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Es dauerte einige Tage, ehe er wiederum ausging. Jene erste Berührung mit der äußeren Welt hatte ihn zu sehr enttäuscht. Der Freund, in dem er einen Helfer und eine Stütze zu finden gehofft hatte, war kläglich vor ihm zusammengebrochen. Clerambault fühlte sich ganz verwirrt, denn im Grunde seines Wesens war er schwach und nicht gewohnt, selbst die Richtung seines Weges zu finden. So aufrichtig er als Dichter war, er hatte sich bisher doch noch nie verpflichtet gesehen, ohne die Hilfe der anderen zu denken. Bisher hatte er sich immer nur von ihren Gedanken tragen lassen, war mit ihnen eins geworden, um dann ihre ekstatische und begeisterte Stimme zu werden.... Die Veränderung war nun zu plötzlich gekommen. Trotz jener Nacht der Krise fiel er immer wieder in Unsicherheit zurück, denn die Natur kann sich nicht mit einem Schlage verändern und besonders nicht bei jenen, die — mag ihr Geist auch noch so geschmeidig geblieben sein — das fünfzigste Jahr überschritten haben. Und das Licht, das aus einer solchen Erkenntnis aufflammt, bleibt durchaus nicht so unbeweglich, wie die blendende Schale der Sonne in einem Sommerhimmel, sondern ähnelt mehr einer elektrischen Lampe, die zittert und mehr als einmal auslöscht, ehe der Strom regelmäßig und dauerhaft wird. In den Synkopen dieser zuckenden Pulsschläge des Lichtes scheint dann natürlich das Dunkel noch viel dunkler und der Geist viel verwirrter. — Clerambault konnte sich nicht entschließen, auf die Meinung der anderen von vornherein zu verzichten.
Er beschloß, einen seiner Freunde nach dem andern zu besuchen, deren er viele in der Literatur und in den Kreisen der Universität und der intelligenten Bourgeoisie besaß. Es war ja nicht möglich, daß in ihrer großen Zahl sich nicht einer oder der andere fände, den so wie ihn und noch besser als ihn ein ahnendes Gefühl jener Probleme bewegte, von denen er selbst beunruhigt war, und der ihm zu einer Klärung verhelfen könnte. Ohne sich vorläufig noch zu verraten, ganz vorsichtig, versuchte er sie zu beobachten, sie auszuhorchen, die Gründe ihrer Gläubigkeit aufzuspüren. Aber er wurde nicht gewahr, daß seine eigenen Augen schon verwandelt waren. Und die Vision jener Welt schien ihm, so sehr er sie zu kennen glaubte, ganz neu und ließ ihn erstarren.
Der ganze Clan der Literatur hatte sich wehrhaft gemacht, man konnte die einzelnen Persönlichkeiten kaum mehr voneinander unterscheiden. Die Universität bildete gleichsam ein Ministerium der dienstbaren Vernunft und hatte das Amt übernommen, die Taten ihres Herrn und Meisters, des Staates, zu rechtfertigen. Und die einzelnen Arten der Dienstleistung unterschieden sich einzig durch ihre gewerbsmäßigen Verdrehungen.
Die schöngeistigen Professoren waren in erster Linie Experten für moralischen Aufschwung und rednerischen Syllogismus. Sie hatten alle die krankhafte Neigung, das Denken auf eine übermäßige Einfachheit zu restringieren, verwendeten statt Vernunftsgründen große Worte und werkelten immer einige wenige Ideen ab, aber Ideen ohne Tiefe, ohne Nuancen und ohne Leben. Diese Ideen holten sie sich aus dem Arsenal einer angeblich klassischen Antike, deren Schlüssel durch Jahrhunderte Generationen akademischer Derwische eifersüchtig bewahrten, und diesen geschwätzigen und alten Ideen, die man überdies noch „Menschheitsideen“ nannte, obwohl sie in vieler Hinsicht das Gefühl und das Empfinden der heutigen Menschheit verletzten, prägten sie den Stempel des Römerstaates auf, als des Prototyps aller europäischen Staaten. Ihre bevollmächtigten Interpreten waren die Schönredner im Staatsdienst.
Die Philosophen herrschten im Reiche der abstrakten Konstruktion. Sie exzellierten in der Kunst, das Konkrete durch Abstraktion, das Wirkliche durch seinen Schatten zu erklären, einige rasch und parteiisch gewählte Beobachtungen zum System zu erheben und dank ihrer Tüftelei aus diesen Systemen wieder Gesetze herauszuschwindeln, nach denen das Weltall wandeln sollte. Ihre ganze Mühe erschöpfte sich darin, das vielfältige und wandlungsvolle Leben der Einheit des Geistes fügsam zu machen — natürlich nur der Einheit ihres eigenen Geistes. Dieser Imperialismus der Vernunft stützte sich auf die willfährige Büberei jahrelang geübter Sophistik, die gewohnt war, mit Ideen zu spielen. Sie verstanden nur zu gut, sie auseinander- und wieder zusammenzuziehen, sie zu formen und zu pressen wie Knetgummi, für sie wäre es nicht schwer gewesen, ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen zu lassen. Sie wußten ebensogut das Weiße wie das Schwarze zu beweisen, und fanden, ganz wie es ihnen beliebte, in Immanuel Kant bald die Freiheit der Welt, bald den preußischen Militarismus.
