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Der beschimpfende Angriff blieb nicht vereinzelt. Sobald einmal die Schellen gelöst waren, hörten sie nicht mehr auf zu klingeln. Nur hätte sich in der allgemeinen Verwirrung ihr Lärm verloren ohne die erbitterte Anstrengung einer Stimme, die gegen Clerambault den ganzen Chor vielfältigster Bösartigkeit dirigierte.
Es war die eines seiner ältesten Freunde, des Schriftstellers Octave Bertin. Sie waren zusammen im Lyzeum Henri IV. Schüler gewesen. Dort hatte der junge, feine, elegante, frühreife Pariser Bertin das linkische und enthusiastische Entgegenkommen dieses großen Burschen gern angenommen, der aus der Provinz kam, geistig ebenso unbeholfen wie körperlich (seine Arme und Beine schienen in den zu kurz gewordenen Kleidern kein Ende nehmen zu wollen), und der ein ganz seltsames Gemisch von Unschuld, naiver Unwissenheit, schlechtem Geschmack, von Pathos und überschäumender Kraft, von originellen Einfällen und packenden Bildern darstellte. Weder die Lächerlichkeiten noch der innere Reichtum Clerambaults waren den klugen und scharfen Augen Bertins entgangen, und er hatte ihn schließlich als intimen Freund aufgenommen, wobei die Bewunderung Clerambaults für ihn keinen geringen Einfluß auf diesen seinen Entschluß hatte. Durch mehrere Jahre hatten sie im geschwätzigen Überschwang ihre jugendlichen Gedanken geteilt. Beide träumten davon, Künstler zu werden, lasen einander ihre Versuche vor und bekämpften einander in endlosen Diskussionen. Bertin behielt immer das letzte Wort, wie er ja in allem die Überlegenheit behielt, die übrigens Clerambault ihm zu bestreiten niemals die Absicht hatte. Er hätte sie viel eher mit Faustschlägen jedem aufgezwungen, der sie geleugnet hätte. Mit offenem Munde bestaunte er die gedankliche und stilistische Virtuosität dieses blendenden jungen Mannes, der gleichsam im Spiel auf der Universität alle Erfolge davontrug, und den seine Lehrer von vornherein zu den höchsten Stellungen berufen sahen — womit sie natürlich meinten, zu allen offiziellen und akademischen. Auch Bertin verstand es so. Er hatte Eile emporzukommen und dachte, daß die Frucht des Ruhmes am besten schmecke, wenn man sie mit den Zähnen eines Zwanzigjährigen zerbeiße. Noch ehe er die Schule verlassen hatte, fand er eine Möglichkeit, in einer großen Pariser Revue eine Serie von Essays zu veröffentlichen, die sofort seinen Namen bekannt machten, und ohne nur Atem zu schöpfen, brachte er dann Schlag auf Schlag einen Roman in der Art d’Annunzios, eine Komödie im Stile Rostands, ein Buch über die Liebe, ein anderes über die Reform der Gesetzgebung, eine Enquete über den Modernismus, eine Monographie Sarah Bernhardts und schließlich jene „Dialoge der Lebendigen“ heraus, deren sarkastische und klug abgewogene Geschmeidigkeit ihm die Pariser Chronik in einem der ersten Boulevardblätter verschaffte. Nun einmal in den Journalismus eingetreten, blieb er darin. Er gehörte schon zu den Sternen des literarischen Tout Paris, als der Name Clerambaults noch unbekannt war. Clerambault dagegen nahm erst ganz langsam von seiner inneren Welt Besitz. Er hatte zuviel damit zu tun, gegen sich selbst zu kämpfen, als daß er viel Zeit auf die Eroberung der Öffentlichkeit hätte verwenden können. So kamen auch seine ersten Bücher, die er mit Not hatte zum Druck bringen können, kaum über einen Kreis von zehn Lesern hinaus. Man muß Bertin die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er zu diesen Zehn gehörte, daß er das Talent Clerambaults zu schätzen wußte und dies sogar gelegentlich aussprach. Und solange Clerambault noch unbekannt war, leistete er sich den Luxus, ihn zu verteidigen, allerdings nicht ohne dem Lob einige freundschaftliche Ratschläge von oben herab beizufügen, die Clerambault nicht immer befolgte, aber immer mit dem gleichen zärtlichen Respekt anhörte.
