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Erleichtert und erheitert hatte ihn der Unglückliche verlassen. Clerambault blieb zurück, betäubt von einer leisen Trunkenheit. Er schwieg, um das ganz seltsame Glück einer im eigenen Leben unglücklichen Seele zu genießen, die mit einemmal fühlt, daß sie teil hat am Glücke anderer Seelen in Gegenwart oder Zukunft. Alle Wesen erstreben Glück, tiefes Erfühlen, Fülle des Seins, aber diese Begriffe bedeuten nicht für alle das Gleiche. Die einen wollen das Glück als Besitz, für die andern genügt als Besitz schon das bloße Schauen, für andere wieder ist der Glaube schon das wahre Sehen. Und sie alle, die dieser Instinkt verbindet, bilden eine einzige Kette, angefangen von jenen, die nur ihr eigenes Glück suchen, über jene, die es für ihre Familie und ihr Volk suchen, bis auf zu jenen Wesen, die die ganzen Millionen der Menschen, das Glück des Alls umfassen. Wer selbst nicht im Glück lebt, schafft es doch den andern, so wie jetzt Clerambault, und weiß nicht darum; denn die andern sehen schon das Licht auf seiner Stirn, indes seine Augen noch im Schatten sind.

Der Blick des jungen Freundes hatte den armen Clerambault über seinen unbekannten Reichtum belehrt, und dieses Bewußtsein einer göttlichen Botschaft, die ihm auferlegt war, stellte seine verlorene Bindung mit den Menschen wieder her. Sie bekämpften ihn nur, weil er ihr verwegener Pfadfinder war, ihr Christoph Kolumbus, der mitten auf dem öden Ozean im Trotz darauf beharrte, den Weg zur neuen Welt zu finden. Sie beschimpften ihn, aber sie folgten ihm doch. Denn jeder wahre Gedanke, sei er verstanden oder nicht, ist ein ausgesandtes Schiff, das die nachzüglerischen Seelen im Schlepptau mit sich schleift.

Von diesem Tage an wandte er die Augen von der unabänderlichen Tatsache des Krieges und der Toten ab, um sich den Lebenden und der Zukunft, die in unserer Hand ruht, zuzuwenden. Möge die Anziehung derjenigen, die wir verloren haben, noch so mächtig sein und uns schmerzlich locken, zu ihnen hinabzusteigen, so müssen wir uns doch dem gefährlichen Hauch entreißen, der, wie in Rom, von der Gräberstraße aufsteigt. „Vorwärts! Halte dich nicht auf, du hast noch kein Recht, so wie jene zu ruhen! Denn andere bedürfen deiner. Sieh nur auf sie, wie sie gleich den Trümmern der großen Armee sich hinschleppen und in der düsteren Weite den verlorenen Weg suchen.“

Clerambault wurde des düsteren Pessimismus gewahr, der sich dieser jungen Leute nach dem Kriege zu bemächtigen drohte, und diese Erkenntnis quälte ihn. Die moralische Gefahr war groß, aber um sie kümmerte sich die Regierung natürlich am wenigsten. Sie handelte wie die schlechten Kutscher, die mit Peitschenschlägen das Pferd antreiben, um im Galopp über einen steilen Abhang hinaufzukommen. Das Pferd kommt auch wirklich hinauf, aber der Weg ist droben noch nicht zu Ende und das Pferd bricht zusammen. Es ist krumm für sein Leben... Mit welcher Begeisterung waren doch die jungen Menschen in den ersten Monaten des Krieges in den Sturm gerast! Dann war die Leidenschaft verraucht, aber das Tier blieb angeschirrt und von der Deichsel aufrecht gehalten; man peitschte rings um das müde Wesen eine künstliche Erregung auf, man mischte wundervolle Hoffnungen in sein tägliches Futter und, ob auch der Alkohol der Betäubung darin jeden Tag mehr verdunstete, so konnte es doch nicht zusammenbrechen. Und das gequälte Tier beklagte sich nicht einmal, ihm fehlte die Kraft zu denken. Und worüber und bei wem hätte es sich beklagen sollen? Es gab eine stillschweigende Vereinbarung gegen alle diese armen Opfer, nicht auf sie zu hören, sich taub zu stellen und zu lügen.

Aber Tag für Tag warf die rücklaufende Flut der Schlachten ihre Trümmer auf den Sand hin — die Verstümmelten und Verwundeten. Und durch sie kam zum erstenmal das Brausen der Tiefe dieses menschlichen Ozeans ans Licht. Die Unglücklichen, die plötzlich von dem Polypen, dessen Glieder sie bildeten, losgerissen waren, fühlten, daß sie sich im Leeren regten und nichts mehr erfassen konnten, weder ihre Leidenschaft von gestern, noch den Traum der Zukunft. Und voll Angst fragten sie sich, die einen nur dumpf, wenige andre mit einer grausamen Klarheit, wofür sie gelebt hätten, wofür man lebt....

„Da jener, der zerstört wird, leidet, und derjenige, der vernichtet, daran keinen Genuß findet und bald ebenso vernichtet wird, so sage mir, was kein Philosoph zu beantworten weiß, wessen Gefallen, oder wessen Nutzen dient dieses unglückselige Leben des Weltalls, das sich zum Schaden und durch den Tod aller Kreaturen, aus denen es gebildet ist, einzig erhält?“ fragt Leopardi.