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Sechs Tage später.
Clerambault hatte den Nachmittag im Walde verbracht. Wie der Mönch in der Legende konnte er, am Fuße einer Eiche hingelehnt, dem Vogelsang mit offenem Mund lauschend, ein Jahrhundert wie einen Tag hinrinnen lassen. Erst als es Abend wurde, entschloß er sich heimzukehren. Im Eingang trat Maxime, ein wenig blaß und gezwungen lächelnd, auf ihn zu und sagte:
„Papa, es geht los.“
Er erzählte ihm die letzten Neuigkeiten: Die russische Mobilisation, den Kriegszustand in Deutschland. Clerambault sah ihn an, ohne ihn zu verstehen. Seine Gedanken waren so weit weg von diesen traurigen Torheiten! Er versuchte, die Tatsachen abzustreiten, aber sie waren unwiderleglich. Alle setzten sich zu Tisch. Aber Clerambault konnte nichts essen.
Er suchte nach Vernunftgründen, um die Folgen dieser beiden verbrecherischen Handlungen zu entwerten: das richtige Gefühl der öffentlichen Meinung, die guten Absichten der Regierungen, die so oft wiederholte Ankündigung der sozialistischen Partei, die entschlossenen Worte Jaurès’. Maxime ließ ihn ruhig reden, seine Gedanken waren ganz wo anders: wie sein junger Hund mit gespitztem Ohr horchte er hinaus auf jede Regung der Nacht... Und es war eine so reine, eine so zärtliche Nacht. Alle, die diese letzten Abende im Juli 1914 und jenen noch schöneren des 1. August erlebt haben, bewahren in ihrer Erinnerung den wunderbaren Glanz der Natur, die mit ihren zärtlichen Armen und einem schönen Lächeln des Mitleids die unselige Menschheit umfing, die damals schon bereit war, sich gegenseitig zu zerreißen.
Es war schon fast zehn Uhr. Clerambault hatte aufgehört zu sprechen. Sie schwiegen alle mit schwerem Herzen, irgendwie beschäftigt oder bemüht es zu scheinen, die Frauen mit einer Handarbeit, Clerambault mit einem Buche, das er aber nur mit den Augen überflog. Maxime war auf die Terasse getreten und rauchte. An die Rampe gelehnt, sah er auf den schlafenden Garten und die magische Welle von Mondlicht im Dunkel der Alleen.
Das Läuten des Telephons ließ sie alle aufschrecken. Man verlangte Clerambault. Er ging mit schweren Schritten, bedrückt und zerstreut, zum Apparat. Anfangs verstand er nicht.
„Wer spricht?... Ach, Sie sind’s, lieber Freund?...“ (Ein Pariser Kollege telephonierte ihm aus der Redaktion seines Blattes.)
Clerambault verstand noch immer nicht:
„Ich verstehe nicht... Jaurès?... wirklich Jaurès?... O mein Gott...!“
Maxime, der, von einer geheimen Ahnung getrieben, von fern dem Gespräche zuhörte, stürzte an den Apparat, um das Hörrohr aus der Hand des Vaters zu nehmen, das Clerambault mit einer verzweifelten Geste hatte sinken lassen.
„Hallo! Hallo!... Was sagen Sie? Jaurès ermordet...!“
Ausrufe der Trauer und des Zornes antworteten sich durch den Draht. Maxime ließ sich die Details sagen, die er mit geknickter Stimme den Seinen wiederholte. Rosine hatte Clerambault an den Tisch zurückgeführt. Wie zerbrochen setzte er sich hin. Der Schatten eines ungeheuren Unglücks lastete wie das antike Schicksal über dem Hause. Es war nicht nur der Freund, dessen Hingang das Herz bedrängte — sein gutes, heiteres Antlitz, seine herzliche Hand, die Stimme, die alles Trübe hinwegfegte... es war Trauer auch um die letzte Hoffnung der bedrohten Völker, um den einzigen Mann, der (sie glaubten es wenigstens mit kindlichem und rührendem Vertrauen) den drohenden Sturm hätte beschwichtigen können. Nun, da er gefallen war, stürzte, gleichsam als ob Atlas der Träger hingesunken wäre, der Himmel ein.
