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Ganz allein sich selbst hingegeben und der Möglichkeit des Wirkens beraubt, wandte Clerambault sein ganzes fieberndes Denken gegen sich. Nichts konnte ihn nunmehr auf dem Wege der bitteren Wahrheit zurückhalten, nichts mehr ihr grausam scharfes Licht abdämpfen. Er fühlte in sich die brennende Seele jener fuorusciti, die, verstoßen aus den Mauern ihrer harten Stadt, sie von außen mit mitleidslosen Augen betrachteten. Nun war es nicht mehr die schmerzhafte Vision jener ersten Nacht der Prüfung, da die blutenden Wunden ihn noch mit seinem menschlichen Kreise verbanden. Jetzt waren alle Bande gelöst. Sein überklarer Geist schwebte, den Abgrund umkreisend, immer tiefer in langsamen Spiralen einsamen Schweigens in die Hölle hinab....

„Ich sehe euch, ihr Herden, ihr Völker, ihr Myriaden Wesen, die ihr es nötig habt, euch wie Austern zusammenzudrängen, nur um euch vermehren und denken zu können. Jede eurer Gruppen hat ihren besonderen Geruch, der ihr heilig scheint. Ganz wie bei den Bienen, wo die Ausdünstung der Königin die Einheit des Bienenstockes und die Arbeitsfreude schafft. Ganz wie bei den Ameisen: Wer dort nicht riecht wie das Ich und seine Rasse, wird getötet. Ihr Menschenwaben, jede von euch hat ihren besonderen Geruch von Rasse, Religion, Moral und althergebrachten Sitten. Dieser Geruch durchdringt eure Körper, euer Werk und eure Brut. Er bestimmt euer Leben von der Geburt bis zum Tode. Weh dem, der ihn von sich abzuwaschen sucht.

Wer die Dumpfheit dieses Bienenschwarmgedankens, diesen Schweiß berauschter Nächte eines Volkes recht genießen will, möge doch einmal die Gebräuche und Glaubensformeln aus der Distanz der Geschichte betrachten; er möge sich von Herodot, dem ironischen Spötter, den Film der menschlichen Verirrungen aufrollen lassen, das lange Panorama der bald erbärmlichen, bald lächerlichen, aber immer hochgeehrten Gebräuche bei den Skythen, Issedonen, Geten, Nasomonen, Gindaren, Sauromaten, Lydiern, Lybiern und Ägyptern, den Zweifüßlern aller Farben von Ost nach West und von Nord nach Süd. Der Großkönig, ein kluger Kopf, fordert zum Scherz die Griechen, die ihre Toten verbrennen, auf, sie zu verzehren, und die Hindus wiederum, die sie verspeisen, sie zu verbrennen, und belustigt sich dann über ihre beiderseitige Empörung. Der weise Herodot aber verneigt sich vor seinem Publikum und, unmerklich lächelnd, enthält er sich zwar eines Urteils, weist aber die zurecht, die sich über jene lustig machen; denn: würde man allen Menschen vorschlagen, eine Wahl unter den besten Gesetzen der verschiedenen Länder zu treffen, so würde sich doch jeder für die seines Vaterlandes entscheiden, denn es ist gewiß, daß jeder überzeugt ist, es gäbe keine besseren. Es gibt kein wahreres Wort als jenes Pindars: ‚Die Gewohnheit ist die Königin aller Menschen.‘

Jeder trinkt gern aus seinem Napf; so sollte er es wenigstens ertragen, daß der andere aus dem seinigen trinkt. Aber gerade das Gegenteil gilt: Um sich an dem seinen zu erfreuen, muß man dem andern in seinen Napf spucken. So will es Gott, denn man braucht ja einen Gott — mag er sein wie er sei, Mensch oder Tier, oder bloß ein Gegenstand, eine schwarze oder rote Linie, oder wie im Mittelalter eine Amsel, ein Rabe, irgendein Wappenschild — nur damit man dann auf ihn die eigenen Torheiten abladen kann.

