§
Frau Clerambault war mit ihrer Tochter nach Paris zurückgekehrt. Gleich am ersten Abend nach ihrer Ankunft nahm Clerambault Rosine auf die Boulevards mit.
Die feierliche Glut der ersten Tage war vorbei. Der Krieg hatte begonnen, die Wahrheit war geknebelt, und die große Lügnerin, die Presse, schüttete auf die Nationen, die mit offenem Maul zu ihr aufstarrten, mit vollem Schwung den Alkohol kurzlebiger Siege und vergifteter Berichte. Paris war beflaggt wie für einen Festtag. Vom Dach bis zur Schwelle standen die Häuser mit den drei Farben geschmückt, in den Arbeiterstraßen trug jedes Mansardenfenster ein kleines Fähnchen für einen Sou wie eine Blume am Hut.
An der Ecke Faubourg Montmartre begegneten sie einem seltsamen Zug. Vorne marschierte ein großgewachsener Greis mit weißem Bart, ein Banner in der Hand. Er ging mit großen, geschmeidigen und rhythmisch abgehackten Schritten, als ob er springen oder tanzen wollte. Seine Rockschöße schlugen hin und her im Wind. Hinter ihm marschierte eine kompakte, unbestimmbare, brüllende Masse, Arbeiter und Bürger, Arm in Arm, ein Mädel wurde hoch auf den Schultern getragen, ein roter Dirnenschopf zwischen der Mütze eines Chauffeurs und dem Käppi eines Soldaten. Alle gingen sie, die Brust herausgestemmt, das Kinn gehoben, den Mund weit aufgerissen, schwarze Löcher, aus denen die Marseillaise dröhnte. Rechts und links flankierten verdächtige Gesichter vom Bürgersteig den Zug, bereit, jeden Vorübergehenden zu insultieren, der zerstreut die Fahne zu grüßen vergessen hatte. Rosine sah mit Entsetzen, wie ihr Vater barhaupt und singend sich dem Zuge anschloß; lachend und laut sprechend zog er seine junge Tochter am Arme mit sich, ohne den Druck der erschreckten Hand zu spüren, die ihn vergebens zurückzuziehen versuchte.
Heimgekehrt, blieb Clerambault gesprächig und aufgeregt. Er sprach ganze Stunden hindurch. Die beiden Frauen hörten ihm geduldig zu. Frau Clerambault gab wie gewöhnlich nicht recht acht und sagte zu allem ja. Rosine hörte zu, aber sie sagte kein Wort; nur heimlich warf sie von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihren Vater, und dieser Blick war wie ein tiefer Weiher, der langsam gefriert.
Clerambault begeisterte sich immer mehr. Im tiefsten Grunde war er noch gar nicht begeistert, aber er mühte sich mit leidenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, es zu werden. Es blieb ihm aber immer noch genug Hellsichtigkeit übrig, um manchmal über die Fortschritte seiner Begeisterung zu erschrecken. Der Künstler ist durch seine Sensibilität mehr als ein anderer allen von außen kommenden Erregungen preisgegeben, aber er hat auch, um ihnen zu widerstehen, Gegenkräfte, die jenen anderen fehlen. Selbst der Unbesonnenste unter ihnen, selbst jener, der sich seinem lyrischen Aufschwung ganz hingibt, besitzt mehr oder minder eine Fähigkeit der Einsicht, von der Gebrauch zu machen ihm selbst anheimgegeben bleibt. Verzichtet er darauf, so ist es Mangel an Willen und nicht an Kraft: dann hat er Angst, sich von zu nahe zu sehen, ein Bild zu finden, das ihm vielleicht nicht schmeichelhaft erschiene. Menschen aber, die wie Clerambault statt psychologischer Begabung nur die Fähigkeit der Aufrichtigkeit haben, waren hinlänglich geschützt, um ihre Ekstasen überwachen zu können.
