ausgeschlossen werden?“

Die Steueramtsassistenten und der Regierungsbauführer feixten heimlich vor Vergnügen, der Herr Provisor bemerkte, ein wenig unsicher, diese letzte Frage wäre wohl die überflüssigste von allen dreien. Heino aber blieb unerschütterlich.

„O, doch nicht so ganz, Herr Kellmigkeit. Falls nämlich auch die Rassenfrage für die Zugehörigkeit zu unserer Tischgesellschaft ausschlaggebend sein sollte, müßten wir eine recht fatale Konsequenz ziehen und ein hochgeschätztes Mitglied unserer Tafelrunde ebenfalls ausschließen.“

Jetzt sprang der Referendarius Meyer auf, dunkelrot vor Zorn und Verlegenheit:

„Was wollen Sie damit sagen, Herr Kollege?“

„Nichts anderes, als in meinen Worten lag. Daß Sie, Herr Kollege Meyer, sowohl als auch Ihr Herr Papa bereits seit längerer Zeit dem christlichen Glauben angehören, ist mir wohlbekannt, ebenso aber auch, daß Sie, rein ethnologisch gesprochen, zu derselben Menschenrasse zählen wie der hier zur Verhandlung stehende Referendarius Brenitz. Ich müßte also zu meinem Bedauern Ihre Ausschließung beantragen, falls unsere Tischgesellschaft in ihrer Mehrheit meine eben gestellte Frage bejahen würde.“

„Sollen diese Ausführungen für mich vielleicht eine beleidigende Spitze enthalten?“

Heino von Bergkem klappte die Hacken zusammen und neigte verbindlich seinen langen Oberkörper.

„Durchaus nicht, Herr Kollege, denn ich nehme natürlich an, daß Sie sich Ihrer Abstammung ebensowenig schämen wie ich mich der meinigen. Außerdem aber hatte ich mir vorhin erlaubt, Sie ein ‚hochgeschätztes Mitglied unserer Tafelrunde‘ zu nennen und, da diese Bezeichnung nicht ironisch gemeint war, dürfte mir wohl jede beleidigende Absicht fern gelegen haben.“

Der Referendarius Meyer gab sich mit dieser Erklärung zufrieden, der Herr Vorsitzende aber nicht. Er bemerkte, er wüßte wohl, gegen wen sich diese rabulistischen Fechterkunststücke des Freiherrn von Bergkem richteten. Wenn man mit seiner Führung der Präsidialgeschäfte unzufrieden sein sollte, wäre er gerne bereit, seinen Platz einem Würdigeren abzutreten. Im übrigen aber müßte er sich persönlich sehr wundern, daß Herr von Bergkem sich hier so nachdrücklich für jemand ins Zeug legte, von dem es doch jetzt schon ziemlich feststände, daß er nie und nimmermehr in den Kreis der Masovia aufgenommen würde.

Heino erwiderte darauf mit liebenswürdigem Lächeln, das hätten die Bergkems ungefähr seit der Deutschordenszeit so an sich, für Leute vom Leder zu ziehen, die sich selbst nicht zur Wehr setzen könnten.

Der Herr Provisor replizierte gereizt, er müßte sich jede Belehrung in Fragen eines korrekten Benehmens verbitten.

Heino bemerkte dazu verbindlich, nichts hätte ihm ferner gelegen als ein derartiger Versuch am untauglichen Objekt, und der Krach war fertig. Der Herr Provisor fuchtelte erregt mit dem Arm in der Luft:

„Dafür werden Sie mir Genugtuung geben, Herr von Bergkem!“

„Mit Vergnügen!“

„Außerdem lege ich meine Funktion als Vorsitzender nieder. Ich habe keine Lust, mich hier länger von Ihnen anulken zu lassen!“

„Schade,“ sagte der lange Heino gleichmütig, „Sie bringen mich dadurch um eine Beschäftigung, die mir im Laufe der Zeit recht lieb geworden war!“

Der Herr Provisor sah seinen Gegner vernichtend an.

„Das war Nachtusche, Herr von Bergkem! Sie werden wissen, was Ihnen danach bevorsteht.“

„O ja, aus ähnlichen Vorkommnissen ist mir’s so dunkel erinnerlich. Ich muß diese Nachtusche nicht nur revozieren, sondern auch feierlichst deprezieren, ehe ich Sie morgen früh im Zweikampfe vom Leben zum Tode befördere!“

Herr Kellmigkeit schnappte ein paarmal nach Luft.

