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Clerambault hatte Daniel gerade bis zur Wohnungstür geleitet, als Rosine zurückkam. Als sie den Besucher sah, hatte sie eine Bewegung entzückter Überraschung. Auch das Antlitz Daniels erhellte sich, und Clerambault entging nicht die freudige Belebtheit der beiden jungen Leute. Rosine forderte Daniel auf, noch einmal zurückzukommen und die Unterhaltung fortzusetzen, Daniel war schon im Begriff es zu tun, zögerte dann, lehnte ab, sich noch einmal niederzusetzen, und schützte dann mit einem schmerzlich gespannten Gesichtsausdruck irgendeinen vagen Vorwand vor, der ihn zwinge fortzugehen. Clerambault, der im Herzen seiner Tochter las, bestand freundschaftlich darauf, daß er wenigstens noch einmal vor seinem Urlaubsende wiederkäme. Daniel, in die Enge getrieben, sagte zuerst nein, dann ja, ohne sich fest zu verpflichten, um dann schließlich, dem Drängen Clerambaults nachgebend, einen bestimmten Tag festzusetzen. Dann nahm er in einer etwas kühlen Weise Abschied. Clerambault kehrte wieder in sein Arbeitszimmer zurück und setzte sich nieder. Rosine blieb unbeweglich und gedankenverloren mit schmerzlichem Ausdruck stehen. Clerambault lächelte ihr zu. Sie kam zu ihm und umarmte ihn.
Der festgesetzte Tag ging vorüber, Daniel kam nicht zu ihnen herauf. Man wartete noch den nächsten Tag und den übernächsten, aber er war schon an die Front zurückgegangen. Auf Betreiben Clerambaults machte kurz darauf seine Frau mit Rosine den Eltern Daniels einen Besuch. Sie wurden von ihnen mit eisiger und beinahe verletzender Kälte empfangen. Frau Clerambault erklärte, als sie zurückkam, sie wolle nie mehr in ihrem Leben diese unerzogenen Leute sehen. Rosine hatte Mühe, ihre Tränen zu verbergen.
In der Woche darauf kam ein Brief von Daniel an Clerambault. Ein wenig beschämt über sein Verhalten und das seiner Eltern, versuchte er weniger, es zu entschuldigen als zu erklären. Er machte eine zarte Anspielung, er hätte Hoffnung gehabt, einmal Clerambault näher zu stehen als bloß durch die Bande der Bewunderung, des Respektes und der Freundschaft. Aber, fuhr er fort, Clerambault hätte seine Zukunftsträume durch seine bedauerliche Rolle zunichte gemacht, die er glaubte in der Tragödie auf sich nehmen zu müssen, bei der es um das Leben des Vaterlandes ginge, und durch den Widerhall, den seine Stimme gefunden hätte. Seine Worte, die zweifellos falsch verstanden aber sichtlich unklug gewesen waren, hätten einen frevelhaften Charakter enthüllt, der die öffentliche Meinung aufgewühlt hätte. Unter den Offizieren der Front sei ebenso wie bei seinen Freunden im Hinterland die Erbitterung darüber die gleiche. Seine Eltern, die von jenem Traum des Glückes gewußt hätten, legten jetzt Protest ein, und so sehr er darunter leide, glaube er doch nicht das Recht zu haben, die Bedenken beiseite zu stoßen, deren Quelle ein tiefes Mitleid mit dem gekränkten Vaterland sei. Die öffentliche Meinung würde es nicht verstehen können, daß ein Offizier, der die Ehre hatte, sein Blut dem Vaterlande darbieten zu dürfen, an eine Verbindung denken könne, die man als eine Zustimmung zu so verderblichen Ideen ausdeuten könne. Freilich, die öffentliche Meinung hätte zweifellos unrecht, aber man müsse immer mit der öffentlichen Meinung rechnen. Denn die öffentliche Meinung eines Volkes, selbst wenn sie scheinbar übertrieben und ungerecht ist, will doch geachtet sein, und dies gerade sei der Irrtum Clerambaults gewesen, sie herausfordern zu wollen. Daniel drängte Clerambault noch einmal, seinen Irrtum zu bekennen und öffentlich abzuschwören, durch neue Aufsätze den beklagenswerten Eindruck zu verwischen, den die ersten hervorgebracht hätten. Er stellte es ihm als eine Pflicht dar, eine Pflicht gegen das Vaterland, eine Pflicht gegen sich selbst, und eine Pflicht — er ließ es deutlich durchblicken — gegen jene, die ihnen beiden so teuer war. — Der Brief schloß mit verschiedenen anderen Betrachtungen, in denen noch zwei- oder dreimal der Name der öffentlichen Meinung wiederkehrte; sie nahm in seinem Denken den Rang der Vernunft und selbst des Gewissens ein.
Clerambault erinnerte sich lächelnd an die Szene Spittelers, wo der König Epimetheus, der Mann der entschlossenen Überzeugung, in der Stunde, da er sie auf die Probe stellen soll, sie nicht mehr in die Hand bekommt, sie entwischen sieht, ihr nachsetzt und, um sie zu fassen, sich bäuchlings auf die Erde wirft und sie unter seinem Bette sucht. Clerambault erkannte, daß man gleichzeitig ein Held vor dem Feuer des Feindes und doch ein ganz kleiner Junge vor der öffentlichen Meinung seiner Mitbürger sein könne.
Er zeigte Rosine den Brief. Und so ungerecht auch die Liebe sonst sein mag, Rosine war doch in ihrem Herzen durch die Heftigkeit verletzt, die ihr Freund der Überzeugung ihres Vaters antun wollte. Sie dachte, Daniel liebe sie nicht genug, und sagte, sie ihrerseits liebe ihn nicht genug, um solche Forderungen anzunehmen. Selbst wenn Clerambault ihm nachgeben wolle, so würde sie es nicht erlauben, denn es sei eine Ungerechtigkeit.
Hier umarmte sie ihren Vater, zwang sich, tapfer zu lachen und ihr grausames Mißgeschick zu vergessen. Aber man vergißt nicht ein erträumtes Glück, solange noch irgendeine schwache Möglichkeit vorhanden ist, es wiederzufinden. Sie mußte immer daran denken, und nach einiger Zeit fühlte Clerambault, wie sie sich von ihm entfernte. Wer die Verleugnung besitzt, sich aufzuopfern, besitzt nur selten auch jene andere, dann nicht jenen gram zu sein, für die er sich aufgeopfert hat. Gegen ihren eigenen Willen zürnte Rosine ihrem Vater um ihr verlornes Glück.