Dann wurde Clerambault bekannt, schließlich sogar berühmt. Bertin war darüber sehr erstaunt, eigentlich aufrichtig zufrieden mit dem Erfolg seines Freundes und doch darüber ein wenig verärgert. Er ließ durchblicken, daß er ihn übertrieben fände, daß für ihn der beste Clerambault der unbekannte war — jener vor dem Ruhm. Er versuchte es manchmal, dies Clerambault zu erklären, der nicht nein und nicht ja sagte, denn er wußte nichts darüber und befaßte sich damit kaum, er hatte immer nur ein neues Werk im Kopfe. Die beiden alten Kameraden waren in ausgezeichneten Beziehungen verblieben, aber sie waren allmählich mehr voneinander abgerückt.
Der Krieg hatte aus Bertin einen wilden Scharfmacher gemacht. Früher im Lyzeum hatte er den provinzlerischen Clerambault immer erschreckt durch seine freche Respektlosigkeit gegen alle politischen oder gesellschaftlichen Werte, gegen Vaterland, Moral und Religion, und hatte auch dann in seinen literarischen Werken diesen Anarchismus wohlgefällig zur Schau getragen, allerdings in einer skeptischen, mondänen und matten Form, mit der er ja dem Geschmacke seines reichen Leserkreises am besten entsprach. Mit diesem Leserkreis und dessen Lieferanten, den Kollegen von der Boulevardpresse und den Boulevardtheatern, diesen Enkelchen eines Parny und des jüngeren Crébillon, richtete er sich plötzlich als Brutus auf, der bereit ist, seine Söhne zu opfern. Er hatte vielleicht dafür die Entschuldigung, daß er keine besaß, aber das tat ihm möglicherweise leid.
Clerambault hatte ihm nichts vorzuwerfen und dachte auch nicht daran. Aber noch weniger dachte er daran, daß sein alter Kamerad, der Amoralist, ihm gegenüber den Anwalt des beleidigten Vaterlandes spielen würde; war er aber wirklich nur der des Vaterlandes? Die zornerbitterte Schmähschrift, die Bertin Clerambault entgegenschleuderte, schien ihm irgendwie einen persönlichen Haß zu enthüllen, den Clerambault sich nicht erklären konnte. Bei der allgemeinen Verwirrung der Geister wäre es verständlich gewesen, daß Bertin von den Gedanken Clerambaults empört gewesen und sich dann offen unter vier Augen mit ihm auseinandergesetzt hätte. Aber ohne ihn vorher zu verständigen, begann er mit einer öffentlichen Abschlachtung. Auf der ersten Seite seines Blattes fiel er ihn mit einer unerhörten Heftigkeit an und beschimpfte nicht nur seine Ideen, sondern auch seinen Charakter. Die tragische Gewissenskrise Clerambaults deutete er als einen Anfall literarischer Großmannssucht, die durch den übermäßigen Erfolg seiner Werke verursacht sei, und es machte den Eindruck, als hätte er eigens die Ausdrücke gesucht, die für Clerambaults Selbstgefühl am verletzendsten sein mußten. Der Aufsatz endete in einem Ton beleidigender Überhebung und forderte die sofortige Zurücknahme des Irrtums.