Die Historiker wieder waren als bewährte Schriftführer, Notare und Rechtsanwälte des Staates zum Schutz seiner Verträge und Rechte beigestellt und bis an die Zähne bewaffnet für zukünftige Schikanen.... Die Geschichte! Was ist denn die Geschichte? Einzig die Geschichte des Erfolges, die Darstellung der vollzogenen Tatsachen, gleichgültig, ob sie gerecht oder ungerecht waren. An den Besiegten geht die Geschichte vorbei. Sie hat nur Schweigen für euch, ihr Perser von Salamis, ihr Sklaven des Spartakus, ihr Gallier, ihr Araber von Poitiers, ihr Albingenser, Irländer, Indier von West und Ost und ihr Eingebornen der Kolonien!... Wenn ein ehrlich denkender Mann, der Ungerechtigkeit seiner Zeit ausgesetzt, zu seinem eigenen Troste seine Hoffnung auf die Nachwelt setzt, so verschließt er die Augen vor den geringen Möglichkeiten, die jene Nachwelt hat, sich wahrhaft über die Vergangenheit Rechenschaft zu geben. Die Nachwelt erfährt immer nur das, was die Sachwalter der offiziellen Geschichte als vorteilhaft für die Sache ihres Klienten, des Staates, empfanden, es sei denn, daß der Rechtsanwalt der Gegenpartei, entweder der einer anderen Nation oder der einer sozialen oder religiösen unterdrückten Gruppe, seinen Einwand machte. Aber dafür besteht wenig Aussicht: das Geheimnis ist gut gewahrt.
Schönredner, Sophisten und Winkeladvokaten, das waren die drei Korporationen der staatlich patentierten philosophischen Fakultät.
Die „Wissenschaftler“ wären durch die Art ihrer Forschung ein wenig besser in der Lage gewesen, außerhalb der Beeinflussung und Berührung der Umwelt zu bleiben — vorausgesetzt, daß sie in ihrer Studienwelt verharrt hätten. Aber man hatte sie daraus vertrieben. Die praktische Anwendung der Wissenschaft hat eine so ungemeine Ausdehnung in der lebendigen Wirklichkeit eingenommen, daß die Gelehrten in die erste Reihe des Kampfes geschleudert wurden, wo sie unausweichlich der ansteckenden Berührung der öffentlichen Meinung ausgesetzt waren. Ihre Eigenliebe fand sich ganz unmittelbar an dem Siege der Allgemeinheit interessiert, denn diese benötigte ebenso den Heroismus der Soldaten wie die törichten Ansichten und die Lügen der Presse. Nur ganz wenige unter ihnen hatten die Kraft sich freizumachen, die meisten aber brachten die ganze Strenge, Härte und Unerbittlichkeit des geometrischen Geistes mit sich, dazu noch die professionellen Eifersüchteleien, die ja zwischen den verschiedenen Gelehrtengruppen der verschiedenen Länder immer sehr scharfe sind.
Die Schriftsteller schlechtweg, die Dichter, Romanciers, die Schaffenden ohne staatliche Bindung hätten den Vorteil ihrer Unabhängigkeit ausnützen können. Leider aber sind nur ganz wenige unter ihnen imstande, von sich selbst aus Ereignisse zu beurteilen, die die Grenzen ihrer gewöhnlichen ästhetischen oder geschäftlichen Betätigung überschreiten. Die meisten unter ihnen, und oft gerade die berühmtesten, sind ungebildet wie Karpfen. Das Beste wäre nun natürlich für sie gewesen, sie wären in ihrem beschränkten Gesichtskreise verblieben, wozu sie ihr natürlicher Instinkt eigentlich hätte leiten sollen. Aber ihre Eitelkeit fühlte sich törichterweise angestachelt, sich in die öffentlichen Geschehnisse einzumengen und auch ihrerseits ihr Wort über das Weltall zu sprechen. Da sie nun selbst nichts darüber zu sagen wußten als Verkehrtheiten, so inspirierten sie sich mangels persönlicher Meinung an Gemeinplätzen. Ihre Äußerungen sind bei einem solchen gewaltsamen Anlaß natürlich ungemein lebhaft, denn sie sind überempfindlich und von einer krankhaften Eitelkeit, die, da sie keine eigenen Gedanken auszudrücken vermag, diejenigen der anderen maßlos übertreibt. Dies ist ihre einzige Originalität, und Gott weiß, wie reichlich sie davon Gebrauch gemacht haben.