Maxime lief an den Bahnhof. Er wollte Neuigkeiten von Paris holen und versprach, noch in der Nacht zurück zu sein. Clerambault blieb im einsamen Haus zurück, aus dem man von fern die große Lichtausstrahlung der Stadt sehen konnte. Er hatte sich nicht von dem Sessel gerührt, in den er in einem Zustand von Starre gesunken war. Die Katastrophe war unterwegs, jetzt gab es keinen Zweifel mehr, sie war schon da. Seine Frau versuchte ihn zu veranlassen, schlafen zu gehen, er wollte nichts davon hören. Seine Lebensidee war in Trümmer, nichts Festes, nichts Sicheres konnte er mehr unterscheiden, keine Ordnung machen, keinem Gedanken folgen. Sein inneres Haus war eingestürzt, und inmitten des Staubes, der sich aus dem Schutt erhob, vermochte er nicht zu erkennen, was noch aufrechtgeblieben, und es schien ihm: nichts! Ungeheuerliche Massen von Leiden — das war alles. Und Clerambault betrachtete sie mit stumpfem Blick, ohne die Tränen zu fühlen, die über seine Wangen herabrollten.
Maxime kam nicht zurück. Die Aufregung von Paris hatte ihn gepackt. Um ein Uhr nachts kam Frau Clerambault, die sich schon schlafen gelegt hatte, ihren Mann holen, und es gelang ihr, ihn in ihr gemeinsames Schlafzimmer zu führen. Er legte sich sofort zu Bett. Aber kaum, daß Pauline eingeschlafen war (die Unruhe hatte sie müde gemacht), stand er wieder vom Bette auf und kehrte in das Nachbarzimmer zurück. Er stöhnte, er seufzte, seine Qual war so drückend und dicht, daß sie ihm keinen Raum zum Atmen ließ. Mit dem prophetisch überreizten Gefühl des Künstlers, der oft deutlicher das Kommende als das Gegenwärtige sieht, umfing er alles, was geschehen würde, mit erschreckten Blicken und gekreuzigtem Herzen. Dieser unvermeidliche Krieg zwischen den größten Völkern der Welt schien ihm der Bankbruch der Zivilisation, Vernichtung seiner heiligsten Hoffnung auf die menschliche Brüderlichkeit. Mit Entsetzen erfüllte ihn die Vision dieser tollen Menschlichkeit, die ihre kostbarsten Schätze, ihre Kräfte, ihr Genie, ihre höchsten Werte dem bestialischen Götzen des Krieges hinopferte. Ein moralisches Sterben war es für ihn, eine schmerzhafte Gemeinschaft mit den Millionen Unglücklicher. Wozu also, wozu die Mühe von Jahrhunderten! Die Leere erdrückte ihm das Herz. Er fühlte, daß er nicht mehr leben könne, wenn sein Glauben an die menschliche Vernunft und die gegenseitige Liebe zerstört würde, wenn er zugeben müßte, daß sein Credo des Lebens und der Kunst, daß all sein Hoffen ein Irrtum und die wahre Lösung des Welträtsels ein dumpfer Pessimismus sei, und er fühlte sich zu schwach, zu feige, dieser Wahrheit in das Gesicht zu sehen. Voller Grauen wendete er die Augen ab. Aber das Ungetüm war da und fauchte ihm ins Gesicht. Und Clerambault betete — er wußte nicht zu wem, und nicht, um was — daß es nicht geschehen möge, daß es nicht wahr sei. Alles lieber als eine solche Wahrheit! Doch die mörderische Wirklichkeit stand hinter der Tür, die sich auftat. Clerambault kämpfte die ganze Nacht, um ihr den Eingang zu sperren...