Die Vehemenz des Artikels, der bekannte Name des Chronisten machten sofort aus dem „Fall Clerambault“ ein Pariser Ereignis. Er beschäftigte die Presse beinahe eine ganze Woche, was für jene Spatzenhirne viel bedeutet. Fast niemand nahm sich die Mühe, die Texte Clerambaults selbst zu lesen: das war ja nicht nötig, Bertin hatte sie ja gelesen. Die Kollegenschaft hat nicht die Gewohnheit, eine überflüssige Arbeit noch einmal zu machen, es handelte sich auch nicht darum, zu lesen, es handelte sich darum, jemand zu richten. Eine seltsame Art von Burgfrieden kam auf Kosten Clerambaults zustande. Klerikale, Jakobiner waren darin einig, ihn tot zu machen. Von einem Tag zum andern war ohne Übergang der gestern bewunderte Mann in den Schlamm gezogen, der nationale Dichter ein Feind der Gemeinschaft geworden. Alle die Myrmidonen der Zeitung beteiligten sich an der heroischen Beschimpfung und die meisten brachten gleichzeitig mit ihrer ursprünglichen bösen Absicht auch eine ganz unwahrscheinliche Unbildung zutage. Denn nur wenige von ihnen kannten die Werke Clerambaults, kaum wußten sie seinen Namen und den Titel eines seiner Bücher, aber das hinderte sie ebensowenig, ihn heute herunterzureißen, wie es sie gestern gestört hatte, ihn in den Himmel zu heben, als er noch in Mode war. Jetzt fanden sie in allem, was er geschrieben hatte, Spuren von „Bochismus“. Ihre Zitate waren übrigens regelmäßig ungenau, einer von ihnen bedachte sogar Clerambault im Feuer seiner Anklage mit der Autorschaft des Werkes eines andern, der dann, bleich vor Furcht, sofort mit Entrüstungsprotesten jede Solidarität mit dem gefährlichen Kollegen öffentlich ablehnte. Clerambaults Freunde, beunruhigt über ihre Intimität mit ihm, warteten nicht darauf, daß man sie ihnen vorwarf. Sie trafen ihre Vorkehrungen und richteten an ihn „offene Briefe“, die die Zeitungen an bester Stelle veröffentlichten. Die einen, wie Bertin, fügten ihrem öffentlichen Tadel eine pathetische Beschwörung bei, mea culpa zu machen, andere wandten sich, selbst ohne diesen milden Vorbehalt, in bitteren und beleidigenden Worten von ihm ab. Diese Fülle von Gehässigkeit machte Clerambault ganz wirr. Sie konnte doch nicht durch seine Aufsätze allein verursacht sein, sie mußte doch längst schon in den Herzen dieser Menschen gebrütet haben. Mein Gott, soviel verborgener Haß.... Was hatte er ihnen denn getan?... Der erfolgreiche Künstler ahnt nicht, daß mehr als einer unter denen, die ihm mit einem freundlichen Lächeln folgen, unter diesem Lächeln die Zähne verbirgt, die nur auf die Stunde warten, da sie zuschnappen können.
Clerambault bemühte sich, vor seiner Frau die Beschimpfungen der Zeitungen verborgen zu halten. Wie ein Schulbub, der seine schlechten Noten verschwinden läßt, lauerte er auf den Postboten, um die bösartigen Zeitungen rechtzeitig beiseite zu schaffen. Aber ihr Gift drang schließlich bis in die Luft, die sie atmeten. Frau Clerambault und Rosine bekamen in der Gesellschaft verletzende Anspielungen, kleine Beleidigungen und Beschimpfungen zu hören. Mit dem eingebornen Instinkt für Gerechtigkeit, der für das menschliche Wesen und besonders für die Frau so charakteristisch ist, machte man sie verantwortlich für die Ideen Clerambaults, die sie kaum kannten und nicht guthießen. (Diejenigen, die sie beschuldigten, kannten sie allerdings ebensowenig.) Die Höflichsten unter ihnen übten die Technik des Verschweigens, sie vermieden es sichtlich, nach Clerambault zu fragen oder seinen Namen auch nur auszusprechen.... „Man spricht nicht vom Strick des Henkers im Hause des Gehenkten.“ Dieses berechnete Schweigen wirkte dann noch beleidigender als ein Tadel: es war, als ob Clerambault eine betrügerische Schwindelei oder ein Sittlichkeitsverbrechen begangen hätte. Frau Clerambault kam erbittert heim. Rosine tat so, als kümmerte sie sich nicht darum, aber Clerambault merkte, daß sie daran litt. Eine Freundin, die ihnen auf der Straße begegnete, ging auf das andere Trottoir hinüber und wandte den Kopf weg, um nicht grüßen zu müssen. Rosine wurde aus einem Wohltätigkeitskomitee ausgeschlossen, wo sie seit mehreren Jahren aufopferungsvolle Arbeit tat.
