ANDREAS VON BALTHESSER ÜBER DEN „DANDY“ UND SYNONIMA
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Man nennt mich einen Dandy. Die Bezeichnung will ich gelten lassen. Aber die Meinung ist falsch. Ich bin ein Dandy. (Freilich noch einiges mehr; aber das Äußerlichste an mir, die für die Menschen sichtbare ‚Zwiebelschale‘ meiner Persönlichkeit ist das Dandytum.) Die Leute fassen jedoch den Begriff ganz oberflächlich auf; dies ist wörtlich zu nehmen: sie begreifen nur seine Oberfläche. Man verwechselt den Dandy mit dem Gecken, dem fat. Wenn Kurzsichtige in mir einen Gecken zu erblicken meinen und ihre primitive Erfahrung in dem Begriffe Dandy endgültig festzulegen, also zu begraben unternehmen, — denn Begriffe begraben das Leben der Erscheinung, während sie anderseits den Gedanken gleichsam erstarren machen, und man braucht solche Krystalle zu Zwecken des vereinfachten Verkehrs — dann sehen die Menschen an mir nichts als etwa den tadellos geschnittenen Rock, den niemals gesprungenen Lack meiner Schuhe, den täglich frisch gebügelten Zylinder und dergleichen Zeichen, die ihren vom empörten Gefühl des Unvermögens getrübten Augen als die Merkmale eines Gecken gelten müssen, weil sie selbst nicht imstande sind, sich auch nur menschlich zu kleiden, geschweige denn die Nüancen der guten Toilette zu begreifen. Daß sorgfältige Kleidung ihren Träger keineswegs zum Gecken stempelt, wird man Menschen von so dürftiger Anschauung niemals klar zu machen vermögend sein. Der Mann, der etwas auf sich hält, im Geistigen wie im Physischen, wird ebenso seinen Intellekt wie seine Nägel pflegen, seine Wäsche ebensowenig wie seine Gedanken vernachlässigen, aber bei all seiner Korrektheit — denn dies ist das gültige Wort — niemals das Impromptu mißachten. Es ließe sich natürlich, pathetisch ausgedrückt, ein Eid darauf schwören, daß die Leute, die den Korrekten mit dem Elegant zu verwechseln blöde genug sind, keine Ahnung davon haben, was es heißt, das Impromptu nicht außer acht zu lassen, und hierin gerade liegt das Wesen des Dandisme. In diesem Sinne sage ich, daß man, wenn man mich einen Dandy nennt, etwas Richtiges ausspreche und doch etwas Falsches darunter verstehe. Ich bin ein Dandy, nicht weil ich korrekt bin, sondern weil ich bei aller Korrektheit niemals das Impromptu außer acht lasse. Der Korrekte, der es außer acht läßt, ist der Gentleman.
Der Dandy ist sich seiner Korrektheit bewußt. Auch der Gentleman ist nicht naiv. Aber der Dandy ironisiert sein Bewußtsein. Der Gentleman ironisiert weder sein Bewußtsein noch irgend etwas auf der Welt. Der Gentleman ist so korrekt, daß er der Ironie einfach unfähig ist, wie einer, der zum Beispiel — nicht schwimmen kann. Der Gentleman „kann nicht schwimmen“: er würde entweder untergehen — höchst korrekt untergehen — oder auf dem Wasser obenauf bleiben, wenn er sehr substanziös ist. Der Dandy ist jederzeit bereit zu schwimmen. Aber er trifft niemals Anstalten dazu. ‚Anstaltentreffen‘ heißt: der Beobachtung zugängliche Anstalten treffen, und der Dandy ist überhaupt nicht zugänglich, am allerwenigsten der Beobachtung.
Es ist selbstverständlich, daß der Dandy sein Bewußtsein über alles stellt. Man wird einen Dandy niemals berauscht sehen, was dem korrektesten Gentleman, wenn das Getränk für ihn zu stark ist, passieren kann. Der Dandy vermeidet zu starke Getränke, womit nicht gesagt sein soll, daß er starke Getränke, sogar die stärksten, ausschlüge, — wenn er sie verträgt, was er weiß. Der Dandy weiß immer, was er verträgt. Der Dandy weiß auch immer, was der andre verträgt. Aber das hält ihn nicht ab, dem andern Dinge zuzufügen, die dieser nicht verträgt, was der Gentleman unfehlbar vermeidet.
Der Dandy ist kein Poseur. Dieser Ausdruck stammt von der Bühne, ist also etwas Grelles, Lautes, Minderwertiges. Er ist dann in die Literatur gekommen und hat dort nicht an Erziehung gewonnen, wie denn überhaupt durch die Literatur die besterzogenen Begriffe verdorben werden. Mit dem Worte Poseur bezeichnet eine ‚höhere‘ Art von brutalen Beobachtern jene Seite des Dandytums, die ich Bewußtsein nenne. Eine Pose aber ist etwas Starres, etwas, das gewissermaßen nur von einer Seite gilt: auf der andern ist die Pose schon „Rückseite“, Soffittenquerholz, Futter. Der Dandy ist von allen Seiten gleich unverdächtig. Verdächtig ist er nur im Innern, — dem nämlich, der selbst die Seele eines Dandy hat. Den andern, Gentlemen und Nichtgentlemen, ist er nicht verdächtig, sondern entweder unangenehm oder angenehm. Das ist, wie alle Geschmacksachen, etwas ganz Persönliches.
