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Nach acht Tagen begann Clerambault wieder auszugehen. Aus der furchtbaren Krise, durch die er sich gerungen, ging er gebrochen, aber entschlossen hervor. Der Überschwang der Verzweiflung war von ihm gefallen, ihn beseelte einzig mehr ein stoischer Wille, der Wahrheit bis in ihre letzten Schlupfwinkel nachzudringen. Aber das Erinnern an seine geistige Verwirrung, in der er sich so wohl befunden, und die Halblüge, die so lange seine Nahrung gewesen war, machte ihn unsicher und demütig. Er mißtraute der eigenen Kraft, und um Schritt für Schritt weiterzukommen, fühlte er sich bereit, den Rat von Erfahreneren als Führung anzunehmen. Er erinnerte sich, wie Perrotin damals seinen vertraulichen Überschwang mit ironischer Zurückhaltung aufgenommen. Damals hatte sie ihn verwirrt, nun zog sie ihn an. Sein erster Besuch nach der Genesung galt dem klugen Freunde.

Obwohl Perrotin sich besser auf Bücher als auf Physiognomien verstand — ziemlich kurzsichtig und ein wenig egoistisch, gab er sich selten Mühe, etwas zu beachten, das er nicht unbedingt brauchte — so konnte er doch nicht umhin, die Veränderung der Gesichtszüge Clerambaults sofort staunend zu bemerken.

„Was ist, mein guter Freund“, rief er ihm zu, „waren Sie krank?“

„Ja, wirklich sehr krank“, antwortete Clerambault, „aber es geht mir schon besser, ich habe mich schon erholt.“

„Ja, das ist für uns der grausamste Schlag“, sagte Perrotin, „in unserem Alter einen Freund zu verlieren, wie es für Sie Ihr armer Sohn war.“

„Das Grausamste ist noch nicht, ihn verloren zu haben“, antwortete Clerambault, „sondern selbst mit Schuld an seinem Verlust zu sein.“

„Was sagen Sie da, mein Freund“, fuhr Perrotin erstaunt auf, „was haben Sie sich da erfunden, um Ihre Qual noch zu steigern?“

„Ich hatte ihm die Augen verschlossen“, sagte bitter Clerambault, „und er hat sie mir geöffnet.“

Perrotin ließ seine Arbeit liegen, über die er wie gewöhnlich nachsann, während man zu ihm sprach, und sah Clerambault erstaunt an, der mit gesenktem Kopf und einer dumpfen, schmerzvoll-leidenschaftlichen Stimme zu erzählen begann. Es war, wie wenn ein Christ der ersten Zeiten öffentlich seine Beichte ablegte. Er klagte sich der Lüge an, der Lüge gegen seinen Glauben, der Lüge gegen sein Herz, der Lüge gegen seine eigene Vernunft. Der Apostel hatte in seiner Feigheit den Gott verleugnet, sobald er ihn in Ketten sah, aber soweit hatte er sich doch nicht erniedrigt, den Henkern seines Gottes Hilfe zu leisten. Aber er, Clerambault, hatte nicht nur die Sache der allmenschlichen Brüderlichkeit verlassen, er hatte sie erniedrigt; er hatte nicht abgelassen, von Brüderlichkeit zu sprechen, während er gleichzeitig zum Haß aufrief, er hatte wie jene lügnerischen Priester, die das Evangelium verdrehen, um es in den Dienst ihrer schlechten Absichten zu stellen, geschickt die erhabensten Gedanken verfälscht, um mit ihrer Maske die Leidenschaft zum Mord zu verdecken. Er hatte sich einen Pazifisten genannt, während er den Krieg verherrlichte, und einen Menschenfreund, indes er den Feind von vornherein aus dem Kreise der Menschheit ausstieß.... Oh, um wieviel redlicher wäre es gewesen, sich vor der brutalen Gewalt einfach zu beugen, als mit ihr erniedrigende Kompromisse einzugehen! Gerade dank solchen Sophismen wie den seinen, war es gelungen, den Idealismus der jungen Menschen in das Gemetzel zu hetzen. Denn die Denker, die Künstler, sie, die alten Giftmischer, waren es, die mit ihrer Rhetorik den grauenhaften Todestrunk versüßten, den ohne ihre Mitschuld jedes reine Gewissen sofort mit Abscheu zurückgestoßen und ausgespien hätte....

