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Trotz all seinen Bemühungen, männlich zu handeln und die Folgen seines Tuns den Göttern zu überlassen, war es doch ein Glück für Clerambault, daß er nicht die ganze Tragweite seiner Ideen überblickte. Denn seine eigentliche Absicht war ja, ein Reich des Friedens zu gründen, in Wirklichkeit aber wirkte seine Idee wohl in beträchtlichem Maße an der Entfesselung des sozialen Kampfes mit. So paradox es scheint, es ist dies das Schicksal jedes wahren Pazifismus, weil er eine Verurteilung des Gegenwärtigen bedeutet.

Aber Clerambault war sich im unklaren darüber, daß gefährliche Mächte eines Tages sich auf ihn berufen würden. Und in einer seltsamen Gegenwirkung auf die Gewalttätigkeit dieser jungen Leute arbeitete sich sein Geist gerade unter ihnen immer mehr zu einer gewissen Harmonie durch. Je weniger jene — sie unterschieden sich darin gar nicht von vielen Nationalisten, die sie bekämpften — auf das Leben gaben, um so höher schätzte er es für seinen Teil. Jenen war die Idee fast durchweg wichtiger als das Leben. (In diesem Wahn erblickt ja die allgemeine Meinung eine Größe der Menschheit.)

Dennoch fühlte sich Clerambault sehr beglückt, unter ihnen auch einen Menschen zu finden, der das Leben um des Lebens willen liebte. Es war ein Kamerad Moreaus namens Gillot, schwer verwundet wie jener, und in seinem Zivilberufe Zeichner in einer Fabrik. Ein Geschoß hatte ihn von oben bis unten mit Splittern übersät. Er hatte ein Bein verloren und sein Trommelfell war gesprengt. Aber Gillot wehrte sich mit mehr Energie gegen das Schicksal als Moreau. In den lebhaften Augen dieses kleinen dunkelbraunen Burschen brannte trotz allem eine Flamme der Heiterkeit. Er war ganz einig mit Moreau in der Verurteilung der Sinnlosigkeit des Krieges und der Verbrechen der modernen Gesellschaft, sie hatten dieselben Dinge und dieselben Menschen gesehen, aber mit verschiedenen Augen. Und es kam oft zu Diskussionen zwischen beiden.

„Ja“, sagte Gillot eines Tages, als Moreau gerade Clerambault eine grauenhafte Erinnerung aus dem Schützengraben erzählte, „ja so war es..., nur steckt noch etwas Ärgeres dahinter, nämlich, daß das alles auf uns keinen, gar keinen Eindruck machte.“

Moreau protestierte empört.

„Auf dich vielleicht, und vielleicht auf zwei oder drei andere, da und dort. Aber die große Masse!... Schließlich hat man bei den Dingen überhaupt nichts mehr gefühlt.“

Und Gillot fuhr rasch fort, um einen neuen Protest Moreaus im voraus zu unterdrücken:

„Ich sage das ja nicht, mein Lieber, um etwas aus uns zu machen — dazu ist ja wahrhaftig kein Anlaß. Ich sage es nur, weil es eben so ist.... Sehen Sie (er wendete sich jetzt an Clerambault), die Leute, die von dort zurückkommen und die das in Büchern erzählen, die sagen ja wirklich, was sie fühlen. Aber diese Leute fühlen eben viel mehr als die meisten Sterblichen, weil sie Künstler sind. So einen reizt eben alles in den Nerven auf. Unsereins ist abgebrüht, und wenn ich jetzt daran denke, scheint mir diese Fühllosigkeit das Ärgste von allem. Wenn Sie hier eine von den Geschichten lesen, die Ihnen die Haare zu Berge stehen lassen oder bei denen sich Ihnen der Magen umdreht, so fehlt noch immer die Pointe daran: nämlich, daß ein paar Burschen dort vorne stehen, ihre Pfeife rauchen, Witze reißen oder an etwas anderes denken. Und das ist ja nötig, denn sonst krepierte man ja.... Der Mensch hat eben eine grauenhafte Fähigkeit, sich an alles anzupassen.... Ich glaube, er würde ganz gut in einer Düngergrube gedeihen. Es ist ja wahr, man kann ein Grausen vor sich kriegen, aber ich, der ich da zu Ihnen rede, ich bin selbst so gewesen. Ich habe nicht, wie es der Kleine da tut, meine Zeit damit verbracht, herumzusinnieren. Wie alle Welt, fand ich das, was ich zu tun hatte und tun mußte, blödsinnig. Aber da das ganze Leben eben blödsinnig ist — ich habe doch recht? —, so tat man eben, was man tun mußte, tat, soviel eben nötig war und wartete, bis es aufhörte.... Wartete auf irgendein Ende, auf dieses oder jenes, auf das meines Kadavers oder das des Krieges. Irgend etwas mußte ja doch einmal zu Ende sein... Zwischendurch hat man eben gelebt, geschlafen, gefressen, geschissen, Verzeihung, — aber man muß die Wahrheit sagen — und wenn Sie, mein Herr, den Grund von dem allen wissen wollen — der Grund ist eben, daß man das Leben nicht liebt. Ja, man liebt es nicht genug. Sie haben sehr recht, wenn Sie in einem Ihrer Aufsätze sagen, es ist wundervoll, das Leben. Aber jetzt sind nicht eben sehr viele, die danach aussehen, als ob sie das glauben würden, zumindest unter denen, die wirklich wach leben. Eher schon unter jenen, die schlafen und auf den letzten großen Schlaf warten. Die sagen sich: „So liegt man wenigstens schon und braucht sich nicht mehr zu rühren.“ Nein, man liebt es nicht genug, das Leben, man lehrt es uns ja auch nicht, es zu lieben, im Gegenteil, man tut alles, was man kann, um es uns widerlich zu machen. Von Kindheit an singt man uns Lobpreisungen auf den Tod, auf die Schönheit des Todes oder einen Hymnus auf die, die schon gestorben sind. Die Geschichte, der Katechismus, der „Heldentod für das Vaterland“! Pfaffen und Patrioten blasen es in einem Atem, und schließlich wird einem das Leben selber ekelhaft. Man möchte sagen, es geschieht heute das Möglichste, um es einem so dreckig als möglich erscheinen zu lassen. Nirgends eine eigene Initiative mehr, alles Mechanismus, und dabei nicht einmal Ordnung: keiner leistet mehr ganze Arbeit, jeder nur Stückwerk, und man weiß gar nicht mehr, was für einen Sinn es hat, und meist hat es auch gar keinen Sinn. Es ist ein verdammtes Durcheinander, von dem man nicht einmal etwas hat. Wie ein Hering ist man irgendwo eingepackt und hingeschmissen. Man weiß nicht, warum man lebt. Man lebt und kommt nicht weiter. Vor grauen Tagen haben, so sagt man, die Großväter für uns die Bastille erstürmt, und jetzt tun diese Lumpen, die das Heft in der Hand haben, so, als gäbe es für uns nichts mehr zu tun, als wäre schon das Paradies auf Erden fertig. Steht es denn nicht auf allen unseren Denkmälern geschrieben? Und doch weiß man, daß es nicht wahr ist, daß irgend ein anderer Sturm sich vorbereitet, eine andere Revolution.... Freilich! Jene von damals ist so schlecht gelungen! Und alles ist so unklar... Nein, man hat kein Vertrauen, man sieht nicht, wohin man geht, es ist keiner da, der uns über diesem Kot und Sumpf irgend etwas Schönes und Hohes zeigt.... Ja, sie tun alles, was sie können, jetzt, um uns in Schwung zu bringen: Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit.... Aber der Schwindel zieht nicht mehr.... Man kann zwar dafür sterben, dazu sagt man niemals nein... aber leben, das ist etwas anderes.“

