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Eine große Hilfe war ihm innerlich die Begeisterung seines Sohnes. Maxime hatte sich sofort gemeldet. Eine Welle heroischer Freude riß seine Generation hin. Zu lange hatte sie schon — sie wagte schon gar nicht mehr zu hoffen — gewartet auf irgendeine Gelegenheit zur Tat und zur Aufopferung.

Die älteren Männer, die sich niemals Mühe gegeben hatten, diese Generation zu verstehen, waren von ihrer Haltung begeistert. Sie erinnerten sich ihrer eigenen mittelmäßigen und verpfuschten Jugend, die nur erfüllt war von kleinlichem Ehrgeiz, beschränkten Ambitionen und schalen Genüssen. Da sie sich selbst in ihren Kindern nicht erkannten, schrieben sie dem Kriege das Aufblühen all dieser Tugenden zu, die seit zwanzig Jahren doch schon neben ihrer Gleichgültigkeit aufwuchsen und die dieser Krieg nun niedermähen sollte. Selbst neben einem so großzügigen Vater wie Clerambault war Maxime immer verdunkelt gewesen. Clerambault war zu beschäftigt, sein überströmendes und verwirrtes Ich zu verbreiten, um die Menschen, die er liebte, wirklich gut erkennen und ihnen helfen zu können. Er brachte ihnen den heißen Niederschlag seiner Ideen, aber er verstellte ihnen das Licht.

Diese jungen Menschen aber, gedrängt von ihrer eigenen Kraft, suchten vergebens eine Betätigung und fanden sie nicht in der Linie des Ideals selbst ihrer besten Väter und Vorgänger. Die Menschlichkeitsträumerei eines Clerambault war für sie zu unbestimmbar, zu wenig greifbar, denn sie begnügte sich mit angenehmen Hoffnungen ohne Gefahr und ohne Kraft, wie sie ja einzig aus der Lässigkeit einer Generation entstehen konnte, die im geschwätzigen Frieden der Parlamente und Akademien hingealtert war. Die Gefahren der Zukunft boten jenen höchstens rednerische Themen, aber nie suchten sie ernstlich ihnen entgegenzutreten und noch weniger die eigene Haltung im voraus festzulegen für den Tag, da das Verhängnis wirklich einbrechen sollte. Diese Generation hatte nicht die Kraft, zwischen den entgegengesetzten Idealen der Betätigung innerlich zu entscheiden. Man war gleichzeitig Patriot und international, man baute gleichzeitig in Gedanken den Weltfrieden und in Wirklichkeit Überdreadnoughts. Alles wollte diese Generation verstehen, mit allem verbunden sein, alles lieben. Nun mochte ja dieser verwässerte Whitmanismus ästhetisch seinen Wert haben, aber seine praktische Unentschlossenheit bot den jungen Leuten am Wegkreuz der Entscheidung keine bestimmte Richtung. Sie stapften immer auf derselben Stelle herum, erregt von der ungewissen Erwartung und der Sinnlosigkeit ihrer hinrinnenden Tage...

Der Krieg machte dieser Unentschlossenheit ein Ende. Sie jubelten ihm zu, denn er traf die Entscheidung für sie. Blindlings folgten sie ihm nach. In den Tod gehen, gut; aber nur überhaupt gehen, denn gehen heißt leben. Die Bataillone zogen singend auf den Kriegsschauplatz, bebend vor Ungeduld, Blumen auf den Mützen, die Gewehre umwunden mit Grün. Die Zurückgestellten boten sich freiwillig an, Knaben drängten sich zum Dienst, und ihre eigenen Mütter stießen sie dazu. Man hätte glauben können, es sei eine Abreise zu den olympischen Spielen.

Auf der anderen Seite des Rheins war die Jugend die gleiche. Hier wie dort begleiteten sie ihre Götter: Vaterland, Gerechtigkeit, Freiheit, Fortschritt, die paradiesischen Träume einer erneuerten Welt, jene ganze Phantasmagorie mystischer Ideen, mit denen sich die Leidenschaften junger Menschen immer umhüllen. Keiner von ihnen zweifelte daran, daß ihre Sache die einzig gerechte sei. Mochten andere darüber streiten, sie waren sich selbst lebendiger Beweis; denn wer sein Leben hingibt, braucht kein anderes Argument.