Am Morgen aber begann allmählich irgendein Urinstinkt in ihm zu keimen, der aus einer unbekannten Tiefe kam und die Verzweiflung abzulenken suchte in das dumpfe Verlangen, eine genaue und sichere Ursache für dieses Unglück zu finden, sie in irgendeinem Menschen oder einer Gruppe von Menschen festzustellen und dann auf diese den ganzen Zorn über das Unglück der Menschheit zu entladen... Nur ein kurzes Aufflammen war es, aber dennoch schon erste ferne Ausstrahlung einer fremden, dunkeln, gewalttätigen und finsteren Seele, die in ihn eindringen wollte — der Massenseele...
Sie nahm deutlichere Formen mit der Ankunft Maximes an, der von ihrem Dunst durchdrungen war, den er in der Nacht in den Straßen von Paris eingesogen. Alle Falten seiner Kleider, jedes Haar seines Körpers war davon durchdrungen. Überreizt, exaltiert, wollte er sich nicht niedersetzen, er dachte nur daran schon abzureisen. Heute würde ja das Mobilisationsdekret erscheinen. Der Krieg war sicher, er war notwendig. Er war eine Wohltat. Man mußte einmal Schluß machen. Die Zukunft der Menschheit stand auf dem Spiel, die Freiheit der ganzen Welt war bedroht. Sie hatten die Ermordung Jaurès ausgedacht, um das überfallene Vaterland uneinig zu machen und zu revolutionieren, aber die ganze Nation stand wie ein Mann hinter den Führern. Die herrlichen Tage der großen Revolution würden sich erneuern... Clerambault widersprach keiner Behauptung, kaum, daß er sagte:
„Meinst du? Bist du wirklich sicher?“
Aber es war gleichsam eine geheime Bitte, Maxime möchte ja sagen und noch mehr sagen. Die neuen Nachrichten vermehrten das Chaos noch und trieben es zum Äußersten. Aber gleichzeitig begannen sich die verstörten Geisteskräfte auf einen bestimmten Punkt hin zu ordnen. Es war wie das erste Bellen des Hundes, auf das hin sich die Herde zusammenrottet.
Clerambault hatte nur mehr ein Verlangen: sich der Herde anzuschließen, sich zu reiben an den Menschenwesen, seinen Brüdern, so wie sie zu fühlen, so wie sie zu handeln. Obwohl er vom vorigen Abend noch erschöpft war, ging er trotz des Protestes seiner Frau mit Maxime fort, um den Zug nach Paris zu nehmen. Sie mußten lange am Bahnhof, lange im Zuge warten. Die Geleise waren verstellt und die Waggons überfüllt. In der allgemeinen Erregung fanden die Clerambaults eine gewisse Entlastung. Er fragte, er hörte zu: Alle verbrüderten sich, und alle, ohne zu wissen, was sie dachten, wußten, daß sie dasselbe dachten: daß dasselbe Rätsel, dieselbe Qual sie bedrohte. Aber man war nicht mehr allein, um ihrer Herr zu werden oder ihr zu unterliegen, und das beruhigte, das erleichterte ein wenig. Sie fühlten alle die gegenseitige Wärme. Es gab keinen Unterschied der Klassen mehr, keine Bürger und Arbeiter, man sah nicht auf die Kleider und Hände, man sah sich nur in die Augen, wo dieselbe Flamme des Lebens leuchtete, wo derselbe Schauer des Todes schattete. Und alle diese armen Leute waren so sichtlich den Ursachen der Katastrophe fremd, daß das Gefühl ihrer Unschuld sie ganz einfältig zwang, den Schuldigen anderswo zu suchen. Auch das war eine Wohltat, eine Erleichterung für ihr Gewissen.
Als Clerambault in Paris ankam, atmete er leichter; statt der Todesqual der vergangenen Nacht fühlte er eine stoische und männliche Melancholie.
Aber er stand erst vor der ersten Stufe.