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Ein seltsames geistiges Phänomen trat nun bei Clerambault zutage. Er fühlte sich niedergeschlagen und doch gleichzeitig gefestigt. Er litt daran, gesprochen zu haben, und fühlte doch, daß er von neuem sprechen würde. Er gehörte sich selbst nicht mehr. Seine Schriften hielten ihn fest, seine Schriften übten einen Zwang auf ihn aus: kaum hatte er seine Gedanken ausgesprochen, so war er schon an sie gebunden. Das aus dem Herzen entsprungene Werk wirkt wieder auf das Herz zurück. Geboren aus einer Stunde geistiger Erregung, verlängert und erneuert es sich diese Stunde im Geiste, der ohne diesen Aufschwung erschöpft in sich zusammenstürzte. Denn diese Stunde ist Lichtstrahl aus den letzten Tiefen, ist das Beste des inneren Wesens, das Ewigste und reißt den tierhaften Teil des irdischen Wesens mit sich fort. Ob er will oder nicht, schreitet der Mensch, von seinen Werken getragen und gezogen, weiter, sie leben außerhalb seiner selbst, erneuern in ihm die verlorne Kraft, erinnern ihn an seine Pflicht, führen ihn und befehlen ihm. Clerambault hatte die Absicht zu schweigen. Und doch begann er immer wieder zu sprechen.
Er war sich seiner Schwäche freilich recht bewußt. „Du zitterst, Kadaver, weil du weißt, wohin ich dich jetzt führe“, pflegte Turenne vor einer Schlacht zu seinem Leibe zu sagen. Die Leiblichkeit Clerambaults bot keinen stolzen Anblick. Wenn auch die Schlacht, in die er sie führte, eine viel unscheinbarere war, so war es doch kein geringerer Kampf, denn er stand darin allein und ohne Armee. Das Schauspiel, das er sich selbst in der Nacht vor der Schlacht darbot, war beschämend: er sah sich selbst nackt, in seiner Mittelmäßigkeit, einen schwachen Menschen, scheu von Natur, ein wenig feig, einen Menschen, der der anderen bedurfte, ihrer Liebe, ihrer Zustimmung. Und es war furchtbar schwer, alle diese Beziehungen mit ihnen zu zerreißen, gesenkten Kopfes gegen ihren Haß anzurennen.... Würde er stark genug sein, um Widerstand leisten zu können?... Wieder stürmten die schon verjagten Zweifel gewaltsam auf ihn ein. Wer zwang ihn denn dazu, zu sprechen? Wer würde auf ihn hören? Und wozu das alles? Warum hielt er sich nicht an das Beispiel der Klügeren, die schwiegen?
Und doch fuhr sein entschlossenes Hirn fort, ihm das zu diktieren, was er schreiben sollte, und die Hand schrieb es nieder, ohne ein Wort zu mildern. Er bestand gewissermaßen aus zwei Menschen, aus einem, der hingestreckt lag, Angst hatte und schrie: „Ich will mich nicht herumschlagen“, und aus einem anderen, der voll Verachtung für den Feigling ihn am Genick fortschleppte und sagte: „Vorwärts, du wirst gehen.“
Und doch wäre es zu viel Ehre, wollte man ihm zuerkennen, daß er aus Mut so handelte. Er handelte so, weil er nicht anders konnte. Selbst wenn er hätte innehalten wollen, so mußte er doch nach vorwärts und sprechen.... „Es ist deine Mission.“ Clerambault verstand das nicht und fragte sich, warum gerade er ausersehen worden war, er, der Dichter, der Zärtliche, geschaffen zu einem stillen, kampflosen, opferlosen Leben, indessen doch andere, starke, krieggewohnte, kampfgeartete Menschen mit Athletenseelen da waren, die unbeschäftigt blieben. „Es hat keinen Sinn sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Gehorche! Es ist nun einmal so.“
Und gerade diese Zwiespältigkeit seiner Natur zwang ihn, sobald einmal eine der beiden Seelen in ihm die Oberhand behalten hatte, sich ihr restlos hinzugeben. Ein normalerer Mensch hätte die beiden Naturen verschmolzen oder verbunden, hätte ein Kompromiß gefunden, bei dem die Anforderungen der einen und die Vorsicht der anderen zu ihrem Recht gekommen wären. Aber ein Clerambault war immer nur einseitig, dem einen oder dem anderen unterworfen. Hatte er einmal einen Weg gewählt, so ging er ihn ganz geradeaus, ob er ihm gefiel oder nicht. Und aus dem gleichen Grunde, der ihn früher so leichtgläubig für den Glauben der Welt rings um ihn gemacht hatte, mußte er jetzt rücksichtslos die Lügen, denen er zum Opfer gefallen war, offenbaren, sobald er sie erkannt hatte. Andere, die sich anfangs nicht so hemmungslos hatten narren lassen, hätten sie nie zu enthüllen vermocht.
So begann der Mutige wider seinen eigenen Willen, ein anderer Ödipus, den Kampf mit der Sphinx des Vaterlandes, die ihn am Kreuzweg erwartete.