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Ungefähr um dieselbe Zeit empfing Clerambault den Besuch eines jungen Urlaubers aus einer befreundeten Familie. Daniel Favre, Sohn eines Ingenieurs und selbst Ingenieur, dessen lebendige Intelligenz aber nicht durch seinen Beruf beschränkt wurde, hatte seit langem eine Leidenschaft für Clerambault gefaßt: der mächtige Aufschwung der modernen Wissenschaft hatte sein Gebiet seltsam jenem der Dichtung angenähert, war doch die Technik gewissermaßen selbst das größte der zeitgenössischen Gedichte geworden. Daniel war ein enthusiastischer Leser Clerambaults. Sie hatten innige Briefe gewechselt und der junge Mann, dessen Familie mit der Clerambaults in Beziehungen stand, kam oft zu ihnen, und vielleicht auch nicht bloß, um dem Dichter zu begegnen. Die Besuche dieses liebenswerten, etwa dreißigjährigen Menschen, eines großen, gutgewachsenen Burschen mit festen Zügen, einem scheuen Lächeln, mit hellen Augen im sonnverbrannten Gesicht, wurden immer freudig aufgenommen, und Clerambault war nicht der einzige, den sie erfreuten. Für Daniel wäre es leicht gewesen, sich einen Hinterlandsdienst in irgendeiner Metallfabrik zu sichern, aber er hatte selbst gefordert, seinen gefährlichen Posten an der Front nicht verlassen zu müssen, wo er sich rasch den Leutnantsgrad erworben hatte. Der Urlaub bot ihm Gelegenheit, Clerambault zu besuchen.
Clerambault war allein, seine Frau und seine Tochter waren ausgegangen. Freudig empfing er den jungen Freund. Aber Daniel schien befangen, und nachdem er längere Zeit auf die Fragen Clerambaults recht und schlecht geantwortet hatte, schnitt er geradewegs die Sache an, die ihm am Herzen lag. Er sagte, er hätte an der Front von den Artikeln Clerambaults gehört, und dies hätte ihn verwirrt. Man sagte... oder man behauptete... schließlich, man sei ja so streng... er wisse ja, daß es ungerecht sei... aber er sei gekommen — und dabei faßte er die Hand Clerambaults in einer Art zärtlicher Scheu — um ihn zu bitten, sich nicht von jenen zu trennen, die ihn liebten. Er erinnerte ihn an die Ehrfurcht, die der Dichter, der einst die französische Erde und die innere Größe der Rasse gefeiert hatte, allgemein einflöße.... „Bleiben Sie, bleiben Sie mit uns in dieser Stunde der Prüfungen....“
„Nie bin ich mehr mit euch gewesen“, antwortete Clerambault. Und er fragte ihn:
„Sie sagen mir, lieber Freund, daß man das, was ich geschrieben hätte, verunglimpfe. Was denken Sie selbst davon?“
„Ich habe es nicht gelesen“, sagte Daniel. „Ich wollte es nicht lesen. Ich hatte Furcht, in meiner Zuneigung für Sie gekränkt oder an der Erfüllung meiner Pflicht gehindert zu sein.“
„Dann haben Sie wenig Vertrauen zu sich, wenn Sie fürchten, durch das Lesen von ein paar Zeilen in Ihrer Überzeugung erschüttert zu werden.“
„Ich bin meiner Überzeugung sicher“, antwortete Daniel ein wenig gereizt, „aber es gibt gewisse Dinge, für die es besser ist, wenn man sie nicht in die Diskussion zieht.“
„Seltsam“, sagte Clerambault, „das ist ein Wort, das ich mir nicht von einem Mann der Wissenschaft erwartete. Was hat die Wahrheit dabei zu verlieren, wenn man sie untersucht?“
„Die Wahrheit nichts, aber die Liebe. Die Liebe zum Vaterland.“
„Mein lieber Daniel, Sie sind viel kühner als ich. Ich stelle die Wahrheit nicht in einen Gegensatz zur Vaterlandsliebe. Ich versuche nur, sie in Einklang zu bringen.“
Daniel schnitt kurz ab. „Man diskutiert nicht über das Vaterland.“
„Es ist also“, sagte Clerambault, „ein Glaubensartikel?“
„Ich glaube an keine Religion“, protestierte Daniel, „an keine, und gerade darum denke ich so. Was bliebe denn noch auf Erden, wenn es nicht das Vaterland gäbe?“
„Nun, ich denke, es gibt auf der Erde viele gute und schöne Dinge, das Vaterland ist bloß eines davon. Ich liebe es auch. Und ich stelle auch nicht die Liebe zum Vaterland in Frage, sondern nur die Art, es zu lieben.“
„Es gibt nur eine“, sagte Daniel.