Heute, da die Fahne das Wappenschild ersetzt hat, erklären wir uns frei von jedem Aberglauben. Doch wann war er undurchdringlicher als heute? Jetzt zwingt uns das neue Dogma der Gleichheit, genau so zu riechen wie die anderen, wir haben nicht einmal mehr die Freiheit zu sagen, daß wir nicht frei sind. Das wäre ein Gottesfrevel. Mit dem Tragsattel auf dem Rücken muß man brüllen: ‚Es lebe die Freiheit!‘ Die Tochter des Königs Cheops war auf Befehl ihres Vaters Dirne geworden, um mit dem Schandgeld ihres Körpers die Pyramide aufrichten zu helfen. Um die Pyramide unserer massigen Republiken zu errichten, müssen Millionen Bürger ihr Gewissen, ihre Seele und ihre Körper der Lüge und dem Haß prostituieren.... Oh, wir sind Meister in der großen Kunst des Lügens geworden!... Allerdings, man hat ja immer gelogen, aber der Abstand zu jenen Frühern besteht darin, daß sie sich ihrer Lüge bewußt waren, und es beinahe naiv eingestanden wie ein natürliches Bedürfnis, das man — wie es ja bei den Menschen des Südens Sitte ist — ungeniert in Gegenwart von Vorübergehenden abtut. ‚Ich werde immer lügen‘, sagt ganz unschuldig Darius, ‚denn wenn es nützlich ist zu lügen, so soll man sich darüber keine Skrupel machen. Diejenigen, die lügen, wünschen dasselbe zu erreichen wie jene, die die Wahrheit sagen: man lügt in der Hoffnung, irgendeinen Gewinn davon zu haben, man sagt die Wahrheit, um daraus Vorteil zu ziehen und sich das Vertrauen zu sichern. So gehen wir zwar nicht den gleichen Weg, aber doch zum selben Ziele. Denn ohne Hoffnung auf Vorteil wäre es ja für den, der die Wahrheit sagt, gleichgültig, zu lügen, und für den, der lügt, ebensogut, er sagte die Wahrheit.‘ Aber wir, meine lieben Zeitgenossen, wir sind bedeutend schamhafter. Wir schauen uns selbst nicht zu, wenn wir auf offener Straße lügen... Wir lügen hinter geschlossenen Türen und Fenstern, wir belügen uns selbst. Aber wir gestehen es uns niemals ein, selbst nicht in aller Intimität. Nein, nein, wir lügen nicht, wir „idealisieren“ nur.... Ach, ich möchte, daß man euer Auge sehe und daß euer Auge sehend würde, ihr freien Menschen!

Frei! Worin, wovon seid ihr frei? Wer von euch ist heute frei innerhalb eures gegenwärtigen Staates? Habt ihr die Freiheit, zu handeln? Nein, da ja der Staat über euer Leben verfügt, euch zu Schlächtern oder Hingeschlachteten macht. Seid ihr frei, zu sprechen und zu schreiben, was ihr wollt? Nein, denn man sperrt euch ein, wenn ihr eure Gedanken aussprecht. Seid ihr frei, wenigstens für euch allein zu denken? Nein, außer ihr verbergt eure Gedanken gut, und selbst ein tiefer Keller ist für sie nicht sicher genug. Schweigt! Hütet euch! Ihr seid gut überwacht... Es gibt Galeerenhüter für die Tat: Unteroffiziere und Betreßte. Und es gibt Galeerenhüter für den Geist: Kirchen und Universitäten, die genau vorschreiben, was man glauben und was man leugnen muß... Worüber beklagt ihr euch? (Aber ihr beklagt euch ja gar nicht!) Macht euch ja kein Kopfzerbrechen, wiederholt nur die Worte des Katechismus!

Nun sagt ihr, daß dieser Katechismus in freier Wahl von dem selbständigen und selbstherrlichen Volk genehmigt worden sei! Eine schöne Selbstherrlichkeit! Einfaltspinsel, die die Backen aufblasen mit ihrem Worte Demokratie... Demokratie, das ist die Kunst, sich an die Stelle des Volkes zu setzen und ihm feierlich in seinem Namen, aber zum Vorteil einiger guter Hirten die Wolle abzuscheren. In Friedenszeiten weiß das Volk nichts von dem, was vorgeht, außer dem, was die Leute, die ein Interesse daran haben, es zu prellen, ihm in ihren geknechteten Zeitungen zu sagen Lust haben. Die Wahrheit ist unter Verschluß. In Kriegszeiten macht man das besser, da ist das Volk unter Verschluß. Selbst wenn es wirklich je gewußt hätte, was es will, so hat es doch keine Möglichkeit mehr, ein Wort davon zu sagen. Kadavergehorsam... Zehn Millionen Kadaver... und die Lebendigen taugen auch nicht viel mehr, nachdem sie vier Jahre im niederdrückenden Regime von patriotischen Aufschneidereien, von Jahrmarkts-Paraden gestanden haben und dem Tam-Tam, den Drohungen, Betrügereien, Gehässigkeiten, Angebereien, Hochverratsprozessen und dem Standgericht ausgesetzt waren. Die Demagogen haben das letzte Aufgebot der Dunkelmännerei zusammengerafft, um den letzten verzweifelten Lichtschein der Vernunft in ihren Völkern zu ersticken und sie völlig zu verblöden.