„Abwarten, ob’s nicht vielleicht umgekehrt kommt! Vorläufig aber befinden Sie sich in einem Zustande, in dem honorige Menschen anständigerweise mit Ihnen nicht verkehren können. Ich hoffe daher, die anderen Herren werden mit mir daraus die einzig mögliche Konsequenz ziehen!“ Sprach’s und verließ dröhnenden Schrittes das Lokal.

Die Zurückgebliebenen saßen unschlüssig da, nur der Referendarius Meyer erhob sich, ein wenig zögernd, und langte nach seinem an der Wand hängenden Strohhütchen. Da reckte sich der lange Heino zu seiner ganzen Größe heraus, auf seiner weißen Stirn zeichnete sich eine feine blaue Ader ab.

„Einen Augenblick, Herr Kollege! Bis jetzt war es leidlicher Spaß, ich würde es aufs lebhafteste bedauern, wenn’s mit einem Male blutiger Ernst werden sollte. Ich muß Sie daher ersuchen, Herrn Kellmigkeit nicht zu folgen, sondern für heute mit meiner kümmerlichen Gesellschaft vorlieb zu nehmen. Ich bitte Sie, mit mir auf das Wohl unseres früheren Herrn Vorsitzenden ein Glas Sekt zu trinken.“

Der Referendarius Meyer nahm seinen Platz wieder ein und zwang sich zu einem Lächeln.

„Zu komisch mit Ihnen, Herr Kollege! Man weiß nie, meinen Sie’s wirklich ernsthaft oder machen Sie sich nur über alles und jedes lustig!“

Da lachte der lange Heino auf, daß ihm unter dem blonden Schnurrbärtchen die weißen Zähne blitzten.

„In der Tat, manchmal weiß ich’s selbst nicht. Aber der vorliegende Fall ist recht lehrreich, denn er zeigt wieder einmal deutlich, wie inopportun es ist, weltbewegende Fragen mit hungrigem Magen zu behandeln. Sehen Sie mal“ — er griff nach dem auf dem Tische liegenden Menü — „wir essen heute Soupe Julienne, Zander à la Maître d’Hôtel, Hammelrücken à la Westmoreland, Butter und Käse oder eine Tasse Kaffee, je nach Wahl. Unser gewesener Herr Präsident aber muß sich drüben im Gasthof zum Kronprinzen mit einem zähen Beefsteak begnügen, denn dort gibt es keine Table d’hote! Glauben Sie, meine Herren, daß er das lange aushalten wird?“

„Jetzt aber mal zur Sache selbst,“ bemerkte einer der Steueramtsassistenten, „und Spaß beiseite. Darf ich fragen, wie Sie zu dem Antrage Kellmigkeit gestimmt hätten? Dafür oder dagegen?“

Heino von Bergkem sah den Fragenden fest an.

„Spaß beiseite, Herr Annuschat? Nun gut! Wir sind hier eine Gesellschaft von jungen Leuten, die der Zufall zusammengeweht hat, weil’s in diesem kleinen Nest nur einen einzigen Gasthof gibt, in dem man ohne allzu schwere Schädigung seiner Gesundheit zu Mittag essen kann. Außerdem beobachten wir beim gegenseitigen Zutrinken gewisse Gebräuche, und Beleidigungen fechten wir nicht mit dem Knüppel aus. Das ist an und für sich sehr schätzenswert, aber ich zweifle doch daran, ob es uns das Recht gibt, einen anständigen Menschen von vornherein von der Gesellschaft des hiesigen Städtchens zu diffamieren, nur weil er Jude ist, denn darauf, nicht wahr, würde der Antrag des Herrn Kellmigkeit doch im letzten Sinne hinauslaufen? Den Herrn Brenitz kennen wir alle nicht, aber aus der Tatsache, daß er zum königlich preußischen Referendar ernannt worden ist, scheint mir hervorzugehen, daß er nicht die Gepflogenheit besitzt, silberne Löffel zu stehlen, im Kartenspiel zu betrügen oder Wechsel zu fälschen. Alles übrige aber dürfte uns egal sein. Ich hätte also ... gegen den Antrag unseres Herrn Vorsitzenden gestimmt.“

