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Diese jungen Leute nahmen Clerambault mit verehrungsvoller Zuneigung auf. Sie versuchten, ihn ganz zu dem ihrigen zu machen, die einen, weil sie in seinen Gedanken das zu lesen glaubten, was sie selber glaubten, die anderen in der Überzeugung, dieser gute alte Bürger, für den das Gefühl bisher der einzige, zwar edle aber unzulängliche Führer gewesen, würde sich nun durch ihr gestrafftes Wissen überzeugen lassen und mit ihnen bis an die äußersten logischen Konsequenzen ihrer Anschauungen gehen. Clerambault setzte sich nur schwach zur Wehr, denn er wußte, daß nichts in der Welt einen jungen Menschen überzeugen konnte, der sich eben auf ein System festgelegt hat. In diesem Lebensalter ist jede Diskussion vergebens. Etwas früher, in den vorausgehenden Jahren, wo der Einsiedlerkrebs noch seine Schale sucht, kann man auf ihn wirken, und dann wiederum später, wenn die Muschel abfällt oder schon, wenn sie ihn in seinen Bewegungen stört. Aber solange das Kleid noch neu ist, gilt nur eines: es ihm zu lassen, denn es ist ihm ja angepaßt. Wächst er es aus oder wird es ihm zu groß, so drängt es ihn schon selbst, ein anderes zu suchen. Nur keinen Zwang, aber sich auch von niemandem zwingen lassen!

Niemand in diesem Kreise dachte, zum mindestens anfangs, daran, Clerambault zu vergewaltigen. Aber seine Gedanken wurden manchmal ganz seltsam nach dem Geschmack seiner Gäste verändert und seine Ideen hatten eine höchst sonderbare Resonanz in ihrem Munde. Clerambault ließ seine Freunde reden, er selbst sprach nicht viel, und wenn er dann nach Hause kam, war er verwirrt und ein wenig ironisch.

„Sind das wirklich meine Gedanken?“ fragte er sich.

Wie ist es doch schwer, seine Seele anderen Wesen mitzuteilen. Vielleicht unmöglich sogar. Und wer weiß — die Natur ist ja um so viel klüger als wir — vielleicht ist es für uns gut so.

Seine Ideen vollständig aussprechen — kann man es überhaupt, soll man es überhaupt? Langsam ist man zu ihnen gelangt, mit Mühe, auf dem Wege vieler Prüfungen, und nun halten sie gewissermaßen die Gleichgewichtsschwebe zwischen unseren inneren Elementen. Ändert man diese Elemente, ihre Zusammensetzung und ihre Art, so ist die Formel natürlich sofort ungültig und bringt ganz andere Wirkungen hervor. Könnten wir unsere Gedanken plötzlich in ihrer Gänze auf einmal in einen anderen Menschen hineinschleudern, so bestünde die Gefahr, daß er toll würde, ja es gibt sogar Fälle, wo der andere, wenn er sie verstände, daran sterben würde. Aber die weise Natur hat ihre Vorsichtsmaßregeln getroffen. Der andere versteht uns nicht, er kann uns nicht verstehen. Sein Instinkt wehrt sich dagegen. Er fühlt nur den Anstoß unserer Idee gegen die seine, und wie auf dem Billard wird die Kugel wieder weggestoßen, nur ist es hier weniger leicht vorauszusehen, gegen welche Stelle der grünen Wand. Die Menschen hören nicht bloß mit dem reinen Geist, sondern auch gleichzeitig mit ihren Leidenschaften und ihrem Temperament. Von dem, was man ihnen gibt, nimmt sich jeder nur, was ihm paßt und wirft den Rest zurück, und zwar aus einem dunkeln Instinkt der Verteidigung. Die Vernunft tut sich nie einem neuen Gedanken sofort auf, sie kontrolliert ihn gleichsam am Schalter, ehe sie ihn hereinläßt, und sie läßt nur das herein, was ihr genehm ist. Was hat man aus den hohen Gedanken eines Jesus und eines Sokrates gemacht! Zu ihrer Zeit hat man sie getötet, um dann zwanzig Jahrhunderte später aus ihnen Götter zu machen, was ja nur eine andere Form ist, sie noch einmal zu töten; denn man wirft damit ihren Gedanken ins Himmelreich zurück. Würde man ihn sich in dieser unserer irdischen Welt verwirklichen lassen, so wäre ihr Ende gekommen. Das wußten sie selbst, und das Größte ihrer Seele ist vielleicht nicht, was sie ausgesprochen, sondern was sie verschwiegen haben. Wie pathetisch ist doch die Beredsamkeit des Schweigens bei Jesus, wie schön der Schleier über den antiken Symbolen und uralten Mythen, um die schwachen und furchtsamen Augen zu schonen! Allzu oft ist das Wort, das für einen das Leben bedeutet, für den anderen der Tod oder, was noch ärger ist, der Mord.

Was also tun, wenn man die Hände voll hat mit Wahrheiten? Soll man die Saat im vollen Wurfe ausstreuen? Aber dem Samen des Gedankens kann Unkraut oder Gift entwachsen!....

Vorwärts! Zage nicht! Du bist nicht der Herr des Schicksals, aber du bist auch selbst Schicksal, du bist eine seiner Stimmen. So sprich! Das ist die dir zugeteilte Aufgabe! Sag alles, was du denkst, aber sage es mit Güte! Sei wie eine gute Mutter, der es nicht gegeben ist, aus ihren Kindern vollkommene Menschen zu machen, sondern nur zu versuchen, sie geduldig zu unterrichten, damit sie es werden, wenn sie es selber werden wollen. Man kann andere nicht gegen ihren Willen oder ohne ihre Mithilfe befreien. Und selbst wenn dies möglich wäre, was hätte es für einen Sinn? Denn wenn sie sich nicht selbst befreien, fallen sie schon morgen wieder in ihre Sklaverei zurück. Man muß ein Beispiel geben und sagen: „Hier ist der Weg! Seht, man kann sich befreien!“