II.
„Stradaunen, sechs Minuten!“ Der Schaffner eilte am Zuge entlang und riß die Türen auf. Aus einem Coupé zweiter Klasse stieg ein schmächtiger junger Mann in elegantem Reiseanzuge, rückte mit einer mechanischen Handbewegung den Klemmer in dem bartlosen Gesichte zurecht und sah sich suchend um.
Herr Kalinski, der in Anbetracht der vorausbestellten zwei Zimmer mit Salon persönlich auf dem Bahnhofe erschienen war, trat herzu und lüftete den schäbigen Zylinder.
„Habe ich die Ehre mit Herrn Referendar Brenitz aus Berlin?“
„Zu dienen, mein Name ist Brenitz.“
„Kalinski! Repräsentant des Grand Hotel de Russie. Und jetzt geben Sie mir bitte den Gepäckschein für Ihr Koffertchen, das kann der Hausknecht mit dem Omnibus besorgen. Wir beide gehen wohl am besten zu Fuß. Der Omnibus hat keine Federn, und auf unserm Steinpflaster stuckert’s so, daß man die Seekrankheit kriegen kann.“
Ueber das schmale Gesicht des jungen Mannes flog ein Lächeln. Der breite ostpreußische Dialekt, der in seiner Klangfarbe etwas unsäglich Gutmütiges und Treuherziges hat, amüsierte ihn.
„Ein Köfferchen? Ich habe, außer meinem übrigen Gepäck, allein zwölf schwere Bücherkisten mitgebracht. Es dürfte sich also wohl empfehlen, einen größeren Wagen zur Abholung zu schicken.“
Herrn Kalinski verschlug’s vor Erstaunen fast die Rede:
„Gott erbarm sich, zwölf Kisten! Wozu braucht ein Mensch bloß so viel Bücher?“
„Zum Lesen, Herr ... Herr ...“
„Kalinski,“ half der andere aus und griff unwillkürlich nach dem Zylinder, während er den Gepäckschein in Empfang nahm. Wer sich den Luxus gestattete, mit zwölf schweren Bücherkisten zu reisen, mußte entschieden aus gutem, wenn nicht gar wohlhabendem Hause stammen. Und überhaupt, der neue Referendarius sah gar nicht so jüdisch aus, wie er’s nach den, teilweise recht laut geführten Erörterungen der Tischgesellschaft Masovia eigentlich erwartet hatte. Eher nach einem jungen Oberlehrer sah er aus mit seinem blassen, feingeschnittenen Gesicht. Und ein Paar braune Augen hatte er, die trotz des störenden Kneifers recht freundlich und gutmütig dreinblickten.
Sie schritten selbander die schattige Allee entlang, die unter dichtbelaubten Linden vom Bahnhofe zum Städtchen führte. Herr Kalinski hob von Zeit zu Zeit die Hand, um seinen Begleiter auf besondere Sehenswürdigkeiten aufmerksam zu machen: den hohen Schornstein der Brauerei und die erst im vorigen Jahre neuerbaute Feldscheune des Stadtverordnetenvorstehers Pielemann, des reichsten Ackerbürgers von Stradaunen.
Sein Begleiter hörte ihm freundlich zu, unterbrach ihn jedoch plötzlich mit der Frage, ob sich im Hotel de Russie schon sein Chauffeur gemeldet hätte.
Herr Kalinski blickte verwundert auf.
„Ein Schofföhr?“
„Ja, mit meinem Auto. Mein Arzt hat mir zwar empfohlen, hier recht viel zu Fuß zu laufen, aber ich habe mich doch entschlossen, meinen Wagen mitzunehmen. Ich will auch etwas von der weiteren Umgebung kennen lernen. Meiner Berechnung nach hätte er eigentlich heute früh hier sein müssen.“
Jetzt blieb Herr Kalinski stehen und schöpfte tief Atem. Ein Referendarius, der ein Auto besaß, war ihm in seiner Praxis noch nicht vorgekommen.
„Ein Au... Auto? Und e... entschuldigen Sie, Herr Brenitz, Sie si... sind wohl sehr reich?“
Peter Brenitz lachte herzlich auf.
„Reich? Das ist ein recht relativer Begriff. Ich habe ungefähr so viel, wie ich brauche, denn mein seliger Großvater hatte die Vorsicht, mein zukünftiges Vermögen in Terrains anzulegen.“
„Terrains!“
Herr Kalinski nahm unwillkürlich einen halben Schritt Abstand und lüftete hochachtungsvoll seinen bräunlich schimmernden Zylinder.
„Von Terrains habe ich schon öfter gehört. Da sollen manche Leute in Berlin klotziges Geld verdienen. Wo früher kaum Sandhafer wuchs, soll man ja heute für den Morgen zehntausend und mehr Daler zahlen. Hier noch nicht mal dreihundert Mark.“
Von da an geriet die Unterhaltung ins Stocken, denn Herr Kalinski war in schweres Nachdenken versunken. Einen Gast, der ein eigenes Automobil und Terrains in Berlin besaß — mit dem Worte „Terrain“ verband sich ihm unwillkürlich der Begriff von ungezählten Millionen — hatte das Grand Hotel de Russie seit seinem Bestehen nicht beherbergt, märchenhafte Preise waren da zu nehmen, zum mindesten vier Mark pro Zimmer und Tag, und märchenhafte Trinkgelder zu verdienen. Dazu aber gehörten mehr als die vorläufig bestimmten acht Tage. Vor allem aber war es notwendig, den antisemitischen Uebereifer des Herrn Provisors Kellmigkeit zu dämpfen, damit dem hochgeschätzten Gaste unangenehme Eindrücke erspart blieben. Gewiß, wer ein bißchen ’was auf sich hielt, war natürlich Antisemit, aber, wenn das Geschäft in Frage kam, verschloß man seine Gefühle im innersten Schreine seines Herzens, und wenn die Millionen anfingen, hörten selbst in den allervornehmsten Kreisen die antisemitischen Gesinnungen auf. Also mußte in diesem ähnlich liegenden Falle eine diplomatische Aktion ins Werk gesetzt werden, vielleicht in der Weise, daß der Besitzer des Grand Hotel de Russie sich zu dem Besitzer der Apotheke zum goldenen Engel begab und diesem auseinandersetzte, daß sein Provisor den fatalen Ausschließungsantrag zurückzog. Wenn man ihm deutlich mit der Kündigung winkte, falls er sich’s beifallen ließe, den sozialen Frieden des Städtchens zu stören, war es anzunehmen, daß er im Interesse eines gesicherten Broterwerbs ein Opfer an Ueberzeugung brachte. Der Besitzer der Goldenen Engel-Apotheke aber war zu einer so gearteten Einwirkung sicherlich sehr leicht zu bestimmen, denn er handelte unter anderem auch mit Benzin, und weshalb sollte er wegen der antisemitischen Gesinnung seines Provisors auf einen Kunden verzichten, der als Automobilbesitzer sicherlich Tausende von Litern dieses kostbaren, in Stradaunen sonst nur zur Entfernung von Fettflecken verkauften Stoffes gebrauchte? ...
So weit war Herr Kalinski in seinen Erwägungen gekommen, als ihn eine Frage seines Begleiters aus dem Nachdenken riß. Wie geartet die Bevölkerung des Städtchens wäre, fragte nämlich der Herr Referendarius Brenitz, und da kam Herrn Kalinski ein Einfall, so genial, daß er vor Freude fast einen Luftsprung getan hätte.
„Die Bevölkerung? Prima, prima, Herr Referendarius! Pferde können Sie hier mit den Leuten stehlen gehen, so gutmütig und entgegenkommend sind sie. Der einzige Störenfried ist ein Apotheker.“
„Ach! Ein Apotheker?“
„Ja! Sonst ein ganz umgänglicher Herr, aber er fängt alle Nas’ lang Krach an. Namentlich mit Fremden. Wenn ’was Fremdes zugereist kommt, das ist für ihn, wie für den Bullen das rote Tuch. Aber man muß das nicht ernst nehmen, nach einiger Zeit begibt er sich wieder.“
„Um Himmels willen,“ sagte Peter Brenitz. „Da müßte ich mich ja hüten, bei ihm ein Rezept machen zu lassen!“
„Nein, so verrückt ist er nun nicht, der Herr Provisor Kellmigkeit, nur so leicht „übergebraten“, wie alle Apotheker. Aber Sie wissen ja jetzt Bescheid, und wenn Sie den Herrn Provisor treffen, werden Sie auch wissen, wie Sie ihn zu behandeln haben.“
„So so,“ erwiderte Peter Brenitz zerstreut, denn seine Aufmerksamkeit war von einem die Straße entlang fahrenden Wagen in Anspruch genommen, einem Dogcart, vor dem ein Paar schnittige Trakehner trabten, gelenkt von einer blondhaarigen jungen Dame. Die Aufmachung war tadellos, Peitsche und Zügelversammlung in bester Haltung, und die Trakehner gingen wie an der Schnur. Unwillkürlich war er stehen geblieben, hatte grüßend die karierte Reisemütze gezogen. Die junge Dame auf dem Bocke neigte dankend die Peitsche, und nach einem Dutzend Pferdelängen sah sie sich nach der unbekannten Erscheinung um ... eine scharf gegen den blauen Himmel gezeichnete, elegante Silhouette, deren Umrisse in dem von den Rädern aufgewirbelten Staube verschwanden, wie eine Fata Morgana, die sich dem Wanderer im Wüstensande zeigte ...
„Wer war das, eben?“
Herr Kalinski zuckte, ein wenig geringschätzig, mit den Achseln.
„Das gnädige Fräulein aus Przygorowen, auch so ’ne Sache mit unverkäuflichen Terrains. Wenn der Wind schlecht steht, laufen sie über die Grenze, aber neulich munkelte man so ’was von Hellingen. Hellingen! Man muß wissen, was das in hiesiger Gegend bedeutet: dreiundsechzigtausend Morgen! Lächerlich, an so was überhaupt nur zu denken!“
Peter Brenitz hätte seinen Führer gerne gebeten, diese, wohl nur einem eingeborenen Stradauner verständliche Runensprache ins Deutsche zu übersetzen, aber eine gewisse anerzogene und angeborene Schüchternheit verschloß ihm den Mund. Zuweilen, selbst von näheren Bekannten, wurde sie ihm als Hochmut ausgelegt, aber er konnte nichts dafür. Es war ein Erbteil vom Vater her, der in einer weltfremden Zurückgezogenheit gelebt hatte, halb ein Gelehrter, halb ein Fanatiker. Ein Gelehrter, der die gesamte Weltliteratur durchforschte, um Beweise für eine Theorie zu finden, daß das Volk Israel allenthalben als Träger einer höheren Kultur zu wirken hätte, und, trotz des eigenen, eingesponnenen Lebenswandels, ein fanatischer Gegner aller Absonderungsbestrebungen. Restlos hätte das auserwählte Volk in den Stämmen aufzugehen, die ihm nach höherer Weisung Schutz und Obdach gewährten, und von dieser Verschmelzung erhoffte er eine neue Blüte des ganzen Menschengeschlechtes ... Wie aus einer glücklichen Ehe, deren Nachkommen alle guten Eigenschaften der Eltern erbten, und ein Vermögen hatte er gemeinnützigen Stiftungen geopfert, die ihm geeignet erschienen, sein Ideal um einen einzigen kleinen Schritt der Verwirklichung näher zu bringen ...
Ein Erlebnis in heißer Feldschlacht hatte ihm den Sinn auf rastlosen Erwerb gewandelt und den neuen Weg gewiesen, wie die Erscheinung aus Himmelshöhen einstmals dem Apostel der Christengemeinde ... Bei St. Privat war es gewesen, das zweite Garderegiment rückte in Kolonne nach der Mitte gegen die feindlichen Stellungen vor. Die Kugeln pfiffen, die platzenden Schrapnells rissen Lücken in die stürmenden Reihen, die sich wie auf dem Exerzierplatze wieder zusammenschlossen, die Musik spielte den Avanciermarsch, wie auf dem Tempelhofer Felde. Ab und zu gab es in dem dröhnenden Gekrach einen schrillen Mißklang, wenn einem der tapferen Bläser von feindlichem Geschoß die Brust zerrissen wurde, unentwegt aber erklang nach dem letzten Paukenschlag die schrille Melodie der Pfeifer: „Wir geh’n dem Tod entgegen, tirilititi, tiriliti, wir geh’n dem Tod entgegen ...“
Eine Mauer stand im Weg, in weißlichen Pulverdampf gehüllt, irgendwoher kam ein lauter Kommandoruf: Drauf und drüber! ... Einen Augenblick lang geriet die anstürmende Welle ins Stocken, einen Augenblick später kletterten Hunderte von verwegenen Gesellen über das Hindernis ... Ein grober Kolben schwebte hoch in der Luft, um dem Einjährigen Brenitz den Kopf zu zerschmettern, eine blitzende Klinge fuhr dazwischen ... „sac’ nom de Dieu ...“ Der Hieb ging vorbei, ein schwarzbärtiger Turko stürzte vornüber aufs Gesicht.
„Herr Leutnant, schön’ Dank!“
„Unsinn, Einjähriger! Einhauen!“
Und ein paar Augenblicke später, die Gefangenen waren in einem Winkel des Kirchhofes zusammengedrängt, gab es Revanche. Eine der am Boden liegenden braunen Bestien hatte hinterrücks den Revolver erhoben, zielte auf den Leutnant, wie ein Wurfspeer fuhr die bajonettbewehrte Flinte des Einjährigen dem Kerl in die Gurgel.
„Jetzt sind wir wieder quitt, Herr Leutnant!“
„Na schön, dann können wir das nächste Mal wieder von vorne anfangen!“ ...
Der Christ hatte dem Juden das Leben gerettet, und der Jude dem Christen, vierzehn Tage später aber kamen die Eisernen Kreuze heraus, und der Herr Regimentskommandeur hielt bei der Ueberreichung eine markige Ansprache, stellte sie beide, den Leutnant Freiherrn von Bergkem und den Kriegsfreiwilligen Hermann Brenitz den anderen als ein nacheifernswertes Beispiel todesverachtender Kameradschaft dar ...
An diesem Tage glaubte der Kaufmann Brenitz seinen wahren Beruf erkannt zu haben, und als ihm ein paar Jahre später der Tod seines Vaters die wirtschaftliche Unabhängigkeit verlieh, übergab er das Geschäft seinem Bruder und widmete sich mit stiller Zähigkeit der Arbeit an einem Ziele, dessen Erreichung ihn höher dünkte als alles, was Menschengeist sonst erstrebte.