In dieser allgemeinen patriotischen Mißbilligung zeichneten sich vor allem die Frauen durch ihre Erbitterung aus. Nirgends fand der Ruf Clerambaults zur Annäherung und Versöhnung wütendere Gegner. Und so war es überall. Die Tyrannei der öffentlichen Meinung, diese vom modernen Staat geschaffene Unterdrückungsmaschine, die noch despotischer ist als er selbst, hat während des Krieges keinen grausameren Handlanger gefunden als gewisse Frauen. Bertrand Russel erzählte den Fall eines armen Kerls, eines Straßenbahnschaffners, der, verheiratet, Familienvater und vom Heere zurückgestellt, sich aus Verzweiflung über die Beschimpfungen, mit denen die Frauen von Middlesex ihn verfolgten, das Leben nahm. In allen Ländern sind tausende Unglückliche wie er von diesen Bacchantinnen des Krieges gehetzt, verrückt gemacht und an die Schlachtbank geliefert worden.... Seien wir darüber nicht überrascht. Um diese fanatische Wildheit nicht erwartet zu haben, mußte man zu jenen gehören, die so wie Clerambault bisher im Einklange mit der öffentlichen Meinung und in der Idealistik des allgemeinen Ruhezustandes gelebt haben. Trotz aller Anstrengung der Frauen, immer dem lügnerischen Ideal zu gleichen, das sich der Mann zu seiner Zufriedenheit und seiner Beruhigung ersonnen hat, ist doch die Frau, mag sie selbst so bleichsüchtig, verfeinert und veredelt sein wie die von heute, doch noch mehr dem Urmenschen verwandt als der Mann. Sie lebt näher der Quelle der Instinkte und ist stärker begabt mit jenen Kräften, die weder moralisch noch unmoralisch, sondern ganz einfach animalisch sind. Wenn auch die Liebe ihre wesentliche Funktion ist, so ist es doch keineswegs die durch die Vernunft sublimierte Liebe, sondern die blinde und überschwengliche Liebe im Urzustand, wo sich Egoismus und Opfertum vermengen, beide gleich unbewußt und beide im Dienste der dunkeln Ziele der Rasse. Alle die zarten und blütenhaften Verzierungen, unter denen dieses Paar jene Gewalten zu verbergen sucht, vor denen es selbst erschrickt, sind gleichsam ein Geflecht von Schlingpflanzen über einem Sturzbach. Ihr Zweck ist, über die Wirklichkeit hinwegzutäuschen. Würden die schwächlichen Seelen der Menschen geradeaus den ungeheuren Kräften, von denen sie fortgerissen werden, ins Auge schauen, so könnten sie das Leben nicht ertragen. Darum bemüht sich ihre erfindungsreiche Feigheit, sich geistig ihrer Schwäche anzupassen. Sie lügen in ihrer Liebe, sie lügen im Hasse, lügen in Bezug auf die Frau, lügen in Bezug auf das Vaterland und seine Götter. Aus Angst, die sichtbar werdende Wirklichkeit könnte sie aus dem Gleichgewicht bringen und erschüttern, ersetzen sie sich diese Wirklichkeit durch die matten Farben ihres Idealismus.
Der Krieg nun hatte diesen schwächlichen Schutzwall hinstürzen lassen. Clerambault sah, wie das Kleid der katzenhaften Höflichkeit, mit der sich die Zivilisation umhüllte, zu Boden fiel. Nun wurde das grausame Tier sichtbar.
Die Nachsichtigsten unter den früheren Freunden Clerambaults waren jene, die zur politischen Welt gehörten, die Abgeordneten, die Minister von gestern oder von morgen. Gewohnt, die Menschenherde an der Nase herumzuführen, wußten jene, wie wenig sie wert ist. Ihnen schien die kühne Äußerung Clerambaults recht naiv. Sie selbst dachten noch zehnmal Böseres, fanden es aber töricht, diese Erkenntnis auszusprechen, gefährlich, sie niederzuschreiben, und am allergefährlichsten, auf sie zu antworten. Denn was man offen angreift, macht man dadurch bekannt, und was man verurteilt, dem mißt man doch eine Bedeutung bei. Nach ihrer Meinung wäre es daher am besten gewesen, klug zu den unbequemen Schriften zu schweigen, die ja die verschlafene und verdöste öffentliche Meinung von selbst gar nie bemerkt hätte.
