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Das Ende jenes Sommers im Berry war eine der unfruchtbarsten Epochen im Leben Clerambaults. Er sprach mit niemandem mehr, er schrieb nicht mehr. Mit der arbeitenden Bevölkerung in direkten Verkehr zu kommen, bot sich keine Möglichkeit. Bei den seltenen Gelegenheiten, wo er vordem dem Volke nahetreten konnte (bei Massenaufläufen, bei Festlichkeiten und bei der Arbeit an der Volksuniversität), war es ihm immer lieb geworden. Aber eine Scheu, übrigens eine, die beiderseitig war, hinderte ihn, sich ganz hinzugeben. Beide Teile hatten immer das bald stolze, bald peinliche Gefühl der eigenen Minderwertigkeit. Denn Clerambault dünkte sich in vielen Dingen, und zwar in den wesentlichsten, geringwertiger, als die intelligenten Arbeiter (und er hatte auch recht, denn aus ihren Reihen werden die Führer der Zukunft erstehen). Unter der Auslese der Arbeiterschaft gab es damals anständige und männliche Geister, die Clerambault wohl hätte verstehen können. Mit ihrem ungebrochenen Idealismus hielten sie sich fest an die Wirklichkeit und, gewöhnt an den täglichen Kampf, seine Täuschungen und seinen Betrug, hatten sich diese Männer, von denen einige, obzwar noch jung, schon Veteranen im sozialen Kampf waren, zur Geduld erzogen. Sie hätten Clerambault darin belehren können. Diese Leute wußten wohl, daß alles erarbeitet sein muß, daß man nichts umsonst bekommt, daß alle diejenigen, die das Glück der zukünftigen Generation wollen, es mit ihren persönlichen Leiden bezahlen müssen. Sie wissen, daß der geringste Fortschritt nur Schritt für Schritt erobert wird und oft zwanzigmal verloren geht, ehe er endgültig erreicht wird. (Es gibt ja nichts wirklich Endgültiges...) Clerambault hatte großes Verlangen nach diesen Menschen, die stark und geduldig wie die Erde waren. Und seine heiße Intelligenz hätte sie bestrahlt und erwärmt.

Aber zwischen ihnen und ihm bestand das altväterliche, verletzende und der Gemeinschaft nicht weniger als dem Einzelnen verhängnisvolle System der Kasten, das zwischen den angeblich gleichen Bürgern unserer verlogenen Demokratien steht, und das aus der übergroßen Verschiedenheit der Vermögensverhältnisse, der Erziehung und der Lebensform stammt. Zwischen den einzelnen Kasten bestand nur eine Verbindung durch die Journalisten, die, eine Kaste für sich bildend, weder die eine noch die andere wirklich darstellten. Einzig die Stimme der Zeitungen durchhallte das Schweigen Clerambaults. Nichts war imstande, ihr „Quorax quorax breke-ke-kex“ zu stören.

Die unglücklichen Folgen einer neuen Offensive fanden die Journale wie immer unerschütterlich auf ihrem Posten. Wieder einmal waren die optimistischen Orakel der Hinterlandspriester zunichte geworden, aber niemand schien es zu bemerken. Sie ließen nur andere Orakel folgen, die mit der gleichen Zuversicht verabreicht und verschluckt wurden. Weder diejenigen, die sie schrieben, noch die, die sie lasen, wollten eingestehen, daß sie sich getäuscht hatten, und, so aufrichtig sie auch gegen sich sein mochten, sie merkten nichts davon. Sie erinnerten sich selber nicht mehr an das, was sie tags zuvor gesagt hatten. Und wie wollte man auch dies seltsame Wesen mit dem Vogelgehirn fassen? Kopf oben, Kopf unten — man mußte schließlich ihre Gabe anerkennen, nach allen Kapriolen immer wieder auf die Füße zu fallen. Jeden Tag hatten sie eine andere Überzeugung. Sie brauchte nicht dauerhaft zu sein, nachdem man am anderen Tage wieder eine andere hatte. Zu Ende des Herbstes begann man in den Zeitungen, um die sinkende Moral des Hinterlandes, die bei dem Vorgefühl des traurigen Winters nachzugeben begann, wieder neu zu kräftigen, eine neue Propaganda deutscher Greuel. Sie erfüllte vortrefflich ihren Zweck. Das Thermometer der öffentlichen Meinung stieg plötzlich wieder zur Fiebertemperatur auf. Selbst in dem friedlichen Städtchen des Berry äußerten sich während einiger Wochen alle Leute in erbittertster Weise. Sogar der Priester steuerte sein Scherflein bei und hielt eine Rachepredigt. Clerambault, der es von seiner Frau beim Mittagessen erfuhr, sprach seine Ansicht darüber in Gegenwart des bedienenden Mädchens ohne Rücksicht aus. Am Abend wußte schon das ganze Dorf, daß er ein Boche sei, und seitdem konnte es Clerambault jeden Morgen an seiner Tür angeschrieben lesen. Die Laune Frau Clerambaults wurde dadurch nicht gebessert. Rosine wiederum, die in ihrem jugendlichen Kummer über die getäuschte Liebe eine religiöse Krise durchmachte, war zu sehr mit ihrem eigenen Schmerz und seinen Verwandlungen beschäftigt, um an die Qual der anderen zu denken. Selbst die zärtlichsten Naturen haben ihre Stunde eines naiven und vollkommenen Egoismus.