Die Verlassene.

Eisig kalter Wind brüllte und sauste durch die düsteren Strassen. Unbarmherziger Wind, und alles war finster, hoffnungslos und düster. Alle guten Eingebungen und alle guten Gedanken waren mir verloren, und ich selbst war verloren. Alles Gute, Milde und Schöne war hoffnungslos verloren. Die Seele war verloren. Alles kalt und tot, und die Welt gestorben. Alles Leben, alle Liebe und alles gute Denken waren wie vom finster brüllenden und tosenden Wind verschlungen, der wie ein gefrässiges Ungeheuer durch die hoffnungslosen, öden und leeren Strassen stürmte. Behaglichkeit und Geselligkeit waren wie für immer von der Erde verschwunden. Befriedigung und Freude schien es von nun an keine mehr geben zu können. Die langen Strassen voll scheusslicher Freudlosigkeit, voll entsetzlicher Leere zogen sich ins Ungeheure, ins Namenlose, ins Unendliche und ins Unfassbare hinaus, und endlos schienen Hoffnungslosigkeit und Lieblosigkeit zu sein. Kein Stern und kein freundlicher Mond waren am Himmel, das Furchtbare und Schreckliche war zur gähnenden Wirklichkeit geworden, und das Gerechte, Gute, Sanfte, ach du grosser Gott im Himmel, war nur noch ein bleicher, müder, nebelhafter Traum, wert, dass man ihn matt belächle. Und die Menschen waren arme, bleiche, kranke, sturmgejagte, ins Entsetzen hineingepeitschte Sklaven. Niemand traute mehr dem Andern. Nachbarliebe und Güte waren verschwunden, verloren, und die Wohnhäuser waren Schreckens- und Entsetzenshäuser, Stätten des erschütternden Hasses und des vernichtenden Mordes. Wild stürmte ich dahin, gejagt und getrieben von wilden Gewissensbissen, von schrecklicher Vorwürfen ungeheuerlich lodernder Feuersbrunst. Alles war verloren, ich hatte keinen einzigen guten Gedanken mehr. Arm und elend war ich, wie nie zuvor. Zerrissen im Innersten war ich, wie nie zuvor. Unglücklich, arm und elend, o, dass ich es noch einmal sage, war ich, wie nie zuvor. Der Sturmwind riss mir den Mantel empor, dass er sich über meinem Kopfe hochauftürmte, und ich glich auf der finstern mitternächtlichen Strasse in all der Finsternis und Düsternis dem fürchterlichen König Richard, dem ewigen Juden und dem Mörder Paricida. Ich war betrogen worden und war wieder selber Betrüger, ich war belogen worden und log wieder selber. Die Menschen hassten mich und ich hasste, verachtete die Hasser und Verächter. Sie hatten mich verraten und an den Verrätern übte ich selber wieder traurigen Verrat. Ein unendliches Sehnen nach Einfachheit, nach reiner Sitte, nach Treue und Liebe, nach Treuherzigkeit und nach Vertrauen, jagte mich umher, bis ich endlich ein trauriges verwahrlostes Armutshaus fand, in das ich eindrang.

Obwohl das Haus einem Schlupfwinkel für Räuber und Verbrecher glich, trat ich dennoch ohne das geringste Zögern und mit guter Zuversicht hinein, denn ich musste mir sagen, dass ich nichts mehr zu verlieren hatte. Die verhärtete, eisenfeste, hoffnungsarme Seele war auf alles Schreckliche und Hässliche nur zu lang schon gefasst. Nicht von Ferne erwartete ich mehr irgend etwas Gutes und etwas Schönes. Kälte ringsumher und Kälte mitten im eigenen Herzen. Ich stieg das armselige, verwüstete, finstere Treppenhaus empor, auf einem Treppenabsatz kauerte ein armes junges Mädchen, dessen Haar ich mit der Hand streifte. Die Treppe war in ihrer ächzenden, stöhnenden, krachenden Verlottertheit furchtbar, denn mir war es, indem ich sie betrat, als sei sie die letzte aller Treppen, die Treppe, die zur Vernichtung, zur Verzweiflung, zum verzweiflungsvollen Selbstmord führen müsse. Trotzdem stieg ich empor, und ich erinnere mich, dass mir das elende Herz vor Bangigkeit zum Zerspringen klopfte und dass ich nach jedem kleinen Schritt innehielt, um mit angespannter Sorgfalt in all die Leere und in all die grausame kalte Finsternis hinein zu horchen und zu lauschen, aber es bewegte, regte, rührte sich in all der Entlegenheit und Einsamkeit nicht das Mindeste. Alles war totenstill im schrecklichen Haus der Armut. Im Bauche eines schlummernden Ungetümes konnte es nicht lautloser und stiller sein.