„Und die wäre?“
„Ihm gehorchen.“
„Also die Liebe mit geschlossenen Augen, so wie im antiken Symbol. Ich meinerseits möchte sie ihr lieber öffnen.“
„Nein, lassen Sie uns, wie wir sind! Unsere Aufgabe ist schon ohnehin hart genug, machen Sie sie uns nicht noch grausamer.“ Und mit einigen nüchternen, abgehackten, von Erregung bebenden Sätzen stellte Daniel die furchtbaren Bilder jener Wochen hin, die er eben im Schützengraben verlebt hatte, den Ekel und den Abscheu vor all dem, was er gelitten hatte, leiden gesehen und leiden gemacht hatte.
„Aber mein lieber Freund“, sagte Clerambault, „wenn Sie diese erbärmliche Schande selber sehen, warum sollen wir sie denn nicht verhindern?“
„Weil es unmöglich ist.“
„Um das zu wissen, käme es erst auf einen Versuch an.“
„Das Gesetz der Natur ist der Kampf der Wesen gegeneinander. Zerstören oder zerstört werden. So und nur so ist es.“
„Und wird sich das nie ändern?“
„Nein“, sagte Daniel mit einem Ton hartnäckigen Schmerzes, „es ist ein Gesetz.“
Es gibt Männer der Wissenschaft, denen die Wissenschaft so sehr die Wirklichkeit, die sie umschließt, verbirgt, daß sie sie unter dem Netz nicht mehr sehen; sie hat sich ihnen entzogen. Sie umfassen die ganze von der Wissenschaft umspannte Zone, halten es aber für unmöglich und sogar lächerlich, dieses Reich über die einmal von der Vernunft gezogene Grenze hinaus zu erweitern. Sie glauben bloß an einen Fortschritt, der an die Innenseite der Umfriedung gekettet ist. Clerambault kannte nur zu gut das spöttische Lächeln, mit dem die großen Gelehrten der offiziellen Schulen ohne jede nähere Prüfung die Eingebungen der Erfinder ablehnen. Eine gewisse Art der Wissenschaft ist mit Folgsamkeit vollkommen vereinbar. Wenigstens verband Daniel mit der seinen keine Ironie, vielmehr den Ausdruck einer stoischen und unbeirrbaren Traurigkeit. Es fehlte ihm nicht an geistiger Kühnheit, aber die hatte er einzig in den abstrakten Dingen. Dem Leben selbst gegenübergestellt, bot er eine Mischung — oder besser eine Aufeinanderfolge — von Ängstlichkeit und Starrsinn dar, von zögernder Bescheidenheit und trotziger Überzeugung. Wie die meisten Menschen war er ein zusammengesetztes, zwiespältiges Wesen, aus einzelnen Teilen und Stücken bestehend, nur daß bei einem Intellektuellen und besonders bei einem Mann der Wissenschaft die einzelnen Stücke nicht ganz ineinanderpassen und daß die Fugen sichtbar werden.
