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Die jungen Leute aber verweigerten ihr die ihre durchaus nicht und waren erstaunt, daß Clerambault so wenig Begeisterung für das neue Idol aus dem Norden zeigte, für die Diktatur des Proletariats. Sie hielten sich nicht lange bei vorsichtigen Bedenken und halben Maßregeln auf, um die Welt glücklich zu machen — auf ihre Art, wenn nicht auf die seine —, sie diktierten gleich im ersten Anlauf die Unterdrückung jeder Freiheit, die ihrer Idee von Freiheit entgegengesetzt wäre. Die abgesetzte Bourgeoisie sollte des Versammlungsrechtes, des Stimmrechtes, des Rechtes der öffentlichen Meinungsäußerung beraubt werden.
„Schön“, sagte Clerambault, „aber dann wird sie das neue Proletariat werden. Dann ändert nur die Gewalt ihren Posten.“
„Aber das wird nur eine Zeitlang dauern. Wir werden die letzte Unterdrückung sein, die eben die Unterdrückung in alle Ewigkeit töten wird.“
„Ja, immer der Krieg für Recht und Freiheit; immer der letzte Krieg, der den Krieg für alle Zeiten töten soll. Aber er befindet sich bisher recht wohl, und das Recht wie die Freiheit bekommen dabei ihre Fußtritte.“
Sie protestierten unwillig gegen den Vergleich. Sie sahen im Krieg, und an denen, die ihn führten, nur Gemeinheit.
„Und doch“, sagte Clerambault sanft, „haben eine ganze Reihe von euch mitgetan und fast alle daran geglaubt.... Nein, nein, protestiert nicht! Auch in dem Gefühl, das euch damals dazu trieb, war etwas Edles. Man zeigte euch ein Verbrechen, und ihr seid darauf losgegangen, um es zu vernichten. Euer Eifer war wundervoll. Nur habt ihr geglaubt, es gäbe nur dieses eine Verbrechen, und hätte man das aus der Welt geschafft, so würde sie unschuldig und rein sein wie im goldenen Zeitalter. Die selbe seltsame Naivität ist mir schon in der Zeit der Dreyfusaffäre aufgefallen. Damals war es so, als ob alle anständigen Leute Europas (ich gehörte auch dazu) noch nie gehört hätten, daß bisher jemals ein Unschuldiger ungerechter Weise verurteilt worden sei. Ihr ganzes Leben war von dieser Erkenntnis einfach umgestürzt, und sie setzten das Weltall in Bewegung, um diesen Flecken auszutilgen.... Mein Gott, als die Wäsche fertig war — eigentlich wurde sie ja nicht einmal fertig, denn die Wäscher wurden müde mitten in der Arbeit und der Reingewaschene selbst auch — nun, da war die ganze Welt genau so schmutzig wie vorher. Es scheint eben, daß der Mensch nicht fähig ist, die Gesamtheit des menschlichen Elends mit seinem Blick zu umfassen. Er hat zu viel Angst, die Ungeheuerlichkeit des Bösen zu sehen, und um davon nicht ganz niedergeschmettert zu sein, sucht er sich immer irgendeine einzelne Sache aus, lokalisiert in ihr das ganze Böse der Welt und hütet sich, auf alles andere zu schauen. Das alles, meine Freunde, ist mir verständlich, weil es menschlich ist. Aber man muß eben mehr Mut haben. In Wirklichkeit ist das Böse überall, beim Feinde sowohl, wie bei uns selbst. Ihr habt es allmählich in unserem Staatswesen entdeckt und jetzt wendet ihr euch mit der gleichen Leidenschaft, die früher alles Böse nur im Feinde sah, gegen die Regierungsformen, deren Fehler euch aufgegangen sind. Erst wenn ihr einmal erkennen werdet, daß diese Fehler auch in euch sind — und das ist zu befürchten, nach den Erfahrungen aller Revolutionen, die immer leidenschaftlich geworden sind, und in denen jene, die das Recht bringen wollten, schließlich, ohne es selbst recht zu verstehen, ihre eigenen Hände und ihr Herz beschmutzt fanden —, dann werdet ihr euch mit einer düsteren Verzweiflung gegen euch selbst wenden.... Ihr großen Kinder, wann werdet ihr es euch abgewöhnen, gleich das Absolute zu wollen.“
Sie hätten ihm darauf antworten können, man müsse das Absolute wollen, um das Wirkliche zu erreichen. Für den Gedanken könne es Nuancen geben, aber die Tat dulde keine. Clerambault solle sich zwischen ihnen oder ihren Gegnern entscheiden! Hier gebe es keine Zwischenmöglichkeit.
Und Clerambault verstand dies. Auf dem Feld der Tat gibt es keine andere Wahl. Dort ist alles vorausbestimmt. Ebenso wie der ungerechte Sieg mit notwendiger Gewißheit die Revanche erzeugt, die dann wieder ihrerseits ungerecht sein wird, so führt die kapitalistische Unterdrückung zur proletarischen Revolution, die dann wieder nach ihrem Vorbild unterdrückt werden wird. Es ist eine Kette ohne Ende, in der eine eherne Dike waltet, die eine klare Vernunft erkennt und sogar als ein Weltgesetz ehren kann. Aber das Herz weigert sich, diese Gesetze anzuerkennen, sich ihnen zu unterwerfen, denn seine Aufgabe ist es ja, das Gesetz des ewigen Krieges zu zerbrechen. Wird es ihm jemals gelingen? ... Wer weiß? Jedenfalls ist eines gewiß, daß dieses Hoffen, dieses Wollen des Herzens außerhalb der gewöhnlichen Ordnung steht, daß es aus einer überirdischen, aus einer geradezu religiösen Welt stammt.
Aber Clerambault, der davon durchdrungen war, wagte noch nicht, sich dies einzugestehen. Oder er wagte zum mindesten nicht, das Wort „religiös“ auf sich zu beziehen, das Wort, das die Religionen von heute — die so wenig religiösen — diskreditiert haben.