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Es war dringend notwendig, darauf eine Antwort zu geben und für jene einen Sinn des Lebens zu finden. Ein Mann im Alter Clerambaults hat einen Sinn des Lebens nicht so nötig. Er hat schon gelebt, ihm kann es genug sein, sein Gewissen freizumachen: das ist für ihn gleichsam sein öffentliches Testament. Aber für diese jungen Leute, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, kann es nicht genug sein, die Wahrheit auf einem Leichenfelde zu sehen. Wie immer auch die Vergangenheit gewesen sei, für sie zählt doch nur die Zukunft. Ihnen muß man die Trümmer aus dem Wege räumen!
Woran leiden diese jungen Menschen am meisten? An ihrer eigenen Qual? — Nein! Sondern an ihrem Zweifel an dem Glauben, dem sie diese Qual zum Opfer dargebracht haben. (Würde man denn irgendein Bedauern haben, sich für die Frau geopfert zu haben, die man liebt, oder für sein Kind?) Und dieser Zweifel vergiftet sie, er nimmt ihnen die Kraft, auf ihrem Weg weiter fortzuschreiten, weil sie fürchten, an seinem Ausgang die Verzweiflung zu finden. Deshalb ruft man euch ja zu: „Hütet euch, das Ideal des Vaterlandes zu erschüttern! Trachtet lieber, es wiederherzustellen.“ Welch ein Hohn! Kann man denn wirklich durch seinen Willen einen Glauben wiederherstellen, den man einmal verloren hat? Man kann sich höchstens selbst belügen, und das weiß man in seiner tiefsten Seele. Und gerade dieses uneingestandene Bewußtsein tötet den Mut und die Freude.
So habt den Mut und verwerft den Glauben, an den ihr nicht mehr glaubt! Die Bäume müssen, um neu zu grünen, ihr Herbstlaub abschütteln. So sollt ihr aus euren verlorenen Illusionen, wie die Bauern aus dem welken Laub, ein Feuer machen, dann wird das neue Grün, der neue Glaube nur schöner aufwachsen. Denn der neue Glaube kann warten. Die Natur stirbt nicht, sie verwandelt nur ewig ihre Formen. Laßt doch, wie sie, das abgestorbene Kleid der Vergangenheit hinsinken!
Seht nur recht hin, zieht die Bilanz dieser harten Jahre! Ihr habt gekämpft und für das Vaterland gelitten. Und was habt ihr dabei gewonnen? Ihr habt die Brüderlichkeit der Völker entdeckt, die sich bekämpfen und miteinander leiden. Ist diese Erkenntnis zu teuer bezahlt? Nein, wenn ihr nur euer Herz sprechen laßt, wenn ihr wagt, es dem neuen Glauben aufzutun, der gerade, als ihr es am wenigsten erwartetet, zu euch gekommen ist.
Das Täuschende und Niederdrückende ist, daß der Mensch an sein anfängliches Ziel gebunden bleibt. Glaubt er dann nicht mehr an dieses Ziel, so glaubt er, jetzt sei alles verloren. Nun bringt niemals eine große Tat gerade jene Wirkung hervor, die man von ihr erwartete, und es ist gut so, denn fast immer übertrifft die tatsächliche Wirkung die erwartete und ist ganz anderer Art als sie. Weise sein heißt nicht, mit seiner fertigen Weisheit schon auszuziehen, sondern sie erst unterwegs in Aufrichtigkeit zu entdecken. Wagt es, euch einzugestehen, daß ihr nicht mehr dieselben Menschen seid wie 1914, und wagt es zu sein: Dies wird dann der Hauptgewinn oder vielleicht der einzige Gewinn dieses Krieges sein.... Aber werdet ihr es wirklich wagen? So viele Beweggründe vereinen sich ja, euch zu entmutigen; die Müdigkeit aller dieser Jahre, die alten Gewohnheiten, die Furcht vor der Anstrengung, in das eigene Ich hinabzublicken, das Abgestorbene auszujäten, das Lebendige zu bejahen und dann irgendein abergläubischer Respekt vor dem Alten, die faule Vorliebe für das, was man schon kennt (sei es selbst schlecht, sei es selbst tödlich), das träge Bedürfnis nach billiger Klarheit, das einen lieber ins alte Geleise zurückkehren läßt als neuen selbstgebahnten Wegen entgegengehen. Ist es denn nicht das Ideal der meisten Franzosen von Kindheit an, irgendeinen fertigen Lebensplan in die Hand zu bekommen und ihn nicht mehr zu ändern?... Ach, daß doch wenigstens dieser Krieg, der so viele eurer Heimstätten zerstört hat, euch zwingen würde, aus eurem Schutt herauszutreten, eine neue Heimstatt zu gründen und neue Wahrheiten zu suchen!