„Aber“, sagte Clerambault, die Betrachtungen, die in der Stille durch seinen Sinn gingen, laut zu Ende führend, „selbst die Voraussetzungen der Wissenschaft sind doch in Umformung begriffen. Seit zwanzig Jahren durchlaufen die Grundvorstellungen der Chemie und der Physik eine Krise der Erneuerung, die sie gleichzeitig erschüttert und doch fruchtbar macht. Und einzig die sogenannten Gesetze, die die menschliche Gesellschaft oder, besser gesagt, das chronische Räubertum der Nationen regieren, sollten unveränderlich sein? Habt ihr in eurem Gedankenkreis keinen Raum für die Hoffnung einer höheren Zukunft?“
„Wir könnten nicht kämpfen“, sagte Daniel, „hätten wir nicht die Hoffnung, eine gerechtere und menschlichere Weltordnung zu begründen. Viele meiner Gefährten sind der Überzeugung, dieser Krieg mache allen Kriegen ein Ende. Ich teile diese Hoffnung nicht, ich verlange nicht so viel. Ich weiß nur das eine, daß unser Frankreich in Gefahr ist, und daß seine Niederlage die der ganzen Menschheit wäre.“
„Die Niederlage jedes Volkes ist eine der ganzen Menschheit, denn alle sind für sie notwendig. Die Vereinigung aller Völker wäre der einzige wahrhafte Sieg. Jeder andere richtet ebenso die Sieger wie die Besiegten zugrunde. Jeder Tag, der diesen Krieg verlängert, läßt das kostbare Blut Frankreichs fließen, und es ist in Gefahr, für immer erschöpft zu werden.“
Daniel gebot diesen Worten mit einer erregten und schmerzlichen Geste Einhalt. Ja, das wußte er.... Das wußte er.... Wer wußte es besser als er, daß Frankreich hinstarb, Tag für Tag, an seiner heroischen Anstrengung, daß die Blüte seiner Jugend, seiner Kraft, seiner Intelligenz, das lebendige Mark der Rasse in Sturzbächen hinströmte und zugleich der Reichtum, die Arbeit und der Kredit des französischen Volkes.... Frankreich, blutend an allen Gliedern, ging den Weg, den Spanien vier Jahrhunderte zuvor gegangen war und der zu den Einsamkeiten des Eskurial führt.... Aber er wollte nicht, daß man ihm von den Möglichkeiten eines Friedens, der diese Qual beendigte, spräche, ehe der Feind gänzlich zu Boden geschmettert. Man dürfe nicht auf die Angebote, die Deutschland damals machte, antworten, nicht einmal, um sie in Erwägung zu ziehen. Man dürfe nicht einmal sprechen darüber. Und wie die Politiker, die Generale, die Journalisten und die Millionen armer Geschöpfe, die tollwütig die Lektion, die man ihnen eingelernt hatte, wiederholten, schrie auch Daniel: „Bis zum letzten Mann!“
Clerambault sah mit zärtlichem Mitleid diesen wackeren, scheuen und heldenmütigen Burschen an, der von dem Gedanken erschreckt wurde, das Dogma in Frage zu ziehen, dessen Opfer er war. Hatte dieser wissenschaftliche Geist gar keinen Widerstand gegen den Widersinn eines solchen blutigen Spieles, dessen Einsatz der Tod ebenso für Frankreich wie für Deutschland — und vielleicht für Frankreich mehr als für Deutschland — war?
Ja, er wehrte sich dagegen, aber er raffte sich trotzig zusammen, um es sich nicht einzugestehen. Von neuem beschwor Daniel Clerambault. „Ja, diese Gedanken mögen vielleicht wahr und gerecht sein, aber nur nicht jetzt, jetzt sind sie nicht an der Zeit... in zwanzig oder fünfzig Jahren!... Lassen Sie uns nur zuerst unsere Aufgabe erfüllen, zu siegen und die Freiheit der Welt, die Brüderlichkeit der Menschen durch den Sieg Frankreichs begründen.“
Ach, der arme Daniel! Sah er denn nicht selbst im günstigsten Falle die Überhebung voraus, die verhängnisvoll diesen Sieg beschmutzen würde, und daß es dann am Besiegten sein würde, den krankhaften Wunsch und Willen zur Revanche und zum gerechten Sieg für sich zu erneuern? Jede Nation will das Ende aller Kriege durch ihren eigenen Sieg. Und von Sieg zu Sieg stürzt die Menschheit tiefer in ihre Niederlage hinab.
Daniel erhob sich, um Abschied zu nehmen. Er drückte Clerambaults Hand und erinnerte ihn mit Ergriffenheit an seine Gedichte von einst, in denen er das heroische Wort Beethovens wiederholte, um das schöpferische Leiden zu feiern, das Wort: „Durch Leiden Freude.“
„Ach! ach! Wie ihr uns mißversteht!... Wir besingen das Leiden, um uns davon zu befreien, aber ihr begeistert euch dafür. So wird unser Hymnus der Befreiung für die anderen Menschen ein Sang der Knechtung.“
Clerambault gab keine Antwort. Er liebte diesen jungen Menschen; diese armen Kerle, die sich aufopfern, wissen wohl, daß sie nichts im Kriege zu gewinnen haben. Aber je mehr Opfer man von ihnen verlangt, desto gläubiger werden sie. Mögen sie dafür gesegnet sein!... Aber wenn sie nur nicht mit sich selbst auch die ganze Menschheit hinopfern wollten!