Ihnen genügt es nicht, sie zu knechten. Man muß die Völker so dumm machen, daß sie selbst geknechtet sein wollen. Die gewaltigen Autokratien Ägyptens, Persiens und Assyriens, die mit dem Leben von Millionen ihr Spiel trieben, schöpften das Geheimnis ihrer Macht aus dem übernatürlichen Glanz ihrer falschen Göttlichkeit. Jede absolute Monarchie war unbedingt bis an die äußersten Grenzen der gläubigen Jahrhunderte eine Theokratie gewesen. In unseren Demokratien aber ist es unmöglich, an die Göttlichkeit irgend so eines Hanswursts, wie es unsere höchst anrüchigen und mißachteten Minister sind, zu glauben. Man hat sie zu sehr von der Nähe gesehen und kennt ihre Schäbigkeiten.... So haben sie die Erfindung gemacht, die Götter hinter die Leinwand ihres Jahrmarktzeltes zu stecken. Gott, das ist jetzt die Republik, das Vaterland und die Gerechtigkeit, die Zivilisation. Am Eingang des Zeltes sind sie aufgemalt, jede Jahrmarktsbude zeigt in mannigfachen Farben ihre schöne Riesin, und die Millionen drängen sich nur so hinein, um sie zu sehen. Freilich, was sie denken, wenn sie aus der Bude herauskommen, das wird nicht gesagt, und sie wären selbst sehr verlegen, wenn sie sich etwas dabei denken sollten. Die einen kommen überhaupt nicht mehr heraus, die andern haben nichts gesehen. Nur jene, die draußen geblieben sind vor der großen Bude, um zu gaffen, die sehen, für die ist Gott da (schön aufgemalt). Die Götter sind nichts als das Verlangen, an sie zu glauben.

Warum aber dann die brennende Wut dieses Verlangens? Weil man die Wirklichkeit nicht sehen kann. Oder eigentlich: gerade weil man sie sieht. Das ist ja die ganze Tragik der Menschheit, daß sie nicht sehen und nichts wissen will. Sie hat nur das verzweifelte Bedürfnis, irgendwie ihren Schmutz göttlich zu machen. Wir aber wollen ihr ins Gesicht sehen!

Der Instinkt des Mordes ist in das Herz der Natur geschrieben. Ein wahrhaft teuflischer Instinkt, weil er die Wesen nicht bloß geschaffen zu haben scheint, um zu essen, sondern auch, um gegessen zu werden. Eine Spielart des Kormorans nährt sich von Meerfischen. Die Fischer rotteten nun diese Vögel aus, da verschwanden die Fische, denn sie wiederum nährten sich von den Exkrementen der Vögel, die sich von ihnen nährten. So ist die Kette der Wesen eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt und sich selber frißt.... Wäre nun wenigstens nicht auch noch das Bewußtsein geschaffen, daß der Mensch selbst dieser eigenen Marter zusehen muß! Oh, wie dieser Hölle entfliehen?... Zwei Wege gibt es, zwei einzige Wege, den Weg Buddhas, der den schmerzhaften Wahn des Lebens zum Erlöschen bringt — und den Weg des religiösen Wahns, der über Verbrechen und Schmerzen den Schleier einer blendenden Lüge wirft! Das Volk, das die andern vernichtet, wird da zum auserwählten Volke, es wirkt für seinen Gott. Das Gewicht der Ungerechtigkeiten, das die eine Waagschale des Lebens niederdrückt, findet sein Gegengewicht im Jenseits der Träume, wo alle Wunden und Qualen gelindert werden. Die Formen dieses Himmelreiches sind verschieden von Volk zu Volk, von Zeit zu Zeitalter, und diese Verschiedenheit nennt man dann Fortschritt. Aber es ist doch immer ein und dasselbe Verlangen nach einem Wahn. Man muß dieser furchtbaren Bewußtheit das Maul stopfen, die alles sieht und Rechenschaft verlangt für jede Ungerechtigkeit des Gesetzes. Wirft man ihr nun nicht rasch einen Brocken zum Fraße hin, irgendeinen Glauben, so heult sie vor Hunger und Angst. Man muß glauben. Glauben oder krepieren.... Und darum haben sich die Menschen zu Herden zusammengedrängt, um sich gegenseitig zu bestärken und zu stützen. Um aus ihren einzelnen persönlichen Zweifeln eine gemeinsame Sicherheit zu machen.