Wer bleibt also? Die Diener der Kirche? Gerade sie handhabten das schwere Geschütz: die Idee der Gerechtigkeit, der Wahrheit, des Guten und Gottes, auch sie hatten diese Artillerie in den Dienst ihrer Leidenschaften gestellt. Ihre unsinnige Anmaßung, die ihnen selbst nicht mehr bewußt ist, hat von Gott einfach Besitz ergriffen und sich das Privileg zugeschrieben, ihn en gros oder en détail zu verschleißen. Es fehlt ihnen dabei nicht so sehr an Aufrichtigkeit, an Tugend und selbst an Güte wie an Demut; gerade die Demut, die sie verkündigen, haben sie am wenigsten. Sie besteht für sie einzig darin, ihren Nabel zu betrachten, wie er sich im Talmud, der Bibel oder dem Evangelium spiegelt. In ihrem unmäßigen Stolz sind sie nicht weit von jenem mythischen Narren, der sich selbst für Gottvater hielt. Ist es wirklich um so viel weniger närrisch und um so viel weniger gefährlich, sich für seinen Stellvertreter oder seinen Schriftführer zu halten?
Clerambault fühlte entsetzt den krankhaften und fast hinfälligen Zustand der intellektuellen Klüngel. Das Übermaß der Organisation und der Gedankenübermittlung in der bürgerlichen Klasse hat etwas Verzerrtes und Mißgeburthaftes an sich. Das lebendige Gleichmaß ist zerstört, eine Bureaukratie des Geistes dünkt sich dem einfachen Arbeiter ungemein überlegen. Sicherlich ist sie nützlich — wer denkt daran das zu leugnen! Sie rafft ja Gedanken zusammen und ordnet sie in Register, sie verwandelt und verwendet sie im vielfältigsten Aufbau. Aber wie selten kommt es ihr in den Sinn, die Substanz, die sie zu ihrem Werk verwendet, zu prüfen und ihren Ideeninhalt zu erneuern. So bleibt sie die eifersüchtige Hüterin eines wertlos gewordenen Schatzes.
Wäre wenigstens dieser Irrtum ein ungefährlicher! Aber Ideen, die man nicht unablässig mit der Wirklichkeit vergleicht, die sich nicht in jeder Stunde im Strom der lebendigen Erfahrung baden, trocknen ein und werden dann giftige Substanzen. Sie werfen über das neue Leben ihre schweren Schatten, die Nacht verbreiten und Fieberschauer ausstreuen.
Wie stupide ist doch diese Behexung durch abstrakte Worte! Was hat es denn für einen Sinn, die Könige abzusetzen und diejenigen zu verlachen, die für ihre Gebieter sterben, wenn man an ihre Stelle nur tyrannische Wesenheiten setzt, die man mit den Flittern jener anderen bekleidet? Besser ein Monarch mit Fleisch und Knochen, den man sieht, den man fassen und unterdrücken kann, als diese Abstraktionen, diese Despoten, die keiner kennt und keiner jemals gekannt hat.... Denn wir haben mit den großen Eunuchen, mit den Priestern des „verborgenen Krokodils“, wie Taine es nannte, mit den ränkeschmiedenden Ministern zu tun, die das Götzenbild sprechen lassen. Ah, wenn diese Schleier doch endlich zerreißen und wir die Bestie kennen würden, die sich in uns versteckt! Es wäre weniger Gefahr für den Menschen darin, offenkundig eine Bestie zu sein, als die Brutalität hinter einem lügnerischen, kranken Idealismus zu verstecken, der die tierischen Instinkte nicht vernichtet, sondern sie vergöttlicht. Er idealisiert sie, um sie später zu rechtfertigen, und da er dies nicht vermag, ohne sie künstlich auf das Äußerste zu vereinfachen (dies ist ein Gesetz seiner geistigen Natur, die, um zu verstehen, ebensoviel zerstört als sie aufnimmt), so nimmt er ihnen, indem er sie nach einer einzigen Richtung hin verstärkt, ihre wahre Natur. Alles, was sich dann von dieser vorgeschriebenen Linie entfernt, was die enge Logik seiner geistigen Konstruktion stört, das leugnet er nicht bloß, sondern schafft es einfach zur Seite und befiehlt seine Vernichtung im Namen der geheiligten Prinzipien. So richtet er in der lebendigen Unendlichkeit der Natur riesige Verwüstungen an, damit nur einzig jene Gedanken stehen bleiben, die er sich ausgewählt hat und die sich dann in der Wüste und zwischen den Ruinen grauenhaft groß und einsam entwickeln, wie zum Beispiel die bedrückende Macht der despotischen Begriffsformen der Familie, des Vaterlandes und der beschränkten, blinden, tyrannischen Moral, die man in deren Dienst stellte. Der Unglückliche ist dann noch darauf stolz, obwohl er doch ihr Opfer ist. Längst würde es die Menschheit nicht mehr wagen, zuzugeben, daß sie sich für ihren bloßen Vorteil hinschlachtet. Ihres Vorteils, ihrer Geschäfte, ihrer Interessen rühmen sie sich längst nicht mehr, sie rühmen sich nur ihrer Ideen, die tausendmal mörderischer sind. Denn der Mensch sieht in den Ideen, für die er kämpft, seine menschliche Überlegenheit. Ich sehe seine Narrheit darin. Der kriegerische Idealismus ist eine Krankheit, die ihm allein vorbehalten ist, und seine Resultate sind denen des Alkoholismus ähnlich. Er schafft Einlaß für tausendmal so viel Schlechtigkeit und Verbrechen, halluziniert das geschwächte Denken mit Wahnbildern, denen er dann die Lebendigen aufopfert.
