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Der Anblick dieser Welt inmitten ihres hitzigen Fiebers hätte einem Weisen das Verlangen eingeflößt, sich in irgendeinen Winkel zurückzuziehen und den Anfall vorübergehen zu lassen. Aber Clerambault war kein Weiser. Er wußte nur, daß er es nicht war. Er wußte, daß Sprechen nutzlos sei, und wußte doch zugleich, daß man sprechen müsse, wußte, daß er sprechen werde. Er trachtete nur, so lange als möglich den gefährlichen Augenblick zu verzögern, und seine Ängstlichkeit, die es sich noch nicht ausdenken konnte, allein im Kampfe gegen alle zu stehen, suchte rings um sich einen Gedankengefährten. Wäre man nur zu zweit oder dritt, so wäre es doch schon weniger hart, den Kampf zu beginnen.

Die ersten, deren Sympathie er vorsichtig zu suchen begann, waren arme Menschen, die, wie er, einen Sohn verloren hatten. Der Vater, ein bekannter Maler, hatte ein Atelier in der Rue Notre-Dame des Champs. Seit Jahren waren die Omer-Calvilles den Clerambaults liebe Nachbarn, ein gutes altes Ehepaar, sehr bürgerlich und sehr zärtlich vereint. Sie hatten jene Milde des Denkens, wie sie einer ganzen Reihe von Künstlern jener Zeit gemeinsam war, die Carrière nahegestanden und von der Lehre Tolstois von fern berührt worden waren. Ihre Schlichtheit, obwohl ein wenig künstlich, kam doch aus einer natürlichen Gutmütigkeit: die Tagesmode hatte sie nur ein wenig zu sehr unterstrichen. Niemand ist unfähiger, die Leidenschaften des Krieges zu verstehen, als Künstler dieser Art, die aufrichtig die religiöse Hochachtung vor allem Lebendigen zu ihrem Bekenntnis gemacht haben. Selbst in den ersten Kriegsmonaten hatten sich die Calvilles außerhalb der leidenschaftlichen Strömung gehalten, sie protestierten nicht dagegen, sie nahmen sie traurig, würdig hin, wie man eben Krankheit, Tod und die Schlechtigkeit der Menschheit hinnimmt. Die glühenden Gedichte Clerambaults, die er ihnen vorlas, hatten sie höflich angehört, doch sie fanden kein Echo bei ihnen... Aber seltsam, in der gleichen Stunde, wo Clerambault, ernüchtert vom kriegerischen Wahn, daran dachte, sich mit ihnen zu vereinen, entfernten sie sich von ihm, denn nun rückten sie an jene Stelle, die er eben verlassen hatte. Der Tod ihres Kindes hatte auf sie gerade die gegenteilige Wirkung von jener, die Clerambault verwandelt hatte: jetzt traten sie linkisch in den Kampf, gleichsam, um den Verlorenen zu ersetzen; Clerambault fand sie mitten in ihrem Elend, ganz beglückt durch die Nachricht, Amerika sei bereit, den Krieg zwanzig Jahre lang zu führen. Er versuchte zu sagen:

„Was bleibt denn noch in zwanzig Jahren von Frankreich, von Europa übrig?“

Aber mit einer hastigen Erregung schoben jene diesen Gedanken sofort zur Seite. Es schien, als sei es ihnen unbequem, daran zu denken oder davon zu sprechen. Jetzt handelte es sich einzig darum, zu siegen. Um welchen Preis? Das würde man nachher berechnen. — Siegen! — Wenn es dann in Frankreich keine Sieger mehr gäbe? Gleichgültig! Wenn nur die anderen, die da drüben, besiegt würden. Nein, das Blut ihres toten Kindes durfte nicht vergebens vergossen sein!

Und Clerambault dachte:

„Ist es nötig, daß zur Rache für ihn noch andere unschuldige Opfer hingeschlachtet werden?“

Und im Grunde dieser Seelen, dieser sonst wirklich guten Menschen las er:

„Warum denn nicht?“

Und er las es bei allen jenen, die wie die Calvilles im Kriege das Teuerste verloren hatten, einen Sohn, einen Gatten, einen Bruder:

„Mögen die anderen auch leiden! Wir haben auch gelitten! Wir haben nichts mehr zu verlieren.“

Wirklich nichts mehr? Doch! Eine einzige Sache, die der eifersüchtige Egoismus verbarg: ihren Glauben an den Nutzen ihres Opfers. Und diesen Glauben wollten sie sich nicht erschüttern lassen, um keinen Preis. Sie verboten es sich, daran zu zweifeln, daß es eine heilige Sache sei, für die ihre Toten gefallen waren. Und das wußten die Herren des Krieges wohl und verstanden es auf das beste, dieses Lockmittel auszunützen! — Nein, in diesen Trauerhäusern war kein Raum für den Zweifel Clerambaults und für sein Mitleid!

