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Plötzlich fiel die Mauer von Schweigen, die das Wort Clerambaults umschloß. Aber es war nicht die Stimme eines Bruders, die der seinen Antwort gab. Wo die Kraft der Sympathie zu schwach gewesen war, um die Schranken zu zerbrechen, hatten die Dummheit und der Haß blindlings eine Bresche geschlagen.
Schon glaubte sich Clerambault nach einigen Wochen vergessen und dachte an eine neue Veröffentlichung, als eines Morgens Leo Camus mit Getöse bei ihm eintrat. Er krümmte sich vor Zorn. Mit tragisch erhobener Stirne reichte er Clerambault eine aufgefaltete Zeitung hin.
„Lies!“
Und während Clerambault las, sagte er, hinter ihm stehend:
„Was hat diese Niedertracht zu bedeuten?“
Clerambault sah ganz niedergeschmettert sich von einer Hand gemeuchelt, die er für eine Freundeshand hielt. Ein bekannter Schriftsteller, zu dem er in guter persönlicher Beziehung stand, ein Kollege Perrotins, ein ernster ehrenwerter Mensch, hatte, ohne zu zögern, die Rolle übernommen, ihn in der Öffentlichkeit zu denunzieren. Obwohl er Clerambault lange genug kannte, um an der Reinheit seiner Absichten nicht zweifeln zu können, stellte er ihn doch in einer entehrenden Weise vor die Öffentlichkeit. Als Historiker darin geübt, mit Texten umzugehen, hatte er aus der Broschüre Clerambaults einige verstümmelte Sätze herausgelöst und schwenkte sie empor wie einen Beweis von Verrat. Seine tugendhafte Erbitterung hatte sich nicht mit einem privaten Brief begnügt, gerade die lärmendste Tageszeitung, das niedrigste Erpresserblatt hatte sie sich ausgesucht, das eine Million Franzosen verachtet, während sie gleichzeitig seine Aufschneidereien mit offenen Mäulern einschluckt.
„Das ist nicht möglich“, stammelte Clerambault, den diese unerwartete Gehässigkeit wehrlos überfiel.
„Da ist kein Augenblick zu verlieren“, sagte Camus, „du mußt antworten.“
„Antworten? Was denn?“
„Zuerst natürlich diese niederträchtige Erfindung dementieren.“
„Aber das ist doch keine Erfindung“, sagte Clerambault, der den Kopf gehoben hatte und Camus ansah.
Nun war es an Camus, wie vom Donner gerührt zu sein.
„Das ist keine...? Das ist keine...?“ stammelte er vor Überraschung.
„Die Broschüre ist von mir“, sagte Clerambault, „aber ihr Sinn ist durch den Artikel entstellt...“
Camus hatte das Ende des Satzes nicht abgewartet, er brüllte los:
„Du hast so etwas geschrieben, du, du,...“
Clerambault versuchte seinen Schwager zu beruhigen, bat ihn, doch nicht zu urteilen, ehe er alle Einzelheiten wüßte. Aber der andere behandelte ihn hartnäckig wie einen Wahnsinnigen und schrie:
„Ich kümmere mich nicht um das alles. Hast du gegen den Krieg, gegen das Vaterland geschrieben oder nicht?“
„Ich habe geschrieben, daß der Krieg ein Verbrechen ist, und daß alle Vaterländer sich damit beschmutzt haben.“
Camus fuhr auf, ohne Clerambault die Möglichkeit zu geben, sich weiter zu erklären, machte eine Bewegung, als ob er ihn am Halse fassen wollte, hielt sich aber zurück und schleuderte ihm ins Gesicht, daß er der Verbrecher sei, und daß er verdiente, sofort vor das Kriegsgericht zu kommen.
