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Gillot verlangte nichts sehnlicher, als ihm zu glauben. Dieser gebildete Arbeiter war für den Lebenskampf viel besser ausgerüstet als Moreau und selbst als Clerambault. Nichts konnte ihn dauernd niederdrücken: fällt man einmal hin, so steht man wieder auf. Man wird schon einmal Rache dafür nehmen. In seinem tiefsten Herzen dachte er bei allen Schwierigkeiten, die sich ihm in den Weg stellten: „Man wird’s schon schaffen“, und war bereit, mit der einzigen Pfote, die ihm blieb, darauf loszumarschieren, so weit es nottat, und je früher, je lieber. Denn auch er, wie alle anderen, glaubte inbrünstig an die Revolution und reimte sie mit seinem Optimismus zusammen, der den Umsturz von vornherein in Milde vollendet sah. Er war ohne jede Gehässigkeit.

Und doch konnte man sich darauf nicht verlassen, denn in diesen Seelen aus dem Volke sind viele Überraschungen versteckt. Sie sind zu leicht zu verführen und jeder Veränderung geneigt... So hörte Clerambault eines Tages, wie Gillot mit seinem Frontkameraden Lagneau, der gerade auf Urlaub da war, davon sprach, alles krumm und klein zu schlagen, wenn die Eingerückten wiederkämen und der Krieg zu Ende sei, oder vielleicht noch früher.... Der Franzose aus dem Volk, der oft so bezaubernd, lebhaft und munter ist und einen Gedanken, fast ehe man ihn noch ausgesprochen hat, erfaßt — mein Gott, wie rasch vergißt er auch! Vergißt alles, was man gesagt hat, was er selber gesagt hat, was er gesehen, geglaubt, gewollt hat, und glaubt dabei immer dessen sicher zu sein, was er will, was er sagt, sieht und glaubt. Vor Lagneau entwickelte Gillot ganz ruhig genau die entgegengesetzten Ideen wie jene, die er gestern gegen Clerambault verteidigt hatte, und nicht nur seine Ideen hatten sich verwandelt, sondern auch gewissermaßen sein Temperament. Am Morgen war ihm nichts wild genug gewesen für sein Bedürfnis nach Tat und Zerstörung, abends träumte er wiederum von nichts anderem, als irgendwo ein kleines Geschäft zu haben, dick zu verdienen, gut zu essen, ein paar Kinder aufzuziehen und sich den Teufel um alles andere zu scheren. Obwohl diese Leute sich in aller Aufrichtigkeit Internationalisten nannten, gab es unter den Soldaten doch genug, die den alten französischen Rassenhochmut — gar nicht bösartig aber fest verankert — gegenüber der ganzen übrigen Welt hatten, ob sie mit ihnen verbündet oder ihr Feind war. Und selbst in Frankreich mißachteten die Pariser die aus der Provinz, oder, wenn sie selber aus der Provinz waren, Paris. Sie waren männliche, offene Kerle, immer bereit, loszuschlagen wie Gillot, und sicher die Rechten, um eine Revolution zu machen, sie zu zerstören und noch einmal zu machen, aber dann gelangweilt das Ganze hinzuschmeißen als Beute für den ersten besten Abenteurer, der gerade des Weges kommt. Und das wissen die politischen Schleicher allzu gut. Sie wissen, die beste Taktik, die Revolution zu töten, ist, wenn die Stunde gekommen ist, sie ruhig vorbeigehen zu lassen und das Volk dabei zu amüsieren.

Und diese Stunde schien sehr nahe. Etwa ein Jahr vor dem Ende des Krieges gab es in beiden Lagern einige Monate, einige Wochen, wo die unermeßliche Geduld der gemarterten Völker zu schwinden und ein Schrei loszubrechen drohte: „Genug!“ Zum erstenmal hatte sich unter ihnen die Empfindung verbreitet, daß sie blutig genarrt würden, und man kann die Erbitterung der Menschen aus dem Volke verstehen, wenn sie feststellten, wie toll die Milliarden im Kriege ausgegossen wurden, während vor dem Kriege ihre Herren wegen ein paar hunderttausend Franken für die soziale Hilfe knauserten. Mehr als alle Reden besaßen gewisse Ziffern die Fähigkeit, die Leute aufzureizen. Man hatte berechnet, daß im Kriege ungefähr 75000 Franken verbraucht würden, um einen Menschen zu töten, und man aus derselben Summe, die zehn Millionen Tote macht, zehn Millionen Rentner hätte schaffen können. Selbst die Dümmsten wurden nun des ungeheuerlichen Reichtums der Erde und der verbrecherischen Verschwendung, die man damit trieb, gewahr, der schamlosen Verschwendung für einen leeren Wahn. Und vor allem der schändlichsten Schändlichkeit: daß von einem Ende Europas zum anderen an diesen Toten sich das Geschmeiß der Kriegsgewinner und Leichenschänder dick fraß.