„Das Blut meines Kindes ist über mir“, sagte Clerambault schmerzlich, „das Blut aller jungen Menschen Europas, in allen Nationen, spritzt der Idee Europas ins Antlitz. Überall hat sich die Idee zum Knecht des Henkers erniedrigt.“

„Mein armer Freund“, sagte Perrotin, indem er sich zu Clerambault neigte und seine Hand nahm, „Sie übertreiben immer.... Gewiß, Sie tun gut, den Gefühlsirrtum zu erkennen, in den Sie die öffentliche Meinung mitgerissen hat, und ich kann Ihnen heute offen sagen, daß mich diese Täuschung gerade bei Ihnen geschmerzt hat. Aber Sie haben unrecht, wenn Sie sich und den Sprechenden überhaupt eine so große Verantwortung für die Geschehnisse von heute zuschreiben. Die einen sprechen, die anderen handeln, aber es sind nicht diejenigen, die sprechen, die die Tat der anderen verursachen; beide sind Spielball der Strömung und haben keine Kraft über diese.“

„Aber ihnen fällt doch die Schuld zu, andere aufgefordert zu haben, sich mitreißen zu lassen“, antwortete Clerambault. „Statt die noch auf der Oberfläche Schwimmenden festzuhalten und ihnen zuzuschreien: „Kämpft gegen den Strom!“ haben sie gesagt: „Laßt euch nur fortreißen!“ Nein, mein Freund, versuchen Sie nicht, unsere Verantwortlichkeit zu mildern. Sie ist schwerer als irgend eine andere, denn unser Gedanke war so hoch gestellt, daß er weit blicken konnte, seine Pflicht war, zu wachen, und wenn er nicht das Richtige gesehen hat, so war es, weil er nicht sehen wollte. Wir dürfen nicht unsere Augen anklagen, denn unsere Augen waren gut, das wissen Sie wohl, und auch ich weiß es jetzt, da ich mich wieder aufgerafft habe. Dieselbe Vernunft, die mir die Augen verbunden hat, hat mir das Band wieder abgerissen. Seltsam, daß sie gleichzeitig ein Instrument der Lüge und ein Instrument der Wahrheit ist!“

Perrotin schüttelte den Kopf.

„Ja, die Vernunft ist so groß und so erhaben, daß sie sich nicht, ohne sich zu erniedrigen, in den Dienst anderer Mächte stellen darf. Man muß ihr alles aufopfern. Sobald sie nicht mehr freiwirkend und Herrin ihrer selbst ist, erniedrigt sie sich, sie wird dann wie der Grieche, der von dem Römer, seinem Herrn, trotz seiner Überlegenheit erniedrigt wird und verpflichtet, sein Kuppler zu sein, ein Gräculus, ein Sophist, ein leno... Der Durchschnittsmensch ist gewöhnt, seine Vernunft wie einen Dienstboten zu allem möglichen zu mißbrauchen, und sie dient ihm dann mit der unehrlichen und geschmeidigen Geschicklichkeit dieser Art Leute. Bald begibt sie sich in den Dienst des Hasses, des Stolzes, bald in den der eigenen Interessen, sie schmeichelt allen diesen kleinen Ungetümen und verkleidet sie als Idealismus, Liebe, Glaube, Freiheit, soziale Hingabe, denn wenn ein Mensch die Menschen nicht liebt, so sagt er immer, er liebe Gott, das Vaterland oder die Menschheit. Bald wird dann der arme Herr der Vernunft selbst zum Sklaven, zum Sklaven des Staates. Mit ihrer Drohung zwingt ihn die soziale Maschine zu Handlungen, die ihm innerlich widerstreben; die brave und gefällige Vernunft redet ihm aber sofort ein, diese Handlungen seien schön und ruhmvoll, und daß er sie aus freiem Willen tue. In dem einen Falle wie in dem andern weiß die Vernunft wohl, woran sie sich zu halten hat. Sie steht immer zu unserer Verfügung, sobald wir wirklich wollen, daß sie uns die Wahrheit sage. Aber wir sind es, die sich wohl hüten, von ihr Gebrauch zu machen. Wir vermeiden sorgsam, mit ihr allein zu sein, wir wissen es immer so einzurichten, daß wir ihr nur in Gesellschaft begegnen und ihr Fragen schon in jenem Ton stellen, der die Antwort von vornherein bestimmt..... Schließlich dreht sich die Erde darum doch — e pur si muove — die Weltgesetze erfüllen sich, und der freie Geist erkennt sie. Alles andere ist Eitelkeit. Was wir Leidenschaften und aufrichtigen oder falschen Glauben nennen, bedeutet nur einen verhüllten Ausdruck für die Notwendigkeit, die die Welt bewegt, gleichgültig um unsere Idole, Familie, Rasse, Vaterland, Religion, Gesellschaft, Fortschritt... Fortschritt? Das ist der größte Wahn von allen. Ist denn die Menschheit nicht dem Gesetz der höchsten Spannung unterworfen, das verlangt, daß, sobald sie überschritten ist, eine Klappe sich öffne und der Behälter sich wieder leere? Kehrt er nicht immer wieder, dieser katastrophale Rhythmus? Knapp an den Höhen der Zivilisation ist immer der Absturz. Man steigt, und taucht wieder hinab.“