Aber auch die alten Männer, die zurückgeblieben waren, meinten, ihr Denken ausnützen zu müssen. Freilich nicht, um die Wahrheit zu ergründen, sondern um den Sieg zu sichern. In den Kriegen von heute, die ganze Völker mitreißen, ist auch der Gedanke dienstpflichtig geworden. Er tötet ebenso wie die Kanonen, er tötet die Seele, er tötet über Land und Meere hin, über Zeit und Jahrhunderte: er ist gewissermaßen die schwere Artillerie, die auf weite Distanzen hin arbeitet. Selbstverständlich richtete auch Clerambault seine Geschütze. Für ihn war es längst nicht mehr wichtig, klar zu sehen, weit zu sehen, den ganzen Horizont zu umfassen, sondern einzig: den Feind zu treffen. Er war vom Wahn befangen, seinem Sohn im Kampfe beistehen zu müssen.

Mit einer unbewußten und fieberhaften bösen Absicht, die im letzten aus einem zärtlichen Gefühl stammte, suchte Clerambault in allem, was er sah, hörte oder las, Argumente, um seinen festen Entschluß, an die Heiligkeit der nationalen Sache zu glauben, noch stärker und stählerner zu machen. Er suchte alles zusammen, was beweisen konnte, daß allein der Feind den Krieg gewollt hätte und Feind des Friedens war, daß demnach den Feind zu bekriegen gleichbedeutend mit dem Wunsch nach Frieden sei. Die Beweise dafür fehlten ihm nicht. Sie fehlen ja niemals. Man muß nur die Augen immer an rechter Stelle zu öffnen und immer an rechter Stelle zu schließen wissen, dann sieht man alles, was man sehen will. — Aber dennoch: Clerambault war im letzten Grunde nicht ganz befriedigt. Nur fand das geheime Unbehagen seines im tiefsten rechtlichen Gewissens an allen diesen halben Wahrheiten und Wahrheiten mit Lügenschwänzen keinen andern Ausweg als in einer immer leidenschaftlicheren Erregung gegen den Feind. Gleichzeitig aber — so wie von den beiden Eimern eines Brunnens der eine steigt, wenn der andere hinabgeht — wuchs auch sein patriotischer Enthusiasmus, der schließlich in einer wohltätigen Trunkenheit seine letzten moralischen Bedenken wegschwemmte.

Von nun an war er in beständiger Jagd auf neue Fakten in den Zeitungen, die ihm seine neuen Thesen bekräftigen könnten. Obwohl er doch eigentlich genau wußte, wie unzuverlässig die Wahrhaftigkeit dieser Zeitungen war, so bezweifelte er doch nie irgendeine Behauptung, sobald sie seiner gierigen und unruhigen Leidenschaft als Argument dienen konnte. Dem Feind gegenüber hatte er das Prinzip angenommen: „Das Schlechte ist eben das Rechte.“ In gewissem Sinne wurde er Deutschland geradezu dankbar, wenn es ihm durch Akte der Grausamkeit und wiederholte Verstöße gegen das Völkerrecht eine offenkundige Bestätigung für die Behauptungen gab, die er auf jeden Fall schon im voraus ausgesprochen hatte.

