Sohn und Mutter.
Ein liebes, gutes Mütterchen, wahrhaftig: ich meine, man sollte ihr ein Denkmal errichten! führte durch fleissige Sparsamkeit und durch nächtelanges, emsiges Nähen die schöne Möglichkeit herbei, dass ihr Sohn, den sie fast wie einen Abgott liebte, die hohe Schule besuchen und sich dadurch die beste Bildung erwerben konnte. Merke dir, lieber aufmerksamer Leser, was nun geschah. Der grosse Sohn, Gegenstand der mütterlichen Aufopferung, blitzendes Juwel und köstlicher Edelstein von Sohn, machte freilich mit der Zeit so grosse Fortschritte, dass er in jungen Jahren schon hoch hinaufkletterte und es zu einer Stellung brachte, die ihm nicht nur erlaubte, die ihn vielmehr geradezu nötigte, sich aufzublasen, hochmütiges Wesen kalt und nachlässig zur Schau zu tragen und den grossen Herrn zu spielen, als welcher er sich rasch über seine arme bescheidene Herkunft hinwegsetzen lernte. Vorzüglich dickes, fettes und hochangesehenes Tier, wie man so sagt, fühlte er sich über alle kleinen engen Nöte des täglichen Lebens erhaben, und mit der stets höher und höher steigenden Wertschätzung der eigenen werten und wichtigen Person vergass er den mütterlichen Menschen. Das arme gute Mütterchen! Ei, die soll doch nur hübsch brav in ihrem Sorgen- und Dachstübchen stillsitzen, denn derlei Personen kann man ja unmöglich in die feine Gesellschaft einführen. In der hohen Atmosphäre und in den glänzenden Verhältnissen, in denen Emporkömmlinge leben, redet bekanntlich niemand ein Wörtchen über Kindesdankbarkeit und -Liebe. Von schwüler, genussreicher Liebe wird dort wohl gesprochen, aber über schlichte Liebe zuckt man bestenfalles mitleidig die stolze Achsel. Wenn wir nun auch den Fall setzen und annehmen, dass der grosse Sohn sein Mütterchen einmal habe besuchen wollen, so müssen wir doch sogleich bedenken, dass ein solcher Besuch unmöglich war, weil der Vortreffliche ja für den Eintritt in die Armutstube durch den engen ärmlichen Rahmen der bescheidenen Stubentüre viel zu breit und breitspurig, viel zu dick und zu geschwollen, viel zu stolz und zu reich war. Für den Stolz und für den Hochmut gibt es Palast- und hohe breite Salontüren. Mehr zu sagen, ist wohl überflüssig, und man wird schon verstehen, wie ich es meine. Der Weg zum Mütterchen und damit zur menschlichen Bescheidenheit war und blieb dem Parvenü versperrt, wegen des Rahmens und wegen der kleinlichen Verhältnisse, in die er sich wieder zu schicken gehabt hätte. Vielleicht erlaubt man mir die freilich scheinbar etwas gefühlvolle Bemerkung, dass ich grosse Lust hätte, zu sagen, ich wolle vor dem lieben alten Mütterchen niederknien und dass es mich fast hinreissen möchte, das Geld, das die Mutter für den stolzen Tölpel in mühseliger Nachtarbeit zusammenrackerte, ehrfürchtig zu küssen. Der Tölpel mag nur immerhin mit Seinesgleichen spazieren gehen, wo es ihm beliebt. Vor ihm und Seinesgleichen beuge ich mich nicht, und ich werde für ihn und Seinesgleichen weder eine Artigkeit, noch irgend eine Achtung übrig haben.