In diesem Glauben hatte Hermann Brenitz seinen spät geborenen Einzigen erzogen, und als ihn noch vor der Schwelle des Greisenalters ein rascher Tod von dannen rief, hinterließ er dem Sohne als köstlichstes Erbteil seinen hochgerichteten, allem Kleinlichen abholden Sinn, seine schier leidenschaftliche Liebe zu allem, was schwach und unterdrückt war, und ein milde urteilendes Herz, das über Fehler und Gebresten der anderen verzeihend hinwegsah. Daneben aber leider keine Spur von praktischer Lebenserfahrung und auch nicht ein Quentchen jenes gesunden Egoismus, der in den heutigen harten Zeiten selbst einem reinen Idealisten vonnöten ist ...
Seine erste Tat, nachdem er die Universität bezogen hatte, war die Gründung eines Studentenvereins „Utopia“, in dem er zu seinem Teil an der Verwirklichung der väterlichen Ziele zu arbeiten gedachte, der Verbrüderung von Deutschtum und Judentum. Auf seinen Aufruf am schwarzen Brette meldeten sich drei Mitglieder, ein Jude und zwei Christen. Der Jude, ein Rabbinersohn aus dem Posenschen, war aus Opposition eingetreten und bewies ihm in stundenlangen Debatten, daß seine Theorien Unsinn wären, daß das Ziel des Judentums vielmehr in der strengen Absonderung läge und in letztem Sinne in der friedlichen Wiedereroberung der alten zionistischen Heimat. Die beiden Christen aber waren praktischer gesonnen. Sie faßten die geplante Verbrüderung mehr im Sinne einer Vermögensteilung auf, lebten ein Semester lang auf seine Kosten und pumpten ihn an. Und als der Rabbinersohn aus dem Posenschen zu Beginn des zweiten Semesters in seiner Eigenschaft als Kassenwart an die Zahlung der rückständigen Mitgliederbeiträge erinnerte, traten sie aus, bezeichneten die Bestrebungen der Verbindung roherweise als „Mumpitz“ und sengten den beiden jüdischen Mitgliedern der „Utopia“ bis zur Abfuhr auf. Der Rabbinersohn erklärte, seine Anschauungen gestatteten ihm nicht die Teilnahme an einem Zweikampfe, Peter Brenitz aber, der von seinem Vater gelernt hatte, ein rechter Mann müßte im Notfalle seine Ueberzeugung auch mit seinem Blute besiegeln, trat mit dem Schläger in der Faust für die gekränkte Ehre der „Utopia“ ein. Das Resultat waren zwei gewaltige „Abfuhren“, eine über den Kopf und die andere quer über die Stirn und Nase, so daß er nach dem langwierigen Ausheilungsprozesse Schwierigkeiten hatte, vor seinen kurzsichtigen Augen den Klemmer zu befestigen.
Aber das focht ihn weiter nicht an, viel schmerzlicher berührte ihn ein anderes Erlebnis, das mit der Pauksuite gegen die beiden abtrünnigen Mitglieder unmittelbar in Zusammenhang stand. Sein tapferes Verhalten auf den beiden Mensuren hatte das Wohlgefallen der „Alanen“ erregt, bei denen er „Waffen belegt“ hatte, und der Erste dieses in Berlin hochangesehenen Korps lud ihn ein, sich an einem der nächsten offiziellen Abende auf der Kneipe einzufinden. Diese Einladung aber erfüllte ihn mit Stolz, denn sie bedeutete nichts anderes, als daß man in den Kreisen der „Alania“ Wert darauf legte, seine Mitgliedschaft zu gewinnen. Mit geschwelltem Busen ging er zu der offiziellen Kneipe hin, trank mehr, als seinen frischen Schmissen dienlich war, sang begeistert im Chore mit „Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun“ und „Strömt herbei, ihr Völkerscharen“. Als er sich aber zum Eintritt meldete, nahm ihn der Erste der „Alania“, ein narbenbedeckter, sehniger Bursch’, der das schwere, dunkle Bier wie Wasser hinabschüttete, beiseite.
„Scharmant, lieber Herr Kommilitone, aber wir haben zu unserm lebhaftesten Bedauern erst heute nachmittag erfahren, daß Sie noch nicht getauft sind. Wenn Sie bereit sind, dieses Versäumnis nachzuholen — es könnte ziemlich rasch und schmerzlos bewerkstelligt werden, denn einer unserer alten Herren ist zufällig Pastor in Rixdorf — wären wir unsererseits ebenfalls bereit, Sie aufzunehmen.“
„Entschuldigen Sie gütigst,“ sagte Peter Brenitz darauf, „der Paragraph 1 Ihrer Statuten lautet doch: ›Das Korps ist eine Vereinigung von Studierenden zur Pflege echten Burschensinnes ohne Rücksicht auf Religion und politisches Glaubensbekenntnis‹?!“
„Gewiß, das war früher einmal, aber heute haben sich die Zeiten geändert. Heute müßten wir befürchten, im hohen Kösener Verband als ein Bund zweiter Klasse eingeschätzt zu werden, falls wir nicht lauter christliche Mitglieder hätten. Wenn wir Ihnen gestatten, durch eine, immerhin gangbare Hintertür das hohe Ziel der Mitgliedschaft eines Korps zu erreichen, so mögen Sie daraus ersehen, daß wir immerhin auf Ihren Eintritt einigen Wert legen.“
„Herzlichen Dank,“ erwiderte Peter Brenitz, „aber das Betreten dieser Hintertür muß ich ablehnen. Mein seliger Vater erträumte Zeit seines Lebens die Verschmelzung von Christen und Juden als sein höchstes Ideal, aber nur auf dem Grunde der Gleichberechtigung, als von zwei gleichwertigen Komparenten, die bei einer Vereinigung nichts aufzugeben hätten. Ich würde nicht in seinem Sinne handeln, wenn ich auf Ihre Bedingung einginge.“
Der Erste der Alanen stand auf und klappte förmlich die Hacken zusammen.
„Dann bedauere ich lebhaft! Darf ich meinen Rest auf Ihr Wohl trinken, Herr Studiosus?“ Er schüttete den Inhalt seines Glases die Kehle hinab, und Peter Brenitz verstand ihn. Er hob sein Glas: „Ich löffle mich, Herr Studiosus“ — studentische Gebräuche hatte er gelernt, als er noch der selig entschlafenen „Utopia“ präsidierte — und nach einer kurzen Schicklichkeitspause, damit sein Abgang nicht so absichtlich aussähe, entfernte er sich. Nicht so sehr über die Zumutung betrübt, die man ihm gestellt hatte, als über den Verlust jeder Möglichkeit, in den Kreisen der Alanen für die Ausbreitung der väterlichen Ideen wirken zu können.
In der Zeit, als er sich für die beiden Mensuren einpaukte, hatten die lustigen Gesellen ihm gar sehr gefallen, einer oder der andere unter ihnen sah auch wohl so aus, als entbehrte er nicht eines gewissen Interesses für höhere, über die tägliche Kneipe und den Fechtboden hinausreichende Ziele, aber wie sollte man ihm näher kommen? Sie lebten ja alle in einer Gemeinschaft, die sich mit einer aus Vorurteilen gebauten Mauer umgab. Und wenn er später im Vorhofe der Universität unter dem bunten Gewimmel der dort paradierenden Studentenverbindungen die Farben der Alanen auftauchen sah, zog sich ihm immer das Herz zusammen ...
Für eine Weile gab er es auf, Freundschaften im andern Lager zu suchen. Er betrieb mit gewissenhaftem Eifer sein juristisches Studium und versenkte sich in die Schätze der väterlichen Bibliothek. In seinen kärglichen Mußestunden aber huldigte er einem Sport, zu dem er aus Zufall und Gutmütigkeit gekommen war. Eines Tages nämlich hatte er aus der Konkursmasse eines Fabrikanten, dem sein Vater zur Etablierung eine erhebliche Summe vorgestreckt hatte, ein Automobil übernehmen müssen. Der Chauffeur erklärte, er müßte brotlos werden, wenn der Wagen in andere Hände überginge. Eine solche Verantwortung aber mochte Peter Brenitz nicht tragen, also behielt er Gefährt und Lenker, und wenn dieser in gemessenen Zwischenräumen erklärte, es wäre wieder einmal nötig, die Maschine zu bewegen, wurde eine Spazierfahrt in den Grunewald unternommen. Von dem alten Hause in der Wilhelmstraße, in dem der Studiosus Brenitz den ersten Stock bewohnte, nach Pichelswerder und nach einer Erfrischungspause, deren Dauer der Chauffeur bestimmte, wieder zurück. In Pichelswerder nämlich besaß dieser eine Braut, die im „Seeschlosse“ als Köchin diente, und wenn sie von beruflichen Pflichten nicht allzusehr in Anspruch genommen wurde, nützte der verliebte Chauffeur die günstige Gelegenheit zu einem längeren Beisammensein. Sein Herr aber trank indessen geduldig eine Tasse Kaffee, rauchte nachdenklich eine oder mehrere Zigaretten und paßte auf den in Sichtweite am Gartenzaun stehenden Wagen auf ...
So vergingen allmählich die Semester. Peter Brenitz war auf dem besten Wege, ein versponnener und menschenscheuer Einsiedler zu werden, wenn ihn nach dem glücklich bestandenen Examen nicht seine Wahrheitsliebe unversehens in eine andere Umgebung versetzt hätte. Als nämlich die neugebackenen Referendarien nach „besonderen Wünschen bezüglich ihres zukünftigen Beschäftigungsbezirks“ gefragt wurden und die Mehrzahl natürlich sich mit triftigen Gründen um das Verbleiben in Berlin bewarb, wußte er allein keine solchen Gründe anzuführen. Er besaß zwar als einziger, der das Examen mit dem Prädikate Gut bestanden hatte, einen gewissen Anspruch auf Berücksichtigung und wäre ja auch recht gerne in Berlin und seinen liebgewordenen Gewohnheiten geblieben. Die anderen aber versicherten, sie wären in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, wenn man sie nicht in der Reichshauptstadt beschäftigte, und das traf bei ihm nicht zu. Er war weder genötigt, seinen Unterhalt durch Stundengeben zu verdienen, noch darauf angewiesen, bei Verwandten zu wohnen. Einen triftigen Grund aber frei zu erfinden, vertrug sich nicht mit seiner Wahrhaftigkeit.
Also trat er bescheiden hinter den anderen zurück und erhielt acht Tage nach dem Examen die offizielle Mitteilung, er wäre an das Amtsgericht Stradaunen im Landgerichtsbezirke Lyck versetzt. Er mußte das Konversationslexikon zu Rate ziehen, um zu erfahren, in welche Gegend des deutschen Vaterlandes ihn die amtliche Verfügung für die nächsten Jahre seines Lebens verschlug, und mit einem leichten Seufzer klappte er den dicken Band wieder zu.
„Stradaunen, Stadt im Regierungsbezirke Allenstein, Provinz Ostpreußen, 2000 Einwohner, Amtsgericht,“ lautete die dürftige Notiz. Das klang nicht sehr ermutigend, aber einen Trost gab es immerhin: das Städtchen lag in Ostpreußen, und von diesem Landstriche hatte der verstorbene Vater immer mit besonderer Liebe gesprochen. In jungen Jahren, noch vor dem Feldzuge, hatte ihn eine geschäftliche Reise dorthin geführt, und seit dieser Zeit bewahrte er in seinem Herzen eine dankbare Erinnerung an die gastfreie Aufnahme, die er allenthalben gefunden. Gar nicht genug aber wußte er die biedere und offene Gesinnung der Bevölkerung zu rühmen, bei der ein Wort und ein Handschlag mehr galten als anderwärts geschriebene Verträge, und mit einem gewissen Stolze pflegte er hinzuzufügen, daß bei „seinen lieben Ostpreußen“ die Seuche des Antisemitismus verhältnismäßig die geringste Ausdehnung gefunden hätte. In diesem Lichte besehen, nahm sich die Versetzung nach Stradaunen also schon bedeutend freundlicher aus, und schließlich, was ließ er denn in Berlin zurück, um das er sich sonderlich hätte grämen müssen? Freunde besaß er keine, die Vergnügungen der Weltstadt lockten ihn nicht, und mit seinen Verwandten von Vatersseite her verknüpfte ihn nur ein recht loses Band. Das Schwierigste dünkte ihm die Auseinandersetzung mit seinem Chauffeur, an den er sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, und den er doch nicht gut brotlos machen konnte. Auf der anderen Seite aber durfte er ihn doch auch nicht vor den schweren Konflikt stellen, zwischen den Pflichten gegen seinen Herrn und seine Braut zu wählen. Wider alles Erwarten jedoch vollzog sich die Lösung dieses Dilemmas in sehr einfacher Weise.
Der Chauffeur nämlich erklärte ziemlich gelassen, an der Braut in Pichelswerder läge ihm wenig. Er könnte alle Tage eine andere finden, nimmermehr aber einen so guten und freundlichen Herrn. Da hielt ihm Peter Brenitz eine kleine Standrede, daß es frivol wäre, mit einem Menschenschicksal so leichtsinnig zu spielen. Als er aber die Versicherung empfing, auch die Pichelswerderin würde sich gar bald mit einem anderen trösten, war er’s zufrieden. Er händigte dem Chauffeur ein namhaftes Geldgeschenk ein, um die verlassene Braut wenigstens ein bißchen für die Untreue zu entschädigen, an der er sich selbst nicht ganz schuldlos fühlte, und begab sich leichteren Herzens nach der Tiergartenstraße, um dem Geheimen Kommerzienrat Brenitz, dem einzigen Bruder seines Vaters und Inhaber der altangesehenen Bankfirma Samuel Brenitz’ sel. Witwe Söhne, deren Gründungsjahr in die Regierungszeit Friedrich Wilhelms des Zweiten hinaufreichte, seinen pflichtgemäßen Abschiedsbesuch zu machen.
Der alte Herr, der in den Kreisen der Börse und der Industrie ein gewaltiges Ansehen genoß, verwaltete dem Neffen das Vermögen, beteiligte ihn, ohne groß zu fragen, an sicheren und gewinnbringenden Unternehmungen, für seine besondere Wesensart aber hatte er kein Verständnis. Ein junger Mensch, aus dem etwas Tüchtiges werden sollte, hätte mit beiden Füßen im wirklichen Leben zu stehen, statt unerfüllbaren Phantastereien nachzuhängen, und was er einstmals dem Bruder verziehen hatte, machte er dessen Sohn zum Vorwurf. Ein hart empfundenes Geschick hatte ihm selbst den männlichen Erben versagt, nur zwei Töchter wuchsen ihm heran, die von einer eitlen Mutter nach dem eigenen Vorbilde erzogen wurden. Es verbitterte ihm die beste Schaffensfreude, daß er die stolze, alte Firma, die ihre in schweren Zeitläuften errungene Größe seiner rastlosen Arbeit verdankte, einmal fremden Händen hinterlassen sollte. Als sein Bruder starb, empfand er daher neben aller gerechten Trauer fast ein Gefühl der Freude, denn jetzt gab es eine Möglichkeit, sich einen Nachfolger zu erziehen, der seinen Namen trug und aus seinem Blute war; aber schon nach den ersten ernsthaften Gesprächen mußte er zu seinem Leidwesen erkennen, daß er sich einer trügerischen Hoffnung hingegeben hatte. Der damals kaum den Knabenschuhen entwachsene Jüngling hörte ihn respektvoll an, aber seinen Werbungen setzte er ein festes Nein entgegen. Denn er hatte dem sterbenden Vater in die Hand gelobt, seinem Lebenswerke mit allen Kräften ein Erfüllen zu geben.
