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Clerambault endete seine Vorlesung mit einer Schillerschen Vision der nahenden brüderlichen Menschheitsfreude. Maxime, trotz seiner Ironie von Enthusiasmus hingerissen, brach in Beifall zu Ehren des Dichters aus und trommelte allein seinen begeisterten Applaus. Pauline erkundigte sich geräuschvoll, ob Agénor sich beim Sprechen nicht zu sehr erhitzt habe. Rosine, die einzig Schweigsame in der allgemeinen Erregung, legte heimlich die Lippen auf die Hand des Vaters.
Das Dienstmädchen brachte die Post und die Abendblätter. Keiner hatte Eile, sie zu lesen. Im Augenblick, da sie aus so strahlender Zukunftswelt traten, schienen ihnen die Nachrichten aus dem irdischen Tag nicht sehr eilig; dennoch löste Maxime die Schleife von dem großen bürgerlichen Tagesblatt, überlas mit einem Blick die vier gedrängten Seiten und rief, die letzten Nachrichten überfliegend: „Donnerwetter, es gibt Krieg!“
Keiner hörte auf ihn. Clerambault wiegte sich in den letzten Schwingungen seiner verflogenen Worte, Rosine war in stiller Begeisterung. Nur die Mutter, deren Denken auf nichts dauernd achtgeben konnte und wie eine Fliege nach allen Richtungen hinflatterte, um auf gut Glück etwas aufzulesen, hörte das letzte Wort und sagte erregt:
„Maxime, sag’ doch keine Dummheiten.“
Maxime protestierte und zeigte in der Zeitung die Kriegserklärung Österreichs an Serbien.
„An wen?“
„An Serbien.“
„Ach so“, atmete die gute Frau erleichtert auf, als ob sie sagen wollte: „Was da droben im Mond vorgeht...“
Aber Maxime gab nicht nach und bewies — doctus cum libro — daß im nächsten Augenblick dieser ferne Brand den Funken ins Pulverfaß werfen könnte. Clerambault, der langsam aus seinem angenehmen Mattigkeitsgefühl zu erwachen begann, erklärte sofort, daß nichts geschehen werde.
„Ein Bluff, so wie man schon Dutzende seit dreißig Jahren im Frühjahr und im Sommer gesehen hat... Eisenfresser, die mit dem Säbel klirren... Keiner glaubt an den Krieg, keiner will ihn... Ein Weltkrieg ist ja unmöglich, das ist heute genug bewiesen. Er ist nicht mehr als ein Schreckgespenst, und man sollte es endlich aus dem Gehirn der freien Demokratien austreiben.“
Und Clerambault verbreitete sich in ausführlichen Worten über das Thema...
Die Nacht war still, sanft und vertraulich. In den Feldern zirpten die Grillen, ein Glühwürmchen leuchtete im Gras, ferne donnerte leise ein Zug. Die Glyzinen dufteten, ein Springbrunnen tropfte murmelnd nieder, und vor dem mondlosen Himmel drehte sich der Scheinwerfer vom Eiffelturm.
Die beiden Frauen gingen in das Haus zurück. Maxime, müde vom langen Sitzen, lief im Garten mit seinem jungen Hunde um die Wette, durch die offenen Fenster hörte man, wie Rosine am Klavier mit zurückhaltendem Gefühl Schumann spielte. Clerambault, allein zurückgeblieben, langhingestreckt in seinen Strohsessel, atmete, voll Glück zu leben und Mensch zu sein, mit dankbarem Herzen die Güte dieser Sommernacht.