11.
Sie tat durchaus nicht fremd und scheu, schien nicht im mindesten traurig und des Trostes bedürftig zu sein. Ja, sie lachte mich an, daß ich zwischen ihren roten Lippen die Zähne schimmern sah, weiß wie Winterschnee auf den Felsengipfeln.
Ich stand mit zerrissenem Saitenspiel verstummt und bebend, von heißen Schauern geschüttelt. Da trat sie auf mich zu, sagte mit einem Stimmchen wie Vogelgezwitscher im knospenden Lenz: »Du also bist der Spieler und Sänger? Du!«
Ich fragte — und kaum, daß ich sprechen konnte: »Kennst du mich denn?«
»Gut, recht gut. Ich schlich mich häufig in deine Nähe und belauschte dich heimlich. Alle deine Lieder kenne ich. Darum kann ich mit dir reden wie mit einem alten lieben Bekannten ... Aber sage mir: warum sind deine Weisen so traurig?«
Da sagte ich's ihr: »Weil ich dich nicht fand.«
»Weil du mich nicht fandest —«
»Weil ich mich nach dir sehnte! Immer, immer!«
»Suchtest du mich denn?«
»Immer, immer!«
»Also wußtest du, daß ich auf der Welt war?«
»Das Weib! ... Ich ahnte es ... Ich ahnte dich!«
»O du —«
Sie wollte lachen. Aber etwas wie Schreck ließ sie verstummen. Ich las die Ursache in ihren Augen: weil ich ein Kentaure war — ein Tiermensch!
Und ich sagte es ihr ... Sie aber meinte leise, ganz leise: »Der andere hat mich ja auch geküßt. Freilich der andere war —«
Da sie stockte, so sprach ich für sie. Ich rief, schrie es auf: »Der andere war jung!«
Nun mußte ich doch meiner ergrauenden Haare gedenken: Sie selbst erinnerte mich daran. Das hätte mich warnen sollen. Aber — welcher Liebende ließe sich warnen?
Wer sich warnen läßt, liebt nicht.
Was würde sie antworten? ... Ich wartete darauf. Mein Herz hörte ich in der Brust klopfen, mein Blut durch die Adern rauschen. Jetzt weiß ich, was es damals mit mir war: Todesangst wegen der Jugend des anderen. Denn Jugend ist die triumphierende Siegerin.
Sie sah mich an. Mir war's bei ihrem Blick, als sänke meine soeben erst empfangene Seele in einen strahlenden Abgrund, darin sie unterging: so abgrundtief war ihr Auge. Dann antwortete sie: »Deine Melodien und Lieder sind jung; und frühlingsjung ist deine Seele; und kinderjung werden deine Lippen sein, wenn ich sie küsse.«
Ich, grauer Tor, stieß hervor: »Wie kannst du mich küssen, da du doch den jungen Treulosen küßtest; da du ihn doch liebst, um ihn leidest?«
Ihr Blick ward fremd und fern. Sie sprach mir nach: »Da ich ihn doch liebe, um ihn leide ... Sagte er dir das?«
»Er führte mich zu dir, damit ich deiner liebenden und leidenden Seele meine traurigen Lieder sänge.«
»Er selber brachte dich her? ... Weshalb sprichst du nur immer von Lieben und Leiden? Und wer sagt dir, daß ich lieben und leiden kann?«
Ich verstand sie damals nicht, schwieg, schaute sie an; schaute in den strahlenden Abgrund ihres Auges. Sie fragte: »Kannst du lieben und leiden?«
»Seit ich dich sah —«
Und sie, beständig mit ihrem abgrundtiefen Blick auf mich gerichtet: »Du bist anders als alle. Einen solchen wie du bist, küßte ich niemals. Ich möchte dir die Seele ausküssen. Das möcht' ich! Weil du so ganz anders bist.«
Da entrang es sich mir wieder wie ein Stöhnen: »Ein Tiermensch bin ich! Ein lebendiges Stück Unnatur.«
Ernsthaft meinte sie: »Ein Sänger bist du, ein Dichter. Schmähe dich also nicht selbst ... Jetzt aber komm!«
»Ich soll mit dir gehen?«
»Du sollst mich lieben und sollst um mich leiden. Ich will deine Seele haben: deine Dichterseele! Ich will deine Seele mit meinem Lächeln zerstören, mit meinen Küssen morden. Oder fürchtest du dich eines solchen seligen Todes zu sterben?«
So erfuhr ich, daß es auch für uns ein Sterben gibt. Aber nur dann auch für uns, wenn wir lieben und leiden: unserer Liebe willen blutige Qualen erdulden. Wir sterben an unserer Liebe ...
Aus ihrem lächelnden Munde erfuhr ich's; und sie fragte mich, ob ich an ihr sterben wollte?
Das wollte ich.