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Vielen dieser jungen Leute fehlte es nicht an Verlangen, mit der Vergangenheit zu brechen und in neue Welten einzutreten — im Gegenteil: sie hatten es allzu hastig damit. Noch waren sie aus ihrer alten Welt nicht heraus, so begannen sie schon, die neue gründen zu wollen. Nur rasch, nur keinen Übergang! Eine reinliche Scheidung! Entweder bewußte Unterwerfung unter das Vergangene oder Revolution!

So empfand auch Moreau. Er machte aus der Hoffnung Clerambaults auf eine soziale Erneuerung eine Gewißheit. Und in seiner Aufforderung, geduldig Tag für Tag sich die neue Wahrheit zu erobern, hörte er nur einen Appell zur gewaltsamen Aktion, die sie sogleich erzwingt!

Er führte Clerambault in zwei oder drei Kreise junger Intellektueller revolutionärer Richtung ein. Sie waren nicht sehr zahlreich, in allen Zusammenkünften begegnete man immer wieder den selben. Von Staats wegen wurden sie überwacht, was ihnen eher mehr Bedeutung gab, als wenn das nicht geschehen wäre. Elende Macht, bis an die Zähne bewaffnet, über Millionen von Bajonetten, über eine Polizei und eine Justiz, beide folgsam und zu allem bereit, verfügend, bist du dennoch stets furchtsam und kannst es nicht ertragen, daß ein Dutzend freier Geister sich versammelt, um über dich zu richten! Dabei hatten diese jungen Leute durchaus nicht die Art von geheimen Verschwörern. Im Gegenteil, sie taten alles mögliche, um verfolgt zu werden, aber ihre ganze Tätigkeit beschränkte sich auf Worte. Was hätten sie auch anders tun können? Sie waren isoliert von der großen Menge ihrer geistigen Gefährten, die die große Maschine des Krieges aufsog, die die Armee verschlang und nur dann zurückgab, wenn sie für sie unbrauchbar geworden waren. Was gab es denn noch an europäischer Jugend im Hinterland? Abgesehen von den Drückebergern, die sich nur allzuoft zu den traurigsten Diensten mißbrauchen ließen und die anderen zum Kampfe hetzten, damit man vergesse, daß sie selber nicht kämpften, setzten sich die Repräsentanten der jungen Generation — rari nantes —, die im Zivildienst verblieben waren, nur aus gänzlich Kriegsuntauglichen zusammen, zu denen sich allmählich die Schwerverwundeten wie Moreau gesellten. In diesen verstümmelten und untergrabenen Körpern war die Seele gleich brennenden Kerzen in einer Laterne mit zerbrochenen Fenstern: sie verzehrte sich, sie züngelte und rauchte, ein Windstoß konnte sie auslöschen. Aber da sie mit ihrem Leben nicht mehr rechneten, schlug die Glut daraus nur um so höher.

Diese Seelen hatten übergangslose Stimmungen vom äußersten Optimismus bis zum äußersten Pessimismus. Und diese heftigen Schwankungen des Barometers entsprachen nicht immer dem Luftdruck der äußeren Ereignisse. Der Pessimismus war nur zu leicht erklärlich. Erstaunlicher war aber der Optimismus, für den man kaum hätte Vernunftsgründe finden können. Sie waren ja nur eine Handvoll, die nichts tun konnte, gar keine Möglichkeit zur Tat hatte, und jeder neue Tag schien ihre Gedanken sinnloser zu machen. Aber je schlechter es stand, um so zufriedener schienen sie zu sein. Sie besaßen einen Desperadooptimismus, jene tolle Gläubigkeit der fanatischen und unterdrückten Minorität, die den Antichrist braucht, damit der Christus wiederkehre. Sie erwarteten gerade aus den Verbrechen der alten stürzenden Weltordnung die neue Weltordnung, und es war ihnen gleichgültig, ob sie selbst dabei zugrunde gingen mit all ihren Träumen. Diese jungen Unbedingten, die Clerambault kennen lernte, sahen ihr Hauptziel darin, eine bloß teilweise Verwirklichung ihrer Träume innerhalb der alten Ordnung zu verhindern. Alles oder nichts! Die Welt zu verbessern, schien ihnen lächerlich. Entweder eine vollendete Welt, oder sie soll zugrunde gehen. Dieser mystische Glaube an den großen Umsturz, an eine Weltrevolution spukte gerade in jenen Fieberköpfen am leidenschaftlichsten, die am wenigsten an die Träume der Religionen glaubten.... Und dabei waren sie selber religiöser als alle Gläubigen der Kirche.... O tolle irdische Rasse! Es ist immer derselbe Glaube an das Absolute, der die Narren des Völkerkrieges, die Narren des Klassenkampfes, die Friedensnarren in dieselbe Trunkenheit, in dieselbe Vernichtung reißt! Fast möchte man glauben, daß die Menschheit, als sie aus dem brennenden Schlamm der Schöpfung auftauchte, einen Sonnenstich empfing, von dem sie nie geheilt ward und der sie von Zeit zu Zeit mit solchen Fieberanfällen durchschüttelt.

Oder sind vielleicht diese Mystiker der Revolution Wegbereiter von Verwandlungen, die in der Rasse keimen — vielleicht noch Jahrhunderte keimen — und die vielleicht niemals aufblühen werden? Denn es gibt in der Natur immer Tausende von schlummernden Möglichkeiten für eine einzige Erfüllung innerhalb jener Frist, die unserer Menschheit zuteil geworden ist.

Vielleicht ist es gerade das dunkle Gefühl dessen, was sein könnte und doch nie sein wird, das manchmal dem revolutionären Mystizismus eine andere, seltenere und tragischere Form gibt — den ekstatischen Pessimismus, der fieberig zum Selbstopfer drängt. Wie viele dieser Revolutionäre haben wir gekannt, die im geheimen von der zerschmetternden Übermacht des Bösen, von der unausbleiblichen Niederlage ihres Glaubens überzeugt waren und sich doch liebend begeisterten für das besiegte Ideal — „... sed victa Catoni“ — und für die Hoffnung, für es zu sterben, zu vernichten und vernichtet zu werden. Wie viel tolle Glut hat die zerschmetterte Kommune, nicht durch ihren Sieg, sondern durch die Art ihrer Zerschmetterung aufflammen lassen! Es scheint, daß selbst in den Herzen der ärgsten Materialisten ein Funke der ewigen Flamme, der mißhandelten, verleugneten und doch immer neu bekundeten Hoffnung lebt, jenes unzerstörbaren Traumes aller Unterdrückten von einer besseren jenseitigen Welt.