Was dem brutalen Beobachter am Dandy unangenehm auffällt, ist seine Vielfältigkeit, die Rundheit, die ihn reizt, weil er eben einseitig, einfältig, eckig ist. Der Dandy ist geschliffen. Er kann alle seine Facetten, indem er sich langsam dreht, erglänzen lassen. Er kann sie funkeln machen und — auslöschen. Aber sie bleiben immer geschliffen.
Der Ungeschliffene haßt instinktiv den Dandy. Der Joviale möchte ihn hänseln, gutmütig ‚aufziehen‘. Von dem Dandy gleitet alles ab. Er ist glatt und immer höflich. Höflichkeit ist glatter als polierter Stahl. Gegen Höflichkeit kann selbst Freundlichkeit nicht ankämpfen. Freundlichkeit haucht die Facetten des Dandy an. Sie werden trüb. Aber nur für einen Moment.
Der Dandy ist vor allem gegen sich selbst höflich. Er weiß, daß nur, wer sich selbst artig behandelt, zu leben versteht. Man darf nicht gegen sich selbst unartig sein, ist ein Prinzip des Dandy, — soweit ein Dandy etwas so Eckiges wie Prinzipien überhaupt an sich duldet.
Der Dandy ist als Dandy nicht „auffallend“. Der Gentleman und der Dandy können auffallen. Auffälligkeit ist etwas Relatives. Wenn ein weißer Bäckerbursch unter Rauchfangkehrern erscheint, fällt er auf. Ein Reiter, der sich aus der Nobelallee in den Wurstelprater verirrt, fällt auf. Es ist sogar möglich, daß man ihn steinigt.
Selbstverständlich spreche ich nicht nur von der Kleidung. Es ist überhaupt nicht oft genug zu betonen, daß die Kleidung — in einem höhern Sinn freilich, als die meinen, die davon nichts verstehen, — wenig in diesen Unterscheidungen besagt. Die meisten Leute, die sich über den Gecken entrüsten, der zu unpassender Gelegenheit z. B. einen grauen Zylinder und weiße Handschuhe trägt, ahnen nicht, daß der unscheinbare Herr daneben ein Dandy ist und mit ihnen den Gecken verachtet, sie selbst aber noch viel mehr, weil sie auch ihn als einen Gecken ansprechen würden, wenn er zufällig — in Renntoilette unter sie geriete.
Wer einem jungen Mädchen die Hand küßt, darf als ein Mensch von schlechten Manieren gelten. Aber nicht jeder, der das unterläßt, ist ein Mensch von guten Manieren. Der Dandy hat die besten Manieren. Der Gentleman muß nicht unbedingt gute Manieren haben. Der Grandseigneur — ein Begriff der alten Zeit, der heute noch sehr gut anwendbar bleibt, leider aber nur noch selten würdige Repräsentanten findet — hat immer gute Manieren, und zwar einigermaßen pompöse. Der Grandseigneur kühlt die Luft ab. Es ist nur an ihm gelegen, sie wieder zu erwärmen. Und dies vermag der Grandseigneur wie kein andrer. Der Grandseigneur muß kein Gentleman, er mag ein Dandy sein, nie wird er ein Geck sein können.
Der Dandy läßt niemals das Impromptu außer acht. Das Impromptu ist das Flüchtigste, Feinste, gewissermaßen der Hauch einer Äußerung. Unter „Äußerung“ will ich nicht notwendigerweise eine Äußerung durch Worte verstanden wissen. Man kann sich durch Blicke und Handlungen, durch Unterlassungen „äußern“. Das Impromptu hat Ehrfurcht vor dem Moment. Es weiß ihm so zu begegnen, daß er liebenswürdig sich fügt. Ein Tausendstel einer Sekunde später — und der Moment hätte sich bereits zurückhalten lassen müssen, was unbedingt respektlos und sehr unliebenswürdig ist, wenn es auch sehr „herzlich“ sein mag. Der Dandy verfehlt nie den richtigen Moment. Er betont ihn nie, betont überhaupt nichts (am allerwenigsten seine Gegenwart), er läßt den Moment sogar verschleiert vorbeigehen, aber er verkennt ihn nie.
Der Enthusiast verkennt häufig den Moment. Stößt er auf ihn, dann ist er unbedingt Sieger. Daß der Besiegte knirscht, ist dem Enthusiasten gleichgültig. Der Dandy ist niemals Enthusiast. Und seine Siege demütigen den Besiegten nie. Freilich sehen sie auch niemals nach einer — Niederlage aus, was dem Enthusiasten manchmal passieren kann. Denn der Enthusiast ist zumeist „gleich darauf“ niedergeschlagen. Diesen jähen Szenen- und Mienenwechsel kennt der Dandy nicht, das heißt an sich nicht. An den andern kennt er alles und richtet sich darnach ein.
Wenn er keine andern Beziehungen hat, unterhält der Dandy um so freundlichere zu seinem Kammerdiener.
„Dandy“ ist ein Begriff der ästhetischen, „Gentleman“ einer der ethischen Wertung.