„Und nun?“ fragte Clerambault.

„Ah, jetzt, jetzt, wo man nicht mehr zurück kann, jetzt denke ich immer nur: Wenn man noch einmal von vorne anfangen könnte.“

„Und wann hat sich das Gefühl bei Ihnen so geändert?“

„Das ist das Tollste! Sofort nach meiner Verwundung. Kaum war ich mit einem Bein aus dem Leben draußen, so wollte ich schon wieder ins Leben zurück. Wie schön es doch eigentlich war — nur hatte man, Esel, der man war, es nicht bemerkt.... Denken Sie, ich sehe mich noch, wie ich zum erstenmal zum Bewußtsein kam, dort auf jenem Trümmerfeld, noch mehr zerfetzt als die Leichen, die dort kunterbunt übereinander und durcheinander, wie bei einem Kegelspiel, lagen. Die ganz besudelte Erde schien selbst zu bluten. Es war vollkommen Nacht, und ich fühlte zuerst nichts, als daß es mich fror. Ich lag ganz starr.... Welches Stück von mir fehlte mir eigentlich? Ich hatte keine Eile, mit dem Nachsehen zu beginnen, denn mir graute vor dem, was da zutage kommen könnte, und ich wollte mich nicht rühren. Sicher war, daß ich noch lebte, vielleicht nur noch einen Augenblick, aber ich gab verteufelt acht, diesen nicht zu verlieren....

Ich sah am Himmel ein Raketensignal. Was es bedeutete, darum bekümmerte ich mich nicht mehr. Aber wie es aufstieg, sich bog und die feurigen Blumen dann ausschüttete — ich kann Ihnen nicht sagen, wie schön ich das fand, ich sog es mit allen Sinnen ein.... Und auf einmal sah ich mich als ganz kleines Kind, bei der Samaritaine am Ufer der Seine, an einem Abend, wo es Feuerwerk gab, und ich sah dieses Kind, als ob es ein anderes wäre, das mich amüsierte und mir leid tat. Und dann dachte ich, daß es doch gut sei, in das Leben hineingepflanzt zu sein und zu wachsen und irgendetwas, irgendjemand, gleichgültig wen, zu haben und ihn zu lieben. Sehen Sie, das kam nur von dieser Rakete.... Dann kamen die Schmerzen, ich begann zu brüllen, ich steckte wieder den Kopf in das Loch hinein.... Dann kamen die Leute vom Hilfsplatz... ich hatte dort kein gutes Leben, der Schmerz fraß mir wie ein Hund an den Knochen... fast wäre es besser gewesen, dort im Loch geblieben zu sein... und doch... selbst dort, und gerade dort... welches Paradies schien es mir, noch einmal so leben zu können wie einst, nur zu leben, zu leben ohne Schmerzen, so wie man jeden Tag lebte... Und man merkte es nicht! Ohne Schmerzen... ohne Schmerzen... und leben!... Aber das ist ein Traum. Wenn der Schmerz nur einen Augenblick aufhörte, wenn man nur eine Minute Ruhe hatte und bloß den Geschmack der Luft auf der Zunge fühlte und den Körper so leicht nach aller Qual.... Himmel, wie schön das war.... Und so war früher das ganze Leben gewesen, und man hatte es nur nicht bemerkt.... Mein Gott, wie dumm man ist, erst dann das alles zu verstehen, wenn man’s nicht mehr hat. Und wenn man es dann endlich liebt und um Verzeihung bittet, daß man’s nicht zu schätzen wußte, dann antwortet einem das Leben: Zu spät!“

„Es ist nie zu spät“, sagte Clerambault.