Der Maskenball.
Einmal gab es einen Maskenball, der von vielen lebenslustigen und vergnügungsfröhlichen jungen Leuten besucht wurde, die sich alle hier einfanden, um recht aus der Seele und aus vollem Herzen glücklich zu sein, Sorgen und Kümmernisse auf ein paar Stunden zu vergessen, zu lachen, zu tändeln und zu tanzen und sich frei und leicht zu fühlen wie die ersten Menschen, die vom erbärmlichen Kampf ums Dasein und von der traurigen Jagd nach dem Erwerb noch überhaupt nichts wussten. Herrlich war der Anblick des von einem vorzüglichen Geschmack und von einem feinen und zarten Kunstsinn dekorierten, blumen- und bändergeschmückten Tanzsaales, dessen hohe Wände entzückende Wandmalereien deckten, die, man kann sagen, von demselben Geist und von derselben Erfindung waren wie die graziöse reizende Musik, die sommerregengleich von einem Podium herab in den Saal und in den heiteren Tanztumult niederrieselte und säuselte, damit die versammelten fröhlichen Menschen sich nach dem schmeichlerischen wellenhaften Takt ihrer süssen und angenehmen Melodien hin und her bewegten und drehten. Das tat denn auch alle Welt und es war ein blitzendes, geschmeidiges Gewoge, das da durcheinanderwogte. Auf die lächelnden Gesichter herab schimmerte der Strahl der Kerzen, deren blendendes Leuchten den Saal zu einem Zauberpalast machte. Alles war glücklich, alles lachte und scherzte. Neid, Bosheit und Missgunst und noch manche andere üblen Eigenschaften und bösen Empfindungen hatten keinen Einlass in das schöne Lokal gefunden, das lediglich von Heiterkeit, Behagen und Lebensfreude widerhallte und widerstrahlte. Jedoch waren alle Geräusche der Freude und des Vergnügens angenehm gedämpft, wie wenn alle Teilnehmer lebhaft gefühlt hätten, dass selbst im Rausch und im Entzücken der Mensch sich, aus Rücksicht und aus Liebe für seinen Mitmenschen, Zügel auferlegen muss, um die allgemeine Schönheit und das allgemeine Gefallen nicht zu verletzen. Gelächter vermischte sich mit Gläsergeklirr, das wie Silber an den Wänden widertönte. Schelmische Witze wurden gerissen, die niemanden beleidigten. Nur Dummköpfe und eitle hochmütige Menschen ärgern sich über einen guten Witz, der so gut ein Recht zu existieren hat wie der düstere, bittere Ernst; denn der liebe Gott gab uns nicht umsonst die liebenswürdige Fähigkeit, zu lachen und den Dingen die heitere und lustige Seite abzugewinnen.
Solche Paare, die von der Anstrengung des Tanzens müde waren, zogen sich für eine Weile, um recht behaglich auszuruhen und sich an allerlei Erfrischungen zu erlaben, aus dem Getümmel in irgend eine reizend versteckte grüne weiche Plaudernische zurück, während andere Paare frisch sich in das anmutige Gewoge stürzten. Hier sah man Einen vor der Dame seines Herzens leidenschaftlich niederknien. An einer andern Stelle wieder suchte ein Tänzer seine entschwundene, im Gewirr verlorengegangene Tänzerin. Andern Ortes wieder erteilte eine Schöne ihrem bisher so dienstfertigen Galan und Ritter urplötzlich den Abschied, dass ihn die Bestürzung, in die er sich unvermuteterweise geworfen sah, zittern machte, und ihm die grausame Enttäuschung die Gesichtszüge verzerrte.
Colombine, so nannte sich eine übermütige schelmische Tänzerin, die mit ihrer ans Unglaubliche grenzenden Tanzkunst die Bewunderung aller derer, die sie sahen, hervorrief. Sie tanzte ganz allein, als wenn es keinen Tänzer gegeben hätte, der fähig gewesen wäre, sie mit einigem gleichmässigem Geschick zu accompagnieren. Und doch gab es einen! Aber von diesem tollen Burschen reden wir später. Einstweilen neigen wir uns voll Staunen und Mitleid zu einem armen Narren herab, der, einer Statue, einem Steinbild ähnlich, in einem Winkel des Saales am Boden kauerte, wo er sich auf die ausgiebigste Art mit düsterer Philosophie, mit schrecklicher Betrachtung des Lebens abzugeben schien, ganz in Trauer, in Wehmut und in tödliche Melancholie gehüllt. Tausenderlei giftige Spitzfindigkeiten schienen den armen unglücklichen Menschen in diesen Zustand der Gebrochenheit und Zerrissenheit versetzt zu haben. Pierot oder Mehlmann hiess er, und er glich auf gewisse Art dem tödlich verwundeten Helden, der das Gefühl hat, dass er verbluten muss. Sein eigenes krankes Wesen war es vielleicht, das ihn hier im verlassenen Winkel an den Boden niederstreckte. Des armen tragischen Narren Wangen waren mit Mehl bestreut. Seine Lippen waren rot wie Rosen, aus seinen jungen dunkeln Augen drang ein unnennbarer Seelenschmerz, und die gefärbten Lippen lächelten ein graziöses und verzweifeltes Lächeln. »Schade um den jungen Mann!« musste der ausrufen, der ihn sah, aber es beachtete ihn niemand, dessen Kopf ein zierliches Dummkopfkäppchen schmückte, dass der Schmerz und der Gram noch lächerlich aussahen und der Hoffnungslosigkeit, dem Leid noch der Ausdruck frivoler Dummheit anhaften musste. Warum kam er hierher, wo alles lachte und tanzte? Was bezweckte er mit seinem unerfreulichen Auftreten? Was hoffte er von seiner Erscheinung? Vielleicht war er ehmals fröhlich gewesen. Jetzt aber war er todesmüd und matt. Denn von der Lebensmüdigkeit, die ihn erfüllte, redete die Sterbensblässe, die ihn bedeckte, deutlich. Wer versetzte ihm den Stoss? Sein eigener verderblicher Charakter selber? Hm! Kann sein.
