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Um für seine Begeisterung einen Gefährten zu finden und sie mit neuen Argumenten zu nähren, beschloß Clerambault, seinen Freund Perrotin aufzusuchen.
Hippolyte Perrotin war eine jener Figuren, wie sie heute selten geworden sind und die einen Ruhmestitel der französischen Hochschule bildeten, einer jener großen Humanisten, deren weitblickendes und scharfes Wissensbedürfnis mit ruhigem Schritt den Garten der Jahrhunderte prüfend und klassierend, auslesend und pflückend durchwandert. Zu sehr beobachtende Natur, als daß ihm irgend etwas der Gegenwart entgangen wäre — die ihn eigentlich am wenigsten interessierte — wußte er jedem ihrer Geschehnisse seinen Rang im Gesamtbild zuzuweisen. Was anderen als das Wichtigste galt, war es keineswegs für ihn, und die politischen Bewegungen dünkten ihm Blattläuse auf einem großen Blatt. Da er aber nicht Gärtner, sondern nur wissenschaftlicher Beobachter war, glaubte er sich nicht verpflichtet, die Rosenblätter zu reinigen: einzig sie mit allen ihren Parasiten zu betrachten, war für ihn Gegenstand einer dauernden Entzückung. Er hatte den feinsten Sinn für literarische Schönheit und geistige Vollkommenheit, und seine Wissenschaft, weit entfernt, ihn dabei zu stören, belebte nur diese Neigung dadurch, daß sie seinen Gedanken ein festes und begrenztes Feld lebensvoller Vergleiche und Proben bot. Er gehörte zu jener französischen Tradition von Gelehrten, die gleichzeitig meisterliche Stilisten waren, jener Tradition, die von Buffon bis zu Renan und Gaston Paris reichte. Mitglied der Akademie und von zwei oder drei anderen Gesellschaften, hatte er durch die Weite seiner Kenntnisse über die bloßen Literaten und über seine wissenschaftlichen Kollegen nicht nur die Überlegenheit eines sichern und klassischen Geschmacks, sondern auch eines freieren und dem Neuen aufgetanen Geistes. Er dünkte sich nicht wie die meisten von ihnen, sobald sie über die Schwelle der heiligen Kuppelhalle getreten waren, schon aller Verpflichtung, weiter zu lernen, ledig: mitten in seiner gereiften Meisterschaft fühlte er sich noch immer als Schüler. Schon zur Zeit als Clerambault von den übrigen Unsterblichen gar nicht gekannt war, außer von ein oder zwei lyrischen Kollegen, die, wenn sie (was selten geschah) von ihm sprachen, es nur mit verächtlichem Lächeln taten — schon damals hatte er ihn sich entdeckt und in sein Herbarium eingegliedert. Einige Bilder hatten ihn stutzig gemacht, die Originalität mancher Wortwendung, der primitive und gewissermaßen nur naiv komplizierte Mechanismus seiner Phantasie zogen ihn an, schließlich interessierte ihn dann der Mann selbst. Clerambault, dem er ein glückwünschendes Wort hatte zukommen lassen, eilte, überströmend von Erkenntlichkeit, ihm zu danken, und zwischen den beiden Männern entspann sich allmählich eine Freundschaft.
Sie waren einander durchaus nicht ähnlich, Clerambault mit seiner lyrischen Gabe und seiner mittelmäßigen Intelligenz, die vom Herzen kam, und Perrotin, der durchdringende Geist, der sich niemals von der Leidenschaft der Phantasie verwirren ließ, aber beide verband die gemeinsame Würdigkeit der Lebensführung, eine intellektuelle Rechtschaffenheit sowie die reine Liebe zur Kunst und zur Wissenschaft, die ihre Freude aus sich selbst zog und nicht aus dem möglichen Erfolge, der ihr entspringen konnte. Freilich hatte das Perrotin niemals, wie man sehen konnte, gehindert, Karriere zu machen. Die Ehrenstellen waren gleichsam auf ihn zugekommen. Er suchte sie nicht, aber er wies sie auch nicht zurück und verabsäumte nichts.