„Wer hat Mitleid mit uns gehabt?“ dachten diese Unglücklichen. „Und warum sollen dann wir welches haben?“

Es gab unter ihnen einige, die weniger hart getroffen waren. Aber was alle diese Leute der Bourgeoisie charakterisierte, war die Hypnose der großen Worte der Vergangenheit, unter der sie lebten, „der Wohlfahrtsausschuß... das Vaterland in Gefahr... Plutarchs Biographien... der alte Horaz“. Es war für sie unmöglich, die Gegenwart mit den Augen von heute zu sehen. Aber hatten sie denn überhaupt noch Augen, um zu sehen? Wieviele innerhalb der Bürgerwelt unserer Tage haben denn außerhalb des engen Kreises ihrer Geschäfte in den letzten dreißig Jahren die Kraft und den Willen gehabt, aus Eigenem denken zu wollen? Das fiel ihnen nicht einmal im Traume ein. So wie ihr Essen, servierte man ihnen ihre Gedanken fertig und gar gekocht und sogar noch bedeutend billiger. Für ein Geringes fanden sie sie täglich in der Zeitung. Die Begabteren, die sie in den Büchern suchten, gaben sich nicht die nötige Mühe, sie im Leben zu suchen, und behaupteten, daß sich das Leben in den Büchern spiegle. Wie bei Greisen verkalkten ihre Gliedmaßen, versteinerte ihr Geist.

In der breiten Herde dieser Wiederkäuerseelen, die ihr Futter von den Weiden der Vergangenheit nahmen, zeichneten sich damals besonders die Gruppen der strenggläubigen französischen Revolutionäre aus. Zur Zeit des 16. Mai und lange nachher noch, hatten sie als Brandstifter in der immer rückständigen Bourgeoisie gegolten. Nun aber, als gesetzte und wohlbestallte Fünfzigjährige, erinnerten sie sich mit Stolz, wie Erwachsene eben auf ihre Jungenstreiche stolz sind, an das Entsetzen, das ihre einstige, längst vergangene Kühnheit verursacht hatte. Vor ihrem eigenen Spiegel hatten sie sich nicht verändert, aber die Welt um sie war eine andere geworden, ohne daß sie dessen gewahr wurden, denn sie blickten ja immer nur auf die abgelebten Modelle, deren Gedanken sie nachbeteten. Es gibt einen merkwürdigen Nachahmungsinstinkt, ein Knechtschaftsbedürfnis des Denkens, das von einem losgelösten Stück Weltgeschichte nicht mehr loskommt. Statt Proteus, das ewige wandelhafte Leben, in seinem Fortgange zu verfolgen, rafft es die alte Haut auf, aus der die junge Schlange längst ausgebrochen ist, und versucht sie wieder darin einzunähen. Diese fanatischen Pedanten verblichener Revolutionen behaupten, daß alle zukünftigen Umwälzungen notwendig nach dem Modell der alten, toten Formen zurechtgeschnitten werden müssen, und vor allem dulden sie nicht, daß irgendeine neue Freiheit ein anderes Tempo einschlage und die Grenzen überschreite, an denen jene großmütterliche von 1793 erschöpft haltgemacht hatte. Ihr Zorn richtet sich darum weit mehr gegen die Respektlosigkeit der Jugend, die über sie hinaus will, als gegen das Gekläff der Greise, über die sie selbst hinausgekommen sind. Und das hat seinen guten Grund, denn an der Existenz dieser Jungen erkennen sie, daß sie selbst alt geworden sind. Und darum kläffen sie gegen sie.

In diesen Dingen wird sich nichts ändern. Ganz selten nur gestatten einige seltene Geister, wenn sie altern, dem Leben, daß es über sie hinaus seinen Lauf weiter nehme, und genießen großmütig, wenn ihre eigenen Augen erlöschen, die Zukunft mit den Augen ihrer Nachfolger. Aber die meisten von jenen, die als Junge die Freiheit geliebt hatten, wollen aus ihr einen Käfig für die neue Brut machen, sobald sie selber nicht mehr fliegen können.

Der Internationalismus von heute fand keine erbitterteren Gegner als jene Diener des national-revolutionären Kultes im Sinne Dantons oder Robespierres. Sie selber verstanden sich nicht untereinander, die Anhänger Dantons und Robespierres, zwischen denen sich noch immer der Schatten der Guillotine aufrichtet, sie beschimpften sich gegenseitig drohend als Ketzer. Aber in einem waren sie ganz einig: alle jene der äußersten Bestrafung zuzuführen, die nicht glauben wollten, daß man die Freiheit mit Kanonenmündungen verbreiten kann, die jede Gewalt gleicherweise verwarfen, ob sie nun von Cäsar oder von Demos und seinen Lederzurichtern kam, gleichgültig, ob sie im Namen des „alten Gottes“ gepredigt wurde oder des „jungen“, der Freiheit und des Rechts. Die Masken ändern sich, aber das blutige Maul unter der Maske bleibt immer dasselbe.

Clerambault kannte eine ganze Reihe solcher Fanatiker, aber es war ebenso wenig möglich, sich mit ihnen darüber auszusprechen, ob sich das Gerade und das Krumme nicht vielleicht doch auf beiden Seiten fände, wie für einen Manichäer, mit der heiligen Inquisition zu streiten. Auch die sozialen, die bürgerlichen Religionen haben ihre großen Seminare und geheimen Gesellschaften, in denen das Beweismaterial der Lehre sorgfältig aufgestapelt wird. Wer sich davon ausschließt, wird exkommuniziert, so lange wenigstens, bis er selbst der Vergangenheit angehört. Dann winkt ihm die Möglichkeit, selbst vergöttlicht und zur Exkommunizierung Späterer mißbraucht zu werden.