Perrotin entwickelte ruhig seinen Gedankengang. Seine Idee war sonst nicht gewöhnt, sich vor anderen auszusprechen, aber sie hatte den Zeugen vergessen, und so entkleidete sie sich, als wäre sie allein. Perrotins Weltanschauung war von einer großen Kühnheit, wie es oft jene großer Menschen sind, die in ihrem Zimmer leben und nicht zur Tat verpflichtet sind, ja gar nichts auf sie halten und sie sogar verachten. Clerambault hörte erstaunt, erschrocken, mit offenem Munde zu, manche Worte erbitterten ihn, manche preßten ihm das Herz zu, er empfand eine Art Schwindel. Aber er überwand seine Schwäche, um keinen Blick in die aufgetanen Tiefen zu verlieren. Er bedrängte Perrotin mit Fragen, der geschmeichelt seine zweiflerischen, gleichzeitig passiven und doch zerstörenden Visionen gefällig und selbstgefällig vor ihm entrollte.

Sie waren noch ganz vom Gewölke dieser Abgründe umhüllt, und Clerambault bewunderte die Leichtigkeit dieses freien Geistes, der sicher und fast zufrieden am Rande dieser Leere hauste, als die Tür sich auftat und der Diener Perrotin eine Visitenkarte brachte. Sofort lösten sich die gefährlichen Gespenster des Geistes in nichts auf. Eine Falltür schlug über dem Abgrund zu und der gewohnte Teppich des Salons verdeckte seine Spur.... Perrotin, aufgeschreckt, sagte eiligst und beflissen:

„Ja, natürlich, bitte lassen Sie nur eintreten.“

Und indem er sich zu Clerambault wandte: „Sie gestatten doch, lieber Freund, es ist der Herr Unterstaatssekretär vom Ministerium für Unterricht und schöne Künste.“

Und schon war er aufgestanden und ging dem Besucher entgegen, einem jungen Mann mit blau rasiertem Kinn, einem Priester-, Schauspieler- oder Yankeegesicht. Er trug den Kopf hoch und die Brust breit in seinem grauen Jackett, das die Rosette der Verdienstvollen und der Kriecher verzierte. Der alte Mann stellte, nun wieder strahlend, vor: „Herr Agénor Clerambault... Herr Hyacinthe Monchéri“ und fragte den „Herrn Unterstaatssekretär“, was ihm die Ehre dieses Besuches verschaffe.

Der „Herr Unterstaatssekretär“, keineswegs erstaunt über den ehrerbietigen Empfang von seiten des alten Meisters, warf sich breit in den Fauteuil mit jener familiären Überlegenheit, die ihm sein offizieller Rang über die beiden Leuchten des französischen Gedankens verlieh: er stellte ja den Staat dar. Er sprach näselnd, laut und mißtönend, er schrie wie ein Dromedar. Er übermittelte Perrotin die Einladung des Ministers, das Präsidium einer feierlichen Sitzung kriegsbegeisterter Intellektueller von zehn Nationen im großen Amphitheater der Sorbonne zu übernehmen — einer „Fluchsitzung“, wie er sagte. Perrotin sagte eiligst zu, ganz beglückt von der großen Ehre. Sein erniedrigendes Verhalten gegenüber dem staatlich legitimierten Gimpel stand in seltsamem Gegensatz zu den verwegenen Gedanken, die er eben entwickelt hatte, und Clerambault, im tiefsten abgestoßen, mußte an den Gräculus denken.

Sobald sie wieder allein waren, und nachdem Perrotin ihn bis zur Schwelle begleitet hatte, seinen „Verehrten“, der steifen Halses und gehobenen Kopfes ging, wie der mit Reliquien beladene Esel, wollte Clerambault das Gespräch wieder aufnehmen. Er war etwas abgekühlt und machte kein Geheimnis daraus. Er forderte Perrotin auf, öffentlich das auszusprechen, was er ihm im Vertrauen gesagt hatte, eine Zumutung, die Perrotin natürlich, seine Naivität belächelnd, ablehnte. Ja er warnte ihn sogar in besorgter Weise bezüglich der Versuchung, vor der Öffentlichkeit zu beichten. Clerambault wurde zornig, begann zu streiten und blieb hartnäckig bei seiner Forderung. Perrotin, der gerade aufrichtig gelaunt war, schilderte ihm, um ihn aufzuklären, seine Umgebung, die großen Intellektuellen der Universität, deren offizieller Vertreter er war, die Historiker, Philosophen und Schönredner. Er sprach von ihnen mit einer verschleierten, höflichen, aber tiefen Mißachtung, die mit ein wenig Bitterkeit gemengt war, denn trotz seiner Vorsicht war er zu intelligent, um nicht den weniger klugen unter seinen Kameraden schon verdächtig geworden zu sein. Er schilderte sich als einen alten Hund, der einen Blinden führt, und sich inmitten der bellenden Fleischerhunde gezwungen sieht, mit ihnen die Vorübergehenden anzukläffen....

Clerambault verließ ihn, ohne mit ihm zu brechen, aber voll tiefen Mitleids.