ANDREAS VON BALTHESSER AN DIE GRÄFIN F.
Gnädigste Gräfin!
S
Sie verlangen in Ihrer beneidenswerten ländlichen Einsamkeit von mir einen Bericht über Abenteuer. Hier ist einer, und zwar von der mir sympathischesten, der ironischen Sorte.
Gestern abend — ich hatte um vier Uhr bei Trautensteins diniert, um sechs meinen Tee getrunken und wollte mich eben zum Besuch der Oper umkleiden — trat mein Bedienter ein, und da ich mich unwillig (ich liebe keine Überraschungen, und Benedikt respektiert meinen strengen Befehl, mich ungerufen so selten als möglich mit seiner Anwesenheit zu belästigen) ihm entgegen wendete, meldete er in der steifen Haltung, die ich ihm mit einem unsäglichen Aufwande von Geduld beigebracht habe, Herr von Haller wünsche mich sogleich zu sprechen. Nun wußte ich zunächst, ich würde eine unbequeme, weil beobachtete Toilette machen, die notwendigerweise in meinem Sinn unvollkommen geraten müßte, des weitern mindestens die Ouvertüre zu Carmen versäumen und bei bereits verdunkeltem Hause, was ich um der Orientierung in der Umgebung willen durchaus verabscheue, in meine Loge treten, endlich, Ernst Haller, der überlaute, in seinen Mitteilungen auf eine peinliche Art unbeholfene Mensch, werde mich beunruhigen, vielleicht um die ganze, mühsam aus einem nicht allzu bequemen Tage gerettete Stimmung bringen. Ich war äußerst ungehalten und herrschte den geradezu delikat rasierten und mich dadurch nur um so unerwünschter an mein gestörtes Vorhaben gemahnenden Bedienten, indem ich die Hand von der Klinke des Ankleidezimmers sinken ließ, in einem mir selbst widerwärtigen überhasteten Tonfall an: „Und du hast gesagt, ich wäre zu Hause?“
„Euer Gnaden haben mir nicht befohlen, Euer Gnaden zu verleugnen!“
„Esel, immer sollst Du mich verleugnen!“
Sofort auch ärgerte ich mich schon dieser nicht überlegten, nur durch den tyrannischen Widerspruchsgeist des Befehlenden hervorgereizten, kommenden Tages mit aller mir zu Gebote stehenden Macht niederdrückender Überzeugungssicherheit füglich zu widerrufenden Worte.
Aber Ernst von Haller stand bereits in der Tür. (Er hat eine Art, Türen aufzureißen, die nach der Reitpeitsche verlangt.) Ich sammelte mich mühsam. „Guten Abend,“ sagte ich und wandte mich voll ihm zu. Mir fiel die Unordnung in seinem Anzug auf. Er, der sicherlich zu den an den Fingern einer Hand geläufig herzuzählenden Menschen gehört, die sich hier zu kleiden wissen, erschien da mit einer an Künstler und Examinanden gemahnenden zerrütteten Haartracht, geöffnetem Wintermantel, geöffnetem Gehrock; der Zylinder war — ich sah es an den Spiegellichtern seiner Flächen — aufgerauht. Benedikt verharrte, sichtlich erbleicht, da Haller ohne Aufforderung eingetreten war, in abwartender Stellung. Ich wollte ihn nicht allsogleich sich entfernen lassen, um wenigstens die Einleitung der mir unliebsam zu gewärtigenden Unterredung — denn eine Unterredung (wie ich das Wort hasse!) sollte da natürlich sich abspinnen — von ihrer jedenfalls überwältigenden Maßlosigkeit auf das Niveau gesellschaftlichen Nebenbei-Tones herabzustimmen. Doch Ernst Haller ließ mich dieses Mittel gar nicht erst in Betracht ziehen. Er begann unvermittelt und mit einem fast theatralischen Heranschreiten: „Ich bitte dich in einer dringenden Angelegenheit....“
„Du kannst gehen“, hatte ich noch Zeit, meinem Diener winkend zuzurufen, sonst hätte der Kerl aus dem Repertoir von Tagesblättern und Lieferungsromanen eine willkommene Gratisgabe erhalten.
Als er sich rasch und lautlos — er darf nie frisch besohlte Schuhe tragen (wie er das anstellt, ist seine Sache) — hinwegbegeben hatte, nötigte ich Haller, dem ich meine für den Abend noch nicht behandelte Hand reichte (wenn ich einmal meine Finger kultiviert habe, lasse ich sie nur in Handschuhen anrühren), auf den einen der beiden mächtigen Lederlehnstühle zu Seiten des mit einem schmiedeeisernen Gitter diskret geschmückten Kamins. Er warf sich zwar so, daß die Federn stöhnten, auf die breite Sitzfläche zwischen den hohen Armstützen, sprang aber auch sofort, als ob es ihn nicht litte, wie ein Gaukler auf und mir fast ins Gesicht. Ich bot ihm — er sprudelte schon eine Menge vager Worte — Zigaretten an. Es wies sie ab.
Kurz, — ich hatte es ja längst geahnt — er hat mich, brüsk und vor mir aufgepflanzt wie bei einer Fechtakademie, nach meinen Beziehungen zu seiner Schwester gefragt. „Ich weiß alles!“ schrie er. (Das ist die dümmste Art, mir beikommen zu wollen.) Und dann ergab sich wie ein gelöst rollender Knäuel Bindfaden die ganze umständliche Geschichte. Es ist zwar bekannt, daß er seine Schwester seit je beargwöhnt hatte. Ich habe auch immer die, wie ich nunmehr sah, gegründete Überzeugung gehegt, daß er uns mindestens beobachten ließe. Aber mich verdroß die, wie gesagt, theatralische Manier, mit der er dieses höchst zwecklose Gespräch in Szene setzte.