„Ah“, dachten die jungen Leute, „man rede uns nichts mehr vor vom Kampfe der Demokratien gegen die Autokratien, es ist immer derselbe Schwindel.“ Überall hat der Krieg den Völkern die Schuldigen für die Rache kenntlich gemacht: die herrschende Klasse, die erbärmliche, politische, geschäftliche und geistige Bourgeoisie, die während eines einzelnen Jahrhunderts der Allmacht mehr verbrach an Gewalttätigkeit, Ruinen und Tollheiten, als in zehn Jahrhunderten die Geißel der Könige und der Kirchen.

Und kaum, daß sie fern aus dem Walde die Hacke Lenins und Trotzkis, dieser heroischen Holzhauer, hallen hörten, zitterten viele dieser niedergepreßten Herzen von neuer Hoffnung. Mehr als einer in jedem Lande bereitete schon damals sein Beil vor, um mit loszuschlagen — die herrschende Klasse aber in beiden feindlichen Lagern, von einem Ende Europas bis zum andern, sträubte sich gegen die gemeinsame Gefahr. Es war keine besondere Verständigung nötig, damit sie sich untereinander in diesem Punkte verstanden: hier sprach ihr Instinkt. Die bürgerlichen Zeitungen der Gegner Deutschlands ließen stillschweigend dem Kaiser freie Hand, um die russische Freiheit zu erdrosseln, weil sie die soziale Ungerechtigkeit, von der sie alle gleicherweise lebten, bedrohte. In der Tollwut ihres Hasses verbargen sie nur schlecht ihre Freude, als sie sahen, wie der preußische Militarismus, das Untier, das sich dann gegen sie selbst wenden sollte, sie an diesen großen Empörern rächte. Aber gerade dadurch entflammte sich in den großen Massen der Leidenden und bei den kleinen Gruppen der Unabhängigen eine glühende Bewunderung für jene Ausgestoßenen, die dem ganzen Weltall Schach boten.

Es kochte im Kessel. Um seine Kraft zu ersticken, hatte ihn die Regierung hermetisch verschlossen und sich selbst daraufgesetzt. Die blödsinnige Bourgeoisie aber, die am Ruder war und ständig noch neues Feuer unter dem Kessel entzündete, war verwundert über das dumpfe gefahrdrohende Grollen. Sie schob diese Revolte der Elemente dem bösen Geist einiger freier Sprecher in die Schuhe, oder geheimnisvollen Intrigen, oder dem feindlichen Geld, oder den Pazifisten. Und sie sah nicht ein, was ein kleines Kind gesehen hätte, nämlich daß man vor allem, um die Explosion zu verhindern, das Feuer löschen mußte. Der Gott aller dieser Mächte, wie immer sie sich nannten, ob Kaiserreich oder Republik, war doch die Faust, die Kraft, mochte sie sich noch so verschleiern und überpudern. Innen blieb die harte, selbstsichere Gewalttätigkeit. Und in natürlichem Rückstoß wurde der Glaube an die Gewalt auch das Evangelium der Unterdrückten. So entstand ein dumpfer unterirdischer Kampf zwischen sich entgegenarbeitenden Druckwirkungen. Wo das Metall verbraucht war — zunächst in Rußland — explodierte der ganze Kessel. Wo der Deckel nicht so streng niedergehalten wurde — wie in den neutralen Ländern — fuhr zischend der heiße Dampf aus. In den kämpfenden Ländern, auf denen die Unterdrückung lastete, herrschte eine trügerische Stille, die dem Unterdrücker recht zu geben schien. Dort waren sie ebenso wie gegen den Feind auch gegen ihre Mitbürger gepanzert, denn die Kriegsmaschine war nach beiden Seiten hin, nach vorn und nach rückwärts, drohend aufgestellt. Der Verschluß aus härtestem Stahl schien noch gut zu schließen, die Schrauben preßten ihn eisern an, so daß es unmöglich war oder schien, daß er jemals aufging. Es sei denn, daß plötzlich alles in die Luft flöge.

Clerambault, nicht minder unter die furchtbare Schraube gepreßt als die anderen, sah ringsum die Revolte sich vorbereiten. Er begriff sie, er hielt sie sogar für unvermeidlich. Aber deshalb liebte er sie noch nicht. Er fand sich nicht ab mit der bequemen „amor fati“. Ihm genügte es, zu verstehen. Aber keine Tyrannei schien ihm ein Recht auf Liebe zu haben.