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Das Dekret der allgemeinen Einrückung war soeben an die Türen der Gemeindehäuser angeschlagen worden. Schweigend lasen es die Leute, lasen es noch einmal und gingen, ohne ein Wort zu sagen, weiter. Nach der angstvollen Erwartung der vorhergehenden Tage, in denen sich die Menge um die Zeitungskioske drängte, die Leute auf den Steinen saßen, um die Stunde der Zeitungsausgabe zu erwarten, um sich, wenn die Blätter endlich ankamen, auf sie zu stürzen, war dies endlich Gewißheit, und sie bedeutete eine Entspannung. Das ungewisse Unheil, das man kommen fühlt, ohne zu wissen, wann und woher, regt auf. Aber sobald es einmal da ist, atmet man freier, sieht ihm ins Antlitz und streift sich die Hemdärmel auf zum Kampf. Es gab einige Stunden mächtiger Sammlung, Paris hatte wieder seinen Atem und rüstete seine Fäuste. Und dann: alles, was die einzelnen Seelen zum Ersticken schwellte, stieß jetzt ins Freie. Die Häuser leerten sich, und in den Straßen flutete ein Menschenstrom, dessen Tropfen sich suchten, um sich zu vereinigen.

Clerambault stürzte mitten hinein und wurde aufgetrunken mit einem einzigen Schluck, kaum daß er aus dem Bahnhof getreten war und den Fuß auf das Pflaster gesetzt hatte, ohne daß irgendein Wort fiel, ohne Geste, ohne Zufall. Die ernste Begeisterung des Stromes rauschte auch in ihm. Noch war dies große Volk frei von Gewalttätigkeit. Es wußte sich (oder glaubte sich) unschuldig, seine Millionen Herzen glühten in dieser ersten Stunde, wo der Krieg noch jungfräulich war, von Ernst und heiligem Enthusiasmus. In diese ruhige und stolze Trunkenheit mengte sich das Gefühl des erlittenen Unrechts, der berechtigte Stolz auf die eigene Kraft, auf die Opfer, zu denen es bereit war, mengte sich das Mitleid mit sich selbst, das Mitleid mit den anderen, die ein Stück seiner selbst geworden waren. Brüder, Kinder, Geliebte, alle waren sie aneinander, Leib an Leib, gepreßt, zusammengepreßt durch die übermenschliche Umklammerung, und sie fühlten das Bewußtsein des Riesenkörpers, der ihre Einheit bildete, und die Erscheinung des Phantoms über ihren Häuptern, das der Sinn dieser Einheit war — das Vaterland. Halb Tier, halb Gott, wie die ägyptische Sphinx oder der assyrische Stier — aber in jenem Augenblicke sah jeder nur seine leuchtenden Augen, seine Pranken waren verborgen. Es war das göttliche Untier, in dem jeder Lebendige sich vervielfältigt fand, die mörderische Unsterblichkeit, denn die, die sterben sollten, glaubten, daß sie in ihr weiter leben würden, ein anderes, gesteigertes, von Ruhm umwölktes Leben. Seine unsichtbare Gegenwart strömte in der Luft wie Wein, und jeder brachte in die Kufe der großen Weinlese seinen Korb, seine Frucht, seine Rebe, seine Ideen, seine Leidenschaften, seine Hingabe, seinen Vorteil. Es gab wohl viel widerliches Gewürm in den Trauben, viel Schmutz unter den Winzerschuhen, die sie traten, aber der Wein glühte wie Rubin und ließ das Herz erglühen. Clerambault trank davon bis zum Übermaß.

In Wirklichkeit wurde er davon nicht verwandelt, seine Seele nicht verändert. Sie vergaß sich nur. Kaum, daß er mit sich allein war, fand er sie wieder zurück, stöhnend unter ihrer Qual wie von einer Wunde. Darum ließ ihn auch sein Instinkt das Alleinsein fliehen. Er versteifte sich darauf, nicht nach Saint-Prix zurückzukehren, wo die Familie sonst gewöhnlich die Sommermonate verbrachte, sondern schlug seine Wohnung wieder in Paris auf, im fünften Stock der Rue d’Assas. Er wollte nicht einmal eine Woche warten, nicht einmal zurückkehren und bei der Übersiedlung helfen, so sehr brauchte er diese tierische Wärme, die von Paris aufstieg und die bis in seine Fenster hinein drang. Jede Gelegenheit war ihm willkommen, um sich in den warmen Strom hineinzustürzen, auf die Straße hinabzusteigen, sich den Gruppen anzuschließen, den Manifestationen zu folgen und sich auf gut Glück alle Zeitungen zu kaufen, die er sonst in gewöhnlichen Zeiten verachtet hatte. Wenn er dann zurückkam, spürte er sich immer mehr entpersönlicht, mehr unempfindlich geworden für alles, was in seiner wahren Tiefe vorging, entwöhnt seinem eigenen Gewissen, fremd seinem inneren Haus — seinem Ich. Und deshalb fühlte er sich auf der Gasse wohler als daheim.