Clerambault fand ihn gerade damit beschäftigt, die wirklichen Ideen eines chinesischen Philosophen von all den nachträglichen Umhüllungen rein loszulösen, unter denen sie die Lesarten und Erläuterungen von Jahrhunderten verborgen hatten. Bei diesem Spiel, das für ihn ein gewohntes war, kam er natürlich dazu, schließlich gerade das Gegenteil des bisher augenscheinlichen Sinnes zu finden: ein Ideal wird ja immer dunkler, wenn es von Hand zu Hand geht.
In dieser geistigen Verfassung empfing Perrotin zerstreut und sehr höflich Clerambault. Selbst wenn er in Salons anderen zuzuhören schien, trieb er immer Textkritik. Seine Ironie vergnügte sich dabei auf fremde Kosten.
Clerambault entlud gegen ihn seine ganze neue Erkenntnis. Sein Ausgangspunkt war die unbestreitbare Tatsache der offenkundigen moralischen Minderwertigkeit der feindlichen Nation, und es war eigentlich nur noch dies für ihn eine Frage, ob man darin den unheilbaren Niedergang eines großen Volkes erkennen sollte oder einfach ein Barbarentum feststellen, das von allem Anfang an bestanden, aber sich nur gut zu verschleiern gewußt hatte. Clerambault neigte zur letzten Auslegung. Noch ganz erfüllt von dem gerade Gelesenen, machte er Luther, Kant und Wagner für die gewalttätige Verletzung der belgischen Neutralität und für die Verbrechen der deutschen Armee verantwortlich. Wie man gemeinhin zu sagen pflegt: er hatte die Nase nicht selbst hineingesteckt, da er ja weder von Musik, noch von Theologie, noch von Metaphysik etwas verstand; ihm genügte die Autorität der Akademiker. Als Ausnahme ließ er einzig Beethoven gelten, weil er ein Flame war, und Goethe als Bürger einer Freistadt, die so eine Art Straßburg, also zur Hälfte französisch war, oder französisch und nur halb deutsch. Nun wartete er auf eine Zustimmung.
Aber zu seiner Überraschung stieß er bei Perrotin nicht auf eine Leidenschaftlichkeit, die der seinen entsprach. Perrotin lächelte, hörte zu, betrachtete Clerambault mit einer gutmütigen und neugierigen Aufmerksamkeit. Er sagte nicht nein und sagte nicht ja. Bei einigen Behauptungen machte er vorsichtige Einschränkungen, und als Clerambault ihm ganz hitzwütig die schriftlichen Aussagen zeigte, die von zwei oder drei berühmten Kollegen Perrotins unterschrieben waren, machte er nur eine kleine Gebärde, die sagen konnte:
„Ach, solche Dinge gibt’s in Menge.“
Clerambault wurde immer leidenschaftlicher, und nun veränderte auch Perrotin den Ton, bezeigte ein „lebhaftes Interesse“ für die „sehr interessanten“ Bemerkungen seines „verehrten Freundes“, nickte mit dem Kopf zustimmend zu allem, was er sagte, wich seinen direkten Fragen mit vagen Worten aus oder stimmte ihnen mit irgendeiner allgemeinen Höflichkeit zu, wie man eben jemandem antwortet, dem man nicht widersprechen will.
Clerambault ging, ganz aus der Fassung gebracht und unzufrieden, fort.
Aber er versöhnte sich mit seinem Freunde und war wieder seiner sicher, als er einige Tage später den Namen Perrotins unter einem leidenschaftlichen Protest der Akademie gegen die Barbaren fand. Er nahm den Anlaß wahr, um ihn zu beglückwünschen, und Perrotin dankte ihm mit einigen vorsichtigen und sybillinischen Worten:
„Mein verehrter Herr — (er benutzte immer in seinen Briefen die zeremoniösen und gemessenen Formeln derer von Port-Royal) — ich bin immer bereit, den Wünschen des Vaterlandes zu gehorchen; sie sind Befehle für mich. Auch mein Gewissen steht ihm zur Verfügung, so wie es die Pflicht eines guten Bürgers ist...“