Angenehm oder unangenehm bemerkbar machte sich auf dem Maskenball durch ein höchst lächerliches Gehaben und Gebaren, das ihn zum vollkommenen, ganz und gar in der Schafsköpfigkeit ertrunkenen Schafskopf stempelte, ein zweiter und zwar ältlicher, sehr soignierter Narr. Vorhergehender Narr war sozusagen ein ernster Narr. Dieser aber gehörte zu der Kategorie der fraglos lächerlichen Narren. Himmlisch war der hohe, steife, feierliche Hut auf seinem ausgesprochenen Pantoffelheldkopf. Seine enorme Krawatte war grasgrün, seine gebogene lange Nase gesprenkelt mit roten und weissen Tupfen. Fabelhaft lächerlich war sein Beinkleid, mit welchem er offenbar zu imponieren hoffte. Die Handschuhe, die er trug, waren knallgelb und sein ganzes Auftreten zeugte von verblüffender Geschmacklosigkeit. Der Herr hiess Pantalone oder Hosenmann und wie es sich herausstellte, war er fürchterlich verliebt, der alte Racker, und zwar in wen?, ei ja doch, in die reizende Colombine, für die er ein verliebtes süsses Liebesbriefchen in der Tasche trug, um es der Schelmin bei günstiger Gelegenheit in der Einbildung zu übergeben, die ihm vorschwindelte, dass das schöne junge Mädchen Gefallen am alten, aber freilich schwerreichen Gecken finden werde, sobald der alte Torenknabe nur seine Börse öffnen würde. Hui! aber das Liebesbrieflein mit den üblen Anspielungen flog ihm um die Nase und wurde in tausend kleine Fetzen zerrissen, die wie Schneeflocken herumwirbelten, und Pantalone musste mit samt seinem gravitätischen imposanten Spazierstock gütig abspazieren und noch dazu eine ganze Salatschüssel voll Gelächter und spöttischer Bemerkungen aufessen. Ausgelacht und fortgeschickt zu werden ist wahrhaftig kein Leckerbissen. Drohungen ausstossend und Augen wild rollend verliess Hosenmann den Tanzsaal, und die Grazien riefen ihm nach: »Auf Nimmerwiedersehen.«
Wir haben den tiefernsten und trauervollen Narren und dann den eitlen, albernen und spiessbürgerlichen Narren gesehen und wenn uns diese beiden interessiert haben, so wird uns gewiss nicht minder der dritte, nämlich der fröhliche kecke und übermütige, der schöne und glückliche Narr interessieren, das Ideal des Maskenballes, Hanswurst oder Harlekin mit der spitzbübischen frechen Pritsche, mit welcher er, leise alle Menschen neckend, im Saal herum tanzte, indem er alle, die ihn sahen, durch seine unschuldige antiloppenhafte Fröhlichkeit und Lustigkeit in helles Entzücken setzte. Sein leichtes Kleid oder Gewand klebte ihm nur so am jugendlich-schönen tänzerischen und turnerischen Körper, der die gewagtesten und zugleich anmutigsten Bewegungen ausführte, dass es eine Freude war, ihn tanzen und tändeln zu sehen. Dieser Bursche war der erklärte Liebling aller und er war im besondern der Geliebte der schönen Colombine, die mit ihm in treuer Anhänglichkeit und Liebe starb und lebte. Ihre Augen verfolgten jeden Augenblick seine liebenswürdige Gestalt, die bald erzkomisch stillstand, als sei Harlekin oder Hanswurst ein rechter Trottel, die aber bald wieder wie eine durch keinerlei Schwergewicht gehemmte Engelsgestalt sich vom Tanzboden loslöste und alsdann Wunder der Tanzkunst verrichtete, bald einem eilfertigen artigen Windhund, bald einem Wiesel, bald einem Eichhörnchen glich und immer voll bildhafter Schönheit war. Flog Hanswurst am schwermütig träumenden und kauernden armen Pierot vorbei, so versetzte er ihm mit seiner Narrenpritsche einen leichten kameradschaftlichen Schlag auf die Schulter und sprach flüchtig zu ihm: »Komm, sei doch vernünftig, du dauerst mich.« Hanswurst, dieser tolle Bursche, der mit seinen geschmeidigen Beinen alle Schwere und allen Erdenernst verspottete, war in seinem witzigen Übermut so schön, und in all seiner Ausgelassenheit so treuherzig, dass niemand im Saal auf den Einfall kam, ihm sein lustiges Wesen übel zu nehmen, vielmehr befreundete sich jedermann im Augenblick mit ihm, und es hatten ihn alle von Herzen gern. Aber der liebe Bursche selber auch hatte ein Gefühl und ein Herz und ein Denken für alle, das sahen und fühlten alle. Indem er witzelte und tändelte, blieb er immer eine freundliche und angenehme Erscheinung, und indem er lustig war, belustigte und ergötzte er die andern. Seine bildhübsche Gestalt und seine scherzhafte Einfalt verbreiteten tiefe Rührung, und wenn er in die Luft emporflog und tanzte, war er gross und bedeutend. Sein Glück machte alle andern glücklich. Sein Anblick war zugleich unterhaltend und wohltuend. Indem Hanswurst an sich selber und an sein eigenes Vergnügen dachte, wollte es der Geist, der ihn trieb, und der eigentümliche Umstand, dass er an alle andern dachte und dass er die Ursache vom allgemeinen Vergnügen war.