Da wurde der Geheimrat heftig, schalt seinen verstorbenen Bruder einen Narren, der aus dem Sohne einen noch größeren Narren gemacht hätte, und erklärte, die einzige Lösung der Judenfrage wäre die, den Christen Respekt einzuflößen, statt ihnen nachzulaufen.
Peter Brenitz verbat es sich, daß in seiner Gegenwart das Andenken seines Vaters geschmäht würde, und das Zerwürfnis war fertig. Seither wurde er in dem Hause seines Onkels ein seltener Gast, der sich nur bei besonderen Gelegenheiten einstellte, und keiner fand den Weg zum andern, wenn sie sich im innersten Herzen auch einsam fühlten. Der Jüngere fürchtete den Spott, und der Ältere hatte sich über seiner enttäuschten Hoffnung verbittert. Erst als Peter zum Abschiednehmen kam, traten sie sich wieder um ein weniges näher.
Der alte Geheimrat empfing ihn gegen alles Herkommen sehr freundlich, hörte der Mitteilung, daß er ans Amtsgericht Stradaunen versetzt worden wäre, mit halbem Ohre zu, dann aber legte er los, um einen Groll, der ihm am Herzen fraß, in eine verschwiegene Brust zu entladen.
Eine Weile lang ging er in dem geräumigen Gemache, durch dessen hohe Scheiben die Eichen des Tiergartens im grünen Blätterschmucke grüßten, auf und ab, die Hände auf dem Rücken und das bartlose Gesicht mit der mächtigen Stirn leicht zur Seite geneigt. Und plötzlich blieb er stehen.
„Also, sie hat’s richtig geschafft, die geborene Guggenheimer,“ — wenn er auf seine Frau zornig war, pflegte er sie mit ihrem Mädchennamen zu bezeichnen, auf den sie als Angehörige eines alten Frankfurter Geschlechts nicht wenig stolz war — „es ist ein Gardeleutnant! Noch dazu von der Kavallerie und aus ältestem, verschuldetem Adel. Von Krotthelm heißt er. Schon in den Kreuzzügen haben seine Vorfahren gegen die Ungläubigen gekämpft, und er setzt die Traditionen seiner Ahnen mit ungeschwächten Kräften fort, nimmt mir mein Geld und meine Tochter. Die Ilse natürlich, denn die Frida ist, Gott sei Dank, so unbedeutend und häßlich — sie schlägt mehr nach mir ... Also da hat sich noch keiner herangetraut. Denn die Lüge, seine Liebe wäre so abgrundtief und so weiter, wäre zu knüppeldick!“
„Aber, Onkel,“ warf Peter schüchtern ein, „ist es denn so ganz und gar ausgeschlossen, daß dieser Herr von Krotthelm für Deine Tochter Ilse eine wirkliche Zuneigung empfindet?“
Der Geheimrat Brenitz lachte höhnisch auf.
„Bloß Zuneigung, mein Söhnchen? Liebe empfindet er, eine so heftige Liebe, daß er ohne mein Kind nicht leben kann! Und das stimmt aufs Haar, denn ich habe mich sehr sorgfältig und bei allen möglichen Stellen über ihn erkundigt. Er kann wirklich ohne die Ilse nicht weiterleben, denn die Schulden schlagen ihm über dem Kopf zusammen. Seine Pferde und seine Maitresse kann er nicht weiter halten, wenn er meine Ilse nicht kriegt mit ihren baren zwei Millionen Mitgift.“
„Dann würde ich doch aber ganz einfach meine Zustimmung verweigern, lieber Onkel?!“
„Ach, was Du sagst!“ Der Geheimrat stellte sich vor seinen Neffen hin und legte ihm die Hand auf die Schulter: „Zustimmung! Dazu gehören doch immer zwei, einer, der fragt, und der andere, der Ja sagt. Meine Frau aber hat mich gar nicht gefragt“ — er schlug mit der geballten Faust einen zornigen Lufthieb — „sondern hinter meinem Rücken die Anzeigen verschickt. Aus der Vossischen Zeitung heut früh hab’ ich’s erfahren, daß meine älteste Tochter sich verlobt hat. Nicht auf die Börse hab’ ich mich getraut, um mich nicht auslachen zu lassen, und in die Ressource geh’ ich vor den nächsten drei Monaten nicht, trotzdem ich meine Partie Bridge vor dem Essen nötiger hab’ als ein Kranker seine Medizin! ‚Gratuliere,‘ sagt der alte Hirschfeld, der Louis Meyer und der Goldschmidt desgleichen, und nachher, beim Spielen, kommen die Gemeinheiten.
‚Ich überlasse,‘ sagt der Hirschfeld, ‚und nicht wahr, lieber Brenitz, Ihr zukünftiger Herr Schwiegersohn steht, wenn ich recht gelesen habe, bei den Gardedragonern?‘
‚Pik,‘ sagt der Meyer, ‚was soll es bei meinem Pech schon anders sein? Aber ich habe gehört, bei einer Heirat mit einer Jüdin muß der Bräutigam zum Train.‘
Und der Goldschmidt mit seinem kahlen Schädel und der einsamen Skalplocke nimmt die Karten zusammen:
‚Die Herren von der Gegenpartei hätten bei richtigem Verständnis der Lage drei Trick in sans atout gemacht! Was aber Ihren zukünftigen Schwiegersohn angeht, lieber Brenitz‘ — dabei wetzt er die Zunge an den Lippen, denn jetzt kommt die größte Gemeinheit — ‚so kann ich’s verstehen, daß Sie mit beiden Händen zugegriffen haben. Einen versierteren Vorsteher der Wechselabteilung, als den Baron von Krotthelm, können Sie sich gar nicht wünschen. Der reitet auf ’nem Wechsel so gut wie auf ’nem Pferd, und auch in der Industrie weiß er Bescheid. Neulich hat er von einem Gurglerkonsortium einen größeren Posten Damenkorsetts übernommen und mit Nutzen losgeschlagen. Denn die Valuta blieb er natürlich schuldig ...‘
Also, was sollst Du da tun? Alten Freunden, die es gut mit Dir meinen, die Karten an den Kopf werfen? Oder mit der Faust auf den Tisch hauen: Da ist nur die geborene Guggenheimer daran schuld? Weil sie aus einem Geschlechte stammt, das mit den Rothschilds Haus an Haus gewohnt hat in der Judengasse zu Frankfurt und das damals schon über diese Parvenüs die Nase rümpfte, weil zweihundert Jahre früher ein Guggenheimer zu Worms auf dem Scheiterhaufen brannte? Deshalb aber — ausgerechnet — kennt sie keinen höheren Ehrgeiz, als ihrer Tochter einen adligen Christen zum Eidam zu suchen, und ich als Vater muß den Mund halten? Weil sie mich einmal erwischt hat, als ich ein junges Tanzmädchen aus einem Theater hübscher fand als die geborene Guggenheimer? Na, und jetzt freu’ Dich doch, Weltverbesserer,“ so schloß der Geheimrat Brenitz mit grimmigem Auflachen, „das Ziel Deiner Sehnsüchte ist ja erreicht. Einer aus dem anderen Lager steigt über die trennende Mauer, das Christentum verschmilzt mit dem Judentum, und — Hosiannah — ein neuer Fortschritt des Menschengeschlechtes ist endlich angebahnt?!“ ...
Der Geheimrat Brenitz wandte sich ab und starrte zornig über den blumengeschmückten Vorgarten auf die breite Straße hinab. Sein Neffe aber hob den feinen Kopf mit den schwärmerischen Augen.
„Mein seliger Vater, lieber Onkel, hat immer gesagt, in einem wäre die Lehre der Christen erhabener und schöner als die unsrige: in der verzeihenden Liebe, die einen reuigen Sünder höher einschätzte als eine ganze Schar von Gerechten. Und weshalb sollen wir uns diesen Satz nicht annehmen? Vielleicht, wenn Du Deinen zukünftigen Schwiegersohn mit Liebe empfängst, daß es Dir gelingt, durch Zuspruch und Beispiel aus ihm einen Mann zu erziehen, der Dir eine Freude wird und eine Stütze für Dein Alter?“
Der Geheimrat Brenitz fuhr jählings herum, als er aber in das Gesicht seines Neffen blickte, stockte ihm das kränkende Wort, das sie schon einmal geschieden hatte, auf den Lippen.
„Also, es ist gut, mein Sohn. Ich weiß, Du meinst es ehrlich. Aber geh hinüber auf die andere Seite des Hauses, da führen sie zu Dreien ein Lustspiel auf: ‚Der adlige Mitgiftjäger oder der geprellte Schwiegervater‘, und da paßt Du mit Deinen Anschauungen besser hin. Ich gratulier’ Dir, es wird ein Trauerspiel daraus. Aber was liegt Dir an dem Hause Brenitz? Ein leerer Name ist’s für Dich, Schall und Rauch, wie der Dichter sagt, und nichts spricht zu Dir, daß auch ein Name Pflichten auferlegt?!“ ...
Peter Brenitz atmete tief auf.
„Lieber Onkel, es kommt mir nicht zu, Dir Ratschläge zu erteilen, eins nur möchte ich Dir noch sagen: Dein zukünftiger Schwiegersohn ist doch ein Edelmann! Leichtsinnig vielleicht und auch leichtfertig, aber doch im Innersten von anständiger Gesinnung, sonst hätte er des Königs Rock nicht tragen dürfen. Und ein gutes Wort findet gute Stelle! Sprich Dich mit ihm aus, so recht aufrichtig und herzlich, und ich bin überzeugt, Du wirst noch an dieser Verbindung Freude erleben!“
Der alte Herr Geheimrat lächelte trübe.
„Mein Sohn, was bist Du noch jung! Fast könnte man Dich beneiden, denn es muß schön sein, das Leben durch eine rosenrote Brille anzusehen ... Auch ich kenne manchen Edelmann, Barone, Grafen, Fürsten und Herzöge ... den Hut ab vor ihnen; denn ihre Gesinnung ist lauter und ihr Wort wie Eisen. Aber sie kommen in mein Geschäftskontor in der Behrenstraße, um sich bei mir Rat zu holen für spekulative Anlagen, oder sie bringen mir ihr Vermögen zur Verwaltung, weil sie wissen, bei Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne liegt es so sicher wie im Juliusturm. Was aber in mein Haus kommt hier in der Tiergartenstraße, das, mein Sohn, ist Ausschuß! Und glaub’ mir, jeder Edelmann, oder, ich will dieses Wort nicht mißbrauchen, sondern lieber dafür sagen, jeder Mann aus einer einstmals adligen Familie, der einem Judenmädchen in die Augen sieht, um es zu seinem Weibe zu machen, hat vorher schon in den Lauf einer Pistole gesehen. Solche Menschen aber erzieht man nicht! Und ich werde Dir sagen, wie alles kommen wird: Die Freude da drüben wird genau so lange vorhalten wie das Geld, das die Guggenheimer ihrer Tochter mitgeben kann, denn ich steure zu dieser Verbindung keinen Pfennig bei! Von dem Guggenheimerschen Gelde — es sind immerhin zwei Millionen — wird der Herr Baron erst seine Schulden bezahlen und dann sich ein Rittergut kaufen, hier irgendwo in der Nähe von Berlin. Dort aber wird ein Leben sein, wie im Himmel, jeden Tag ein Fest mit Gästen, bis das Geld zu Ende ist. Und eine Weile danach wird mein Kind hier vor mir stehen, an Leib und Seele gebrochen, mir vielleicht fluchen, daß ich sie heute nicht zurückgehalten habe ... Also, es ist gut, ich kann’s nicht ändern. Und jetzt adieu, mein Sohn, nimm’s mir nicht übel, daß ich alter Mann zu Dir von meinen Sorgen und Kümmernissen gesprochen habe. Reise mit Gott und nimm all Deine Ideale mit in Deinen neuen Wirkungskreis. Ich wünsch’ Dir alles Gute. Wenn Du jedoch Dir eines Tages das Herz wund gestoßen hast da draußen, denk’ an das alte Haus in der Behrenstraße mit dem verwitterten Firmenschild über der Tür. Der Tag soll gesegnet sein, an dem Du unter ihm durchschreitest, und das Haus hat schon Schwereres getragen als einen Chef, der nicht nur seine Angestellten und sich selbst, sondern die ganze Menschheit beglücken wollte“ ....
Da begehrte Peter Brenitz nicht auf, sondern hob dem Bruder seines Vaters die schlaff vom Lehnstuhle herabhängende Hand.
„Lieber Onkel, Du hast vorhin gesagt, ein Name verpflichtet. Der meinige legt es mir auf, meinem verstorbenen Vater zum Wohlgefallen zu leben. Er hat mir den Beruf eines Richters erwählt, und für diesen will ich mich mit Ernst vorbereiten. Verzeih mir also, wenn ich Dir nicht zu Willen sein kann, und verzeih mir auch jetzt in der Stunde des Abschieds, daß ich Dir damals vor vier Jahren mit heftigen Worten widersprach. Heute sehe ich, daß Du mich nicht in böser Absicht kränken wolltest, und es tut mir leid, daß ich nicht öfter den Weg zu Dir fand!“ ...
Dem alten Herrn wurden die Augen feucht, und noch lange saß er sinnend in seinem Lehnstuhle ...
Ein Kind ging da ins Leben hinaus, ein reiner Tor, der nach dem heiligen Grale der Versöhnung suchte ... Und fast wie Neid sprang’s ihn an gegen den verstorbenen Bruder, der in dem Sohne einen Nachfolger besaß, einen, der an seinem Werke weiterarbeitete, mochte es noch so unfruchtbar und töricht sein. Er aber?! ... Er hatte gerafft und gescharrt, Schätze auf Schätze gehäuft, und wenn er von dannen ging, mußte er sehen, daß die Arbeit seines Lebens in die Hände verschwenderischer Erben fiel ..
Ein heißer Groll stieg ihm im Herzen empor, und er reckte die Hand nach dem Klingelknopfe auf dem Schreibtische. Der Diener erschien in der Tür: „Herr Geheimrat?“
„Meinen Wagen!“
Und als er fünf Minuten später in Ueberzieher und Zylinder auf die Straße trat, sah er mit ingrimmigem Lächeln zu den Fenstern hinauf, hinter denen die geborene Guggenheimer sich ihres Triumphes freute — mit ihrem adeligen Schwiegersohn.
