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Er wußte, wer er war, und seltsamerweise machte dieses Wissen um sich ihn nicht antipathisch. Er hatte so viel Freude daran, zu lieben, hatte so viel Zärtlichkeit für alle in Nähe und Ferne ständig bereit, daß er es nur natürlich fand, wenn man ihm diese Liebe zurückgab. Eigentlich war er ein großes Kind. Seit kurzem zur Berühmtheit gelangt, nach einem Leben von keineswegs goldener Mittelmäßigkeit, hatte er an jener vergangenen Zeit zwar nicht gelitten, aber die neue, die hellere, tat ihm wohl, und er genoß sie. Daß er das fünfzigste Jahr überschritten hatte, sah man ihm kaum an. Zwar glänzten schon einige weiße Haare in seinem dicken, blonden, gallischen Schnurrbart, aber sein Herz war jung geblieben mit seinen Kindern. Statt mit dem Strom seiner Generation zu gehen, gab er sich jeder neuen Welle hin, das Schönste des Lebens schien ihm im leidenschaftlichen Schwung seiner Erneuerung mit jeder neuen Jugend zu bestehen, und er kümmerte sich nicht um die Gegensätze, mit denen immer die neue Jugend sich gegen die frühere stellt, denn diese Gegensätze lösten sich ganz auf in seinem mehr enthusiastischen als logischen Gefühl, das überall Schönheit sah und immer von ihr trunken war. Dazu kam noch ein besonderes Bestreben nach Güte, das zwar nicht recht mit seinem ästhetischen Pantheismus zusammenstimmte, aber das seinem eigensten tiefsten Wesen entsprang.

Er hatte sich zum Wortführer aller edlen und menschlichen Ideen gemacht, sympathisierte mit den radikalsten Parteien, den Arbeitern, den Unterdrückten, dem Volke — das er übrigens nicht kannte, denn er war ein reiner Bourgeois, voll von humanen und verschwommenen Ideen. Noch mehr als das Volk vergötterte er die Menge, er liebte sich in ihr zu baden, er genoß es als höchstes Glück, sich in der Gesamtseele aufzulösen (wenigstens glaubte er es von sich). Diese letzte Neigung war nun allerdings eine ziemlich verbreitete unter den Intellektuellen von damals, die Mode unterstrich hier, wie gewöhnlich, nur einen besonders ausgeprägten Zug des Zeitgefühls. Die Menschheit entwickelte sich in dieser Epoche immer bewußter dem Ideal eines Ameisenhaufens entgegen, und selbstverständlich drückten die empfindsamsten Wesen, die Künstler und die Intellektuellen, als erste die Symptome dieser Entwicklung aus. In ihrer Neigung erblickte man zunächst ein bloßes Spiel und verkannte den Gesamtzustand, für den diese Symptome nur das Merkzeichen waren.

Die demokratische Entwicklung der Welt seit vierzig Jahren hatte viel weniger in der Politik die Herrschaft des Volkes verwirklicht, als in der Gesellschaft den Triumph der Mittelmäßigkeit. Gegen diese Nivellierung des Geistigen hatte im ersten Augenblick die Elite der Künstler ganz richtig reagiert. Aber zu schwach, um gegen sie anzukämpfen, hatte sie sich mit bewußter Übersteigerung ihrer Verachtung und ihrer Isolierung in das Abseits zurückgezogen: sie predigte eine seltene, eine artistische Kunst, die unzugänglich blieb für die Masse und nur aufgetan für Eingeweihte. Nun gibt es nichts Fruchtbareres als die Flucht in die Einsamkeit, wenn man in sie ein vollwirkendes Gewissen, einen Überfluß des Gefühls, eine strömende Seele mit bringt. Aber welch ein Abstand zwischen diesen literarischen Cenaclen des neunzehnten Jahrhunderts und jenen fruchtbaren Eremitagen, in die sich die mächtigen Gedanken einstens flüchteten! Diese neuen Abseitigen waren mehr damit beschäftigt, ihr geistiges Kleingeld aufzuzehren statt es zu erneuern; um es rein zu erhalten, hatten sie die Münze aus dem allgemeinen Umlauf gezogen, was zur Folge hatte, daß sie bald jeden Wert verlor. Das Leben der Gesamtheit ging an ihnen vorbei, ohne sich um sie zu kümmern, die Kaste dieser Künstler wurde siech und bleichsüchtig bei ihren raffinierten Spielen. Gewaltige Windstöße zur Zeit der Dreyfus-Krise entrissen einige Stärkere unter ihnen der Erstarrung, und kaum daß sie aus ihrem Orchideengarten ins Freie traten, berauschte sie der Wind der Welt. Mit ebensolcher Übertreibung, wie ihre Vorgänger sie an die Abseitigkeit von der Menge wandten, stürzten sie sich in die große vorüberströmende Flut. Sie glaubten, daß das Volk das Heil sei, das Gute, das Wahre, das Schöne, und trotz aller Enttäuschungen, die sie bei ihren vergeblichen Versuchen der Annäherung erlebten, inaugurierten sie eine neue Strömung in der europäischen Kunst und im europäischen Geistesleben. Sie setzten ihren Stolz darein, sich Interpreten der Massenseele zu nennen, in Wirklichkeit aber waren es nicht sie, die eroberten, sondern die erobert wurden. Die Massenseele hatte Bresche geschossen in den Elfenbeinturm, und die matten Persönlichkeiten der Denker kapitulierten; um vor sich selbst ihre Abdankung zu verbergen, nannten sie sie eine freiwillige Hingabe. In ihrem Bedürfnis, sich selbst zu überzeugen, fabrizierten ihre Philosophen und Ästheten eigene Theorien, die als Gesetz beweisen sollten, daß man sich dem allgewaltigen Leben hingeben sollte, statt es zu lenken oder auch nur bescheiden seinen eigenen braven Weg gelassen hinzugehen. Man trieb einen Kult damit, nicht mehr sein eigenes Ich zu sein, keine eigene Vernunft, keinen eigenen individuellen Willen mehr zu haben (die Freiheit galt diesen Demokratien als alte abgetane Sache), man prahlte damit, nur mehr ein Blutkügelchen in den Adern des blind dahinwirkenden Stromes zu sein — die einen sagten, des Stromes der Rasse, die andern, des Stromes des Instinkts oder des universellen Lebens. Und diese ansprechenden Theorien, aus denen die Geschickteren in der Kunst und Philosophie ihr Teil zu ziehen wußten, standen 1914 in schönster Blüte.