Diese Art Technik war ja während des Krieges in Deutschland von oben aus anbefohlen und befolgt worden. Dort erstickten die öffentlichen Machthaber die unbotmäßigen Schriftsteller, wenn sie sie nicht ohne Lärm erdrosseln konnten, unter Blumengewinden. Aber der politische Geist der französischen Demokratie ist offener und gleichzeitig beschränkter. Sie verstehen sich dort nicht auf Schweigen. Statt ihren Haß zu verstecken, reißen sie ihn auf die Tribüne, um ihn dort in die Welt zu donnern. Die französische Freiheit ist so, wie Rude sie dargestellt hat: brüllend, mit aufgerissenem Mund. Wer nicht ganz so denkt wie sie, ist allsogleich ein Verräter; es findet sich gleich irgendein kleiner Journalist, der erzählt, um wie viel Geld diese freie Stimme gekauft sei, und zwanzig Besessene hetzen gegen sie die Tollwut der Maulaffen. Ist dann einmal der Tanz im Gang, so kann man nichts tun, als warten, bis sich die Tollheit durch ihr Übermaß erschöpft hat; solange: rette sich, wer kann! Die Vorsichtigen bringen sich in Sicherheit oder heulen mit den Wölfen.
Der Leiter jener Tageszeitung, die seit einigen Jahren sich eine Ehre daraus gemacht hatte, die Gedichte Clerambaults zu veröffentlichen, ließ ihm vertraulich sagen, er fände diesen ganzen Lärm lächerlich, und die ganze Sache sei kein Hundshaar wert, aber zu seinem großen Bedauern sehe er sich genötigt, um seiner Abonnenten willen ihm eins zu versetzen... natürlich in aller Höflichkeit... Selbverständlich in aller Form.... Und nichts für ungut, nicht wahr? Und wirklich, der Angriff war gar nicht gewalttätig, er beschränkte sich bloß darauf, Clerambault lächerlich zu machen. Und selbst Perrotin — wie kläglich ist doch das Menschengeschlecht! — ironisierte ihn in einem Interview auf geistreichste Weise, ließ die Leute auf seine Kosten lachen, gedachte aber dabei heimlich sein Freund zu bleiben.
In seinem eigenen Hause fand Clerambault keine Unterstützung mehr. Seine alte Gefährtin, die seit dreißig Jahren nur durch ihn dachte und seine Gedanken wiederholte, ehe sie sie selber verstand, war erschrocken und zornig über seine neuen Worte, warf ihm bitter vor, diesen Skandal heraufbeschworen, seinen Namen und den der ganzen Familie ins Unrecht gesetzt und das Andenken ihres toten Kindes, die Idee der heiligen Rache und des Vaterlandes geschädigt zu haben. Rosine ihrerseits liebte ihn noch immer, aber sie verstand ihn nicht mehr. Eine Frau kann selten die Forderungen des Geistes anerkennen, sie kennt nur die Forderungen des Herzens. Ihr hatte es genügt, daß ihr Vater sich nicht mit Worten des Hasses verband, daß er mitleidsvoll und gut blieb, doch wünschte sie keineswegs, daß er diese Gefühle in Theorien verwandelte, und noch weniger, daß er sie öffentlich aussprach. Sie hatte den zugleich zärtlichen und praktischen gesunden Menschenverstand einer, die die Forderungen des Herzens gewahrt wissen will und sich mit dem Übrigen abfindet. Aber das unbeugsame logische Bedürfnis, das den Mann treibt, die äußersten Konsequenzen seines Glaubens zu ziehen, war ihr unverständlich. Soweit konnte sie nicht mit. Ihre Stunde war vorüber, die Stunde, wo sie unbewußt die Aufgabe übernommen und erfüllt hatte, mütterlich ihren schwachen, unsicheren und zerbrochenen Vater aufzurichten und ihn unter ihrem Flügel zu bergen, sein Gewissen zu retten und ihm die Fackel wieder in die Hand zu drücken, die er fallen gelassen hatte. Jetzt, da er sie wieder in Händen trug, war ihre Aufgabe erfüllt. Sie war wieder das liebende, unscheinbare „kleine Mädchen“ geworden, das die großen Geschehnisse der Zeit mit ein wenig gleichgültigen Blicken sieht, und nur im Grunde ihrer Seele blieb etwas zurück von dem feurigen Licht der überirdischen Stunde, die sie gelebt hatte, die sie fromm bewahrte und deren Sinn sie nicht mehr verstand.