Der Kutscher auf dem Bocke griff an den Hut.
„Jerusalemer Straße 21, Justizrat Wolff!“
Und mit einem kurzen Auflachen stieg der Geheimrat ein, wie jemand, der im Begriffe stand, einen guten Witz zu machen. Nur schade, daß er bei der Pointe nicht mehr dabei sein konnte! Aber die Vorfreude war auch etwas wert, und er sah ordentlich die langen Gesichter seiner Erben, wenn sie bei der Testamentseröffnung nachrechneten, was ihnen nach dem Abzuge aller Legate für wohltätige Stiftungen übrig blieb. So lange er lebte, hielt er das Brenitzsche Geld mit eiserner Hand, aber ein vorsichtiger Mann sorgte beizeiten dafür, daß sein Wille auch nach dem Tode respektiert wurde ...
Peter Brenitz hatte sich auf dem Schauplatze seiner neuen Tätigkeit umgesehen, und er gefiel ihm wohl. Aus den Fenstern der Vorderzimmer im Grand Hotel de Russie blickte er auf einen freien Platz, in dessen Mitte das übliche Kriegerdenkmal stand, eine geflügelte Viktoria auf einem Unterbau aus unbehauenen Findlingssteinen. Im Hintergrunde erhob sich ein altes Kirchlein mit schlankem Glockenturm, und freundliche Häuser mit sauberen Läden zogen sich zu beiden Seiten hin.
Aus dem Schlafzimmer aber bot sich die Aussicht auf den blauen Spiegel eines weitgestreckten Sees, sanft geschwungene Hügel umrahmten seine Ufer, und weit hinten in der Ferne grüßte der dunkle Saum des Waldes, lockte zum Wandern und Träumen ...
Die Zimmer waren hell und geräumig, auf dem Tische des sogenannten Salons prangte zum Willkomm ein großer Blumenstrauß, und Frau Popiella, die rundliche Gattin des Wirtes, knickste und dienerte.
„Aber bester, trautster Herr Referendarius, bloß von acht Tagen kann ja gar keine Rede sein, so rasch lassen wir Sie nich weg, i wo nein, Sie tragen uns ja die Ruh aus dem Haus!“
Peter bemerkte schüchtern, es hätte allerdings in seiner Absicht gelegen, eine mittlere Sechszimmerwohnung zu mieten, eine kleine Villa am liebsten, mit abgeschlossenem Garten. Frau Popiella aber legte, ordentlich erschrocken, die speckige Hand auf die zum Platzen gespannte Kattunbluse.
„Gott erbarm sich, sechs Zimmer und hier in Stradaunen? So viel hat ja nich mal der Herr Amtsgerichtsrat mit seinen sieben Kindern, und wozu braucht ein einzelner junger Herr bloß so viel Gelaß?“
„Ja,“ sagte Peter, ein wenig hilflos, „ich gebe zu, daß ich in dieser Beziehung wohl allzu sehr verwöhnt bin. Immerhin brauche ich doch mehrere Räume für meine Bibliothek, einen für den Flügel und etliche andere unentbehrliche Einrichtungsstücke, die ich mir aus Berlin nachschicken lassen möchte. Auch ein eigenes Badezimmer hätte ich gerne.“
Frau Popiella schüttelte den Kopf.
„Hier wird nur im Sommer gebadet, unten im See. Und überhaupt, so ’ne Wohnung werden Sie in ganz Stradaunen nich finden. Auf Spekelatzion wird hier nich gebaut, was die paar Herrschaften vom Steueramt sind, die sind froh, daß sie unter sind, wenn wer nach außerhalb versetzt wird, is auch gleich schon immer der Nachfolger da. Und die Herren Assistenten und so, die begnügen sich mit einem Budchen. Aber, was wollen Sie, Herr Referendarius, wir nehmen hier noch zwei Zimmer zu, und Sie leben wie im Himmel!“
So sprach Frau Popiella fort und fort, pries mit erheblicher Zungenfertigkeit die Annehmlichkeiten der zentralen Lage, deren sich das Grand Hotel de Russie erfreute, und hob die Vorzüge hervor, die das Wohnen in einem Gasthofe mit sich brächte: Prompte Bedienung von geschultem Personal und warme Restauration zu jeder Tageszeit.
Peter Brenitz aber zögerte noch immer, sich durch ein festes Abkommen für längere Zeit zu binden. Auf der Fahrt von Berlin hatte ihm etwas anderes vorgeschwebt als eine Wohnung im geräuschvollen Hotel ... irgendwo ein rosenumbuschtes Häuschen in schattigem Garten mit verschwiegenen Laubengängen am Ufer eines stillen Weihers ... Da spann man sich mit seinen geliebten Büchern ein, oder, wenn man das Glück hatte, einen gleichgestimmten Gefährten zu finden, wurde an den Abenden ein wenig musiziert und in langen Gesprächen alles erörtert, was in der Brust nach Klarheit rang ... Schließlich gab Herr Meltzer, der Chauffeur, der mit seinem pfauchenden und rasselnden Wagen eine halbe Stunde vorher unter dem Staunen der ganzen Bevölkerung einen triumphartigen Einzug gehalten hatte, den Ausschlag. Nach einer bedeutungsvollen Rücksprache mit Herrn Kalinski und einer kurzen Musterung des weiblichen Küchenpersonals, die ein zufriedenstellendes Ergebnis gehabt zu haben schien, begab er sich in den oberen Stock hinauf, wo sein Herr noch immer der Beredsamkeit von Frau Popiella standhielt.
„Also, Herr Doktor, ick hab mir informiert, so wat, wie wir suchen, jibt et hier nich. Det sind in bezuch auf hochherrschaftliche Wohnungsverhältnisse ja die reinen Zulukaffern. Wenn wir uns nich selbst ’ne Villa bauen wollen, müssen wir schon hier wohnen bleiben!“
Peter Brenitz seufzte auf und griff nach seinem Zylinderhute, um sich zur Meldung aufs Amtsgericht zu begeben. Alle geschäftlichen Verhandlungen waren ihm ein Greuel, und wenn Frau Popiella noch lange in ihn gedrungen wäre, hätte er schließlich das ganze Grand Hotel de Russie gemietet ...
„Es ist gut, hier unsere freundliche Wirtin hat mir schon Aehnliches berichtet. Also machen Sie für ein Vierteljahr zunächst alles ab! Einigen Sie sich auch über den Preis, und teilen Sie mir dann das Nötige mit!“
„Wird besorgt,“ sagte Herr Meltzer und schlug in militärischer Haltung die Hacken aneinander. Seinem findigen Geiste, der sich bisher nur bei der Neubeschaffung von Reifen und größeren Reparaturen des Autos in der Festsetzung seines, vom Chauffeurstandpunkte aus legitimen Gewinnanteils betätigt hatte, erschloß sich hier mit einem Male eine neue Erwerbsquelle, und nach einer langen, geschäftlichen Auseinandersetzung, bei der Frau Popiella leuchtende Augen und rote Backen bekommen hatte, klappte er befriedigt sein öliges Notizbuch zusammen. Die vereinbarten Preise betrugen ungefähr das Doppelte von dem, was Herrn Kalinski selbst bei ausschweifender Phantasie als Maximum vorgeschwebt hatte. Wenn die einträgliche Stellung noch ein paar Jährchen vorhielt, konnte man sich selbständig machen und ein kleines Geschäft anfangen ...
„Wenn er sich nu aber irgendwo erkundigt?!“ meinte Frau Popiella bedenklich. Herr Meltzer aber machte eine beruhigende Bewegung mit der von Oel und Benzin geschwärzten Hand:
„Und wenn schon, dann jloobt er’t nich! Wissen Se, jnädje Frau, wat det for ’n Mensch is? Immer mit ’n Kopp in de Wolken und ’n Herz wie ’n Lamm! Eher denkt er, de Welt jeht unter, als det ihn eener hochnehmen könnte, und janz abjesehen von dieser Noblijkeit — et schadt ihm nischt, denn von den Reichtum kann sich unsereens jar keene Vorstellung nich machen. Klotzig, sag ick Ihnen, und wat er for ’n jutet Tierchen is, dafor nur een Beispiel. Ick hatt’ da unter anderm ooch ’ne Braut in Pichelswerder. Und wie wir nu fortmachten von Berlin, händicht er mir doch tausend Märker ein, als Entschädigung for det Mächen, und det se sich über meinen Verlust nich zu sehr jrämen sollte. Wie ville, meenen Se wohl, det ick meine jewesene Braut von diese tausend Märker abjejeben habe?“
„Taugenichtssche Berliner Kreet,“ sagte Frau Popiella und gab ihrem Gegenüber mit der quabbeligen kleinen Faust einen wohlgefälligen Stoß gegen die schwarze Lederjacke. Herr Meltzer aber zwirbelte sich das spärliche Schnurrbärtchen auf und revanchierte sich mit einem zärtlichen Blick in ein Paar wässerig-blaue Augen. Fortan war er auch über die Größe der Bratenportionen beruhigt, die zu seinem täglichen Ausgedinge gehörten ...
Herr Popiella, der gewichtige Besitzer des Grand Hotel de Russie, hatte sich unterdessen quer über den Marktplatz in die Apotheke zum goldenen Engel begeben, um mit deren Inhaber, dem Beigeordneten und Vorsteher des konservativen Wahlvereins, Herrn Kraska, ein ernsthaftes Gespräch unter vier Augen zu führen. Und das von Herrn Kalinski erfundene Argument eines gesteigerten Benzinabsatzes, das Herr Popiella jedoch nach den zwischen Prinzipalen und Angestellten herrschenden Grundsätzen als sein eigenes Geistesprodukt bezeichnete, tat seine Schuldigkeit. Herr Kraska fand, der Antisemitismus wäre durchaus kein integrierender Bestandteil der konservativen Parteirichtung, vielmehr ein lediglich nebensächlicher Satz, dessen Befolgung oder Nichtbefolgung ganz im freien Belieben des einzelnen läge. Herr Popiella aber hätte seinerseits vollkommen recht, wenn er im Interesse eines gesteigerten Fremdenverkehrs von dieser im Programme vorgesehenen Freiheit Gebrauch machte und sich, diskret, aber energisch, gegen eine unangemessene Störung seines Geschäftsbetriebes wandte. Und als er sich nach einem kräftigen Händedrucke entfernte, hörte er, wie der Provisor Kellmigkeit von seinem Chef aus dem vorderen Ladenraume nach hinten in die Rezeptierkammer gerufen wurde. Die Tonstärke dieses Rufes aber ließ darauf schließen, daß die nachfolgende Belehrung an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen würde ...
Das Gerücht von der Ankunft eines millionenreichen Berliner Referendars hatte sich schon in den frühen Morgenstunden im Städtchen verbreitet, kaum, daß Herr Kalinski seinen Gast unter verstärktem Anschlage der Hotelglocke in die vorher bestellten Gemächer geleitet hatte. Das Eintreffen des Autos, dem der bebrillte und staubbedeckte Lenker auf dem Vordersitze höchst überflüssigerweise eine Anzahl greulich klingender Signale entlockte, erregte geradezu Sensation und ließ auch die letzten Zweifler verstummen, denn eine solche Maschine war in Stradaunen noch nie zuvor gesehen worden. Wer sich einen derartigen Luxus verstattete, mußte allerdings sehr reich sein. Die abenteuerlichsten Erzählungen wurden weitergetragen und geglaubt. Das ganze Grand Hotel de Russie sollte er gemietet haben, dieser sagenhafte Millionenreferendar, und zwar mit der Bedingung, daß während seiner Anwesenheit dort kein anderer Gast wohnen dürfte. Später aber gedächte er sich an passendem Platze anzukaufen, und gar mancher Hausbesitzer trat auf den Marktplatz hinaus, musterte prüfenden Blickes sein Anwesen und überlegte, wie hoch im Ernstfalle wohl der Aufschlag zu dem ortsüblichen Grundstückspreise zu berechnen wäre.
In den Schaufenstern der beiden Läden, die mit Herrenartikeln handelten, erhielten die Auslagen einen keckeren Schmiß, und etliche der Mütter, die ihrem gesellschaftlichen Range gemäß darauf rechnen konnten, daß der neue Referendarius in ihrem Hause einen Besuch machen dürfte, sahen sich ihre heranwachsenden Töchter an.
„Olga, Du mußt Dir entschieden eine modernere Frisur zulegen. Du aber, Marie, spring’ rasch in die Buchhandlung hinüber und hol’ die letzte Modenzeitung. Man weiß ja schon gar nicht mehr, was getragen wird, und wenn einer aus Berlin kommt, möcht’ man sich doch nicht gern lächerlich machen.“ ...
So übte das rote Gold seine Macht, und als Peter Brenitz in korrektem Gehrock, Lackstiefeln und Zylinder unter der Obhut des wegkundigen Stiftes Louis über den Marktplatz nach dem in einer Seitenstraße gelegenen Amtsgerichte ging, verneigten sich die in den Türen stehenden Ladenbesitzer, und hinter den behutsam zur Seite geschobenen Gardinen im ersten Stock sahen blaue und braune Augen auf die Straße hinab. Peter Brenitz aber freute sich über die freundliche und zutrauliche Haltung der Bevölkerung. Sie stimmte so ganz zu dem Bilde, das ihm der verstorbene Vater von „seinem lieben Ostpreußen“ gezeichnet hatte ...
Das Gerücht von dem Reichtum des neu aus Berlin gekommenen Referendars war natürlich auch in das Amtsgericht gedrungen, und Heino von Bergkem saß mißmutig über einem dickleibigen Aktenstücke im Richterzimmer; baute an einem Erkenntnis, rauchte eine Zigarette nach der anderen und ärgerte sich. Aergerte sich über sich selbst, daß er tags zuvor in der „Masovia“ für diesen Kollegen Brenitz so gewaltig und nachdrücklich vom Leder gezogen hatte, halb aus innerlichem Gerechtigkeitsgefühl, halb, um die stumpfsinnigen Bonzen der Tischgesellschaft wieder einmal in Verlegenheit zu versetzen und sie die Ueberlegenheit seines Geistes fühlen zu lassen. Für ein hilfloses Bürschlein hatte er geglaubt zu fechten, und jetzt kam da ein protzenhafter Bengel daher, im eigenen Auto und aufgeblasen natürlich wie alle Berliner ... womöglich geriet man in den Verdacht, man hätte von diesem Reichtum vorher gewußt und rechtzeitig, wegen eines etwa vorzunehmenden größeren Pumpes, den Mantel nach dem Winde gehängt ... ah, pfui Deuwel noch einmal! ...
Der alte Gerichtsdiener Wichotta kam die Treppe hinaufgestürzt, riß die Tür zum Richterzimmer auf:
„Er kömmt, Herr Baron, er kömmt!“
Und wahrhaftig, sämtliche Orden und Feldzugsmedaillen hatte er zu seiner besten Sonntagsuniform angelegt. Da hieb der lange Heino mit der starken Faust auf den Tisch, daß das hölzerne Tintenfaß fast aus seinem Behältnisse sprang.