„Ich nicht,“ sagte Herr Annuschat, „und ich glaube, meine Herren Kollegen ebenfalls nicht. Daß wir selbstverständlich voll und ganz auf dem Boden des Antisemitismus stehen, brauche ich wohl nicht erst besonders zu betonen. Ich mache Sie daher darauf aufmerksam, daß sich in unserer bisher so harmonischen Gesellschaft doch wohl eine Spaltung vollziehen dürfte, falls Sie auf Ihrem Standpunkte beharren.“

Heino machte ein betrübtes Gesicht.

„Wie beneide ich Sie, meine Herren, daß Sie in so jungen Jahren sich schon zu einer so festen Weltanschauung durchgerungen haben. Ich muß zu meiner Beschämung gestehen, ich hatte bisher dazu noch keine Zeit. Den zweiten Teil Ihrer werten Ausführungen aber habe ich nicht recht verstanden. Beabsichtigen Sie, unserem verehrten Herrn Präsidenten zu folgen und von jetzt an ebenfalls im Hotel zum Kronprinzen zu speisen?“

Herr Annuschat bekam einen roten Kopf und reckte den Hals aus dem Uniformkragen.

„Ich muß doch sagen .. ich muß doch sagen ..“

„Na, was denn?“ fragte Heino freundlich und klemmte sich ein Monokel ins rechte Auge. „Das Essen ist Ihnen drüben zu schlecht, nicht wahr?“

„Allerdings. Außerdem aber möchte ich bemerken, daß wir in der Mehrzahl sind, es also wohl nicht nötig haben, uns von Ihnen hier aus dem Hotel de Russie verdrängen zu lassen!“

„Aber, mein lieber Herr Annuschat, wer spricht denn davon? Im Gegenteil, ich werde mich ganz außerordentlich freuen, Sie hier morgen zu begrüßen!“

„Ebenfalls,“ sagte der andere steif, „aber da wir, wie bereits bemerkt, in der Majorität sind, haben wir doch wohl auch das Recht, darüber zu bestimmen, mit wem wir verkehren wollen und mit wem nicht!“

Heino ließ sein Monokel fallen.

„Sieh mal an, so steht die Sache? Nun denn: Morgen mittag wird der Herr Referendar Brenitz hier an diesem Tische mein Gast sein. Sollte er wider Erwarten den Fisch mit dem Messer essen, bin ich als Erster bereit, gegen ihn und mich den Antrag auf Ausschließung zu stellen. Im anderen Falle aber erwarte ich von Ihnen, meine Herren, daß Sie ihm mit derjenigen Höflichkeit begegnen, die ich für meine Gäste beanspruchen darf.“

„Es geht doch aber absolut nicht,“ erwiderte der andere erregt, „daß Sie uns hier so ganz einfach Ihren Willen aufzwingen?“

Heino verneigte sich freundlich.

„Wieso nicht, Herr Annuschat? Gehen geht alles, es fragt sich nur, ob die anderen sich’s gefallen lassen. Ihnen aber möchte ich im speziellen den wirklich gut gemeinten Rat geben, morgen mittag meinem Gaste gegenüber in dem Ausdrucke Ihrer sogenannten Weltanschauung recht vorsichtig zu sein. Wenn ich mir mal ’was in meinen dicken Schädel gesetzt habe, kriege ich’s fertig, dafür selbst bis zu zwei Jahren Festung abzusitzen! Haben wir uns verstanden?“

„Vollkommen,“ sagte Herr Annuschat mit gemessener Verneigung, „mir jedoch verbietet’s meine Erziehung, anderen Leuten unerbetene Ratschläge zu erteilen. Ein jeder muß wohl selbst am besten wissen, was er zu tun oder zu lassen hat!“

„Na, dann sind wir uns ja einig! Ich stelle nunmehr den Antrag, mit dem Essen zu beginnen.“ Heino sah sich lächelnd im Kreise um. „Es erfolgt kein Widerspruch, der Antrag ist einstimmig angenommen. Kalinski, die Suppe! Und auf meine Rechnung eine Flasche Champagner extra, der Herr Kollege Meyer und ich haben ein freudiges Ereignis zu begießen!“ — — —