Die Baronin Alice Sigmar-Bouvelle ist eine jener Damen, die — wie soll ich mich ausdrücken? — einfach nicht anders können. Sie ist sehr schön, groß, gut gebaut und von dieser unersättlichen blonden Rasse, die so reizend hinter einem müden — darf ich sagen: „Sehnen“? — eine stete, sehr amüsante Glut zu verbergen weiß. Sie ist mir im Grunde so gleichgültig wie meine Uhrkette. Aber die Grazie, mit der sie eine glimmende Zigarette, den Arm leicht über ein Polster gelegt, mit fast geschlossenen Augenlidern betrachtet oder wie sie mit einem federnden Schwung sich von der Handfläche, die man ihrem kleinen Fuß unterschiebt, in den Sattel hebt und niedergleiten läßt, gefällt mir über alle Maßen. Und einmal hatte ich, als sie mir die Hand bot, diese Hand von unten nach oben gedreht und über dem etwas gepreßten Ballen durch den kleinen Ausschnitt im Handschuh geküßt. Dann hat sich alles sehr einfach arrangiert. Es war keine besonders mühsame Geschichte. Und bald langweilte mich die Sache, so leid es mir tat, die bequeme Situation zu verlassen. Kam mir da der Bruder mit dem unangemessenen Aufwande!
Ich zündete mir — es war vorauszusehen, daß ich ja nun doch zu spät ins Theater kommen würde, und die Zähne hatte ich mir nach all dem Gerede, das folgen sollte, gründlichst von neuem zu putzen — ich zündete mir gelassen (wenn ich auch allmählich von der Brust aufwärts gegen den Hals hin leise zu zittern begann) eine Zigarette an und sagte — ich weiß genau die langsamen Worte —, sagte nichts als: „Willst du dich mit mir schlagen?“ Das wirkt immer famos. Er hielt in seiner unablässigen Wanderung zwischen dem Kamin und meinem Schreibtisch, Gott sei Dank, für einen Augenblick inne und sah mich an (ich bemerkte, daß sein Schnurrbart heute nicht gestutzt worden war).
„Ich will Gewißheit,“ sagte er sehr laut. Wieder so ein Wort der Theaterstückeschreiber! „Was für eine ‚Gewißheit‘?“ fragte ich, mich zurücklehnend und den dünnen blaugrauen Rauch in kurzen Stößen aus der Nase entlassend. „Daß du mit meiner Schwester...“ Es kam ihm nicht von der Zunge. Ich begreife das. Mir wäre das auch höchst fatal. „Lieber Freund,“ sagte ich und richtete mich etwas auf (ich hatte den Nacken zu fest an den Hemdkragen gedrückt), „sei nicht böse, aber du bist — entschuldige schon — komisch.“
„Reize mich nicht noch mehr!“ polterte der alberne Mensch wieder.
Ich mußte unwillkürlich lächeln. Er, diese knarrende Windfahne, sprach von „reizen“! „Übrigens hast du gesagt, du wüßtest alles.“ Er beging nun (natürlich!) die große Unvorsichtigkeit, zu entgegnen: „Also doch!“
Da stand ich auf. Ich steckte beide Hände in die Taschen meiner Beinkleider und erhob ein wenig die Stimme: „Lieber Alter, verzeih, wenn ich jetzt etwas sehr Unanständiges mir zu — flüstern erlaube: Ich wollte fast — du wüßtest ‚alles‘; dann — wüßte ich es auch...“ Er war augenscheinlich überrascht. Ich aber, jetzt gut eingefahren, setzte hinzu: „Und die Baronin hat doch einen Mann.“ Er schwieg. Ich bot ihm eine Zigarette an. Er nahm sie geistesabwesend.
„Schau, Ernst, (ich riskierte jetzt den Vornamen, gleichzeitig überlegte ich, ob ich Benedikt rufen sollte, daß er Kognak hereinbrächte), schau Ernst, du bist — du verzeihst schon —, du bist ein Narr. Blamier’ dich nicht! Der Fredi (Alfred Baron Sigmar-Bouvelle ist der glückliche Besitzer meiner ‚Passion‘), der Fredi würde ‚sich kugeln‘“, (ich wählte diese ‚gemütliche‘ Ausdrucksweise, da ich nun die Gewißheit hatte, noch einen Teil der Ouverture von Carmen zu retten, die ich so gerne höre), „wenn wir ihm diesen Besuch erzählten.“ Ernst Haller setzte sich. Ich ließ Kognak bringen. Wir rauchten schweigend.
Endlich bat er mich um Verzeihung. Ich verzieh ihm großartig. Dann begleitete er mich in das Ankleidezimmer. Ich mußte schon ein übriges tun und gnädig sein. Und da ich ihn einlud, mit mir die Oper zu besuchen, verlangte er Kamm und Bürsten und richtete sich etwas menschlicher her...
Ist das nicht ein Abenteuer? Ich gestehe, daß ich es gegen keinen der berühmten Postwagenüberfälle in den noch immer so beliebten, weil im Aussterben begriffenen romantischen Gegenden auszutauschen Lust hätte. Sie werden sich wundern, daß ich die vollen Namen der agierenden Persönlichkeiten genannt habe; noch mehr jedoch, daß Sie diese Namen heute zum ersten Male vernehmen, da Sie, Gräfin, was die hiesige Gesellschaft betrifft, immerhin einige Personen- und Sachkenntnis zu besitzen meinen. Nun denn, verzeihen Sie mir, daß ich Sie — nicht entrüste: sie sind erfunden.
Stets in Verehrung der Ihre
Andreas Balthesser.