„Zum Donnerwetter noch mal, Schockschwerenot, sind Sie auch verrückt geworden, Wichotta? Wer kommt? Vielleicht der Herr Landgerichtspräsident aus Lyck, daß Sie sich in Wichs geschmissen haben?“
„N ... nein, Herr Ba ... baron,“ stotterte der brave Beamte, „aber der neue Herr Reff’rendarius aus Berlin mit dem Au ... Automobil!“
„Na, dann scheren Sie sich weg! Und der Deuwel holt Sie, bei meinem Zorn, wenn Sie sich draußen beifallen lassen, vielleicht stramm zu stehen!“ ...
Eine Weile danach pochte es an der Tür, auf das laute „Herein“ betrat der „neue Reff’rendarius aus Berlin“ das Zimmer. Heino von Bergkem markierte erst ein paar Augenblicke den eifrig Beschäftigten, dann hob er den Kopf.
„Sie wünschen?“
„Den Herrn Amtsgerichtsrat zu sprechen.“
„In welcher Angelegenheit?“
„Meldungshalber. Mein Name ist Brenitz, ich bin an das hiesige Amtsgericht versetzt worden.“
„Ah so, Sie sind der neue Herr Kollege aus Berlin? Bergkem! Und, bitte, nehmen Sie Platz!“
Der lange Heino hob sich zu einer leichten Verneigung und deutete nach dem nächsten Stuhle. Scheußlich patent sah dieser Herr Brenitz aus in dem modernen Gehrock, den diskret gestreiften Hosen und dem blanken Zylinderhute zwischen den in taubengrauen Handschuhen steckenden Händen. Nur ein Milderungsgrund war dabei, zwei ordentliche Schmisse, die quer über die Stirn liefen und zeigten, daß ihr Inhaber wenigstens kein „Kneifer“ war. Etwas freundlicher fügte er daher hinzu: „Ganz sicher ist es aber nicht, ob der Herr Oberkollege heute an Gerichtsstelle erscheint. Termine sind keine, und gestern abend hatte er, Gott sei Dank, einen recht kräftigen Gichtanfall.“
Peter Brenitz trat ein wenig näher, der lange Kollege gefiel ihm.
„Entschuldigen Sie gütigst, aber vorhin, als Sie sich vorstellten, habe ich Ihren werten Namen nicht verstanden.“
Der lange Heino erhob sich und sagte deutlich: „Heino Freier und Edler Herr von Bergkem-Przygorowski aus dem Hause Bergheim.“
Peter Brenitz aber fuhr vor freudigem Schrecke ordentlich zusammen.
„Verzeihung, Herr Kollege, aber es ist nicht bloße Neugier: war einer Ihrer Herren Verwandten vielleicht Leutnant im zweiten Garderegiment?“
„Zu dienen, so ziemlich alle. Das zweite Regiment war für uns Bergkems sozusagen Familientradition. Ich bin als erster aus der Art geschlagen, ich zog es vor, Kürassier zu werden.“
„Aber Ihr Herr Papa, nicht wahr, der hat doch den Sturm auf St. Privat mitgemacht?“
„Allerdings! Aber, wenn ich fragen darf, weshalb interessiert Sie das?“
Peter Brenitz atmete tief auf, griff mit der Linken nach dem herabfallenden Klemmer und streckte dem Kollegen in heißer Aufwallung die Rechte entgegen.
„Weil ... weil ... also Ihr Herr Vater hat dem meinigen, und er wiederum dem Ihrigen das Leben gerettet!“ Und mit sprudelnden Worten erzählte er die Episode aus dem heldenmütigen Ringen um den Kirchhof von St. Privat, wie er sie wohl hundertmal aus dem Munde seines Vaters gehört hatte.
Der lange Heino aber stand dabei, machte ein seltsam bekniffenes Gesicht, und als die Erzählung zu Ende war, sagte er: „Ach nee, wie ulkig, wie manchmal der Zufall spielt: Wir, die beiderseitigen Söhne, treffen uns jetzt hier als Kollegen.“
Als Peter jedoch weiter berichtete, wie sein verstorbener Vater jedesmal am Tage der Schlacht von St. Privat in einem Glase edlen Weines das Hoch auf seinen Lebensretter und Waffenbruder ausgebracht hätte, wurden dem Langen plötzlich die Augen feucht, und er sah ins Leere.
„Na ja, die alten Herren! Mein seliger Papa machte aus diesem Jahrestage ebenfalls immer ein großes Festschießen und knüpfte daran allerhand Nutzanwendungen für mich, wissen Sie, er war sonst ein riesig anständiger Kerl, natürlich ein Grandseigneur vom Scheitel bis zur Sohle, aber politisch gehörte er einer Spezies an, die in Ostpreußen längst ausgestorben ist, nämlich den liberalen Großgrundbesitzern ... ihre Söhne sitzen im Bund der Landwirte, ja, und ich war damals noch sehr jung, verstand ihn kaum, denn ich bin erst lange nach dem Feldzuge geboren ... Sie sehen ja, Ihr werter Name war mir bedauerlicherweise nicht so geläufig wie Ihnen der meinige. Immerhin ist wohl einiges aus jener Zeit bei mir hängen geblieben ... Aber, um auf unsere Gegenwart zurückzukommen“ — der lange Heino richtete sich auf — „weshalb in drei Deuwels Namen haben Sie hier in diesem kleinen Nest einen so geräuschvollen Einzug gehalten? Das stößt manchen vor den Kopf, denn wir sind arme Luders, und mit ’nem Automobilbesitzer können wir nicht Tempo halten!“
Da lachte Peter Brenitz fröhlich auf, denn der neue Kollege hatte mit seiner offenen Art sein Herz im Sturm erobert, und mit kurzen Worten erklärte er, wie wenig er für diesen Anstoß erregenden Luxus könnte. Sein Chauffeur hätte eines Tages Besitz von ihm ergriffen, um ihn seither nicht mehr loszulassen. Und als sein Zuhörer lustig mitlachte, ging er noch mehr aus sich heraus, erzählte ein weniges von seinem einsamen Leben, den Enttäuschungen, die er durchgemacht hatte, und schloß mit der schüchternen Hoffnung, hier neben einer befriedigenden Tätigkeit vielleicht auch ein bißchen Freundschaft zu finden. Heino von Bergkem hörte aufmerksam zu, in sein sonst zu allerhand lustigen Streichen aufgelegtes Gesicht war ein Zug nachdenklichen Ernstes getreten, und als der andere ein wenig scheu die Hand ausstreckte, schlug er kräftig ein.
„Na, wir wollen mal sehen! Für heute mittag bitte ich Sie, im Hotel de Russie mein Gast zu sein. Um ein Uhr cum tempore treffen wir uns dort, alles übrige aber werde ich schon vorher einrenken!“
Peter Brenitz wollte in aller Harmlosigkeit fragen, was dabei „einzurenken“ wäre, wenn sie beide im Hotel de Russie Mittag äßen, aber der Herr Amtsgerichtsrat betrat das Zimmer, und Heino bat wegen eines dringenden Ganges um Urlaub. Noch im Abgehen winkte er mit der Hand, schnitt hinter dem Rücken des Oberkollegen eine lustige Grimasse, und Peter wollte es scheinen, als wäre die vorhin so ungemütliche und nüchterne Amtsstube plötzlich ganz hell und freundlich geworden ...
Einen „ulkigen Zufall“ hatte der andere in seiner burschikosen Sprechweise ihr Zusammentreffen genannt, ihm aber dünkte es eine von Anbeginn bestimmte Fügung. Ein gütiges Geschick ließ ihn gleich in der ersten Stunde den Sohn jenes Mannes finden, der in dem Leben seines Vaters eine so bedeutungsvolle Rolle gespielt hatte, einen herrlichen Jüngling von echt deutscher Art, den zum Freunde zu haben ein gar köstlicher Gewinn sein mußte ...
Es folgte die Zeremonie der Vereidigung mit einigen kernigen Worten über die erhabenen Aufgaben des juristischen Berufes, und als der Amtsgerichtsrat — ein kränklich aussehender Herr in den Sechzigern — die schwarze Robe ausgezogen hatte, lud er den jüngeren Kollegen für einen der nächsten Abende zu einem gemütlichen kleinen Essen ein, im allerengsten Familienkreise. Wenn er musikalisch wäre, würde er ein paar gleichgestimmte Seelen finden.
Peter Brenitz sagte freudig zu. Es überraschte ihn nicht weiter, daß eine kurze Weile danach ein junges Mädchen den Kopf zur Tür hereinsteckte, „na, Papchen, bist Du noch nicht fertig? Mutti läßt sagen, die Suppe wird kalt!“
Hier in der gemütlichen kleinen Stadt schienen selbst die Amtsgeschäfte einen familiären Anstrich zu haben, denn die junge Dame zog sich nicht etwa zurück, sondern betrat in lieblicher Verwirrung das Zimmer. Ob sie jung war oder alt, hübsch oder häßlich, konnte Peter nicht erkennen, denn zu dem feierlichen Vorgange der Vereidigung hatte er den Kneifer abgenommen, nur so viel vermochte er zu unterscheiden, daß sie ein fußfreies Kleid trug und einen Strudelkopf brauner Locken.
Der Herr Amtsgerichtsrat stellte vor: „Herr Kollege Brenitz — meine Tochter Trudchen,“ und fügte freudig hinzu: „Denk Dir nur, eben hab’ ich erfahren, Herr Brenitz ist musikalisch!“
Peter wehrte bescheiden ab, er wäre wohl ein großer Verehrer guter Musik, seine eigene Kunstübung erhöbe sich jedoch in nichts über einen mäßigen Dilettantismus.
Fräulein Trudchen aber trat mit zierlichem Knixe näher und klatschte in die Hände:
„Das ist himmlisch! Dann wollen wir recht fleißig vierhändig spielen. Wer so bescheiden tut, ist immer ein Künstler. Lieben Sie Chopin?“
Und als Peter, ein wenig verwundert über die plötzliche Frage, bejahte, erfuhr er, daß Fräulein Trudchen eine geradezu leidenschaftliche Verehrerin des großen Tondichters wäre, der wie kein zweiter die schwermütige Note des polnischen Nationalcharakters zu treffen gewußt hätte, darin aber wäre sie sachverständig, denn von ihrer Mutter her, einer geborenen von Zuchopolska, flösse ihr polnisches Blut in den Adern.
Und weiter erfuhr Peter, daß sie nach vierjährigem Studium am Königsberger Konservatorium schweren Herzens auf den Beruf einer Künstlerin verzichtet hätte, aus Rücksicht auf die amtliche Stellung ihres geliebten Papchen. Zugleich aber sah er in der Nähe, daß Fräulein Trudchen sich bedeutend jugendlicher trug, als es ihren fünf- oder sechsundzwanzig Jahren angemessen war. Auf einem hageren braunen Halse saß ein unschöner eckiger Kopf mit einer breiten Stumpfnase, über deren Sattel ein Streifen häßlicher Sommerflecke lief. Das tat ihm leid für die junge Dame, aber da sie freundlich zu ihm war, mochte er sie durch einen raschen Abschied nicht kränken. Er hörte ihr noch eine ganze Weile geduldig zu, wie sie von den Triumphen erzählte, die sie auf einigen Wohltätigkeitskonzerten gefeiert hätte. Und als er sich schließlich empfahl, weil die Zeit, zu der ihn sein Gastgeber ins Hotel de Russie geladen hatte, schon verstrichen war, hatte er, ohne es zu wollen, ein Mädchenherz in helle Flammen gesteckt.
Das hatte nun freilich nicht viel auf sich, denn Fräulein Trudchen verliebte sich schon seit Jahren gewohnheitsmäßig in jeden neu an das Stradauner Amtsgericht versetzten Referendar; diesmal jedoch war die Leidenschaft heftiger denn je, und sie gestand sich errötend, daß auch sie entschieden Eindruck gemacht haben müßte. Freimütig erklärte sie dem Vater, daß sie es nicht verstände, wie junge Mädchen einem sonst sympathischen Bewerber gegenüber konfessionelle Bedenken haben könnten. In den Augen jedes aufgeklärten Menschen wäre der Antisemitismus ein verbrecherischer Unfug, und sie dürfte stolz bekennen, daß sie sich dessen niemals, auch in ihrer frühesten Jugend nicht schuldig gemacht hätte.
Der alte Herr Amtsgerichtsrat nickte dazu und lächelte trübe. Mit Freuden hätte er selbst einem Heiden oder Türken den väterlichen Segen gegeben; denn in der im Oberstock des Gerichtes belegenen Dienstwohnung wuchs ihm noch eine ganze Schar von Töchtern heran, die aus Rücksicht auf die älteste Schwester sich noch jugendlicher tragen mußten als Fräulein Trudchen, aber im Laufe der Jahre war er ein Pessimist geworden. Zu dem ersten „gemütlichen Abend im engsten Familienkreise“ erschienen die Herren Referendarien wohl, in der Folge aber blieben sie fort .....
Als Peter auf die Straße trat, flogen seine Gedanken zu einer anderen Begegnung, die er am frühen Vormittag auf dem Wege vom Bahnhofe gehabt hatte, und der Vergleich fiel nicht zugunsten von des Herrn Amtsgerichtsrats Töchterlein aus. Ein Paar rassige Trakehner streckten sich in schlankem Trabe, eine elegante junge Dame in rohseidenem Jackett mit Herrnschlips und Kragen führte auf dem Kutschersitze mit sicherer Hand die Zügel. Von dem Strohhütchen auf schwerem blonden Haar wehte ein kurzer blauer Schleier, grüßend neigte sich die Peitsche, und jetzt, da, ganz als wenn der heute über ihm stehende Glücksstern es besonders freundlich mit ihm meinte, wiederholte sich vor seinen sichtigen Augen die Erscheinung, mit der er sich in langenden Gedanken getragen hatte!
Aus einer Seitenstraße bog das Gefährt auf den Marktplatz, die Trakehner flogen dahin wie der Wind, und grüßend neigte sich wie am Vormittag die Peitsche neben einem Strohhütchen mit flatterndem Schleier.
Ganz unwillkürlich hatte er nach dem Hute gegriffen und sah dem davonrollenden Wagen nach, bis er im Staube verschwand, und wieder blickte die junge Dame auf dem Kutschersitze sich um .... Da trieb ihm das Blut rascher durch die Adern. Ein sehnsüchtig-beklommenes Gefühl erfüllte seine Brust, und eine Vorahnung stieg in ihm auf, daß diese beiden Begegnungen in seinem Leben noch mal eine Rolle spielen würden ....
