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Aber wenn Clerambault sich nicht versucht fühlte, diese harten Intellektuellen, die hinter ihrer engen Wahrheit verschanzt waren, zu einer Änderung ihrer Gesinnung zu bewegen, so kannte er doch andere, die diesen Sicherheitsdünkel durchaus nicht hatten. Ganz im Gegenteil: Ihr Fehler war wiederum allzu große Wandlungsfähigkeit und dilettantische Nachgiebigkeit. Arsène Asselin war einer dieser Art, ein liebenswürdiger Pariser Junggeselle aus der guten Gesellschaft, klug und skeptisch zugleich. Jeder Verstoß im Geschmack oder im Ausdruck beleidigte sein Empfinden. Wie hätte ihm also diese Übertriebenheit des Denkens gefallen sollen, diese Treibhaushitze, in der der Krieg hochgezüchtet wurde. Seine kritische Vernunft, seine Ironie mußten dem Zweifel geneigt sein. So gab es also keinen rechten Grund, daß er die Ansichten Clerambaults nicht teilen sollte.... Und wirklich, im Anfang hatte nur ein Haar gefehlt, daß er so dachte wie Clerambault, seine Entscheidung war nur ganz zufällig anders gefallen. Aber sobald er einmal den Fuß in die eine Richtung gesetzt hatte, schien es ihm unmöglich umzukehren, und je mehr er hineintrieb, um so trotziger wurde er. Die französische Eigenliebe wird nie einen Irrtum eingestehen, sondern eher sich für ihn töten lassen. Aber überhaupt, Franzose oder nicht, wie viele Menschen gibt es denn in der Welt, die den Mut haben zu sagen:
„Ich habe mich getäuscht, jetzt heißt es von vorn anfangen.“ Nein, lieber die Tatsachen leugnen... Bis ans Ende durch!... Und krepieren.
In einem anderen Sinn merkwürdig war Alexander Mignon, ein Vorkriegspazifist, ein alter Freund Clerambaults, ungefähr im gleichen Alter mit ihm, Bourgeois, Intellektueller und Hochschullehrer, von würdiger Haltung, die mit Recht Respekt einflößte. Man durfte ihn nicht verwechseln mit jenen ordensgeschmückten Bankettpazifisten, die Dekorationen aus allen Ländern haben und denen der Schwatz vom Frieden in windstillen Jahren ein sorgloses Dasein sichert. Mignon hatte durch dreißig Jahre aufrecht die gefährlichen Quertreibereien der Politiker und die verdächtigen Spekulanten seines Landes bekämpft, er gehörte der Liga der Menschenrechte an und hatte das unwiderstehliche Gelüst, für jeden, der da kam und im Unglück war, eilig das Wort zu nehmen. Ihm genügte es schon, wenn einer sich unterdrückt nannte, er fragte sich nie, ob der sogenannte Unterdrückte nicht bloß einer war, dem bisher nur die Gelegenheit gefehlt hatte, selbst zu unterdrücken. Seine unruhige Gutmütigkeit hatte ihn bei aller Hochachtung ein wenig lächerlich gemacht, und er war darüber nicht böse. Sogar ein wenig Unpopularität hätte ihn durchaus nicht erschreckt, vorausgesetzt freilich, daß er sich von seiner Gruppe gedeckt fühlte, deren warme Zustimmung ihm aber unbedingt nötig war. Er war durchaus kein Unabhängiger, wie er glaubte, sondern nur das Mitglied einer Gruppe, die sich so lange unabhängig fühlte, als alle ihre Mitglieder zusammenhielten. Die Gemeinschaft macht die Kraft, sagt man, das ist wahr. Aber sie gewöhnt einen auch daran, der Gemeinschaft nicht mehr entbehren zu können. Und das mußte Alexander Mignon an sich erfahren.
Der Hingang Jaurès’ hatte die ganze Gruppe in Verwirrung gebracht. Sobald die eine Stimme fehlte, die immer als erste das Wort nahm, verstummten auch alle anderen, denn sie warteten auf das Stichwort, und keiner wagte es zu geben. Unsicher im Augenblick, wo der Sturm einbrach, wurden diese hochherzigen und schwachen Menschen durch den Wirbel der ersten Tage mitgerissen. Sie verstanden die Begeisterung nicht, sie rechtfertigten sie nicht, aber sie hatten ihr nichts entgegenzustellen. Schon die erste Stunde riß einige Lücken in ihre Reihen, es zeigten sich Desertionen, die verschuldet waren durch die schrecklichen Redner, die den Staat beherrschten, durch jene demagogischen Advokaten, die mit allen Sophismen der republikanischen Ideologie geschmiert waren, „Krieg für den Frieden“, „der Weltfriede als Ziel“ (requiescat!), und diese armen Pazifisten sahen in diesen Verdrehungen eine einzige Gelegenheit — allerdings keine rühmliche, keine, auf die sie sehr stolz waren — aus der Sackgasse zu kommen. Sie redeten sich ein, durch einen kleinen Kunstgriff, dessen verbrecherische Größe sie nicht merkten, ihre Friedensideen mit der Tatsache der Gewalt glücklich in Einklang gebracht zu haben. Widerstand hätte bedeutet, sich den Kriegsbestien auszuliefern, die sie mitleidslos zerrissen hätten.
Alexander Mignon hätte wohl den Mut gehabt, diesen blutigen Mäulern entgegenzutreten, hätte er nur seine kleine Gemeinschaft um sich gesehen. Aber allein zu kämpfen, das war über seine Kraft. Ohne sich zuerst offen auszusprechen, ließ er doch alles geschehen. Er litt, er war verstört und machte eine ähnliche geistige Krise durch wie Clerambault, aber er konnte sich nicht wie Clerambault ihr entringen. Er war weniger leidenschaftlich, aber intellektueller; um seine letzten Bedenken wegzutilgen, umkleidete er sich mit einem Netz logischer Vernunftgründe. Mit Hilfe seiner Kameraden bewies er mühselig nach der Methode a + b, daß der Krieg eine Pflicht für den zielbewußten Pazifismus sei. Seine Liga hatte leichte Arbeit, die verbrecherischen Akte des Feindes aufzudecken; freilich verlor sie keine Zeit damit, auf jene im eigenen Lager hinzuweisen. In manchen Augenblicken sah Alexander Mignon deutlich die Unaufrichtigkeit auf allen Seiten. Unerträglicher Anblick ..... er schloß rasch seine Läden....
Und je blinder er sich in seine Kriegslogik verstrickte, um so schwerer war es für ihn, sich daraus zu befreien. So verbrannte er seine Schiffe hinter sich, eins nach dem andern. Er wurde böse wie ein Kind, das durch einen unbedachten Akt ungeschickter Nervosität einem Insekt den Flügel ausgerissen hat. Das Insekt ist nun verloren, und das Kind, beschämt über seine Handlung, rächt sein Leid und seine Scham an dem Tier, das es nun ganz in Stücke reißt.
So war es leicht vorauszusehen, mit welcher Freude er Clerambault sein „mea culpa“ vortragen hörte. Die Wirkung war überraschend. Mignon, innerlich ganz unsicher, wurde wütend gegen Clerambault, denn Clerambault schien ihn anzuklagen, indem er sich beschuldigte. Von dieser Stunde an wurde er sein erbitterter Feind, und keiner bekämpfte später gehässiger als Mignon dieses sein lebendiges schlechtes Gewissen.