Eines Tages, als er allein spazieren ging, sah er auf der anderen Seite der Straße einen Zusammenlauf. Menschen drängten sich um eine Kaffeehausterrasse. Vollkommen ruhig ging er über die Gasse hinüber; auf dem anderen Trottoir kam er in ein wildes Getümmel, das rings um einen unsichtbaren Punkt wogte. Er hatte einige Mühe, sich in den Wirbel hineinzudrängen. Aber kaum daß er innerhalb dieses Mühlrades war, so wurde er selbst ein Teil seiner kreisenden Felge; noch vollkommen bewußt, bemerkte er, daß seine Vernunft sich mit ihm zu drehen beginne. Inmitten des wirbelnden Kreises sah er einen Mann, der sich verteidigte, und ehe er noch den Grund des Wutausbruches der Menge kannte, fühlte er selbst schon diese Wut. Er wußte nicht, ob es sich um einen Spion handelte oder um einen unvorsichtigen Schwätzer, der die Volksleidenschaft aufgeregt hatte. Aber man schrie rings um ihn her, und er merkte, daß... ja, daß er selbst, Clerambault, plötzlich schrie:
„Schlagt ihn nieder!“
Ein Rückstrom der Menge stieß ihn vom Trottoir zurück, ein Wagen drängte ihn einen Augenblick von dem Knäuel, und als er den Weg wieder frei fand, entfernte sich schon die Meute mit ihrem Opfer. Clerambault sah ihnen nach und hörte noch den Ton seiner eigenen Stimme. Er kehrte um und ging heim. Aber er war nicht sehr stolz auf sich...
Von diesem Tage an ging er seltener aus. Er mißtraute sich. In seinem Zimmer aber fuhr er fort, diese Trunkenheit bewußt zu nähren. An seinem Arbeitstisch glaubte er sich in Sicherheit. Doch er kannte noch nicht die Ansteckungsgefahr dieser Seuche; sie gleitet durch die Fenster, durch die Türritzen, durch das bedruckte Papier, durch die Luft, durch die Gedanken. Die Feinfühlendsten spüren sie schon, bevor sie etwas gesehen oder gelesen haben, kaum daß sie die Stadt betreten, andere wieder brauchen sie bloß einmal im Vorübergehen gestreift zu haben: die Ansteckung wirkt dann schon selbsttätig auch in der Isolierung fort. Clerambault, obwohl von der Masse entfernt, war doch von ihr angesteckt worden, und schon kündigte sich die Krankheit durch ihre gewöhnlichen ersten Symptome an. Dieser mitfühlende und zärtliche Mensch haßte, haßte aus Liebe. Im geheimen versuchte seine nicht sehr originelle, aber glühende und aufrichtige Vernunft sich selbst zu betrügen, ihre Haßinstinkte durch Gründe zu rechtfertigen, die dazu in gar keiner Beziehung, ja sogar im Gegensatz standen. Er mußte sich die Ungerechtigkeit und die leidenschaftliche Lüge erst beibringen. Er versuchte sich zu überreden, daß er die Tatsache des Krieges hinnehmen, ja sogar mitmachen dürfe, ohne darum seine Friedensliebe von gestern, seinen Menschenkult von vorgestern und seinen ewigen Optimismus zu verleugnen. Ganz einfach war dies zwar nicht, aber es gibt ja nichts, was die Vernunft nicht irgendwie sich vorzureden vermöchte. Fühlt jemand die zwingende Notwendigkeit, für einige Zeit moralische Grundsätze, die ihm lästig sind, von sich abzutun, so findet die Vernunft, sein getreuer Knecht, zu diesen Grundsätzen schon immer die Ausnahmen, die die Regel bestätigen und sie doch durchbrechen. So begann Clerambault sich eine Weltanschauung, ein absurdes, paradoxes Ideal zu fabrizieren, das die Widersprüche irgendwie auflöste, indem er sich sagte: „Der Krieg gegen den Krieg, der Krieg für den Frieden, für den ewigen Frieden.“