Als Peter Brenitz ein paar Augenblicke später das Grand Hotel de Russie betrat, läutete die Glocke schon zum Mittagessen. Eilig begab er sich nach dem Speisezimmer, und da verstand er mit einem Male, was der rätselhafte Zusatz am Schlusse der Einladung des Herrn von Bergkem bedeutet hatte. Sein Gastgeber saß allein an dem einen Ende der langen Tafel, die in der Mitte des nüchternen Raumes stand, am anderen Ende aber eine Anzahl jüngerer Herren, die seinen höflichen Gruß mit eisiger Zurückhaltung erwiderten. Da blieb er neben seinem Stuhle stehen und kämpfte wacker gegen den wehen Kloß, der ihm plötzlich die Kehle zuschnürte. Auch hier in diesem freundlichen Städtchen, in dem ihm alles sonst so liebenswürdig entgegengekommen war, gab es anscheinend eine „Alania“, und um lächelnd über sie die Achseln zu zucken, war er noch immer zu jung .....
„Herr von Bergkem,“ sagte er, und die Stimme bebte ihm ein wenig, „ich danke herzlich für Ihre Einladung, die ich ohne Absicht gewissermaßen provoziert habe, aber ich möchte nicht die Veranlassung sein, Sie von Ihren bisherigen Freunden zu trennen!“ Nach diesen wohlgesetzten Worten wollte er sich mit einer gemessenen Verneigung zurückziehen, der lange Heino aber hielt ihn lachend am Aermel zurück und gab sich nicht die geringste Mühe, seine Stimme zu dämpfen.
„Aber nicht doch, lieber Herr Kollege. Wo wir beide sitzen, ist immer das vornehmere Ende. Wer sich davon ausschließt, hat die Folgen selbst zu tragen, aber alles auf der Welt endet schließlich friedlich und schiedlich. Wie oft bin ich zum Beispiel in Gedanken schon im Zweikampfe gestreckt worden, ehe es aber Ernst wird, verträgt man sich wieder, und, wie Sie sehen, lebe ich noch heute. Na, prost, Herr Kellmigkeit, darf ich mir einen Schluck aufs Spezielle gestatten? .... Ach so, wir haben noch keinen Stoff, also, Kalinski, los! Eine Buddel guten Schampus, aber kalt und ein bißchen plötzlich!“
Der Oberkellner verschwand mit hastigem Serviettenschwung, und ein am anderen Ende der Tafel sitzender Herr mit goldener Brille und bartlosem Gesicht verneigte sich gemessen: „Wenn ich Stoff habe, werde ich mich löffeln!“
Ganz beiläufig fügte Heino hinzu: „Nämlich unser verehrter Herr Vorsitzender, der nach glücklicher Beilegung eines unbeträchtlichen Zwistes zu meiner großen Freude den Präsidentensitz in unserer Tischgesellschaft Masovia wieder eingenommen hat! Na und nun erzählen Sie mal, Herr Kollege, wie sieht’s in Berlin aus? Haben Sie eine nette Reise gehabt? Es muß nicht ganz leicht gewesen sein, sich bis zu unserm geliebten Stradaunen durchzufinden!“
Peter erwiderte, es wäre ganz leidlich gegangen. Am liebsten aber hätte er seinem neuen Freunde und Beschützer die Hand geschüttelt, nicht zum wenigsten aus Bewunderung über die nonchalante Manier, mit der er die Herren vom anderen Ende der Tafel behandelte. Er unterließ es nur, weil es ihm unwürdig dünkte, vor der mit unverhohlener Neugier herüberspähenden Gegenpartei irgendwelche Gefühlsregungen zu zeigen. Aber das Herz wurde ihm dick in der Brust, und er wünschte nichts sehnlicher, als für den langen Heino auch einmal in die Bresche springen zu dürfen ...
Die Suppe wurde aufgetragen, die Spannung zwischen den beiden Tischenden verstärkte sich. Der Herr Provisor saß finster brütend da, drehte ein Brotkügelchen zwischen den Fingern und überlegte, wie er wohl die beabsichtigte Beleidigung der Gegenseite am witzigsten formulieren könnte, um den Beifall der Parteigenossen zu erringen und zugleich dem Grolle in seiner Brust Luft zu machen. Vor ein paar Stunden nämlich hatte ihn sein Chef in die Rezeptierkammer gerufen. Um schnödes Geld sollte er seine innerste Ueberzeugung verkaufen, nur weil sein Chef in kapitalistischer Verblendung eins der erhabensten Parteiprinzipien verleugnete? Gütlichem Zureden wäre er vielleicht zugänglich gewesen, aber der plumpen Drohung gegenüber verstockte sich sein Herz. Bei seinen Tischgenossen von der Masovia fand er einhellige Zustimmung, als er erklärte, ein aufrechter Mann in seiner Lage könne sich nur durch einen Eklat revanchieren. Nur über das Wie dieses Eklats war er sich trotz angestrengten Nachdenkens noch nicht klar geworden. Als aber Louis, der Stift, die von dem Freiherrn von Bergkem bestellte Flasche Champagner im Eiskühler hereinbrachte, kam ihm ein erleuchteter Gedanke. Er räusperte sich ein wenig, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf seine Person zu lenken, und als in der Tischgesellschaft Stille eintrat, bestellte er sich in jüdelndem Tonfalle ebenfalls eine Flasche Sekt, wobei er den mit der Verteilung der Suppe beschäftigten Kalinski mit dem Titel „Herr von Oberkellnerleben“ anredete.
Heino von Bergkem sprang zornig auf, die blaue Ader auf seiner weißen Stirn war dick angeschwollen.
„Herr Provisor Kellmigkeit, ich habe nach einem fehlgeschlagenen Versuche zu gütlicher Einigung Ihnen und den anderen Herren vorhin erklärt, ich würde keine irgendwie geartete Kränkung meines Gastes dulden. Ich ersuche Sie also, sich auf der Stelle wegen Ihres unglaublich rohen Benehmens zu entschuldigen!“
„Niemals,“ schrie der andere heftig zurück, Peter Brenitz aber, dem bei dem Worte „Provisor“ die Erinnerung an eine Unterredung durch den Kopf schoß, die am frühen Vormittag zwischen ihm und dem Oberkellner stattgefunden hatte, zupfte den langen Heino am Rockschoße und deutete zugleich mit dem Zeigefinger in diskreter Weise nach der Stirn. Leider war aber diese gutgemeinte Bewegung auch von der Gegenseite bemerkt worden, Herr Kellmigkeit sprang auf und schnappte erst ein paarmal nach Luft, ehe er sich mit zornrotem Kopfe zu einer Erwiderung anschickte.
„Das ist infam,“ kreischte er auf, „eine ganz bodenlose jüdische Unverschämtheit!“ Warf seinen Stuhl zurück und wollte sich auf seinen ruhig dastehenden Gegner stürzen. Herr Popiella aber, den der laute Wortwechsel herbeigeführt hatte, umschlang ihn von hinten mit starkem Arm, drehte ihn in gewandter Ausführung eines oft geübten Griffes blitzschnell um die eigene Achse, und ehe Herr Kellmigkeit sich recht versah, war er draußen. Dort aber setzte Herr Popiella ihn auf einen Stuhl und hielt ihm eine kurze Ansprache. „Herr Provisor, ich schätz’ Sie sehr, und Sie sind mein angenehmer, lieber Gast seit vielen Jahren. Wenn Sie aber jetzt noch einen Ton reden, hau’ ich Ihnen eine ’runter, daß Sie glauben, Ostern und Pfingsten fällt auf einen Tag! Wir leben doch nicht in Rußland, sondern im zwanzigsten Jahrhundert!“ ...
Diesen, aus körperlichen und intellektuellen Argumenten zusammengesetzten Ausführungen gegenüber hielt Herr Kellmigkeit es am geratensten, zu schweigen, drinnen aber im Speisezimmer bemühte sich Herr Referendarius Meyer nach stattgehabter Vorstellung, die Rolle eines besonnenen Vermittlers zu spielen. Das Ganze wäre nichts weiter als ein bedauerliches Mißverständnis und bei einigem Entgegenkommen von beiden Seiten in kürzester Frist aus der Welt zu schaffen.
Peter Brenitz jedoch schüttelte den Kopf. Unter der jähen Beleidigung war er bleich geworden bis in die Lippen, jetzt aber stand er äußerlich ganz ruhig da, nur seine Nasenflügel bebten ein wenig, und in seinen Augen brannte ein seltsames Feuer.
„Ich bedaure! Wenn dieser Herr Provisor mit mir persönlich nicht verkehren will, so steht das in seinem freien Belieben. Nur wäre es vielleicht empfehlenswert gewesen, mit der Aeußerung seiner Willensmeinung zu warten, bis ich von meiner Seite seinen Verkehr gesucht hätte. Nichts aber gibt ihm das Recht, mich zu verunglimpfen, weil ich Jude bin. Ich müßte keine Selbstachtung besitzen, wenn ich mich nach einer solchen Beleidigung mit einer einfachen Abbitte begnügen würde.“
„Bravo,“ sagte der lange Heino, und weil ihn der Spotteufel plagte, fügte er hinzu: „Sie, Herr Kollege, sind schon zu lange Christ, um meinem Freunde Brenitz die Schwere dieser Beleidigung nachfühlen zu können!“
Darauf erklärte Herr Referendarius Meyer gekränkt, unter solchen Umständen müßte er auf eine Fortsetzung seiner Vermittlertätigkeit verzichten.
Die Angelegenheit nahm den üblichen Verlauf. Der Herr Provisor beauftragte den Steueramtsassistenten Annuschat, der als Vizefeldwebel der Reserve eine Autorität in allen die Ehre angehenden Fragen war, mit der „Wahrnehmung seiner Interessen“. Peter Brenitz betraute von seiner Seite aus den Herrn von Bergkem mit den gleichen Funktionen, die beiden Sekundanten aber vereinbarten in würdevoller Sitzung die Bedingungen des bevorstehenden Zweikampfes, dreimaligen Kugelwechsel aus gezogenen Pistolen bei fünf Schritten Barriere. Der lange Heino erklärte sich bereit, aus dem heimatlichen Gewehrschranke die benötigten Waffen zu stellen, und als er sich von dem Gegensekundanten verabschiedete, ließ er ganz beiläufig die Bemerkung fallen, wie sehr er’s bedauerte, daß die Herren von der Tischgesellschaft Masovia sich seinen gütlichen Vorstellungen nicht zugänglich gezeigt hätten. Herr Brenitz wäre, soviel er gehört hätte, ein ausgezeichneter Pistolenschütze, der sicherlich nicht vorbeischießen würde, und wenn er persönlich dem Herrn Provisor zwar einen gehörigen Denkzettel gönnte, so dauerten ihn dafür umsomehr die anderen Herren. Der unerquickliche Handel, der bei einem blutigen Ausgange des Zweikampfes unfehlbar zur Kenntnis der vorgesetzten Behörden kommen müßte, wäre durchaus nicht dazu angetan, fördernd auf die Karriere einzuwirken, denn man flöge dabei gar leicht in die Versenkung: als ein sonst ganz tüchtiger Beamter, der jedoch in schwierigen Situationen des nötigen Taktgefühls ermangelte!
Diese offensichtlich wohlgemeinte Bemerkung zeitigte zunächst die Folge, daß Herr Provisor Kellmigkeit sich am Nachmittag im Stadtwäldchen mit einem verrosteten Revolver „auf Pistolen einpaukte“, bis ihm der städtische Polizeiwachtmeister die Fortsetzung dieser gefährlichen Uebung untersagte. Die Herren Steueramtsassistenten aber sowie der Referendarius Meyer fanden mit einem Male, daß ihr sonst gewiß recht schätzenswerter Vorsitzender in diesem Falle einen bedauerlichen Mangel an Taktgefühl gezeigt hätte. Wo kühle Zurückhaltung allein am Platze gewesen wäre, hätte er einen plumpen und geschmacklosen Vorstoß inszeniert. Man diskutierte ernsthaft die Frage, ob es angängig wäre, ihn noch länger auf dem immerhin verantwortlichen Posten eines Präsidenten zu belassen, und stellte einstimmig fest, daß von ihm allein die erste Anregung zu dieser verhängnisvollen Demonstration ausgegangen wäre. Man selbst huldigte gar nicht so extremen Anschauungen, ein jeder vielmehr entsann sich plötzlich, unter den Juden auch recht anständige Kerle getroffen zu haben, und schließlich bezeugte man sich gegenseitig, auch in diesem Falle eine derartig korrekte Haltung bewahrt zu haben, daß man selbst bei einem tödlichen Ausgange des bevorstehenden Zweikampfes keine Maßregelung von seiten der vorgesetzten Behörde zu fürchten hätte.
Als der Herr Provisor sich am runden Tische des Grand Hotel de Russie zum gewohnten Abendschoppen einfand, stieß er zu seiner großen Ueberraschung auf verlegene und verfrorene Mienen. Seine Versicherung, er würde den „kleinen Judenknaben“ am nächsten Morgen mit einem tadellosen Blattschusse zur Strecke bringen, begegnete durchaus nicht der erwarteten freudigen Zustimmung, und gegen zehn Uhr fand unter nichtigem Vorwande ein allgemeiner Aufbruch statt. Nur der Steueramtsassistent Annuschat in seiner Eigenschaft als Sekundant und der trinkfeste Kreisarzt, den man notgedrungen ins Vertrauen hatte ziehen müssen, weil er bei dem bevorstehenden Zweikampfe als Paukdoktor fungieren sollte, blieben sitzen. Die Unterhaltung aber war wenig dazu angetan, den ohnedies schon nicht erheblichen Mut des Herrn Provisors zu steigern, denn der Kreisarzt verbreitete sich in längeren Ausführungen über Wundverletzungen im allgemeinen und Geschoßwirkungen im besonderen. Und er tadelte es heftig, daß bei Pistolenduellen nicht die verhältnismäßig humanen, modernen Hinterlader gebraucht würden, sondern die gänzlich veralteten „Vorderstopfer“, deren Projektile die unangenehme Eigenschaft besäßen, Teile der mit Milliarden von Bazillen infizierten Bekleidung in den Wundkanal zu reißen. Die Folge aber wäre bei leichten Verletzungen eine langwierige Eiterung, bei schwereren hingegen, trotz aller ärztlichen Kunst, ein exitus letalis, ein tödlicher Ausgang. Denn gegen eine Wundinfektion mit Tetanusbazillen z. B., den Erregern des so gefürchteten Starrkrampfes, besäße die moderne Medizin noch immer kein wirksames Mittel.
Der Herr Provisor lächelte dazu, trank aber einen Magenbittern nach dem andern, angeblich, um am andern Morgen eine ruhige Hand zu haben, in Wirklichkeit aber, weil die mit praktischen Beispielen aus der medizinischen Literatur belegten Schilderungen des Kreisarztes in ihm neben einem starken körperlichen Unbehagen eine seelische Zwangsvorstellung ausgelöst hatten. Er sah sich plötzlich mit einem gewaltigen Loche im Leibe am Boden liegen. Der Doktor aber beugte sich über ihn.