Welch ein tolles Schauspiel, wenn man sich in die Menschenschädel hinein versetzt denkt! Eine wilde Jagd von Gespenstern, die aus fiebernden Gehirnen aufsteigen: Gerechtigkeit, Freiheit, Recht und Vaterland... Und alle diese armen Gehirne sind gleich aufrichtig und klagen alle anderen an, es nicht zu sein. Und von diesem phantastischen Kampf zwischen mythischen Schatten sieht man von außen nichts als die Zuckungen und die Schreie der menschlichen Wesen, die von diesen Dämonenscharen besessen sind.... Und unter diesen blitzgeladenen Wolken, wo diese großen wütenden Vögel kämpfen, wimmeln und schieben sich die Wirklichkeitsmenschen, die Geschäftsleute, wie Ungeziefer in einem Pelz — offene Mäuler, gierige Hände — und hetzen heimtückisch zu dem Wahn, den sie ausbeuten, ohne ihn zu teilen.
O Gedanke, du furchtbare und schöne Blume, die aus dem Erdreich jahrhundertealter Instinkte aufwächst, welch ein Element bist du! Du dringst in den Menschen ein, du durchdringst ihn, aber du stammst nicht aus ihm, dein Ursprung ist ihm fremd und deine Kraft geht über ihn hinaus. Die Sinne des Menschen sind ihrem täglichen Gebrauch so ziemlich angepaßt, der Gedanke aber ist es nicht, er strömt über den Menschen hinaus. Er bringt ihn zur Verzweiflung. Eine unendlich kleine Zahl von Menschen vermag es, in diesem Strom ihre eigene Richtung beizubehalten, die große Masse aber wird ins Zufällige hingeschwemmt. Die ungeheure Kraft des Gedankens steht nicht im Dienst des Menschen; er versucht bloß, sich seiner zu bedienen, und die größte Gefahr ist, daß er vermeint, er sei sein Herr. In Wirklichkeit ist er wie ein Kind, das mit Explosivkörpern spielt. Es ist ein Mißverhältnis zwischen diesen gewaltigen Sprengmitteln und dem Zweck, für den sie die schwachen Hände des Menschen verwerten. Und manchmal sprengen sie eben alles in die Luft...
Wie dieser Gefahr begegnen? Den Gedanken ersticken? Die trunkenen Ideen ausroden? Das hieße, den Menschengeist entmannen, ihn des stärksten Anreizes zum Leben berauben. Und doch ist der Alkohol des Gedankens ein um so gefährlicheres Gift, als es den Massen meist in gefälschten Drogen eingegeben wird.... Mensch, werde nüchtern! Schau um dich, reiße dich los von den fremden Ideen, werde unabhängig von deinen eigenen Gedanken. Lerne den Riesenkampf dieser rasenden Phantome, die sich untereinander zerreißen, beherrschen. Vaterland, Recht, Freiheit, ihr großen Göttinnen, wir wollen euch vor allem eures Nimbusses entkleiden. Steigt nieder aus dem Olymp, kommt herab in eine Krippe wie Jesus, ohne Schmuck und ohne Waffen, reich nur durch eure Schönheit und unsere Liebe!... Ich kenne keine Götter namens Gerechtigkeit und Freiheit! Ich kenne nur meine Menschenbrüder und ihre Taten, die bald gerecht, bald ungerecht sind. Und ich kenne die Völker, die alle der wahren Freiheit beraubt sind, die alle sich nach der Freiheit sehnen und die doch alle sich mehr oder minder unterdrücken lassen.