Über die Wohnungstüre, an die ich endlich im Dunkel tappte, muss ich noch besonders reden, denn sie war nicht wie irgend eine andere beliebige Türe, sie war offen! Sonst sind Türen sorgfältig verschlossen, ja sogar manchmal oder vielmehr häufig, ängstlich zugeriegelt. Diese Türe hier war nur nachlässig angelehnt, so als verlohne sich in der ganzen Welt in Zukunft infolge überhandnehmender Gleichgültigkeit und Herzlosigkeit keinerlei Treue und behutsame Aufmerksamkeit und Sorgfalt mehr und so, als sei in Zukunft im menschlichen Leben alles, alles gänzlich gleichgültig, und so, als sei alles, alles lebensüberdrüssig, müd, abgestumpft, ruchlos, kalt und gleichgültig, und so, als sei es gleich geworden, ob noch ein Leben vorhanden sei oder ob alles tot, nackt und zerrissen sei, und ferner so, als sei jede feinere, zartere Gemütsbildung ein Ding der Undenkbarkeit und etwas völlig Nebensächliches und Überflüssiges geworden, und zuletzt so, als freute sich die geknickte, zertretene und entmenschte Menschheit gar noch über ihre Verwahrlosung, über ihre Zerstückelung und über die Verwüstung. Wüste hier und Wüste dort, doch das macht nichts. Es ist ja jetzt alles, alles, alles gleichgültig ... So ungefähr redete die wüste, müde, traurige Türe, die ich nicht zu öffnen brauchte, weil sie bereits offen war. Eine solche Türe hindert niemanden, in eine Wohnung einzudringen, und so drang ich denn in den Korridor hinein, Schritt für Schritt, äusserst behutsam und vorsichtig, und bei jedem Schritte fleissig lauschend.

Vorhin die elende, traurige Treppe, dann die Türe, die nicht minder arm und elend war, und jetzt der dumpfe kalte Korridor, der ebenso arm, öd und elend war wie Treppe und Türe, ich selbst angestrengt auf das hervortretende Schrecknis lauschend, auf dessen Erscheinen ich gefasst war, weil ich mir sagte, dass an solchem Ort nichts anderes als Schreckliches zu erwarten sei, mein Dastehen in der entsetzlichen Erwartung dessen, was jetzt kommen musste: Ich darf wohl sagen, dass es einigen Mut brauchte, um den sinkenden, zusammenstürzenden Mut noch einigermassen aufrecht zu halten und in dieser Öde auszuharren, in diese Wüste und Öde weiter einzudringen. Plötzlich jedoch zitterte ein süsser zarter Lichtschein aus einer Ritze mir entgegen, und ich glaubte eine schöne hohe gelinde Liebesmelodie zu vernehmen von weit, weit her und doch auch wieder aus allernächster Nähe. Ich öffnete eine Türe und stiess einen Schrei des Entzückens, der entzückenreichen Überraschung aus. In einem lichten schönen warmen Zimmer oder Gelass sass eine Frau, und ich kannte sie von früheren Zeiten her und jetzt tönte von allen Seiten her frohe Freuden- und Trostmusik. Wie von allen offenen blauen Himmeln herab rauschte und rieselte das goldene, heitere Konzert, und Wälder, Wiesen und Felder schienen mir mit einmal nah, ich sah alle schönen, guten, befriedigenden lieben Farben, und die schöne Frau, die wie ein Engel aussah, lächelte mich freundlich und liebreich an, als sie mich elenden armen Wanderer, Umhergetriebenen erblickte. Alles war plötzlich wieder gut, eine sonnige, wonnige Jugendkraft stürzte über mein Wesen, und ich vergass mit einmal allen Gram, und alles Elend, aller Unglauben waren mit einmal dahin. Ja doch, das war der wunderbare, wenngleich düstere Ort, wo ich die herrliche Verlassene wiederfand, der Ort der Einsamkeit, wo ich die schöne Verlassene wiedersah. Das war sie, die himmlische Ausgestossene, die wunderbare Verfehmte, die himmlisch schöne Einsame und Verlassene. Ich eilte, hinreissendem Antrieb gehorchend und mich zu der schönen Bewegung beglückwünschend, zu ihr hin, zu der Frau, die hier in der Verstossenheit und in der Verfehmtheit hauste und kniete vor ihr nieder, und die Entzückende schaute mich gütig an. – Sie tat nicht fremd. Ich war ihr gut. Ich war ihr recht. Sie zeigte sich über meine Gegenwart erfreut, und das freute mich unendlich.