„Ja, mein lieber Herr Kellmigkeit, da ist nichts zu machen! Die verdammte Bleikugel hat Ihre halbe Hose in den Wundkanal hineingerissen. Wenn Sie in dieser Zeitlichkeit noch einiges zu ordnen haben, besorgen Sie’s ungesäumt. In drei Tagen sind Sie ein stiller Mann!“ ...
Da erhob er sich, wünschte den beiden Herren eine geruhsame Nacht und erklärte, er hätte vor der morgigen Entscheidung noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Einen Brief an die „alte Dame“, etliche noch immer unbezahlte Rechnungen aus seiner feucht-fröhlichen Studentenzeit und eine ganze Schublade voll Dokumente von zarter Hand, die ein Gentleman unmöglich indiskreten Augen aussetzen dürfte.
Dabei fuhr er sich mit vielsagendem Blicke durch die spärlichen Haare und schüttelte den Insassen des runden Tisches, die sich mittlerweile um die Person des „zufällig vorbeigekommenen“ Herrn von Bergkem vermehrt hatten, die Hand.
Dieser aber erwiderte den Händedruck mit besonderer Herzlichkeit, und seine Stimme klang leicht umflort, als er, unbeschadet natürlich seiner offiziellen Stellung als Sekundant der Gegenpartei, dem „Genossen froher Stunden“ den Rat erteilte, sich für alle Eventualitäten gerüstet zu halten. Dieser jüdische Referendarius wäre ein Teufelskerl, in allen Sportkünsten wohl erfahren und ein Schütze, vor dem man selbst als erfahrener Weidmann den Hut ziehen müßte. Vor seinen Augen hätte er mit einer Zimmerpistole ein Pik-As so zerschossen, daß das Mittelstück der Karte ein einziges Loch bildete, und nachdem er, Heino von Bergkem, sich zu seinem Bedauern davon überzeugt hätte, daß die alten Mensurpistolen seines Vaters ungefähr dieselbe Schaftlage besäßen wie die tägliche Uebungswaffe des Referendars Brenitz, sähe er dem kommenden Morgen mit einiger Besorgnis entgegen. Der Herr Provisor erwiderte darauf mit grünlichem Lächeln, im Ernstfalle pflegte doch die „Mensurpraxis“ zu entscheiden, die Ruhe und Besonnenheit des kampferprobten Fechters, und erzählte rasch noch zwischen Tür und Angel, wie er als Erster der „Pharmazeutia“ in Königsberg, einer farbentragenden Vereinigung studierender Apotheker, den Fechtwart der „Germania“ im Zweikampfe auf schwere Säbel „hinabgetan“ hätte. Der lange Heino versetzte darauf, eine heimtückische Kugel wäre doch etwas anderes als ein ehrlicher Säbelhieb, den man im Notfalle mit einer starken Schädeldecke parieren könnte, ohne Gefahr für Leib und Leben, und Herr Kellmigkeit empfahl sich mit der Bemerkung, was der kommende Tag auch bringen möge, er sei sich jedenfalls bewußt, für eine gerechte und tief im Nationalempfinden des deutschen Volkes wurzelnde Sache zu fechten. Er schloß mit einem Zitate, das ihm einmal in dem Feuilleton einer reichshauptstädtischen Zeitung gar mächtig imponiert hatte: „Qui vivra verra!“ Danach schlug er mit seinem Spazierstocke eine elegante Terz. Draußen aber auf dem nachtdunklen Marktplatze stimmte er mit lauter Stimme den uralten Schlachtgesang an, den die Füchse der „Pharmazeutia“ am frühen Morgen eines Mensurtages zu singen pflegten:
„Wir reiten still, wir rei-eten stumm,
Wir reiten ins Verderben! ...
Wie weht so kühl der Mo-orgenwind,
Frau Wirtin noch ein Gla-as geschwind,
Vorm Sterben ... vorm Sterben ...“
Der Nachtwächter gesellte sich zu ihm mit der besorgten Frage, ob er ihn über die gefährlichen Untiefen des Marktplatzes gegen Erlegung eines Trinkgeldes nach dem sicheren Hafen der Apotheke geleiten sollte, der Herr Provisor aber schluchzte in betrunkenem Elend auf: „Hol’ Sie der Teufel, kommen Sie lieber morgen zu meinem Begräbnis!“
Und während er in wehmütiger Stimmung dem roten Lichtlein zuschwankte, das zu Häupten eines goldenen Engels flackerte, führte der Schalksnarr Heino im Hotel de Russie mit dem Kreisarzte und dem Sekundanten allerhand tiefsinnige Gespräche über die letzten Fragen des Menschentums, Sterben und Vergehen, Auferstehung und Fortleben nach dem Tode, bis der schlaftrunken in einer Ecke lehnende Herr Kalinski erklärte, er könnte sich länger nicht mehr auf den Füßen halten, müßte unter allen Umständen „Kasse machen“.
Fahles Frühlicht drang durch die Scheiben und mischte sich mit dem Scheine der blakenden Petroleumlampe über dem runden Tische, draußen aber, in Dachrinnen und auf dem Eisengitter der kranzhaltenden Viktoria des Kriegerdenkmals lärmten mißtönend die Spatzen. Da stand der Herr von Bergkem auf und reckte gähnend die langen Arme in die von Zigarrenrauch geschwängerte Luft:
„Meine Herren, war’s heute nicht recht nett in unserem geliebten Stradaunen? Ordentlich großstädtisch ging es zu mit Automobilgehupe und dem Zusammenstoß feindlicher Weltanschauungen! Und was meinen Sie, Herr Doktor, wo werden wir die Leiche des Herrn Provisors Kellmigkeit waschen, wenn der Brave, von jetzt an gerechnet, in anderthalb Stunden als ein Opfer seiner Ueberzeugungen den Märtyrertod stirbt?“
Der Herr Steueramtsassistent Annuschat, der seit dem Mittag unter Alkohol stand, sah ihn verständnislos an. Der trunkfestere Kreisarzt aber erwiderte mit schwerer Zunge: „Scheußlich, ei ... einfach scheußlich! Früher wurde so ein K ... Kerl glatt verbrannt!“
„Ja,“ sagte der lange Heino, „das war entschieden gesünder! Aber der Herr Provisor gehört so vielen Vereinen an, daß ich mich der Hoffnung hingebe, er ist auch Mitglied des Bundes für Feuerbestattung. Guten Morgen, meine Herren!“
Der Kreisarzt wollte erwidern, daß er eigentlich den andern gemeint hätte, aber der Herr von Bergkem war schon draußen, schritt mit hochgeklapptem Rockkragen über den Marktplatz seiner Wohnung zu. Pfiff vergnügt vor sich hin, denn das war wieder einmal ein Tag nach seinem Herzen gewesen. All die Philister im Städtchen hatte er gehörig durcheinander gewirbelt, ihnen gezeigt, was für Hohlköpfe sie waren. Seinen Hauptwitz aber sparte er für den feierlichen Augenblick des Zweikampfes auf. Nicht so sehr aus übermütiger Lust an allerhand Fastnachtsstreichen, als aus mitleidigem Herzen. Da oben im ersten Stockwerke des Hotels de Russie saß ein netter kleiner Kerl am Schreibtische, ordnete Papiere und zimmerte an einem umfangreichen Testamente, weil er trotz allen freundlichen Zuredens der Ueberzeugung war, er müßte bei dem bevorstehenden Duelle sein junges Leben lassen. Der Teufel mochte wirklich wissen, wie der tückische Zufall sein Spiel trieb. Eine Bleikugel riß ein böses Loch, und gar manchmal schon war der Bessere gefallen. Also war es am geratensten, man schaltete den blinden Zufall aus und setzte sich selbst an die Stelle einer freundlich waltenden Vorsehung, die über Gerechte und Ungerechte die schützende Hand hielt: Man sorgte dafür, daß im entscheidenden Augenblicke die Pistolen nicht losgingen.
Und als er seine bescheidene Junggesellenwohnung im Hause des Kaufmannes Pollnow erreicht hatte, klopfte er mit hartem Knöchel an die Schlafzimmertür seiner Wirtin, einer ehrsamen Briefträgerwitwe:
„Frau Wengoborski, rasch, kochen Sie mir einen ordentlichen Kaffee! Ich will auf ’nen Rehbock. Dann aber pumpen Sie mir zwei dünne Nähnadeln!“
„Um Gottes willen nein, Herr Baron,“ erwiderte die Wirtin und erhob sich von ihrer Lagerstatt, „wollen Sie sich am End’ in aller Herrgottsfrühe Hosenknöpfe annähen?“
„Dieses nun weniger,“ sagte der lange Heino, „vielleicht aber einer alten Dame, die mit ihrer großen Schneiderschere gewohnheitsmäßig Fäden abschneidet, ein bißchen ins Handwerk pfuschen.“
Und in seinem Zimmer versenkte er sorgfältig die beiden Nadeln in die Pistons der Duellpistolen, brach sie ab und verwischte ebenso sorgfältig die Spuren seiner Tätigkeit mit einer Fingerspitze voll Staub, den er vom Ofensims holte. Als er sich aber durch mehrmaliges Abfeuern eines Kupferhütchens davon überzeugt hatte, daß die Zündkanäle der beiden Waffen gründlich verstopft waren, schmunzelte er stillvergnügt vor sich hin, denn er allein wußte jetzt, daß der bevorstehende „Zweikampf“ kein Opfer fordern würde. Um den einen wäre es schade gewesen, für den anderen aber war schließlich die ausgestandene Todesangst Strafe genug ...
Gegen fünf Uhr des Morgens setzte aus wolkenverhangenem Himmel ein dauerhafter Landregen ein, der Wald und Flur in einen trüben Schleier hüllte, und der lange Heino zog zur Vorsorge einen Gummimantel an, als er sich anschickte, seinen Paukanten mit dem Pistolenkasten unter dem Arm aus dem Hotel de Russie abzuholen. Peter Brenitz erwartete ihn schon auf der Freitreppe, bleich von der schlaflos verbrachten Nacht, aber leidlich gefaßt, und während sie sich begrüßten, konnten sie sehen, wie die Mitglieder der Tischgesellschaft Masovia sich von dem Portale der Kirche, die man wohl als allgemeinen Treffpunkt ausersehen hatte, nach dem nahen Stadtwalde in Bewegung setzten. Paarweise schritten sie unter aufgespannten Regenschirmen dahin, in dunkeln Ueberröcken und friedlichen Zylinderhüten.
Peter Brenitz hob mit trübem Lächeln die Hand.
„Da! Sieht’s nicht wie ein Leichenzug aus, der einem unsichtbaren Sarge folgt? Wem mag es wohl gelten? Mir oder dem andern?“
„Hm,“ sagte der Herr von Bergkem ernsthaft, „das möchte ich nicht so ohne weiteres entscheiden. Sie haben — das steht nun mal fest — für das nasse Wetter viel zu dünnes Schuhwerk an und werden sich bei dem Zweikampf bestimmt einen Schnupfen holen. Von da aber bis zu ’nem Begräbnis ist immer noch ein ganzes Ende!“ Und als Peter ein wenig gekränkt vor sich hin sah, fügte er hinzu: „Nichts für ungut, Herr Kollege, mir fehlt eben jede Anlage zum Pathos. Wo andere sich entrüsten oder begeistern, sehe ich fast immer die komische Seite. Sie aber grübeln zu viel, und trotzdem ich Sie erst ein paar Stunden kenne, möchte ich wetten, Sie haben noch nie in Ihrem Leben einen dummen Streich gemacht!“
Peter nickte. „Dazu hatte ich vielleicht keine Zeit. Aber wenn alle so dächten wie Sie, Herr Kollege, wo bliebe da der Fortschritt der Menschheit? Und wer keine Fähigkeit besitzt, sich für ein Ideal zu begeistern, muß doch rettungslos im Schlamme des Alltags ertrinken?!“
Der lange Heino zuckte mit den Achseln.
„Larifari, Fortschritt der Menschheit! Der kommt ganz von selbst, wenn jeder von uns ein tüchtiger Kerl ist und an dem Platze, an den ihn das Schicksal gestellt hat, seine Pflicht und Schuldigkeit tut. Aus der Summe der also geschaffenen Werte ergibt sich auch ein stetiger Fortschritt, denn es findet eine Mehrung unseres Kulturbesitzes statt. Was aber die Frage der Begeisterungsfähigkeit anlangt, so reden wir ein bißchen aneinander vorbei. Ich kann mich auch begeistern, freilich für andere Dinge in der Regel als die Mehrzahl unserer Zeitgenossen. Wenn bei politischen Parteiversammlungen zum Beispiel der Redner allen Andersdenkenden die „Maske der Heuchelei vom Gesichte reißt“ oder unter dem Beifallsgebrüll seiner Parteifreunde den schnöden Eigennutz der andern „geißelt“, muß ich immer lachen, denn ich sehe deutlich, daß — der Klempnermeister Pigulla meinetwegen — beim Bravoschreien nach dem Vorstandstische schielt, ob seine patriotische Begeisterung auch gebührend bemerkt wird. In den nächsten Tagen gelangen nämlich die Arbeiten am neuen Schulhause zur Vergebung! ... Wenn ich aber in der Zeitung lese, daß irgendwo im fernen Indien ein kleiner Doktor gestorben ist, weil er in Pesthöhlen einen neuen Bazillus zu greifen gedachte, sehen Sie, da läuft mir ein Schauer über den Rücken vor Begeisterung. Der kleine Doktor ist vielleicht auch nur in den Pesthöhlen herumgekrochen, weil er ein berühmter Mann werden wollte. Ist egal! Aber an seinem Platze war er ein ganzer Kerl und hat mehr für den „Fortschritt der Menschheit“ getan als alle, die mit geschwollenen Worten davon reden, schreiben oder predigen! ... Und vielleicht liegt auch auf einem ähnlichen Wege“, so fuhr er mit einem Gedankensprunge fort, „eine Lösung der Frage, die Ihnen ja am allermeisten am Herzen liegt. Seht nicht immer so viel zu uns hinüber, sondern nötigt uns durch besondere Leistungen Achtung ab. Vielleicht kommen wir dann ganz von selbst zu Euch!“
„Wie sollten wir wohl,“ warf Peter Brenitz bitter ein, „wenn uns die Mehrzahl aller Berufe verschlossen ist!! Nicht durch das Gesetz, aber durch ein Vorurteil, das stärker ist als alle Gesetze?!“
Der lange Heino lachte auf, und als der andere verwundert emporblickte, machte er eine entschuldigende Gebärde.