Auf sein Geschrei hin begann das Mädchen an der Tür zu horchen, Madame Clerambault lief herbei, versuchte mit einem Strom von Worten über sein aufgebrachtes Wesen ihren Bruder zu beruhigen. Clerambault, ganz betäubt, bot vergebens Camus an, ihm die beschuldigte Broschüre vorzulesen, aber Camus verweigerte es mit einem Zornesausbruch und sagte, ihm genüge schon, das von diesem Dreck zu kennen, was die Zeitungen davon gebracht hatten. (Er nannte die Zeitungen Lügner, bestätigte aber ihre Lügen.) Schließlich trat er als Richter auf, forderte Clerambault auf, unverzüglich und in seiner Gegenwart eine briefliche öffentliche Abschwörung zu schreiben. Clerambault zuckte die Achseln und sagte, er sei niemandem Rechenschaft schuldig als seinem Gewissen, er sei frei.
„Nein!“ schrie Camus.
„Wie? Ich bin nicht frei, ich habe nicht das Recht zu sagen, was ich denke?“
„Nein, du bist nicht frei! Nein, du hast nicht dieses Recht“, schrie Camus ganz außer sich. „Du hast Rücksichten zu nehmen auf das Vaterland und vor allem auf deine Familie. Sie hätte das Recht, dich einsperren zu lassen.“ Er verlangte, daß der Brief sofort geschrieben würde, augenblicklich! Clerambault wandte ihm den Rücken. Camus ging weg, schlug die Tür zu und schrie, er würde nie mehr den Fuß hierher setzen, zwischen ihnen sei alles zu Ende.
Nachher mußte Clerambault noch die Fragen seiner in Tränen aufgelösten Frau über sich ergehen lassen, die, ohne zu wissen, was er getan hatte, seine Unvorsichtigkeit beklagte und ihn fragte, warum in aller Welt er denn nicht schweige. Hätten sie denn noch nicht Unglück genug, wozu dieses Bedürfnis zu reden und vor allem diese unsinnige Sucht, anders reden zu wollen als die anderen.
Rosine kam von einer Besorgung zurück. Clerambault nahm sie zum Zeugen, erzählte ihr wirr die peinliche Szene, die sich eben abgespielt hatte, bat sie, sich an seinen Tisch zu setzen, damit er ihr den Artikel vorlesen könne. Ohne sich die Zeit zu nehmen, die Handschuhe auszuziehen oder den Hut abzulegen, setzte sich Rosine zu ihrem Vater, hörte still und klug zu. Als er geendigt hatte, stand sie auf, umarmte ihn und sagte:
„Ja, das ist schön!... Aber, Papa, wozu hast du das getan?“
Clerambault war ganz verstört.
„Wie? Wie? Wozu ich das getan habe? Ist es denn nicht richtig?“
„Ich weiß nicht, ja, ich glaube... es muß wohl richtig sein, da du es sagst.... Aber vielleicht war es nicht nötig, es zu schreiben.“
„Nicht nötig? Wenn es richtig ist, so ist es auch nötig.“
„Aber es macht ja einen solchen Lärm.“
„Ist das ein Grund dagegen?“
„Aber wozu die Leute aufreizen?“
„Sieh, Kind, du glaubst doch auch, was ich geschrieben habe?“
„Ja, ich glaube, Papa...“
„Warte. Du glaubst... Du verabscheust den Krieg; wie ich, möchtest du ihn beendet sehen. Alles, was ich hier gesagt habe, habe ich dir schon früher gesagt, und du dachtest genau so wie ich....“
„Ja, Papa.“
„Also du findest es richtig?“
„Ja, Papa.“
Sie legte ihre Arme um seinen Hals.
„Aber es ist doch nicht notwendig, alles niederzuschreiben.“
Clerambault versuchte, traurig, ihr zu erklären, was ihm ganz klar schien. Rosine hörte zu und gab ruhig Antwort. Aber das einzig Klare war, daß sie nichts verstand. Um ein Ende zu machen, umarmte sie nochmals ihren Vater und sagte:
„Ich habe dir meine Ansicht gesagt, aber du weißt das ja besser als ich. Es steht mir nicht zu, darüber zu entscheiden.“
Sie lächelte ihrem Vater zu und kehrte in ihr Zimmer zurück, ohne zu ahnen, daß sie ihm seine beste Stütze genommen hatte.