Sie hatten auch ganz das Herz des naiven Clerambault gewonnen. Nichts paßte besser zu seinem zärtlichen Herzen und zu seiner geistigen Unsicherheit, denn für den, der sich nicht selbst besitzt, ist es leicht, sich hinzugeben; den andern, dem All, der Vorsehung, dieser unbekannten und undefinierbaren Macht, lädt man die ganze Last auf, für einen zu denken und für einen zu wollen. Der große Strom zog vorbei, und die trägen Seelen, statt ihren Weg selbst am Ufer hinzuziehen, fanden es viel einfacher und viel berauschender, sich einfach von ihm tragen zu lassen... Wohin?... Darüber nachzudenken, mühte sich keiner ab. Schön im Warmen in ihrem Okzident, kamen sie niemals auf die Idee, daß die Zivilisation einmal alle ihre Errungenschaften auch verlieren könne. Der Gang des Fortschritts schien ihnen ebenso selbstverständlich wie die Umdrehung der Erde, denn diese Überzeugung erlaubte ihnen ja, ruhig zuzusehen und mit gekreuzten Armen alles geschehen zu lassen. Man gab sich dem Schicksal einfach hin, das unterdessen den Abgrund höhlte und sie unten erwartete.

Aber als guter Idealist sah Clerambault selten auf seine Füße. Das hinderte ihn zwar nicht, sich blindlings in die Politik zu mengen, wie es ja die Leidenschaft der Literaten zu jener Zeit war. Er gab gern seinen Senf dazu, wenn ihn Journalisten, die gerade ein paar Spalten brauchten, darum angingen, und ging ganz ernsthaft mit aufrichtigem Wichtigkeitsgefühl in ihre Netze. Im ganzen ein guter Dichter und guter Mensch, gescheit und zugleich ein wenig beschränkt, ein reines Herz und schwacher Charakter, der Bewunderung und dem Tadel sowie allen Einflüsterungen seines Milieus zugänglich, zwar unfähig zu irgendeinem häßlichen Gefühl des Neides und des Hasses, unfähig aber auch, es bei andern zu vermuten, kurzsichtig für das Böse, weitsichtig für das Gute im Chaos der menschlichen Gefühle, war er so recht der Typus eines Schriftstellers, der geschaffen ist, den Lesern zu gefallen, weil er ihre Fehler übersieht und ihre kleinen Tugenden verschönt. Denn selbst diejenigen, die nicht darauf hineinfallen, sind solchen Schriftstellern dankbar, denn man will das scheinen, was man nicht ist, und liebt die Welt von Augen gesehen, in denen das Mittelmäßige des Lebens schön wird.

Diese allgemeine Sympathie, die Clerambault beglückte, war nicht minder schön für die drei Menschen zu genießen, die in diesem Augenblick bei ihm weilten. Sie waren stolz auf ihn, als wäre er ihr Werk, denn was man bewundert, ist immer ein wenig so, als hätte man es selbst getan. Und wenn man dazu noch einem solchen Mann, einem so verehrten Wesen zugehört, von seinem eigenen Blute ist, dann unterscheidet man nicht mehr genau, inwieweit man von ihm stammt oder er von einem. Die beiden Kinder und die Frau Agénor Clerambaults betrachteten ihren großen Mann mit den zärtlichen und zufriedenen Augen des Besitzers, und er, der sie mit seinem glühenden Wort und seinem hohen Wuchs mit den ein wenig erhobenen Schultern überragte, ließ es ruhig geschehen. Er wußte, daß der Besitz Herr des Besitzers ist.