Was tun wir aber jetzt mit der Wahrheit? Die Wahrheit — jetzt ist sie ja für jene der Feind. Freilich, das gestehen sie nicht ein. In einem stillschweigenden Übereinkommen nennen sie Wahrheit das widerliche Gemisch von ein bißchen Wahrheit und vieler Lüge, wobei das bißchen Wahrheit dazu dient, die Lüge zu übertünchen, die Lüge und die Knechtschaft, die ewige Knechtschaft... Nicht die Monumente des Glaubens und der Liebe sind die dauerhaftesten, sondern weit mehr jene der Knechtschaft. Reims und das Parthenon stürzen in Ruinen, aber die Pyramiden Ägyptens inmitten der Wüste, den Luftspiegelungen und dem wandernden Sand trotzen den Jahrhunderten... Wenn ich an die Tausende unabhängiger Menschen denke, die der Geist der Knechtschaft im Laufe der Jahrhunderte verschlungen hat — die Ketzer und Revolutionäre, die Unbotmäßigen gegen Staat und Kirche —, so wundere ich mich nicht mehr über die Mittelmäßigkeit, die nun über der Welt wie eine dicke fettige Brühe schwimmt...

Wir aber, die wir uns noch auf der düstern Oberfläche halten, die wir noch nicht untergetaucht sind, was sollen wir gegenüber dieser unbarmherzigen Welt tun, wo ewig der Starke den Schwächeren zermalmt und ewig wieder einen noch Stärkeren findet, der ihn seinerseits vernichtet? Sollen wir uns aus schmerzlichem Mitleid und aus Ermüdung zur freiwilligen Hinopferung entschließen, oder sollen wir mittun an der ewigen Erdrückung des Schwachen, ohne innerlich nur den Schatten einer Erkenntnis zu haben von der blinden Grausamkeit des Weltalls? Was bleibt uns denn sonst noch? Sollen wir etwa versuchen, uns aus dem hoffnungslosen Kampf wegzuschleichen aus Egoismus oder aus Weisheit, die ja doch nur eine andere Form des Egoismus ist?...“

In dieser Krise ätzenden Pessimismusses, die Clerambault in jenen Monaten der menschenfremden Isolierung durchwühlte, sah er überhaupt keine Möglichkeit des Fortschrittes mehr, jenes Fortschrittes, an den er einst geglaubt hatte wie andere an den lieben Gott. Jetzt sah er die menschliche Rasse einem mörderischen Geschick rettungslos geweiht. Nachdem sie soviel andere Wesen auf ihrer Erde vernichtet hatte, war es ihr Schicksal, sich nun mit eigener Hand zu vernichten und damit ein Gesetz der Gerechtigkeit zu erfüllen. Denn der Mensch ist Herr dieser Erde nur durch Raub, durch Betrug und Kraft geworden (hauptsächlich aber durch Betrug), wertvollere Wesen, als er ist, sind vielleicht, gewiß sogar, unter seinen Schlägen hingeschwunden, die einen hat er zerstört, die anderen erniedrigt, zu Tieren gemacht. Seit den Tausenden von Jahren, die er das Dasein mit den andern Wesen teilt, tut er so, als verstünde er sie nicht (er lügt), als wüßte er nicht, daß sie zu ihm Bruderwesen wären, leidend, liebend und träumend wie er. Um sie besser ausbeuten und ohne Gewissensbisse quälen zu können, hat er sich von seinen geistigen Führern bestätigen lassen, daß diese Wesen nicht denkfähig seien, daß er allein dieses Privileg besitze. Heute ist er nicht mehr weit davon entfernt, dies auch von den anderen Menschenvölkern zu sagen, die er bekämpft und vernichtet... Henker! Henker, du bist mitleidslos gewesen. Mit welchem Recht verlangst du heute Mitleid für dich?