Und Deutschland kam ihm darin wirklich zu Hilfe. Noch nie hatte ein Staat im Kriege es eiliger gehabt, die Meinung der ganzen Welt gegen sich zu entfesseln. Diese blutübervolle Nation, die an ihrer Kraft erstickte, hatte sich in einem Delirium von Stolz, Zorn und Furcht auf den Gegner gestürzt, die Bestie im Menschen, kaum losgelassen, zog gleich mit den ersten Schritten einen Kreis methodischen Schreckens um sich. Alle Brutalität des Instinkts und des Glaubens war bewußt von jenen aufgestachelt worden, die das Volk am Zügel hielten, von seinen Führern, seinem Generalstab, den einberufenen Professoren und Militärgeistlichen. Krieg war und wird immer eins mit dem Verbrechen sein. Aber Deutschland organisierte es, so wie alles, es erhob den Totschlag und das Niederbrennen zum Kriegsgesetz. Ein zorniger Mystizismus aus Bismarck, Nietzsche und der Bibel gemengt, goß sein Öl ins Feuer, der Übermensch und Christus wurden mobilisiert, um die Welt zu vernichten und zu erneuern. — Die Erneuerung begann in Belgien, und in tausend Jahren wird man noch davon sprechen. Die entsetzte Welt erlebte das höllische Schauspiel, wie die alte, mehr als zweitausendjährige Zivilisation Europas unter den brutalen und berechneten Schlägen der großen Nation hinbrach, die eine ihrer Führerinnen war — Deutschlands, das so reich an Intelligenz, Wissenschaft und geistiger Macht gewesen und das in fünfzehn Kriegstagen sich dienstfertig erniedrigt hatte. Aber was die Organisatoren der deutschen Tollheit nicht voraussahen, war, daß sie, so wie Cholera von einer Armee zur andern, nun ins andere Lager übergehen und, in den Feindesländern einmal heimisch, nicht mehr zu entfernen sein würde, ehe nicht ganz Europa davon angesteckt und für Jahrhunderte unbewohnbar geworden war. Für alle Tollheiten und Gewalttätigkeiten dieses erbitterten Krieges gab Deutschland das Beispiel, sein kräftiger, besser genährter Körper bot der Epidemie ein weiteres Wirkungsfeld, und sie wütete furchtbar; und als das Gift sich in Deutschland abzuschwächen begann, war es schon in die anderen Nationen in Form eines langsamen und zähen Fiebers eingedrungen, das von Woche zu Woche tiefer wühlte und bis in die Knochen hineinsickerte.

Den unsinnigen Reden der deutschen Denker antworteten unverzüglich die Übertreibungen der Schwätzer in Paris und überall. Wie homerische Helden waren sie, mit der einzigen Ausnahme, daß sie nicht kämpften, aber sie schrien dafür um so mehr. Man beschimpfte nicht nur den Gegner, sondern auch seinen Vater, seinen Großvater, den ganzen Ursprung, ja man leugnete sogar gegenseitig die vergangene Leistung. Der erbärmlichste Akademiker arbeitete wie ein Verzweifelter, um den Ruhm großer Menschen, die längst im Grabesfrieden schlummerten, zu beschmutzen und zu beschimpfen.

Clerambault hörte, hörte alles und trank es in sich ein... Und doch gehörte er zu den wenigen französischen Dichtern, die vor dem Kriege europäische Verbindungen gehabt und dessen Werke Sympathien in Deutschland gefunden hatten. Als rechtes, altes, verwöhntes französisches Kind, das sich ja nie die Mühe gibt, die anderen aufzusuchen, allzu gewiß, daß man zu ihm kommen würde, sprach er keine andere Sprache. Aber wenigstens nahm er die Fremden gut auf, wenn sie vom Auslande zu ihm kamen, sein Geist war frei von allen nationalen Vorurteilen, und die innere Intuition ersetzte genug die Lücken seiner Bildung, daß er hingebungsvoll ausländische große Geister bewundern konnte. Jetzt freilich, seit man ihn gelehrt hatte, daß man allem mißtrauen müsse („Schweig’, sei immer vorsichtig!“), seit er hörte, daß Kant nur eine Vorstufe für Krupp gewesen, wagte er nicht mehr ohne offizielle staatliche Garantie irgendetwas zu bewundern. Die sympathische Bescheidenheit, die ihn zur Friedenszeit wie einem Wort des Evangeliums allem vertrauen ließ, was gelehrte und geachtete Männer öffentlich mitteilten, nahm jetzt in der Kriegszeit die Formen einer unbegrenzten Leichtgläubigkeit an. Er verschlang, ohne mit den Augenwimpern zu zucken, die erstaunlichen Zeitungsentdeckungen der Intellektuellen seines Landes, die jetzt die Kunst, die Wissenschaft, den Geist und die Seele des andern Landes durch Jahrhunderte zurück durchwühlten und zu Boden stampften — die ganze Arbeit rasender Böswilligkeit, die dem Feind jede Größe absprach, in seinen erhabensten Erscheinungen nur Beweise seiner gegenwärtigen Infamie finden wollte, falls es ihm nicht überhaupt diese berühmten Männer wegnahm und sie irgendeiner anderen Nation zuwies.

Clerambault aber war davon ganz überwältigt, außer sich, und (freilich, dies gestand er sich nicht ein) im tiefsten Herzen jubelte er.