„Verzeihen Sie, ich bin kein berufsmäßiger Weltverbesserer, und eben fiel mir etwas Schnurriges ein. Als ich in unserer Kreisstadt Lyck die Schulbank drückte, hatten wir in der Untersekunda einen Juden namens Salomon. Ich gehörte auch nicht gerade zu den kleinsten, aber ich reichte ihm gerade bis zum Ohrläppchen, und der Kerl hatte Bärenkräfte, daß er uns am ausgestreckten Arm den Aufschwung machen ließ. Aus dieser Zeit stammen vielleicht meine ersten philosemitischen Regungen, denn der p. Salomon prügelte jeden Andersdenkenden windelweich.“
Da mußte Peter mitlachen und trug’s dem Herrn von Bergkem nicht nach, daß er Fragen, die ihm an das Innerste seines Wesens rührten, im oberflächlichen Plaudertone behandelte. Und von da an setzten sie ihren Weg schweigend fort. Der lange Heino überlegte, wie die bevorstehende Mensur wohl am besten mit einem möglichst zeremoniellen Brimborium zu umgeben wäre, und Peter sann darüber, daß er vor wenigen Tagen ein ähnliches Gespräch geführt hatte. Ein wenig verschieden in der äußeren Form, aber im Inhalt gleich. Und er nahm sich vor, bei dem Zweikampfe eine recht würdige Haltung zu bewahren, um sich die Achtung der Gegenpartei zu erringen. Im kritischen Augenblicke gedachte er natürlich in die Luft zu schießen, denn es verlangte ihn nicht nach dem Blute seines Gegners. Wenn er aber mit der Wunde in der Brust auf dem grünen Rasen lag, sollte sein letzter Gruß einer gelten, die ihn in diesen Stunden mehr als alles andere beschäftigt hatte. Blaue Augen hatte sie über einem feingeschnittenen Näschen, so viel er hatte erkennen können, und über blonden Haaren wehte ein kurzer blauer Schleier im Wind ... Gar zu gerne hätte er sich bei seinem Begleiter nach ihr erkundigt, aber er fürchtete die lachende Gegenfrage: „Nanu, Herr Kollege, Sie haben sich vor Ihrem seligen Ende doch nicht etwa rasch noch verliebt?“ ...
Die vorausziehende Gegenpartei hielt auf einer kleinen Lichtung, Peter blieb auf das Geheiß seines Sekundanten am Rande stehen, und der lange Heino näherte sich mit formellem Gruße der ein wenig ratlos in der Mitte haltenden Gruppe. Er zog den verregneten Hut:
„Wir von unserer Seite sind bereit!“
„Na schön,“ sagte der zum Unparteiischen erwählte Referendarius Meyer, „dann können wir ja anfangen!“
Danach aber entstand ein peinliches Schweigen, denn Herr Meyer hatte sich zwar am Abend vorher über seine Funktionen von der Autorität in Ehrenfragen, dem Steueramtsassistenten und Vizefeldwebel der Reserve Annuschat, informieren lassen, als es aber Ernst wurde, versagten seine mühsam erworbenen theoretischen Kenntnisse. Und weil er sich nicht anders zu helfen wußte, sagte er mit verlegenem Lächeln:
„Ach, Herr Kollege von Bergkem, Sie sind wohl so liebenswürdig, die erforderlichen Arrangements zu übernehmen?“
„Ich bedaure,“ erwiderte der lange Heino kühl, „das ist ausschließlich Sache des Herrn Unparteiischen. Hier sind die Waffen, zu deren Besorgung ich mich verpflichtet hatte,“ damit setzte er den Pistolenkasten vor dem Referendar Meyer nieder. „Alles übrige liegt jetzt in Ihrer Hand, Herr Kollege!“
Er trat zu seinem Paukanten zurück. In dem Kreise der Gegenpartei aber steckte man die Köpfe zusammen und nach einer längeren Belehrung durch den Steueramtsassistenten trat Herr Meyer endlich vor.
„Ich mache die Herren Paukanten darauf aufmerksam, daß es meine Pflicht ist, einen Versöhnungsversuch zu veranstalten.“
„Von unserer Seite aus abgelehnt,“ sagte der lange Heino.
„Na schön,“ bemerkte wiederum Herr Meyer und begab sich nach der empfangenen Instruktion an die Abmessung der Entfernung. Sprang dreimal je fünf Schritte ab und bezeichnete die Grenzen durch abgebrochene Zweige. Der Herr von Bergkem jedoch erklärte sich nicht einverstanden, schätzte die Entfernung für viel zu weit und verlangte im Auftrage seines Paukanten eine kürzere Bemessung.
„Sie wollen wohl mit Gewalt,“ flüsterte ihm der Referendar Meyer zu, „daß bei der Sache ein Unglücksfall vorkommt?“
„Das ist allerdings unsere feste Absicht,“ erwiderte der Herr von Bergkem. „Wenn Herr Provisor Kellmigkeit nicht die gleichen Intentionen hegen sollte, hätte er sich’s gestern überlegen müssen!“
Er trat mit höflichem Gruße zurück und sah zu seiner innigen Befriedigung die spitze Nase des Herrn Provisors noch um ein Endchen länger werden, während sich um die hohlliegenden Augen grünliche Schatten breiteten. Sein eigener Paukant sah auch nicht gerade festlich aus in seinem verregneten Sommerröckchen, aber er bewahrte wenigstens äußerlich eine korrekte Haltung ....
Es folgte das Laden der Pistolen, bei welchem schwierigen Geschäfte Heino notgedrungen aushelfen mußte, denn in der Behandlung von Vorderladern wußte selbst der Herr Steueramtsassistent Annuschat nicht Bescheid, und endlich standen sich die beiden Duellanten mit der Waffe in der Hand gegenüber. Der Kreisarzt hatte unter dem Schutze einer überhängenden Tanne sein schweres Besteck entfaltet, die Hähne über den blank funkelnden Zündhütchen waren verderbendrohend gespannt, vom trüben Himmel rann unablässig der feine Regen, und die Corona der Zuschauer, die sich zum Rande der Lichtung gezogen hatte, wartete bangen Herzens auf das Kommando des Unparteiischen.
Statt dessen erscholl aus der dichten Kiefernschonung, die die Lichtung von der einen Seite umgab, eine gewaltige Stimme:
„Halt, im Namen des Gesetzes, halt!“
Gleich danach aber arbeitete sich die dicke Figur des städtischen Polizeiwachtmeisters durch die regennassen Zweige, gefolgt von Herrn Popiella, dem Wirte des Grand Hotel de Russie, trat in die Mitte und schrie:
„Halt und nochmal halt! Wer sich von der Stelle rührt, ist verhaftet!“
Der lange Heino war der erste, der sich von der plötzlichen Ueberraschung erholte.
„Nanu, Herr Wachtmeister, und weshalb stören Sie uns in unserm harmlosen Vergnügen? Das Ganze ist nämlich nur eine Wette, weil der Herr Provisor behauptet hatte, er schieße besser als Herr Brenitz!“
„Hat sich was mit Wette,“ sagte der Wachtmeister, „und mich machen Sie ja nicht dumm, Herr Baron! Das hier ist eine zweikämpferische Vergehung gegen das Strafgesetzbuch, Sie kriegen alle zu sitzen, meine Herren, und infolge eingegangener Anzeige werde ich jetzt die Corpusse Delikti konfiszieren!“
Der Herr von Bergkem wandte sich lachend zu dem Wirte des Grand Hotel: „Ihnen also, Herr Popiella, verdanken wir diese Störung unseres morgendlichen Spazierganges?!“
„Na nu, nein,“ erwiderte der Brave und schickte einen zornigen Blick zu dem Herrn Provisor hinüber, „wenn Sie, und Sie haben einen Gast, der bei Ihnen fest auf drei Monate gemietet hat, würden Sie sich den so mir nichts dir nichts totschießen lassen?“
„Nein,“ versetzte der lange Heino, „und das ist ein sehr vernünftiger Standpunkt, viel vernünftiger als manches, was in den letzten vierundzwanzig Stunden hier von den verschiedensten Seiten vertreten wurde!“ Er steckte die Hände in die Taschen seines Regenmantels und sah sich lachend um.
„Na, meine Herren! Sollen wir den Spaß noch einmal wiederholen oder wäre es vielleicht angebracht, jetzt zu einer restlosen Versöhnung zu schreiten? Ein zweites Paar Pistolen habe ich nicht zu versenden, und beide Paukanten haben ja gezeigt, daß sie zu ernsthaftem Austrag ihres Handels entschlossen waren!“ ...
Da übergab Herr Kellmigkeit als erster seine Waffe dem dicken Polizeiwachtmeister, schritt auf den Referendar Brenitz zu und zog mit würdevoller Verneigung den Hut. Jetzt ging’s ans Reden, und das lag ihm als geborenem Vereinspräsidenten besser als der Umgang mit Schußwaffen.
„Herr Brenitz, zu meinem Bedauern bin ich um die Ehre und das Vergnügen gekommen, mit einem ritterlichen Gegner die Waffen zu kreuzen, aber wie sagt der Lateiner? „Et in magnis voluisse sat est.“ Nehmen wir den Willen für die Tat und betrachten die Angelegenheit als erledigt. Ich revoziere meinerseits alle irgendwie beleidigenden Aeußerungen, strecke Ihnen die Hand zur Versöhnung entgegen und erwarte von Ihnen das gleiche!“
Peter war von dem plötzlichen Umschwunge der Ereignisse so benommen, daß er sich auf eine stumme Erwiderung des Händedruckes beschränkte. Der lange Heino aber warf in gemachter Begeisterung den Hut in die Luft, schrie mit gewaltiger Stimme: „Ein donnerndes Hoch unseren edelmütigen Herren Duellanten. Sie leben einmal hoch, noch ’mal hoch, und zum drittenmal hoch!“
Die Corona stimmte jubelnd ein, einschließlich des Polizeiwachtmeisters, der bei dem feierlichen Vorgange eine ähnliche Erhebung empfand wie bei festlichen Veranstaltungen des Kriegervereins, nur das fehlende Absingen der Nationalhymne störte ihn am Schlusse. Und alles atmete erleichtert auf, nicht zum mindesten die Herren Steuerbeflissenen, denn der unblutige Ausgang der „unerquicklichen Affäre“, wie sie Herr von Bergkem treffenderweise genannt hatte, bewahrte sie vor einer hochnotpeinlichen Untersuchung, ob sie im gegebenen Falle nicht des erforderlichen, für die Erreichung höherer Rangstufen unbedingt nötigen Taktgefühls ermangelten. Als daher Herr Popiella den Vorschlag machte, in Anbetracht des feuchten „Klimas“ auf den Schreck ein ordentliches Glas Grog zu setzen, fand er allseitige Zustimmung, und in schönster Harmonie wurde der Rückweg zum Städtchen angetreten. Nur die Zugfolge war ein wenig anders als auf dem ungemütlichen Hinwege.
Voran schritt der dicke Herr Polizeiwachtmeister mit einer großen Zigarre im Munde, flankiert von dem Baron von Bergkem und dem Besitzer des Grand Hotel de Russie, die ihm beide auseinandersetzten, das Ganze wäre doch eigentlich ein lustiger Streich gewesen, nicht wert, daß sich eine hohe Behörde darum echauffierte. Und der Herr Polizeiwachtmeister neigte als Privatmann ihrer Meinung zu, offiziell aber gedachte er den Widerstreit zwischen menschlicher Nachsicht und strenger Beamtenpflicht erst nach dem dritten Glase Grog im Sinne der Milde zu entscheiden. Einmal war er das seiner Würde schuldig, zum zweiten aber war der Polizist sozusagen doch auch ein Mensch. Wenn man ihn zu nachtschlafender Zeit in ein solches Hundewetter hinaustrieb, mußte man doch auch dafür sorgen, daß er an seiner Gesundheit keinen Schaden nahm ...
Den Beschluß des Zuges bildete der Herr Provisor mit seinem vormaligen Duellgegner. Der Zufall hatte es wohl gefügt, daß sie zusammenkamen, aber Herr Kellmigkeit nahm dankbar die Gelegenheit wahr, sich vor „zuständiger Stelle“ über seine Haltung gegenüber dem Antisemitismus im allgemeinen und dem Herrn Brenitz im besonderen auszusprechen.
Und da ergab es sich, daß er seinen vielbemängelten Antrag in der Tischgesellschaft Masovia lediglich aus prinzipiellen Gründen gestellt hätte, erst durch die „ewigen Witzeleien“ des Herrn von Bergkem hätte die Angelegenheit eine so persönliche Zuspitzung erfahren, wie denn dieser Herr überhaupt ein recht unbequemes Mitglied wäre, nur mit größter Vorsicht zu genießen.
Peter Brenitz hörte mit höflichem Schweigen und ohne Widerspruch zu, nur wollte es ihm scheinen, als wenn der Lauf der Verhandlungen in der Tischgesellschaft ein wenig anders gewesen wäre. Er akzeptierte dankend die Einladung, sich von nun an „voll und ganz“ als Mitglied zu fühlen, aber ein heißer Dankesblick flog zu dem an der Spitze des Zuges Schreitenden hinüber, der die anderen alle um Haupteslänge überragte. ...
An den ersten „Erwärmungsgrog“ im Hotel de Russie schloß sich auf Vorschlag des Herrn Popiella eine Versöhnungsbowle aus Türkenblut, einem Gemisch aus Porter, Sekt und Kognak, das abscheulich schmeckte, in hohem Grade aber die Eigenschaft besaß, Männerherzen fröhlich zu stimmen. Trinksprüche wurden gewechselt, und mit einem Male — der Polizeiwachtmeister war unter Obhut des Herrn Kalinski in das Bürgerzimmer abgeschoben worden — stand ein Würfelbecher auf dem Tische. Eine Tafel mit Zahlen wurde ausgebreitet, und Herr Referendarius Meyer übernahm zu einem „harmlosen kleinen Frühschoppenspielchen“ die Bank. Die Gesellschaft drängte sich zusammen, in die Augen trat ein Funkeln, und Silberstücke schoben sich auf die Tafel. Der Bankhalter schüttelte rasselnd den Becher ... „drei gewinnt, meine Herren,“ strich ein und zahlte aus. Peter wollte sich still entfernen, aber ein paar Hände griffen nach seinem Rock, „Halt, hiergeblieben! Und mitgefangen, mitgehangen!“ Da setzte er sich wieder hin. Das starke Getränk tat seine Wirkung, und er verspielte, was er bei sich trug. Der Referendarius Meyer aber mußte sich einen Suppenteller geben lassen, um seinen sich häufenden Gewinn zu bergen, und Peter sah wie durch einen Schleier, daß der lange Heino nach öfterem Verluste den Wirt oder den Oberkellner beiseite nahm, um mit heißem Gesichte weiter zu spielen. Da zog sich ihm das Herz zusammen, und ihm war zumute, als wäre auf ein liebes Bild ein häßlicher Fleck gefallen. — — — —